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von konkret

Wissenschaft & Forschung

Educated guess heißt im Englischen eine wohlbegründete Vermutung wie diese: Als Erich Später in drei KONKRET-Beiträgen 2004 und, darauf aufbauend, 2005 in seinem konkret-texte-Band Kein Frieden mit Tschechien - Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft die Mitgliedschaft ihrer Gründergeneration in NSDAP, SA und SS enthüllt hatte, müssen Erika Steinbach und ihre Berater noch gehofft haben, ihre Freunde in Fernsehanstalten und Konzernpresse würden die Sache durch Totschweigen regeln. Doch einer tanzte ganz unerwartet aus der Reihe: "Spiegel"-Redakteur Michael Kloth, in mehreren Gesprächen und durch Unterlagen von Später munitioniert, griff das Thema auf. Nun wurde es langsam brenzlig: Demnächst könnten Reaktionen im In- oder Ausland Steinbachs Verein zwingen, gegen die Bezeichnung als "NS-Nachfolgeorganisation" (KONKRET 11/07) vor Gericht zu gehen. Eine Niederlage vor Gericht würden die Vertriebenenverbände kaum überleben.

Vermutlich auf dringenden Rat ihrer Anwälte kündigte Steinbach nach den genannten Veröffentlichungen an, die Vergangenheit ihres Verbands wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Das nun bekanntgewordene, angeberisch "Machbarkeitsstudie für ein prosopographisches Projekt über Lebensläufe von Präsidialmitgliedern des Bundes der Vertriebenen" betitelte Ergebnis, verfaßt und betreut von einem Klüngel Steinbach-naher Historiker, widmet sich dem "die Debatte um die Vergangenheit der BdV-Politiker auslösenden Artikel der beiden ›Spiegel‹-Redakteure Michael Kloth und Klaus Wiegrefe". Anders als Kloth und Wiegrefe verrät der BdV-Historiker die Quelle:

Die "Spiegel"-Publikationen ihrerseits wurden vermutlich angeregt durch die Beiträge von Erich Später über die Vergangenheit ausgewählter Unterzeichner der Charta der Heimatvertriebenen (erschienen in drei Teilen in KONKRET 4, 5, 10/2004), denen größere öffentliche Wirkung noch versagt geblieben war. Die Beiträge von E. Später gehen wiederum unverkennbar auf das DDR-"Braunbuch" zurück.

Nach einigen diesbezüglichen Propagandasprüchen fährt der Vertriebenenhistoriker ungeniert so fort:

E. Später erweiterte seine "Charta"-Beiträge um die Personen, die zwar zu den Unterzeichnern der Charta gehörten, aber im "Braunbuch" nicht vertreten waren, und ergänzte die Feststellungen des "Braunbuchs" um die im Bundesarchiv Berlin, Bestand Berlin Document Center (BDC), gewonnenen Erkenntnisse. Der Bestand des BDC stand in den 1960er Jahren unter der Verwaltung der Amerikaner und war für die "Braunbuch"-Autoren aus der DDR unzugänglich. Die Ergebnisse E. Späters wurden ein Jahr später fast vollständig und ebenso unkritisch von Micha Brumlik übernommen.

Wie kläglich Steinbachs Historiker, mit 100.000 Euro finanziert vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, mit ihrem Bemühen gescheitert sind, Späters Ergebnisse und die vom angeregten "Spiegel" zusätzlich recherchierten zu widerlegen, beschreibt Später in der aktuellen Printausgabe.

Kunst & Kultur

Eine Meldung des Bayerischen Rundfunks:

Eine Passage der Bußpredigt auf dem Nockherberg über die von Guido Westerwelle angestoßene Hartz-IV-Debatte hat heftige Diskussionen ausgelöst. Fastenprediger Michael Lerchenberg hatte eine Analogie zu den KZs der Nazis gezogen. Jetzt muß er offenbar um seine Rolle als Barnabas bangen.

Die beanstandete Passage lautet:

"Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht. Hamma schon mal ghabt. Dann gibt's jeden Tag eine Wassersuppn und an Kantn Brot. Statt Heizkostenzuschuß gibt's von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover. Und überm Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Lettern: ›Leistung muß sich wieder lohnen.‹"

Die Pointe kam zuschauenden KONKRET-Lesern seltsam bekannt vor, denn vier Wochen zuvor hatten sie in Gremlizas "Express" über den Diebstahl der Torinschrift von Auschwitz lesen können:

Und ich hätte darauf gewettet, daß ein paar von Westerwelles BWLern den Schriftzug für die Stirnwand des nächsten FDP-Parteitags hatten requirieren und gegen ein neues Schild überm Tor von Auschwitz tauschen wollen: "Leistung muß sich wieder lohnen."

Die "Süddeutsche Zeitung" erzählt, wie's weiterging:

Wer die umstrittenen Passagen bei der Wiederholungssendung am Freitag sehen wollte, hatte Pech. Das Bayerische Fernsehen hatte sowohl den KZ-Vergleich als auch die Polizeischelte herausgeschnitten. "Das ist eine Form politischer Zensur, die in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen einfach nicht stattfinden darf", kritisieren die Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen Margarete Bause und ihr Parteikollege Ludwig Hartmann, der Mitglied im Rundfunkrat ist. Die Grünen ärgert es besonders, daß auch Lerchenbergs Kritik an der Polizei eliminiert wurde. "Damit macht sich der BR zum willfährigen Werkzeug der Staatsregierung und entmündigt sein eigenes Publikum." Ein Sprecher des Bayerischen Rundfunks wies die Kritik zurück. Die Wiederholung des zweieinhalbstündigen Live-Materials habe auf zwei Stunden gekürzt werden müssen. Deshalb habe sich der Sender "aus übergeordneten Gründen" entschieden, "auf die inkriminierten Passagen zu verzichten".

Kurz darauf tat Michael Lerchenberg, was Politikern wie Möllemanns Nachfolger Westerwelle fremd ist: Er legte sein Amt als Bruder Barnabas nieder.

Termine

21. April: Freiburg, Jos-Fritz-Café, Wilhelmstraße 15 (Spechtpassage), 20 Uhr: Veranstaltung mit Erich Später zu seinem Buch Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45 (konkret texte 50)

23. April: Hamburg, Polittbüro, Steindamm 45, 20 Uhr: Hommage an Karl Kraus, mit Hermann L. Gremliza, Gerhard Henschel, Christian Kähler

28. April: Würzburg, Stadtbücherei, 20 Uhr: Gerhard Henschel liest aus seinem neuen Buch Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes (Eichborn)

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