Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0519start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Alles Stasi außer Mutti

Mathias Wedel über die "Bunte" im "allerinnersten Bereich" der Politik

Persönlich bin ich dem "Stern" dankbar. Das lustlos zusammengebaute Bilderheft mit etwas politischem Krakeel und Ratschlägen rund um Küche, Weine, Autos hat, um der ziemlich gleichwertigen "Bunten" eine Nasenlänge Vorsprung auf morastigem Grunde abzujagen, die Veröffentlichung, vielleicht schon die Entstehung der "Stasibilder" vereitelt. Sie hätten die junge Geliebte Münteferings bei der selbstlosen Sexualarbeit an dem einstigen Arbeiterführer zeigen sollen. Vielleicht nur das Vorspiel. Vielleicht nur einen Schatten aus verwackelter Kameraposition, bei dem man sich "alles" hätte denken können. Sie hätten Lafontaine dabei beobachten sollen, wie er in seiner Köpenicker Klause in den Kommunismus eindringt. Ich bin darüber hinaus erleichtert, daß keine Bilder in der Welt sind, die Jürgen Rüttgers' Agilität im "allerinnersten Bereich", wie "Bunte"-Chefin Patricia Riekel Intimität definiert, belegen. Auch Verheugen mag ich nicht mit geweiteten Augen und gezücktem Gebiß eine Frau umschlingen sehen, welche auch immer. Dito Wulff, dito Seehofer, dito Althaus mit der wieder bevorzugten Gattin, Tiefensee, Oettinger - eben alle, die neben der Ehe noch ein Privatleben haben und deshalb der "›Bunte‹-Stasi" verdächtig waren. Es ist mir wichtig, geht mich aber nichts an, daß diese "Flagrantibilder" nicht zu haben sind, und zwar unabhängig davon, mit welcher Verstellung sie erlangt wurden und aus welch unreinen Motiven der "Stern" sie verhindert hat.

Daß diese Bilder nun nicht in der Welt sind, macht dieselbe natürlich nicht besser. Jedoch, gäbe es sie, hätten sie die Welt noch dreckiger gemacht. Wie, ich hätte sie ja nicht anschauen müssen? Nein, das hätte ich nicht! Aber um den Dreck, der sie sind und den sie durch ihre bloße Existenz hecken, nicht sehen zu müssen, müßte man sich blenden lassen. Und das bezahlt die Kasse nicht.

Nebenbei wacht die Frage auf, was für Leserinnen und Leser das sind, die mit Riekel, aber auch zuverlässig mit dem "Stern" meinen, Politik und das Denken und Handeln von Politikern erfassen zu müssen, indem sie ihnen in den "allerinnersten Bereich" folgen. Oder die einfach nur stupide voyeuristisch sind. Doch das zu fragen, ist müßig. Man kann sich höchstens von denen fernhalten. Man könnte sie auch vom Erwerb von Zeitschriften so lange ausschließen, bis sie um konkrete Lyrik bitten - das ginge allerdings nur im "Stasistaat".

Daß dieser Art Bilder und Nachrichten sein dürfen, darauf reitet die "Bunte" sich nun wund. Frau Riekel weiß natürlich, daß die konkurrierenden Magazine (da darf man den "Spiegel" getrost dazuzählen, der aus dem Liebesleben des greisen Lafontaine mit der schön spröden Kommunistin depeschierte, als habe er die Lampe gehalten) ihr Rauschen aus anderem Grund entfalten. Sie gruseln ihre Leser mit den "Stasimethoden" bei der konspirativen Beschaffung des Lichtbildmaterials. Um so heftiger schreit Riekel ihre Verteidigung der Pressefreiheit in die Welt. Die Argumentation lautet etwa so: Gerade in der verschlagenen, verrückten, phantasievollen, notgeilen oder schlicht gemeinen Weise, in der ein Politiker fremdgeht beziehungsweise seine Gattin retourniert, zeigt sich der lebensweltliche Gehalt seines politischen Konzepts. Man erkennt daraus, wie er Kriege führen (und gewinnen) und ob er in seiner Verkehrspolitik der Schiene oder dem Auto den Vorrang geben wird usw. Deshalb ist das Handeln von "Bunte" und Konsorten gesellschaftlich verdienstvoll, ja pure Aufklärung in der Tradition der Aufklärung.

Das schon ist komisch, indes geht es komischer. Riekel begründet im gleichen Aufwasch, warum auch der fotografische Nachweis der Virilität eines abgehalfterten, eines Politikers a. A., also beispielsweise ein Bild, auf dem sich Michelle in Müntes Brusthaar krallt, Deutschland wissender machen kann: Gerade außer Amt zeige sich doch, ob der Expolitiker eine mit sich identische Persönlichkeit, seine Botschaft mithin authentisch und glaubhaft gewesen sei. Wenn er, kaum in Rente, die Hurerei anfängt, dann natürlich nicht. Dieses Wissen verleihe dem gesamten Gemeinwesen geistige Stabilität.

Das Argument ist weit entfernt von der Erfahrung, blieben Politiker doch immer die, die sie gewesen waren: Die Gebrüder Vogel blieben die nämlichen, Schröder, Fischer, Gorbatschow haben keineswegs überrascht, und Heide Simonis mußte sich nicht erst bei allerlei Ringelpietz zum Affen machen, das tat sie doch schon immer. Kein Erkenntnisgewinn. Nur Scharping ist deutlich in der Brunft gebremst, seit ihn kein Amt mehr kleidet.

Man habe sich im Rahmen der journalistischen Recherche bewegt, sagt die "Bunte". Dazu gehöre es schon mal, eine Nacht in Lafontaines Treppenhaus zu verbringen und spitze Schreie zu zählen oder die Räume zu erfassen, die man verwanzen kann. Das falle unter Recherche, na ja - unter verdeckte Recherche, und zeige nur, daß "Bunte" für ihre Leser und Leserinnen nichts zu teuer ist. Außerdem gebe es zu deren Rechtmäßigkeit höchstrichterliche Entscheidungen. "Stasimäßig" sei man jedenfalls nicht vorgegangen.

Man kann selbstverständlich akzeptieren, daß "Stasi" im Deutschen inzwischen zum Synonym für feigen Hinterhalt geworden ist (hat nicht auch die Stasi spitze Schreie im Hausflur gezählt?). "Stasi" steht dabei auf derselben irrationalen, nichts erhellenden, aber alles verdunkelnden Vergleichsebene wie der "Holocaust im Mediamarkt" oder das "Auschwitz in den Herzen" (oder, wie ich neulich den Redakteur einer Berliner Tageszeitung sagen hörte: "Bei uns herrscht eine Stimmung wie in Auschwitz auf der Rampe"). "Stasimachenschaften" gab es demnach im ZDF des Nikolaus Brender (gemeint sind verschleierte Strategien der CDU im Sender, Hubertus Knabe hat das ihm nötig Erscheinende dazu gesagt), und "Stasi" war im Volksmund alles, was Schäuble als Innenminister betrieb. Alles Stasi außer Mutti resp. alles Mutti außer Stasi - das galt noch nie so sehr wie heute.

Das ist manchmal ungerecht der Stasi gegenüber. Sie war grundsätzlich schlecht, wie ein Geheimdienst. Aber - abgesehen von ihrer ehrenwerten Intention, den Kommunisten die Macht zu erhalten - sie hat eine Schweinerei nicht verbrochen: Sie hat den Burdas und Diekmanns ihrer Zeit keine Zooms aus dem "allerinnersten Bereich" geliefert, damit die besseres Geschäft machen konnten.

Das "Neue Deutschland" wenigstens war vorsichtig genug, die "Bunte" nicht mit der Stasi zu verquicken. Sein Autor gab den 68ern die Schuld. Die hätten damit angefangen, das Private im Öffentlichen aufzulösen. Den "allerinnersten Bereich" nämlich auch. Die "Bunte" und ihre perfiden 68er-Methoden!

Nun sind Rüttgers, Müntefering und andere also auch Stasimethodenopfer, kurz "Stasiopfer". Das wird nicht jeder. Wie der Opferstatus das persönliche Befinden heben kann, ja einem Nobelpreis in der Sparte Diktaturauf

arbeitung gleichkommt, erlebt gerade Günter Grass auf seine alten Tage. Nachdem er bei den westdeutschen Ideologiekontrolleuren lange als Kohls Nestbeschmutzer und kommoder Zonenfreund verschrien war, wächst ihm nunmehr ein außerliterarischer Glorienschein als sauberem, geradlinigen Widerständler zu, der pfiffig und zornig gegen den Stalinismus focht. Wenn nicht alles täuscht, hat auch Hermann Kant ungewollt etwas dazu beigetragen. So schnell kann's gehen.

Zurück