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Käthe-Kollwitz-Museum Köln/privat

 

In Köln präsentieren stolze Sammler, wie sie Käthe-Kollwitz-Bilder in ihr Wohnambiente integrieren.

Von Dietmar Spengler

Nicht lange ist es her, dass der Schutzengel den Schlaf unserer Großeltern behütet, der brünftige Hirsch ins Wohnzimmer geröhrt, das feiste Mönchlein den Bierhumpen über dem Esstisch gestemmt und der fromme Wahlspruch im Kreuzstichmuster die Küchenwand geziert hat. In den besseren Kreisen der modernen Gesellschaft pflegt man anderes Bildgut übers Bett zu hängen. Trivialkunst hat ausgedient, und Motivplakatierung bestimmt kontemporäre Wohnkultur. Gutsituierte Haushalte halten es eher mit der großen Kunst.

Das Käthe-Kollwitz-Museum am Kölner Neumarkt wagt mit der Sonderausstellung »Kollwitz im Esszimmer« einen Blick hinter die Kulissen der Sammlerkultur. Hier berichten drei Sammler von ihrer Leidenschaft für die zeichnerischen und plastischen Arbeiten der Sozialistin. Freimütig gewähren sie fotografische Einblicke in ihr »Leben mit ›schwerer Kost‹…«, so der Untertitel der Ausstellung. Mit jeweils zehn bis 15 ausgewählten Leihgaben werden die wichtigsten Werke vorgestellt und die damit verbundene individuelle Erfahrung des Besitzers beschrieben.

Käthe Kollwitz (1867–1945) ist eine der tragischen Figuren der neueren Kunstgeschichte. Seit 1918 opponierte sie offen gegen den Krieg, arbeitete für linke politische Gruppen und leistete Widerstand gegen die Staatsraison. Bis zuletzt (sie starb wenige Tage vor Kriegsende) hatte sie die Schikanen der Deutschen zu ertragen. Sie verlor den Mann, den Sohn und den Enkel.

Kollwitz war eine der politisch engagiertesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit großer Klarsicht verteidigte sie die Rechte der Armen und Geknechteten. Mit Kreide und Radiernadel klagte sie gegen die Ausbeutung der Arbeiter, die Anmaßungen des Kapitals, den Krieg. Der Liebhaber kritischer Kunst bewundert ihren eindringlichen Furor, der Kunstsammler schätzt ihren soliden Marktwert.

Auf Informationstafeln und im Begleitheft zur Ausstellung bekennen sich bestsituierte Privatsammler zu diesem gesellschaftskritischen Werk, ignorieren dabei aber, dass es in offensichtlichem Widerspruch zur eigenen Lebensweise steht. Akzeptiert wird nur der Status quo. Einer Kölner Unternehmerin helfen die sozialkritischen Arbeiten der Künstlerin – so die erschütternde Lithografie »Ruf des Todes« (1937) oder die bestürzende Komposition »Saatfrüchte sollen nichtvermahlen werden« (1941) – angeblich, mit den »Imponderabilien«, das heißt unwägbaren Gegebenheiten, »des Lebens fertigzuwerden«. Als wären die Darstellungen menschlichen Elends ein Vademekum bei Migräne. Zu den Lieblingswerken der Mutter von vier Kindern »zählen Mutter-Kind-Gruppen ebenso wie Motive zur Situation der Arbeiter: ›Ihre Themen sind auch meine Lebensthemen.‹« Man stelle sich vor: Die Hausherrin ruht auf dem Diwan, darüber die angstvollen vollen Blicke der Frauen, die um ihre Kinder bangen (»Mütter«, 1919); sie kalkuliert Zinserträge im Büro – im Angesicht der verzweifelten streikenden Arbeiter; die Familie genießt ein Trüffelsoufflé mit Blick auf das  goldgerahmte Bild »Deutschlands Kinder hungern« (1924). Bon appetit!

Ein Ärztepaar aus Nordrhein-Westfalen begründet seine Sammelmotivation damit, dass es Kollwitz’ Leidens- und Todesdarstellungen als künstlerische Verarbeitung seiner täglichen Berufspraxis verstehe: »… der Bruder Tod ist willkommen« – fürs Honorar? Die Lithografie »Abschied und Tod« (1923) helfe den Besitzern, das »Leid der Welt« einzufangen und zu begreifen – ein Therapeutikum im Schöner-Wohnen-Format?

Schweizer Sammlern wiederum liegt ganz allgemein das »menschliche Befinden im 20. Jahrhundert«, das sich in Kollwitz’ Werk äußere, am Herzen. Hier wird getafelt unter der Radierung des ausgemergelten »dengelnden Bauern« (1905). Die drastischen »Hunger«-Holzschnitte (1922) dienen der Problembewusstseinserweiterung. Und des Pazifismus der Künstlerin gedenkt der Schweizer Juristenhaushalt mit »Wandaktien«, die alle Übel des Krieges beklagen: die Kohlezeichnung »Schlachtfeld« (1907), die gleichnamige Strichätzung aus dem »Bauernkrieg-Zyklus« sowie zwei Fassungen der Lithografie »Gefallen« (1919).

Am Schluss des Begleitheftes kommen eine Kunsthändlerin und zwei Auktionatoren mit Anekdoten vom Business zu Wort und schwadronieren über die verschlungenen Wege des Kunsthandels. Das Heft illustrieren Innenansichten der Wohnungen der Sammler. Die Titelseite sowie das Ausstellungsplakat zeigen ein Esszimmer mit reich gedecktem Tisch und einer Kollwitz-Grafik. Einen moralischen Gestus sucht man in der Ausstellung vergebens; Ansporn zum Sammeln sozialkritischer Kunst scheint den Wohlbetuchten der soziale Imperativ »Eigentum verpflichtet« zu sein.

Dabei ist die Kunst von Käthe Kollwitz alles andere als mainstreamkompatibel. Ihre Bildsprache ist ästhetisch und inhaltlich erschütternd. Eindringlich stellt sie den Wohlstand, der auf den müden Schultern der Armut ruht, in Frage. Kollwitz’ Werke eignen sich weder als Deko-Accessoires im modernen Wohnambiente noch für profitmaximierende Spekulation. Und doch wirkt diese Schau wie eine Werbeveranstaltung für wertschöpfendes Investment, was aus Sicht des Museumsträgers durchaus nachvollziehbar wäre. Der ist die Kreissparkasse Köln.

Die Ausstellung »Kollwitz im Esszimmer. Leben mit ›schwerer Kost‹ ...« ist bis 29. September im Käthe- Kollwitz-Museum, Köln, zu sehen. Das 31seitige Begleitheft ist dort erhältlich.

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