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Die Deutsche Bank hat sich verspekuliert und zieht sich aus dem Investmentbanking zurück. Ist das größte deutsche Kreditinstitut noch zu retten?

Von Paul Simon

Es waren Bilder, die an die Finanzkrise vor elf Jahren erinnerten: Am 8. Juli verließen zahlreiche Angestellte der Deutschen Bank mit Pappkartons, in denen sich ihre persönliche Habe befand, ihre Arbeitsplätze in den Glastürmen der globalen Finanzzentren. Sydney, Hongkong, New York: Besonders das internationale Investmentgeschäft war von der Entlassungswelle betroffen. Bei den Tradern in London sollen sogar Tränen geflossen sein, hieß es später.

Die Deutsche Bank kämpft um ihr Überleben. Profite macht das Traditionshaus seit Jahren nicht mehr, im kommenden Jahr werden weitere Milliardenverluste erwartet, und der Aktienkurs befindet sich auf einem stabilen Tiefflug. Um die Profitabilität zu steigern, geht die Bank vor wie jedes Unternehmen in der Krise: Angestellte werden entlassen, unprofitable Geschäftsbereiche abgestoßen, Kosten gedrückt. Bis zu 18.000 Menschen will der Konzern feuern und sich vor allem vom weltweiten Investmentbanking und Aktienhandel zurückziehen.

Damit endet der vor 30 Jahren begonnene Versuch der Deutschen Bank, durch Übernahmen, weltweite Expansion und skrupellose Geschäftspraktiken zu den Global Playern an der Wall Street oder in London aufzuschließen. Die einstmals »größte Bank der Welt« aus Frankfurt schrumpft zurück aufs deutsche Mittelmaß.

Zwar haben auch die anderen Großbanken seit der Finanzkrise viele Angestellte  entlassen – laut »Financial Times« bauten acht der zehn größten Investmentbanken der Welt insgesamt 60.000 Stellen ab, und die Automatisierung wird in den nächsten Jahren noch einmal Zehntausende Arbeitsplätze überflüssig machen – aber die Entlassungen bei der Deutschen Bank sind Teil einer Geschäftsumstrukturierung, die nach einem verzweifelten Versuch aussieht, zu retten, was noch zu retten ist.

25 Prozent hatte 2005 der damalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, als Renditeziel der expandierenden Großbank ausgegeben. Die Bank und ihre nach deutschen Maßstäben stets besonders gut verdienenden Manager wurden damals zum Symbol für die Exzesse und auch die Hybris der neoliberalen Ära in Deutschland, als Deregulierung, vertiefte Globalisierung und die Modernisierung des Kapitalismus durch größere Integration in globale Finanzmärkte noch offensiver vertreten wurden, als man das seit 2008 zu tun wagte. Der Versuch der traditionell eng mit nationalen Industrieunternehmen verbundenen Frankfurter Bank, sich als internationale Investmentbank nach dem Vorbild der Wall-Street-Banken zu etablieren, entsprach diesem Zeitgeist.

Doch die Träume von den ganz großen Profiten, die im internationalen Investmentbanking winken, platzten für die Deutsche Bank spätestens mit der Finanzkrise. Anders als vor allem die amerikanischen Großbanken, welche sich oft schnell konsolidieren konnten und bald wieder satte Profite einstrichen, konnte die Deutsche Bank zwar ohne Finanzhilfen des Staates überleben, aber sie hatte Schwierigkeiten, wieder profitabel zu werden. Die Bank stagnierte, war immer wieder in Skandale und Gerichtsprozesse verwickelt und befand sich schließlich, so die Einschätzung vieler Beobachter, in einer Abwärtsspirale, die in einer Pleite enden könnte. Immer wieder musste man um neues Geld bitten, um sich zu rekapitalisieren – dem aktuellen Aktienkurs zufolge ein Milliardenverlustgeschäft.

2016 nannte der Internationale Währungsfonds die Bank den »größten Verursacher systemischen Risikos« unter allen internationalen Großbanken, denn die Deutsche Bank sei international verflochten und fragil zugleich. Hinzu kam das Bekanntwerden immer neuer krimineller Aktivitäten der Bank – offenbar eine systematische Begleiterscheinung der weltweiten Jagd nach Profiten. Kaum eine Großbank ist nicht in kriminelle Machenschaften verstrickt, gehört doch das Verwalten von illegalem Geld etwa aus dem Drogenhandel oder von kleptokratischen Regierungen ebenso zu den lukrativeren Geschäftszweigen wie die organisierte Steuervermeidung.

Aber auch auf diesem Feld wollte die Deutsche Bank in den letzten Jahren offenbar ganz vorne mitspielen. Panama Papers, Luxemburg Leaks, Offshore Leaks, Cum-Ex, Libor-Manipulation – bei all diesen Skandalen und Enthüllungen der letzten Jahre spielte auch sie eine Rolle. 2017 konnte sie einen Prozess in den USA wegen krimineller Aktivitäten noch vor der Bankenkrise beilegen und verpflichtete sich zur Zahlung von insgesamt 7,2 Milliarden Dollar, auch an die von ihr geschädigten Hausbesitzer und Kreditnehmer. Im November letzten Jahres drückte dann die Staatsanwaltschaft ihr Missfallen über die nicht abreißenden kriminellen Machenschaften der Bank mit einer Razzia in der Frankfurter Konzernzentrale aus. Anders als in solchen Fällen üblich, ging die Behörde dabei nicht diskret vor: Öffentlichkeitswirksam – und aktienkursschädigend – erschienen 100 Polizisten und zahlreiche Polizeifahrzeuge vor dem Gebäude. Und wieder ging es um Geldwäsche. Dass Donald Trump einer der Privatkunden der Deutschen Bank ist, passt gut zu ihr.

Geholfen haben all ihre kriminellen Aktivitäten der Deutschen Bank insgesamt wenig. Milliarden an Altlasten und wenig bis gar nicht mehr profitablen Finanzwerten und Derivaten schleppt sie seit der Krise in ihrer Bilanz mit. Um sich von diesen wenig profitablen Investitionen im Wert von bis zu 288 Milliarden, immerhin ein Fünftel der Bilanzsumme, zu befreien, will die Bank sie in einer internen »Bad Bank« sammeln und, soweit möglich, in den nächsten Jahren verkaufen. Bereits von 2012 bis 2016 hatte die Deutsche Bank ein solches Vehikel geschaffen, um sich von schlechten Investments zu trennen.

Der Ausdruck Bad Bank sei in diesem Fall jedoch »irreführend«, betonte das Management Anfang Juli. Denn schließlich seien viele der dort gesammelten Bilanzwerte gar nicht so »schlecht«, sondern vielmehr »von hoher Qualität«. Doch tatsächlich geht es laut Presseberichten teilweise um Derivate, die man seit zwei Jahren vergeblich versucht hatte, ohne größere Abschreibungen weiterzuverkaufen. Wären diese Investments wirklich so gewinnbringend und schnell zu Geld zu machen, ätzte ein Analyst, warum hat man dann bis zum absolut letztmöglichen Moment gewartet, um sich von ihnen zu trennen?

Anfang Juni hat die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) die Bonität der Deutschen Bank herabgestuft, einige Stufen unter die meisten ihrer Konkurrenten im Investmentbanking. Den Ausblick änderte S&P von »stabil« auf »negativ«. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, soll die Bank intern mit mindestens einer Milliarde Euro Verlusten beim Verkauf der Derivate rechnen. Die Bank handelte also, weil ihr das Wasser bis zum Hals stand.

Einen weiteren Rettungsversuch haben die Deutschbanker im Frühjahr 2019 wieder abgebrochen: die mögliche Fusion ihres Geldhauses mit der Commerzbank. Letztere, seit der Krise zum Teil staatlich kontrolliert, kämpft ebenso wie die Deutsche Bank darum, ihre Kosten zu senken und die Profitabilität zu steigern. Besonders Finanzminister Olaf Scholz (SPD) drängte auf eine Fusion der beiden Geldhäuser – auch aus standortpolitischen Gründen, wie er betonte. Es sei wichtig, dass die deutsche Industrie über heimische, global »konkurrenzfähige Kreditinstitute, die sie in aller Welt begleiten können«, verfüge, sagte Scholz etwa im April.

Da war die Fusion allerdings schon abgesagt. Denn aus der Perspektive vor allem der Deutschen Bank ergab eine Verschmelzung zu einer Großbank mit über 100.000 Mitarbeitern offenbar keinen Sinn. Drei Monate hatten die beiden Banken beraten – und dann erklärt, dass eine Fusion zu riskant, zu wenig lukrativ und schließlich nicht im Interesse der Deutschen Bank sei.

Dass Gewerkschaften kritisiert hatten, dass die Fusion Tausende Arbeitsplätze überflüssig machen würde, spielte im Kalkül der Manager keine Rolle. Denn kaum war die Fusion abgeblasen, kündigte die Deutsche Bank im Juli die Entlassung von fast 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an. So will sie sich allein gesundschrumpfen. Angestellte zu entlassen, spart Geld, Manager zu entlassen, kostet sehr viel Geld – das bewahrheitete sich auch im Fall der Deutschen Bank. Insgesamt 52 Millionen Euro an Abfindungen habe die Deutsche Bank an ausscheidende Manager in den letzten 14 Monaten gezahlt, berechnete die »Financial Times«.

Kein Wunder, dass sich viel Häme über die »Nieten in Nadelstreifen bei der Deutschen Bank, die mit ihren Kumpels die Welt fast an den Abgrund gezockt haben« (Dietmar Bartsch, Linkspartei, im Oktober letzten Jahres), ergießt. Aber auch vor guten Ratschlägen kann sich die Bank kaum retten. So erklärte etwa die Bundestagsabgeordnete Lisa Paus von den Grünen gegenüber dem »Tagesspiegel«, die Bank »müsse Risiken im großen Stil abbauen und sich tatsächlich aus den spekulativen Abenteuern im Investmentbanking zurückziehen«.

Eine typisch deutsche, neoliberalismuskritische Erklärung drängt sich im Fall der Deutschen Bank geradezu auf: Eine solide Bank, seit den Anfängen des Deutschen Reiches  eng mit dessen Industrieunternehmen verflochten, wurde in den wilden neunziger Jahren in den Strudel der neoliberalen Machenschaften gezogen, drängte zur Wall Street und verzockte sich bei der Spekulationsorgie, bei der letztlich nur die kryptokriminellen Manager Millionenboni abkassierten. Jetzt sollte die Bank zurückkehren zum vielleicht langweiligen, aber soliden Geschäftsmodell als Kreditgeber für deutsche Unternehmen: zum guten alten deutschen Korporatismus, der doch Grundlage unseres Wohlstands ist.

Ein Problem dieser herzzerreißenden Erzählung ist allerdings, dass man mit diesem Modell schon damals nicht genug Geld verdient hat – die Deutsche Bank hat ja nicht aus Jux und Dollerei nach neuen Geschäftsmöglichkeiten gesucht. Angesichts heutiger Niedrigzinsen, dem Überangebot an Krediten und einem europäischen Markt, auf dem es einfach zu viele kaum profitable Banken gibt, könnte es erst recht schwierig werden, sich als Bank von gestern in der Konkurrenz zu behaupten.

Was auch immer an Problemen, strategischen Fehlern, kriminellem Geschäftsgebaren seitens der Deutschen Bank festzustellen ist – das Institut ist schlicht ein weiteres schnödes Opfer einer Krise des Kapitalismus. Großbanken mögen zwar oft übermächtig und monopolistisch wirken, aber auch sie haben kein Abonnement auf Profite, sondern müssen sie in einem sich zuspitzenden Wettbewerb Quartal für Quartal erkämpfen. Deshalb arbeiten Investmentbanker ja so übermäßig viel – und stehen so oft vor Gericht: Gesetzestreue ist hier nämlich ein Wettbewerbsnachteil, den man sich erst mal leisten können muss.

Einen zweifelhaften Vorteil hat die Bank in diesem Wettbewerb aber vielleicht doch noch: Sie ist deutsch. Wie bereits erwähnt, gibt das SPD-geführte Finanzministerium die Losung aus, es sei essentiell, dass es eine international agierende deutsche Großbank gibt. Und auch CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier erwähnte die Deutsche Bank in seinem Entwurf einer »Industriestrategie 2030« als »nationalen Champion«. In Zeiten der verschärften Politisierung der Standortkonkurrenz sind bekanntlich selbst für die CDU solche staatlichen Interventionen kein Tabu mehr. Sollte die Deutsche Bank also nicht aus eigener Kraft wieder profitabel werden, könnte ihre Bedeutung für Deutschlands Wirtschaftsstandort als Begründung für staatliche Unterstützungsmaßnahmen herhalten. Was lässt man sich in Deutschland seinen Patriotismus nicht alles kosten.

Paul Simon schrieb in konkret 12/18 über den Mord an Jamal Khashoggi und die Geschäftsbeziehungen westlicher Staaten mit Saudi-Arabien

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