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Das Hetzwerk

In den sozialen Medien kann die AfD ungestört Nazi-Propaganda betreiben. Von Veronika Kracher

Es gibt keine Partei in Deutschland, die ein derart aktives Social-Media- Verhalten an den Tag legt wie die Alternative für Deutschland. Vor allem Facebook, eine Plattform, die häufiger von Menschen über 40 genutzt wird als ihre Konkurrenten Twitter, Instagram oder Snapchat, ist zu einem der wichtigsten Propagandainstrumente der Partei geworden. AfD-Politiker treiben weit effektivere Social-Media- Kampagnen als Mitglieder anderer Parteien, obwohl die AfD sehr viel weniger Geld für Online-Werbung ausgibt als CDU, CSU, Linke, Grüne und FDP. Sie profitiert statt dessen sowohl von der enormen Reichweite ihrer aktiven Online-Followerschaft als auch von zahlreichen Fake-Accounts.

 Es ist die Strategie der AfD, politische Diskurse an sich zu reißen und zu dominieren; und das tut sie auch im Internet. Laut des Analyseunternehmens Alto, das parteibezogene Social-Media-Diskussionen ausgewertet hat, haben 47 Prozent der online geführten politischen Diskussionen einen AfD-Bezug, obwohl lediglich zehn Prozent der User im Umfeld der Partei zu verorten sind. Zudem, so der amerikanische Medienwissenschaftler Trevor Davis, stammen 85 Prozent der auf Facebook geteilten Beiträge politischer Parteien von der AfD; die Partei betreibt insgesamt über 1.500 Accounts, von denen wöchentlich 4.000 Beiträge gepostet werden.

Die AfD hat mit Abstand am meisten Fans bei Facebook und die meisten Abonnenten bei Youtube. Bürgerlichen Parteien fällt es dagegen schwerer, online Akzente zu setzen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Postings und Tweets der AfD darauf angelegt sind, zu polarisieren, an niedere Instinkte, Wut, Hass, Empörung zu appellieren und die Partei als »Tabubrecherin« zu inszenieren. Auf ihren Kanälen verbreitet die AfD regelmäßig Fake News und Halbwahrheiten, welche angeblich von den »Systemmedien« unter den Teppich gekehrt werden.

Wie Rechtspopulisten weltweit arbeitet die AfD weniger mit Fakten als mit Ressentiments; sie befasst sich nicht mit Tatsachen, sondern produziert Empörung. Sei es die (bis heute unerwiesene) Behauptung, Linksradikale hätten den AfD-Politiker Magnitz verprügelt, seien es aufgebauschte Statistiken zu sexuell übergriffigen Flüchtlingen oder Hetze gegen unliebsame Einzelpersonen – es gibt keinen Schmierfinkentrick, dessen sich die AfD nicht bedient. Ganz im Sinne der konformistischen Revolte lässt die AfD ihre Fans glauben, dass sie zwar unterdrückte, doch unbeugsame Außenseiter sind, die unbequeme Wahrheiten kundtun, selbst und gerade, wenn es der »Lügenpresse« und den Altparteien nicht passt.

Die AfD arbeitet gezielt mit rechter Hetze im Netz. Sie verfügt über Accounts, die, wie’s scheint, dafür verantwortlich sind, Hate Speech zu verbreiten und Hasskampagnen zu starten. Vor allem Aktivisten der rechtsextremen und der AfD nahestehenden Identitären Bewegung arbeiten daran, Online- Diskurse zu bestimmen. Sie verabreden sich auf Kanälen des Servers »Discord«, um gezielt Twitter und Facebook mit Kommentaren und Hashtags zu fluten und Shitstorms zu initiieren. Diese Shitstorms treffen häufig Einzelpersonen, die man als »politische Gegner« ausgemacht hat, um sie zu zermürben und mundtot zu machen. Wenige Accounts sind für eine immense Menge an Postings und Kommentaren verantwortlich; sie arbeiten gezielt daran, Debatten zugunsten rechter Positionen anzuheizen.

Zu diesen Profilen zählen auch zahlreiche Fake-Accounts. Recherchen der Seite »Netzpolitik.org« haben ergeben, dass die AfD Fake-Accounts auf Twitter nutzt, um sowohl ihre Inhalte zu verbreiten als auch um die eigene Aktivität zu verschleiern. Viele dieser Accounts arbeiten mit den Namen und Profilbildern junger Frauen, vielleicht weil der in seiner Männlichkeit gekränkte deutsche Kerl rechte Positionen noch ein bisschen begeisterter verbreitet, wenn er glaubt, damit deutsche Weiber beeindrucken zu können. Laut »Netzpolitik.org« gab es 2018 ein Netzwerk von bis zu 51.000 miteinander verbundener Accounts, davon 6.000 aus dem AfD-Cluster, die sich insgesamt über zwei Millionen Follower teilten. Zudem »züchtete « sich die AfD mehrere große und populäre Accounts heran: Diese wechselten häufig Namen und Identität, bis sie einen Followerstamm in den Zehntausendern haben, und werden anschließend an AfD-Politiker übergeben. Das ist nicht einmal illegal. Aber es ist gefährlich, da auf diesem Wege kontinuierlich rechte Hetze betrieben und rechte Ideologie geschürt wird.

Gerade angesichts des Mordes an Walter Lübcke, einem braven Christdemokraten, ist es notwendig, sich vor Augen zu führen, welche Rolle Social-Media-Plattformen spielen, wenn es um rechte Gewalt geht. Lübcke sah sich seit 2015 immer wieder wegen seines Engagements für Geflüchtete rechten Angriffen ausgesetzt; regelmäßig wurden Shitstorms gegen ihn entfacht. Der rechte Blog »PI-News« veröffentlichte Kommentare, in denen Lübckes Adresse genannt wurde, Morddrohungen folgten. Im Februar 2019 heizte die Berufsvertriebene Erika Steinbach die Angriffe auf Lübcke noch einmal an, indem sie auf Twitter einen rechten Blogpost gegen Lübcke verlinkte. Die Bilder von Galgenschlingen und Waffen samt Forderungen, Lübcke »an die Wand« zu stellen, ließ Steinbach bis in den Juni hinein unkommentiert stehen.

Der neueste Internetstreich der AfD lautet: »Blick nach links«; ein Informations- und Meldeportal über linke Gewalt (als ob der Verfassungsschutz, gerade der sächsische, nicht schon genug Antifaschistinnen und Antifaschisten wittern würde: das komplette Publikum eines Feine-Sahne-Fischfilet-Konzerts zum Beispiel). Das Portal soll vor allem dazu dienen, um nach dem Mord an Walter Lübcke, der eine längst überfällige Diskussion über weißen Terror neu entfacht hat, auf die verhassten Zecken zeigen und krakeelen zu können: Redet dann niemand über linke Gewalt?! Wir als Rechte sind doch die eigentlichen Opfer! Dort können Deutschlands besorgte Bürger/innen endlich die Straftaten dieser Radikalinskis melden, die freitags auf dem Weg zur Umweltschutzdemo Au²leber an Bushaltestellen pappen oder in der Bahn dem freundlichen jungen »Compact«- Verkäufer den Mittelfinger gezeigt haben.

Dieser Online-Pranger soll eine Art Gegenbewegung zur Amadeu-Antonio-Stiftung werden, die rechte Gewalttaten dokumentiert und der AfD ein Dorn im Auge ist. Vor dem Horror linker Gewalt warnen soll übrigens unter anderem ein Bild Stalins – allerdings hatte die AfD ein Foto von Sylvester Stallone in Stalin-Optik verwendet. Falls der Rest der Plattform genauso stümperhaft ausgeführt werden sollte wie die Verwendung des Bildmaterials, bliebe es bei einer Lachnummer. Eine leichtfertige Hoffnung, gewiss. Denn die AfD versteht sich nun mal auf Online- Propaganda, und es ist dringend nötig, den antifaschistischen Kampf auch in diesem Medium zu führen.

Veronika Kracher schrieb in 5/19 über das Internet als Alt-Right-Plattform

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