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Was das 100jährige Jubiläum der Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft mit dem aktuellen ministeriellen Vorstoß, das Transsexuellengesetz zu ändern, zu tun hat. Von Daria Kinga Majewski

 

»Jede neue Wahrheit vernichtet eine bisher dafür gehaltene.« Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten (1910/1925)

Ich schreibe diesen Artikel in eine unklare Zukunft hinein. Gerade haben das Innen- und das Justizministerium versucht, die jahrelangen Bemühungen von Menschenrechtsaktivist*innen und Verbänden von trans Menschen zu torpedieren. Aus dem Nichts heraus hatte Mitte Mai ein (Gegen-)Reformvorschlag des Transsexuellengesetzes (TSG) die Öffentlichkeit erreicht. Politischen Interessensverbänden gaben die Ministerien genau zwei Tage, um Stellung zu beziehen. Eine Farce und für die meist ehrenamtlichen Selbstorganisationen von trans Menschen ein Schlag ins Gesicht. Auf ihre heftigen Proteste hin wurde das Vorhaben erst mal verschoben. Mich erschütterte, dass ich bis zum Zeitpunkt dieses ministeriellen Angriffs hauptsächlich mit transfeindlichen »Feministinnen« und vermeintlich ideologiekritischen »Linken« beschäftigt war, die das Geschlechterverhältnis mit Verschwörungstheorien und essentialistischem Gedankengut ins 19. Jahrhundert zurückschleudern wollen. Trans Menschen werden von allen Seiten angegriffen: aus den vermeintlich eigenen Reihen bis aus der Staatsebene heraus. Das ist nicht neu, zur Zeit aber besonders spürbar. Was hat das alles nun mit dem berühmten Sexualforscher Magnus Hirschfeld zu tun?

 Erste Schritte zur Mündigkeit
Am 6. Juli 1919 eröffnete er das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Bis zu dessen Plünderung am 6. Mai 1933 durch die Nationalsozialisten und der darauf folgenden öffentlichen Bücherverbrennung, der ein wesentlicher Teil der Bibliothek zum Opfer  fiel, widmete sich das Institut der »wissenschaftlichen Durchforschung des gesamten Sexuallebens, insbesondere auch seiner Varianten, Störungen und Anomalien«, und wollte »über sichergestellte wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet in geeigneter Weise Aufklärung … verbreiten« (Paragraf 2 der Satzung).

Auf den Institutsleiter Hirschfeld gehen ambivalente Errungenschaften zurück. So erarbeitete er die erste Grundlage für queere Identitätspolitiken im 20./21. Jahrhundert, indem er mit dem sogenannten Zwischenstufenmodell die Möglichkeit einer Vielzahl von Geschlechtern populär machte. Er ging von einem binären, aber spektralen System aus, an dessen Polen die idealtypische Frau und der idealtypische Mann stehen sollen. Dazwischen jedoch existieren nach Hirschfeld 43.046.721 Varianten, zu denen er neben Transvestiten auch Homo- und Bisexuelle sowie Sadomasochist*innen zählte. Als Kind seiner Zeit versuchte er, die Zwischenstufen unter anderem durch Biologie zu erklären, und so finden sich in seinen Texten ausführliche Anatomiestudien, die Fettverteilung, Gesichtszüge, Stimmlage, Sexualleben und Habitus seiner Patient*innen analysieren. Damit trug er zur Essentialisierung von Geschlecht und Sexualität bei: Aus gleichgeschlechtlichen Sexualpraxen wurden »die Homosexuellen«, aus Geschlechtstransition »die Transvestiten« – Abweichungen von der Norm; Hirschfeld selbst bezeichnete sie als »Anomalien«. Damit ist er Teil der historischen Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft, die Mann und Frau als aufeinander bezogene Einheiten naturalisiert hat. Abweichungen von der Heteronorm musste sie essentialisieren, um sie abspalten und konkreten Subjekten zuschreiben zu können und um sie schließlich zu pervertieren und so ihren Ausschluss zu rechtfertigen.

 »Ich bin Detektiv und habe Ursache, sie für einen Mann zu halten«
Man muss dem Mitbegründer der ersten Homosexuellenbewegung zugestehen, dass er sich wissenschaftlich zwar in den Grenzen seiner Zeit bewegte, aber sich für die Emanzipation dieser »sexuellen Zwischenstufen« reformistisch einsetzte und dadurch über seine Zeit hinauswies. So engagierte er sich mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee seit 1897 für die Entkriminalisierung homosexueller Männer und setzte beispielsweise die Einführung von »Transvestitenscheinen« in der Weimarer Republik durch. Diese bestätigten, dass die Betreffenden mit Wissen der Polizei die »Kleidung des anderen Geschlechts« trugen. Er naturalisierte »Anomalien « als Spielarten der Natur, weshalb man sie gesellschaftlich tolerieren müsse.

Allerdings befürwortete der Mediziner – ebenso wie viele Feministinnen dieser Zeit – Eugenik, war in der Gesellschaft für Rassenhygiene aktiv, forderte die »Ausjätung schlechter Menschenkeime« und stellte ausgewiesene Eugeniker an seinem Institut an, weshalb auch seine theoretischen Ansätze mit Vorsicht zu genießen sind.

Gerade in der noch unerforschten Geschichte von Geschlechtstransition bieten Hirschfelds Publikationen dennoch enorme Erkenntnismöglichkeiten. Er publizierte Briefe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die erstmals die Trope »Geboren im falschen Körper« enthalten, die transgeschlechtliche Diskurse und Selbstkonzepte bis heute prägt. Polizeiberichte, psychologische Gutachten, autobiografische Erzählungen und Kurzgeschichten von und über »Transvestiten« sind in seiner Monografie Die Transvestiten gesammelt; die Datierung reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, was beweist, dass die heutige Identität Trans ihre Wurzeln in der Zeit der Aufklärung und der Herausbildung der bürgerlichen Geschlechtscharaktere hat. Insbesondere wird sichtbar, dass die Entstehung von Nationen und ihr Angewiesensein auf die Kernfamilie einer Rechtsprechung bedarf, die das Geschlechts- und Sexualleben gerade der »Veranderten« regulierte. So wiederholten sich der Zwang zur Identität und die Unmöglichkeit, Subjekt zu sein. Menschen werden zur Identifikation mit einer Position der Gesellschaft gezwungen, um in ihr Anteile von Befreiung zu erleben. Diese Identität ist jedoch bedingt durch Entmündigung. Noch heute müssen sich trans Menschen pathologisieren lassen, wenn sie beispielsweise Hormontherapien oder eine Namensänderung anstreben. Die Diagnose F.64.0 zu bekommen erscheint plötzlich erstrebenswert. Identisch mit der aufgezwungenen Gesellschaftsposition zu sein, bringt Anerkennung und damit potentielle Mündigkeit mit sich. Tatsächlich müssen aber fortwährend Entmündigte die fragile Abhängigkeit von der Anerkennung durch den Status quo affirmieren, um auf Schutz hoffen zu können.

So war Geschlechtstransition laut Hirschfeld mit dem Beginn der Moderne in keinem europäischen Staat eine eigens rechtlich erfasste Kategorie und wurde lange Zeit willkürlich von einzelnen Gerichten verurteilt – meist auf Grundlage von Paragrafen zu Erregung öffentlichen Ärgernisses, grobem Unfug oder Gefährdung der Sittsamkeit. In Frankreich gab es allerdings 1800 ein Gerichtsurteil, das Geschlechtstransition legitimierte, sofern diese gesundheitliche Gründe hatte. Hier nahm die Trans-Pathologisierung der Moderne ihren Anfang. Auf dieses Urteil bezog sich Hirschfeld in seinen politischen Forderungen, die bereits im Kaiserreich erste Früchte trugen (etwa die psychologisch begleitete Möglichkeit, seinen Personenstand zu ändern, was 1910 in Berlin die erste Person tat) und zu Beginn der Weimarer Republik umgesetzt wurden. In seinen Texten formulierte er aus, wie das Verfahren zu durchlaufen sei und nach welchen Kriterien ein psychologisches Gutachten formuliert werden sollte. Sie sind heutigen Praxen erschreckend ähnlich: Differentialdiagnostik, die Behauptung einer kontinuierlichen transgeschlechtlichen Empfindung, Analyse von Aussehen, Sexualleben und Habitus.

Hirschfeld, so kann man es positiv auslegen, reagierte mit diesen Normierungsversuchen auf eine staatliche Willkür, der sich Personen, die eine Geschlechtstransition vollzogen, ausgesetzt sahen. Damit trug er zu einem wesentlichen Emanzipationsmoment bei, das es den Betreffenden ermöglichte, sich als Gruppe politisch zu artikulieren – eine Möglichkeit, die in der Weimarer Republik ihren Anfang nahm.

Zwischen damals und heute liegen zwei Weltkriege, drei Wellen der Frauenbewegung, die Stonewall-Revolution, die Bürgerrechtsbewegung. Geschlechtstransition geriet zwischenzeitlich wieder in Vergessenheit, tauchte in den sechziger und siebziger Jahren erneut auf, und in der BRD trat 1981 das von Anfang an als verfassungswidrig kritisierte TSG in Kraft. Mit den nuller Jahren und vor allem mit der popkulturellen Einverleibung von Trans seit 2013 explodierte die Aufmerksamkeit für dieses Thema, man möchte es fast schon hip nennen. Das Verhältnis von Rechtsprechung und Medizin (von der Öffentlichkeit zu schweigen) zur Geschlechtsangleichung steckt jedoch wie alle Rechte auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung im (vor-)letzten Jahrhundert fest. Die*der US-Aktivist*in Leslie Feinberg erklärt im Manifest Transgender Warriors von 1996, wie Frauen- und Trans-Unterdrückung unweigerlich zusammenhängen, da beide auf patriarchaler Repression fußen, sich historisch jedoch unterschiedlich ausdrücken. Heute wollen führende deutsche Politiker die reproduktiven Rechte von Menschen mit Gebärmutter zurückschrauben oder geschlechtliche Selbstbestimmung wie durch die TSG-Gegenreform verhindern. Die real gewordene Wahrheit einer Vielfalt der Geschlechter zerstört die Mär von der Binarität. Dagegen führen vermeintliche Radikalfeministinnen ebenso wie Horst Seehofer eine erbitterte Abwehrschlacht – auf dem Rücken einer Minderheit, die tagtäglich um ihr Überleben kämpfen muss. Die kapitalistische Gesellschaft verweigert trans Menschen nach wie vor Mündigkeit. Sie verteidigt das männlich-bürgerliche Subjekt, das sich jenseits identitärer Zwänge bewegt, weiterhin als allgemeingültiges, während alle »anderen « schlicht Pech gehabt haben. Was es braucht, sind starke und solidarische Bündnisse, die das Recht auf den eigenen Körper jenseits staatlicher Kontrolle erkämpfen, statt wechselseitiger Unterdrückung der Unterdrückten.

 

Magnus Hirschfeld: Sexuelle Zwischenstufen. Das männliche Weib und der weibliche Mann. Classic Reprint. Forgotten Books, London 2019, 310 Seiten

Ders.: Die Transvestiten. Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb. Mit umfangreichem casuistischen und historischen Material. Forgotten Books, London 2018, 580 Seiten

Daria Kinga Majewski ist freie Autorin und Referentin zu feministischen und genderdiversen Themen

 



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