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Negative Dialektik

Fritz Tietz über die reaktionären Förderer der Mundart

 

Wer schon einmal eine Familienfeier mit betagteren Nordheidjern zu absolvieren hatte, ohne mit deren Dialekten vertraut zu sein, weiß, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Ich jedenfalls verstand kein Wort von dem plattdüütschen Gezetere, das meine angeheiratete norddeutsche Verwandtschaft quer über die fett beladene Kaffee- und Kuchentafel hinweg erzeugte. Es hätte ebenso Rückwärts, Türkisch oder sonst eine mir fremde Sprache sein können. Als Nachfahre ostpreußischer Einwanderer, die sich einst im Ostwestfälischen niederließen, wo ich als geborener Bielefelder fast 30 Jahre zubrachte, ehe es mich nach Hamburg und schließlich in die Nordheide verschlug, bekam ich allenfalls im konzentrierten Einzelgespräch mit, über was sich die Tanten- und Onkelschaft so ausließ – und das war ein mitunter so reaktionäres Zeug, dass ich, wieder in der großen Gesprächsrunde, dankbar war, nur Bahnhof zu verstehen.

Meine Frau, die unter Plattdeutschen aufwuchs, kann dem mundartlichen Kauderwelsch dagegen problemlos folgen. Allein, sprechen kann auch sie den Dialekt nicht. Wenn sie es versucht, klingt es unecht. Unsere Kinder, ebenfalls mit durchaus regen Kontakten zu dialektal geprägten Altvorderen groß geworden, können Platt nicht mal mehr imitieren.

Aber nicht nur das Niederdeutsche ist eine längt in Verwesung übergegangene Sprachform. Selbst die letzten »dialektalen Beharrungsgebiete« (»Süddeutsche Zeitung«) in den besonders rückschrittlichen Regionen Baden-Württembergs oder Bayerns verlieren zusehends an Sprachraum. Umso seltsamer mutet da an, wenn die Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Markus Söder die bereits stark müffelnden Mundarten ihrer Bundesländer wieder lebendig zu pflegen fordern. Selbst der »Dialektpapst« Ludwig Zehetner hält solche Reanimationsbemühungen für »nachgeschobenen Eifer«, weil es kaum noch Native Speaker gebe und längst keine Lehrer mehr, die in Mundart unterrichten.

 Vermutlich erhoffen sich die Sprachseparatisten in Stuttgart und München von ihren mundartgerechten Offensiven auch nur, dass die Neuinstallierung der von den Omas und Oheims gesprochenen Slangs bei den angeblich von Krisen- und Wandelängsten gebeutelten Nachgeborenen das Gefühl von Heimat und Geborgenheit schürt. Auf dass sie so zu identitärer Bewegtheit angestachelt werden und schließlich, wie Anno dunnemals im warmen Sprachmief der dörflichen Sippe hockend, nicht mehr nur die abschieben, die kein Deutsch können (und damit im Grunde nicht zuletzt sich selbst), sondern auch die, die nicht so wie sie dialektümeln.

Fritz Tietz 

 

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