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Kapitalistischer Realismus im Kino

In der Marvel-Comicverfilmung »Avengers 4: Endgame« rufen die versammelten Superheld*innen: Die letzte Schlacht gewinnen wir! Von Ulrich Steinberg

 

Wie der Titel nahelegt, steht in der aktuell die Kinokassen füllenden Marvel-Comicverfilmung »Avengers 4: Endgame« alles auf dem Spiel. Die Superheld*innen (Captain America, Iron Man, Hulk, Thor, Black Widow & Co.) treten gemeinsam an, die Taten ihres Gegenspielers Thanos zu revidieren, der im Vorgänger »Infinity War« die Hälfte aller Lebewesen ausgelöscht hat.

Zwei mögliche Ausgänge, zwei radikal unterschiedliche Universen: eins, das auf Massenmord gründet, ein anderes, das die Toten zum Leben erweckt. Allerdings unterscheiden sie sich am Ende doch nicht so stark voneinander.

Thanos vernichtet Leben, um dem Leben Raum zu geben und die ökologische Katastrophe abzuwenden. Der Massenmörder reagiert auf einen Umstand, den die Filme nie in Frage stellen: Die materiellen Grundlagen des Lebens sind begrenzt. Die Reaktion des außerirdischen Superschurken ist der Logik der echten Welt nicht fremd: »Es ist eine einfache Rechnung.« Thanos plädiert für eine kosmische Human- respektive Biokapitalherabsetzung. Weder ihm noch seinen Gegnern kommt die Idee, das ökologische Problem zu lösen, indem man die Gesellschaft verändert. Bezugspunkt der Erzählung bleibt die Erde und damit der Kapitalismus, der die natürlichen Ressourcen rasend schnell ihrem Ende zutreibt, aber im Film selbstverständlich unhinterfragt bleibt. Thanos verweist gesellschaftlich Gemachtes auf die Biologie und naturalisiert den Kapitalismus auf die bekannte Art.

In »Endgame«, im Jahr 5 nach Thanos, ist die Welt sonderbar widersprüchlich: die Skyline von Manhattan bei Nacht kaum von Lichtern erleuchtet, verwahrloste Straßen in San Francisco, die an die verlassenen Innenstädte der Gegenwart erinnern. Dabei scheint die Wirtschaft noch intakt, es gibt Restaurants und Erdnussbutter, man geht zur Arbeit. Und Captain America beobachtet Wale im Hudson River, was er darauf zurückführt, dass es weniger Schiffe gibt. Das Paradies, von dem Thanos geträumt hat. Klar, diese Welt ist eine Metapher für die Zerrissenheit der Überlebenden, die Captain Americas zwanghaft wiederholten Imperativ nicht Folge leisten können: »You got to move on!«

Als die Held*innen die Möglichkeit bekommen, die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zurückzudrehen, kämpft Thanos beim zweiten Durchlauf seiner großen Schlacht in erster Linie gegen die Erinnerung: Er will nun das gesamte Universum zerstören, um aus dem Nichts ein neues zu schaffen. Nur so kann er alle Erinnerung auslöschen.

Die Zerrissenheit in »Endgame« hängt damit zusammen, dass diese Welt die alte ist. Wer sie bewohnt, kann sie nicht in Gänze ablehnen. Ablehnen kann man nur Thanos’ Mittel. Schlägt der Blockbuster nun andere vor? Iron Man fährt eine Audi-Limousine der Elektroautomarke E-Tron. Hoffnung liegt also in der Entwicklung der Technik und einem umfassenden Sparprogramm: Solange wir unseren Verbrauch reduzieren, kann alles so bleiben. Die Gegner in diesem Endspiel treffen sich darin, dass sie das Bestehende erhalten wollen.

Ulrich Steinberg

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