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Der derzeit beliebteste deutsche Politiker ist ein Grüner. How come? Von Bernhard Torsch

Robert Habeck ist überall. Zeitung auf? Habeck drin. Fernseher an? Habeck drauf. Ich traue mich nicht mal mehr, den Klodeckel anzuheben, aus Furcht, Habeck könne aus der Muschel springen. Nur an einem virtuellen Ort ist man derzeit vor Habeck sicher: in den sozialen Medien. Die hat der Bundesvorsitzende der Grünen im vergangenen Januar demonstrativ verlassen.

Robert Habeck kennt die heutige Kernwählerschaft der Grünen, bürgerlich mit Abitur oder sogar Hochschulabschluss, genau: Es sind diejenigen, die in den achtziger Jahren bei jeder Gelegenheit verkündeten, sie würden keine Fernsehgeräte besitzen, da im Fernsehen nur »Volksverdummung« laufe, die zu Beginn der digitalen Revolution stolz bekannten, sie hätten es nicht nötig, sich mit Computern zu befassen, und die heute keinen Auftritt auf Facebook, Twitter oder Instagram haben, weil sie »ihre« Daten nicht »den Amis« geben wollen und auf Social Media ohnehin nur der Pöbel tobe.

Die Grünen sind mit der Doppelspitze Robert Habeck/Annalena Baerbock nicht nur im Umfragehöhenflug, sondern erzielen auch reale Wahlerfolge, spektakulär vor allem die knapp 18 Prozent bei der bayerischen Landtagswahl im vergangenen Jahr. Das liegt auch an einer Eigenschaft dieser Partei, die noch in der Vergangenheit ihr größtes Handicap war: ideologische Flexibilität. Habeck spricht sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, Baerbock ist dagegen. Habeck will eine linksliberale, »freundliche Gesellschaft« und sitzt in einer Partei mit dem völkischen Beobachter Boris Palmer und Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dem Abschiebungen von Schutzsuchenden nicht hart und schnell genug gehen können.

Robert Habeck ist der idealtypische Repräsentant jener Deutschen, die den Kapitalismus gerade gut genug verstehen, um zu wissen, wie sehr sie auf Kosten von zwei Dritteln der Menschheit von ihm profitieren, die aber die leichten Anflüge schlechten Gewissens, die sie hin und wieder plagen, mit einer Spende an Greenpeace mühelos parieren. Der vom Hairstyling bis zum letzten Halbsatz auf Optimismus und »Yes, we can« gebürstete Habeck personifiziert die politische Hoffnung einer deutschen Mittelschicht, die zwar lieber tot als rot wäre, aber immerhin ahnt, was sich da gerade weltpolitisch zusammenbraut, und nach einer systemkompatiblen Alternative zum Rechtsruck sucht.

Während bestimmte Kapitalfraktionen die neuen Nazis finanzieren und die Unionsparteien dazu anstiften, es mit der österreichischen Lösung zu versuchen, also den Nazis die Steigbügel zu halten, fürchten andere Kapitalfraktionen, allzuviel Braun könne den deutschen Export gefährden und internationale Spitzenkräfte davon abhalten, in Deutschland zu arbeiten. Das ist einer der Gründe, warum die Konzernmedien geradezu in Habeck vernarrt sind.

Derweil ist die SPD auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit, weil Roboter und Computer keine Betriebsräte wählen und sich die Partei lieber auflöst, bevor sie sich vom Politgangstertum der Schröder-Leute und ihrer Sozialverbrechen distanziert. Dazu hat die SPD das passende Personal, also beispielsweise den Polizeigewaltfan Olaf Scholz oder die überzeugte Katholikin Andrea Nahles, also Leute, denen selbst schlichtere Gemüter kein Wort ihres beliebigen Gestammels glauben. Habeck dagegen ist nicht nur telegen, sondern auch eloquent, und er sagt, wie es Kommentatoren ausdrücken, stets »das Richtige«, täuscht also medienwirksam Profil vor.

Habecks Omnipräsenz hat auch mit der Resonanz zu tun, auf die er bei Vertretern des deutschen Journalismus stößt. Er ist einer von ihnen, ein Schriftsteller und Doktor der Philosophie mit einem Gespür für die Sehnsüchte seiner Generation, die am liebsten in einer verklärten Vergangenheit lebt. Und so hat Habeck schon vor dem Erfolg der Fernsehserie »Stranger Things« Jugendbücher geschrieben, die in den achtziger Jahren spielen, einer Zeit, als die heute grau Gewordenen noch jung waren, der Himmel blauer, das Gras grüner und das Koks weißer. Im Kino lief »Die Rückkehr der Jedi-Ritter«, und die letzten Profiteure des deutschen Wirtschaftswunders, das so heißt, weil sich alle Welt wunderte, warum die Strafe für zwei Weltkriege ein ökonomischer Boom war, hörten Punkrock und jammerten über das angeblich »schwere Erbe« der deutschen Geschichte, das in ihrem Fall doch nur das Erbe von Vermögen war.

Habecks Generation zog den so lange geforderten »Schlussstrich« und würgte Filme und Fernsehserien wie Philipp Kadelbachs »Unsere Mütter, unsere Väter« aus den Tiefen ihres Seelenlebens hervor. Die Generation der heute 40- bis 60jährigen hat kulturell nachgeholt, was nach 1945 ökonomisch und parteipolitisch vorgemacht wurde, nämlich die herzliche Eingemeindung der Mörder in die wieder gut und demokratisch gewordene Nation. Das war nicht zuletzt die psychologische Voraussetzung dafür, als Deutscher ganz »unverkrampft« wieder Begriffe wie »Patriotismus« oder »Nationalstolz« in den Mund nehmen zu können.

Der Grünen-Vorsitzende hatte daran seinen Anteil. Er veröffentlichte 2010 das Buch Patriotismus. Ein linkes Plädoyer. Das Machwerk enthält den einleitenden Satz: »Ich weiß, während ich diese Sätze schreibe, dass ich dafür Prügel beziehen werde« – schön wär’s gewesen. Inhaltlich lieferte das Buch den poststrukturalistischen Soundtrack zum Ausdruckseiertanz, den jene aufführten, die ganz dringend Positives an Deutschland erkennen wollten. In den Herzen seiner Mitbürger herrsche eine Leere, beklagte Habeck, die man mit einem »guten Patriotismus« füllen müsse, mit einer »guten Erzählung«, die nicht etwa »deutschnational«, sondern »linksliberal« sein solle.

Natürlich erscheint Robert Habeck neben den neuen Nazis und ihren Claqueuren im politischen und publizistischen Betrieb als geradezu angenehmer Zeitgenosse. Nie vergisst er zu betonen, der Patriotismus, der ihm vorschwebe, sei ein humaner. Aber wozu der ganze Zirkus? Nationalstolz und Heimatliebe in all ihren grässlichen Schattierungen waren in Deutschland nie Mangelware. Und an einem übertriebenen, angesichts der Historie geradezu wahnhaft hohen Selbstwertgefühl hat es den meisten Deutschen nie gefehlt.

Aus parteitaktischer Perspektive betrachtet, liegt Habeck allerdings goldrichtig. Um zur Volkspartei zu werden, ist Nähe zum Volk nötig. Nur lässt sich dessen »Heimat« eben partout nicht progressiv besetzen. Wo man die, übrigens einst von den Nazis entworfenen Trachten wiederentdeckt, wo man bei Konzerten der lederbehosten Swastika Andreas Gabalier feuchte Augen kriegt und Innen- in Heimatschutzministerien umbenennt, droht Gefahr für alle, die nicht ins vergilbte Bild passen, das gerade wieder vom Dachboden ins Wohnzimmer geholt wird. l

Bernhard Torsch schrieb in konkret 4/19 über den Propagandakrieg gegen Venezuela

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