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von konkret

Die Welt, die von Eva Herman gelernt hat, dass unter Hitler nicht alles schlecht war, erfährt nun, dass auch des Führers italienisches Vorbild Mussolini »einige positive Dinge getan hat« – eine Ansage, die niemanden wunderte, käme sie von dem Faschisten Viktor Orbán, dessen antisemitische und rassistische Partei Fidesz zusammen mit Kramp-Karrenbauers CDU und Söders CSU die Europäische Volkspartei bildet. Mitglied dieser EVP ist auch Berlusconis Forza Italia, die den Präsidenten des Europäischen Parlaments stellt. Dieser Antonio Tajani wirbt nun für seinen geliebten Duce. Warum? Weil die Tabus, die der Antifaschismus verhängt hat, die Überwindung des liberalen Rechts- und Sozialstaats durch »einige positive Dinge« (Militarisierung, Überwachung, Heimatschutz, Volkstanz und Volksempfinden) behindern. Es geht um die Etablierung jenes »demokratischen Faschismus«, der seit fünf, sechs Jahren Thema von konkret, nicht zuletzt mehrerer Kolumnen des Herausgebers ist. In dieser Ausgabe auf Seite 9: »Von der Saar bis an die Memel«.

 

Dass Führer alles besser war, hat die Nazi- Partei schon immer gewusst. Wie schlecht heute alles ist, weiß die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt:

Am 6. April 2019 soll ab 20 Uhr im linksextremen Zentrum »Reil 78« in Halle ein sog. »Anti-Heimatabend« stattfinden. Verantwortlich sind die antideutschen Aktivisten Thomas Ebermann und Thorsten Mense … Der sog. »Anti-Heimatabend« ist eine in ihrer Schamlosigkeit nicht mehr überbietbare Hetzveranstaltung gegen Deutschland. Der Ankündigungstext verdammt in Bausch und Bogen jeden positiven Bezug auf Volk und Heimat. Getrieben von blindem Hass werden die »Tradition« und die »Familie« kurzerhand zur »Hölle« erklärt. Eine derart exzessive Verachtung des eigenen Volkes und der eigenen Kultur greift die Grundlagen unseres Staates an. Auch wenn derartiger Schund rein privat finanziert würde, wäre er ein Fall für den Verfassungsschutz. Eine derart exzessive Verachtung des eigenen Volkes und der eigenen Kultur greift die Grundlagen unseres Staates an. Die AfD-Fraktion wird der Sache im Ausschuss für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung nachgehen … Alle Studenten, die der Verschwendung ihrer Gelder für linksradikale Propaganda ein Ende setzen wollen, wissen, wo sie bei der anstehenden Wahl zum Studentenrat der Uni Halle ihr Kreuz machen.

Mit Haken. Für alle, die – im Gegensatz zu den Nazis – lesen können: Das Buch von Ebermann und Mense zum Abend der exzessiven Verachtung von Volk und Heimat gibt es in der Reihe konkret texte unter dem Titel Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung in jeder guten Buchhandlung oder beim Verlag.

 

Ende April erscheint als Band 76 der konkret texte-Reihe ein Buch von Jörg Kronauer: Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens (294 Seiten, 26 Euro).

China ist das erste Land seit dem Zerfall der Sowjetunion, das das Potential hat, mit den westlichen Hegemonialmächten ökonomisch und politisch gleichzuziehen, ihre Dominanz also auf allen Ebenen zu brechen. Kein Wunder, dass sie mit aller Macht versuchen, ihre Position zu verteidigen. Das Buch zeichnet die Konflikte nach, die aus Chinas Aufstieg zur Weltmacht und den Reaktionen der westlichen Mächte darauf entstanden sind und weiter entstehen.

Fast 30 Jahre nach der Kapitulation der Sowjetunion fängt das Magazin der »Süddeutschen Zeitung« den Kalten Krieg noch einmal an – zum aktuell wünschenswerten Beweis, dass rot ungleich schlimmer ist als braun. Um sich der »magischen Beziehung zwischen Tochter und Mutter (zu) nähern«, lässt das Blatt Frauen Liebesbriefe schreiben: Margot Käßmann, die ihre Nazi-Mama entschuldigt: »Dem Hitler-Regime standst du offenbar unreflektiert gegenüber«, und Monika Hohlmeier, die für ihre Mutter Marianne, Ehefrau des NS-Führungsoffiziers a. D. Franz Josef Strauß, schwärmt: »Du hast keinen Deiner prachtvollen sechs Enkel erleben dürfen. Du wärst eine tolle Oma geworden!«

In einem weiteren »SZ«-Brief darf Bettina Röhl klagen, dass ihre Mutter Ulrike Meinhof in ihrem ideologischen Wahn nicht nur verkannt habe, wie »schön« diese Bundesrepublik war, sondern die Töchter zwar nicht nach Auschwitz »verfrachtet«, aber doch in ein »sizilianisches Erdbebenlager« und damit deren »Vernichtung« »regelrecht betrieben« habe. Wenn Deutschlands bekannteste Ulrike-Meinhof-Tochter erzählt, stimmt nichts: Oma Röhl schreibt an die »Liebe Mami« im Tonfall eines Teenagers (»Da war ich ganz doll verknallt«) und schließt die Geschichte mit einem bunten Stilblütenstrauß: »Deine Opfer, die Witwen und Waisen der Polizisten und anderen Menschen, die Du, die Ihr ermordet habt und die Ihr zurückgelassen habt in ihrem Schmerz, die heute noch leben, während ihre von Euch ermordeten Angehörigen naturgemäß immer noch tot sind, was regelmäßig vergessen wird, müssen Dir deshalb keineswegs auch verzeihen.« Er könnte einem bei solchen Lobrednern fast leid tun, der Kapitalismus.

Wer nichts von Meinhof weiß (außer natürlich dass sie die schlimmste Verbrecherin in Deutschlands Geschichte war), lese die Sammlung ihrer konkret-Kolumnen Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken (Wagenbach, 1980). Im Gegensatz zur »Süddeutschen« und ihrer Brieftante sind sie klug, lehrreich, gut geschrieben, ja: ein Vergnügen. Und noch wo sie irrte, hatte sie bessere Gründe als ihre Verächter.

 

Erinnern Sie sich noch an Degenhardts »Befragung eines Kriegsdienstverweigerers«? »Also Sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz. Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich Kommunist? Marx und Engels haben Sie gelesen. Sagen Sie, verstehen Sie das denn? Sie ham doch bloß die Volksschule besucht.« Und nun begehrt Reemtsmas »Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur« von allen Achtundsechzigern (und also auch vom »sehr geehrten Herrn Gremliza«), die als »Akteurin und Akteur … im Zeitfenster zwischen dem Juni 1967 und dem Oktober 1969« an »der Organisation von außerparlamentarischen Aktivitäten beteiligt « waren, »in Druckbuchstaben und möglichst leserlich« zu wissen: »Konfession/Religionszugehörigkeit? «, »Wie würden Sie die soziale Herkunft Ihrer Eltern einordnen?«, »War Ihre Mutter in der NSDAP?«, »Wurde sie womöglich sogar verfolgt?«, »Welchen Rang haben Sie in der Bundeswehr bekleidet?«, »Schildern Sie Ihre Politisierung«, »Was für eine Grundschule haben Sie besucht? « oder »Welche Rolle spielte das Geschlechterverhältnis für Sie?« – eine Frage, die mit der Aufforderung, Ihre Forscher möchten sich freundlicherweise ins Knie ficken, zu höflich beantwortet wäre. Unterzeichnet von Reemtsmas Kraushaar-Dackel, der darüber wacht, dass alle der Herrschaft so brav bei Fuß gehen wie er. Was für Leute in möglichst leserlichen Druckbuchstaben den elfseitigen Fragebogen beantworten werden? Achtundsechziger, die aus dem Zeitfenster gefallen sind, und zwar direkt auf den Kopf?

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