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Mein Punk, dein Punk?

Wie die Neuen Rechten in ihren Popkulturkämpfen linke Techniken nutzen. Von Klaus Walter  

The Kids Are Alt-Right« heißt ein vielgeklickter Song der US-Band Bad Religion aus dem Sommer 2018. Die Musiker sind keine Kids mehr, eher Altherren-Punks, und sie beklagen, dass die Kids heutzutage nicht mehr links sind, sondern rechts, Alt-Right.

Die Neue Rechte in den USA ist attraktiv für Leute, die sich vom sogenannten Mainstream absetzen wollen. Vor allem für junge, weiße Männer. Wobei es die Neue Rechte gar nicht gibt. Die Neue Rechte in den USA ist ein disparater Haufen rechter Individuen, Strömungen und Grüppchen, die in den ongoing Kulturkämpfen nicht mehr verbindet als der gemeinsame Gegner: die angebliche Diktatur der politischen Korrektheit.

Mit ihrem so eingängigen wie einfältigen »The Kids Are Alt-Right« kommen die Punkveteranen von Bad Religion daher wie der wohlmeinende linksliberale Lehrer aus dem Bilderbuch, der fassungslos zur Kenntnis nehmen muss, dass seine Schüler ein Faible für Faschisten haben. Huch, die Kids sind plötzlich Alt-Right, dabei waren sie doch immer »alright«, wie 1965 im gleichnamigen Hit von The Who. »The Kids Are Alright« steht für den romantischen Wunsch, das Herz möge links schlagen, für die unverwüstliche Schnapsidee, dass junge Leute, die anders sein wollen als die konformistische Masse, automatisch nach links driften. The Who sind mittlerweile über 70 und spielen »The Kids Are Alright« bis heute, ihr Sänger Roger Daltrey befürwortet den Brexit. Dass die Kids nicht immer alright sind, sondern rechts bis rechtsextrem, das ist allerdings keine Errungenschaft der Alt Right. »Was sich seit 1990 in der Welt abspielt und in Deutschland auf besonders .ese Weise gespiegelt und verstärkt wird, ist die Zuspitzung der Bewaffnung mit Identitätskriegen, die im Gegensatz zu früheren Style Wars nicht nur semiotisches Territorium umkämpfen.« Schreibt Diedrich Diederichsen 1992 unter dem Titel »The Kids are not alright«. Anlass sind Pogrome in Rostock, Mannheim, Hoyerswerda und der Brandanschlag in Mölln. Die Kids, die Jagd machen auf Leute, die anders aussehen, sie hören harte Musik und tragen Baseballkappen mit dem X von Malcolm X.

1976 deklamieren die Sex Pistols »Anarchy in the UK«, ihren größten Hit landet die populärste Punkband ihrer Zeit mit »God Save the Queen«. Reimt sich auf »The Fascist Regime«. Dass Punk in England damals schon mal mit Nazi-Symbolen flirtet, dient vor allem der Provokation der Eltern. Die hatten schließlich den Krieg gegen die Nazis gewonnen, da taugt die Tochter im Hakenkreuz- Shirt oder der Sohn in SS-Uniform zum Skandal – und führt zu unproduktiven Missverständnissen. So hält sich unter vielen 68er-Linken in der BRD lange der Köhlerglaube, Punk sei rechts oder faschistisch.

Die maoistische Wochenzeitung »Arbeiterkampf « versuchte einst, ausgerechnet die Dead Kennedys, eine der wenigen dezidiert linken Punkbands der späten Siebziger, als Nazis zu enttarnen. Der nicht eben hauchzarte Sarkasmus des zum Beweis herangezogenen Songs »Kill the Poor« war den Genossen um DJ Dosenpfand entgangen. Unschlagbar in Sachen »Punk ist Nazi«-Velwechsern ist allerdings die »Lindenstraße«. Jahrzehntelang gab es im deutschen Fernsehen keinen zuverlässigeren Seismografen dafür, wie so gedacht und vor allem gefühlt wird in sozialdemokratisch- grünlichen Traditionsmilieus. Milieus, denen Pop als läppisch gilt, wenn sie ihn nicht gleich verteufeln als Teil des yankeegesteuerten kulturindustriellen Verblendungszusammenhangs. So kommt eines Tages der Mussolini in die »Lindenstraße «: Anfang der Neunziger verhext der Knikkerbocker- Altnazi Franz seinen pubertierenden Großneffen Klausi Beimer in einen Jungnazi, so verarbeitet das Geißendörfer- TV Rostock, Mölln, Hoyerswerda. Damit auch das popahnungslose Publikum versteht, was mit dem armen Klausi los ist, dröhnt aus dem Kinderzimmer nicht Störkraft, nicht Landser oder wenigstens die Böhsen Onkelz. Sondern: »Geh’ in die Knie / und klatsch’ in die Hände, / Beweg’ deine Hüften, / Und tanz’ den Mussolini! / Dreh dich nach rechts, / und klatsch in die Hände / Und mach den Adolf Hitler, / tanz den Adolf Hitler!« Klausi nazi(n)fiziert sich zu den Klängen eines zehn Jahre alten Electronic-Body-Music-Tracks von zwei kahlrasierten Düsseldorfer Lederschwulen (na ja, sie sahen zumindest so aus) mit Kunstbackground, gesungen vom Sohn eines spanischen »Gastarbeiters«.

Während also in der alten BRD ahnungslose Linke und Linksliberale an der Gleichung Punk = Nazi bastelten, erleben wir heute in den USA den Versuch, die Gleichung umzudrehen: Nazi ist der neue Punk! Oder wenigstens: Alt-Right ist der neue Punk. »She was punk rock!«, ruft ein aufgeregter Typ um die 40 in einer populären US-Talkshow. Sein Name ist Gavin McInnes, er war Mitgründer der Zeitschrift »Vice« und ist ein Star der Neuen Pop-Rechten in den USA. »She« – das ist Margaret Thatcher, Lieblingsfeindin der Punks in den Achtzigern. Warum dichtet McInnes ausgerechnet sie posthum zum Punk um? »Thatcher war die anarchistischste Politikerin Großbritanniens, weil sie den Markt befreit hat von staatlicher Bevormundung. « So definiert McInnes die Anarchie in UK in der »Frankfurter Rundschau«. Im Herbst 2018 legt er nach: »Ich bin noch immer der Punk, der ich vor 20 Jahren war. Nur, dass meine Zielscheibe nicht mehr die bourgeoisen Spießer aus den Vororten sind, sondern die politisch korrekte linke Elite.«

Wenn die Grenzen des Anstands und die Tabus heute eine angeblich politisch korrekte linke Elite diktiert, dann kommt die punky Provokation eben von rechts. Mit dieser schlichten Logik steigt Gavin McInnes zum Medien-Punk auf, eigene Fernsehshow inklusive. Da steht er im Studio – Sakko, Jeans, gepflegter Vollbart – und lässt die Hose runter, um sich einen Dildo anal einzuführen. Was soll das? »Zu diesem Zeitpunkt war McInnes mit Vorwürfen konfrontiert, er sei ein Rechtsradikaler «, erklärt der Autor Bernhard Pirkl, Kenner der neuen US-Rechten.

Mit seiner Performance habe sich McInnes gegen Behauptungen gewehrt, er sei homophob und repräsentiere eine toxische Männlichkeit. »Wenn man nicht weiß, was man von ihm halten soll, könnte man denken, dass es sich um eine linke Kommunikationsguerilla handelt«, so Pirkl. Die Übernahme linker Medienstrategien und Aktionsformen durch Rechte kennen wir in Europa etwa von der sogenannten Identitären Bewegung, die schon mal auf das Brandenburger Tor klettert, um zu demonstrieren.

Nicht nur Punk wird von rechts entführt und umgewidmet, auch der Begriff Hipster macht seine Metamorphosen durch. Gavin McInnes, Prototyp des sogenannten rechten Hipsters, gründet 2016 die Proud Boys, Pirkl nennt sie »eine Art postmoderne Burschenschaft. Sie wurden auch als Fight Club der Alt-Right bezeichnet.« Die Proud Boys entwickeln sich ±ott zu einem wichtigen Player im Kulturkampf von rechts. Mit ihrer Skinhead- Punk-Ästhetik setzen sie der vielbeschworenen Krise des weißen Mannes einen übersteigerten Maskulinismus entgegen. Das politische, nun ja, Programm der Stolzen Jungs formuliert McInnes so: »Minimaler Staat, maximale Freiheit, gegen politische Korrektheit, gegen ›Rassenschuldgefühle‹, für das Recht auf Schusswaffen, gegen den Drogenkrieg, für geschlossene Grenzen, gegen Masturbation, Unternehmer hochachten, Hausfrauen hochachten.«

Ein konzises Programm sieht anders aus, aber das tut dem Erfolg keinen Abbruch, im Gegenteil. Der fast schon spielerische Umgang mit vermeintlichen Widersprüchen ist eine der Stärken der neuen Pop-Rechten. McInnes treibt das Spiel mit den Widersprüchen mitunter bis hin zur paradoxen Intervention.

Bei der Dildo-Szene performt er quasi schwulen Sex mit sich selbst und provoziert so gleich an drei Fronten: erstens die sprichwörtlichen bourgeoisen Spießer aus Suburbia, zweitens seine rechten Gesinnungsgenossen mit ihrem notorischen Schwulenhass und, drittens, die verhasste PC-Linke und ihr Weichei-Jargon von safe spaces und Triggerwarnungen.

Rabiater Antifeminismus, der Kampf gegen »Genderwahn«, Homophobie, Antiabtreibungskampagnen – die Neuen Rechten machen den Körper zum Schlachtfeld – den weiblichen Körper und den effeminierten (Homos sind keine Männer).

Die vereinheitlichende Rede von der Alt- Right oder der Neuen Rechten verkennt ihre Diversität, ihre Hydra-Vielköpfigkeit, und damit eine ihrer Stärken. Die Neuen Rechten haben viele Gesichter, sie sind keine Partei, nicht mal eine Bewegung, eher schon ein unberechenbarer, heterogener Schwarm von Erscheinungen, Pop-ups, dem seine zahlreichen inneren Widersprüche eher nützen als schaden. Zwischen Dildo-Dandy McInnes, der die Proud Boys mittlerweile verlassen hat, und dem pussygrabbenden Agent Orange im Weißen Haus liegen Welten, zwischen Milo Yiannopoulos, dem abgestürzten Paradiesvogel der Alt-Right-Pop-Jugend, und der piefigen CDU-Karnevalistin aus dem Saarland mit ihrem verklemmten Sitzpinklerhumor liegen noch mehr Welten; auch Johnny Rotten verbindet nicht viel mit Beatrix von Storch. Aber sie bedienen sich ähnlicher Narrative, und sie bedienen ähnliche Stimmungen. Alle betreiben Bio- und Körperpolitik als putative Notwehr, als Widerstand gegen die angebliche Diktatur der politischen Korrektheit. Gegen Tugendterror, Genderwahn und Sprachpolizei helfen Grenzüberschreitung, Tabubruch, Transgression. Also eigentlich linke Kulturtechniken, Punk-Strategien. Aber was heißt hier eigentlich?

»Wenn du heute provozieren willst, wenn du deine Eltern schockieren willst, dann musst du Donald Trump wählen. Trump ist der neue Punk, Republikaner sind das neue Cool.«

Das ist einer der Signatursätze von Yiannopoulos. Als schwuler Tabubrecher, als Pionier der rechten Transgression ist Milo zum Popstar aufgestiegen, bis er ein Tabu zu viel gebrochen hat. Päderastie sei doch auch ganz okay, hat Milo verkündet, das war’s dann mit dem Ruhm, fürs erste. Geblieben sind seine Sprüche: »Das Dissidente, Punk, Provokation, Respektlosigkeit. All das ist heutzutage besser ausgedrückt mit einer ›Make America Great Again‹-Kappe.« Mit so einer Kappe lässt sich auch John Lydon fotografieren. Der ehemalige Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, lebt heute in den USA und wird häufig gefragt, ob Trump eine »politische Sex Pistole« sei. Lydon lächelt dann milde, rückt seine feuerwehrrote Kappe zurecht und zieht an der Kippe. Das feuerwehrrote »Make America Great Again«-Shirt spannt um den Bauch, Lydon trägt sein Gewicht ohne Reue. Wie er da sitzt und pafft, gibt der Bürgerschreck von einst die Karikatur des fetten, weißen Wutbürgers. Der lässt sich von der PC-linken Elite nicht vorschreiben, was er essen, trinken und rauchen darf. Keine Hamburger? Keine Cola? Keine Zigaretten? Von wegen. Jetzt erst recht. Fuck you, Michelle Obama, dich und deinen Gemüsegarten im Weißen Haus. Fuck linksgrünversi fften Quatsch wie den Veggie Day. Im britischen Fernsehen bekundet Lydon Sympathien für Nigel Farage. Der ehemalige Chef der rechtsnationalen UK Independence Party war eine treibende Kraft des Brexit. Wie er selbst zum Brexit stehe, wird der Autor von »God Save The Queen, The Fascist Regime « gefragt. »Die Arbeiterklasse hat gesprochen, und da ich selbst zur Arbeiterklasse gehöre, bin ich auch für den Brexit«, sagt der Mann, der seit über 40 Jahren dem Pop- Adel angehört und Millionen von Tonträgern verkauft hat.

Donald Trump ist der neue Punk? Wer die modernen Rechten bekämpfen will, muss diese Lektion erst mal kapieren. Und in Frage stellen. Eigentlich.

Klaus Walter moderiert beim Hamburger Internetradiosender Byte FM jeden Montagabend die Sendung »Was ist Musik«


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