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Deep Throat

Peter Kusenberg über avancierte Technik und KI-Bilder

Nicht erst seit der Konstantinischen Schenkung wissen zumindest die um Erkenntnis bemühten Erdlinge, dass Streber und Angeber aller Couleur wichtige Dokumente, Bilder und Reliquien zu fälschen pflegen, um ihren Machtanspruch zu rechtfertigen und das Lügengespinst zur Überhöhung der eigenen Person einzusetzen sowie zur Schikane ihrer Mitmenschen. Im Digitalzeitalter hat sich daran nichts geändert, nur dass Algorithmen die Drecksarbeit übernommen haben und die Fälscherei eindrucksvoller bewerkstelligen als Kardinäle und Konrad Kujau.

Jüngst präsentierte das von Elon Musk mitbegründete Open-AI-Institut in San Francisco eine Künstliche Intelligenz (KI) namens GPT-2, die Texte erstellt, deren Elemente plausibel miteinander verbunden sind und in Tonfall und Stil harmonieren. Das Institut hat das Programm bislang nicht veröffentlicht – aus Sorge, dass es in die Hände moralisch zweifelhafter Zeitgenossen fallen könnte, die mithilfe dieser Lügenmaschine Verleumdung im Internet um ein Vielfaches steigern könnten.

Mehr noch als die zu erwartende Schwemme rassistischer und misogyner »Nachrichten« indes ängstigt den braven deutschen Halbbildungsbürger die Aussicht auf gefälschte Produktrezensionen. Denn seit langem kauft er seinen Krempel nicht mehr beim Händler um die Ecke, sondern bestellt Wäschetrockner und TV-Beamer im Online-Geschäft, wo kein Fachpersonal berät, sondern die Käufer ihre Qualitätssternchen vergeben. Bislang mussten Hersteller Heerscharen von Produktrezensenten bezahlen, was mit cleverer KI-Software entfallen dürfte.

Von KI-Texten ist es nicht weit zu KI-Bildern und KI-Persönlichkeiten. Beim Porno-Publikum erfreut sich das Programm Fakeapp 2.1 großer Beliebtheit, mit dem sich sogenannte Deepfakes erstellen lassen: Pornofilme mit Gesichtern von Exfreundinnen, Schauspielerinnen oder mit dem Antlitz der feministischen Medienkritikerin Anita Sarkeesian (siehe konkret 1/19). Dank avancierter Technik wirken diese Machwerke deutlich »echter« als die mit »Face Swap«-Programmen fürs Smartphone erstellten Quatschvideos, so dass sich Menschen aufs niederträchtigste kränken und demütigen lassen. Damit sich die Internetnutzer nicht bald fragen müssen, ob der Live-Videomitschnitt eines Kanzlerinnen-Auftritts echt ist, bedarf es entweder eines scharfsinnigen Geistes – oder guter Enttarnungssoftware à la Truepic, die gewiss bald einen Boom erleben wird.

Peter Kusenberg 

 

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