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Im Kampf gegen mutmaßliche Drogendealer überschreiten die Behörden schon mal Grenzen. Von Johannes Creutzer

In der Hamburger Hafenstraße gehört die Dauerbelagerung durch uniformierte und zivile Polizei, die nach eigener Auskunft der Straßendealerei wegen dort ist, zum Alltag. Wenn auch die Mengen der hier gehandelten Drogen kaum ins Gewicht fallen, stört die Anwesenheit der schwarzen Verkäufer im Touristenhotspot Polizei und Politik. Am 14. März veranstaltete die Polizei eine Großrazzia, die zur Festnahme von 16 vermeintlichen Dealern führte. Im Einsatz waren nicht nur rund 100 Polizisten, sondern auch eine extra aus Brüssel eingeflogene Delegation der Botschaft von Gambia. Ziel dieser Kooperation sei, »aufgegriffene und sich illegal in Deutschland aufhaltende Ausländer unmittelbar weiterbearbeiten zu können«, so ein Sprecher der Hamburger Innenbehörde zur »Welt«. Praktisch hieß das, die Festgenommenen auf dem Polizeirevier einem Verhör durch die gambische Delegation zu unterziehen. Nimmt die Delegation eine gambische Herkunft an, stellt sie sofort neue Ausweispapiere aus, um die Abschiebung nach Gambia einzuleiten. Wieviele der Festgenommenen als Gambier (um-)gedeutet wurden, wollte die Hamburger Innenbehörde nicht verraten.

In Gambia gilt die Flucht nach Europa schon lange als einzige Möglichkeit für junge Männer, Auskommen und Anerkennung zu finden. Die Chancen sind jedoch gleich null. Nicht erst seit Amtsantritt des Präsidenten Adama Barrow Anfang 2017 ist es für Gambier unmöglich, Asyl und Arbeitserlaubnis zu erhalten. Barrows Vorgänger Yahya Jammeh, der über 20 Jahre regierte, hatte die jungen Gambier immer wieder öffentlich ermutigt, ihr Glück in Europa zu suchen, und Abschiebungen nach Gambia verweigert. Mittlerweile leben ungefähr sieben Prozent der zwei Millionen Gambier im Ausland, und obwohl die meisten Geflüchteten in Europa als Illegale gelten, machen die Geldüberweisungen an ihre Familien mehr als ein Fünftel des gambischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Präsident Barrow ist angetreten, die Lebensbedingungen in Gambia zu verbessern. Hilfe bekommt er von der EU, die das kleinste Land Afrikas als Testlabor für die Bekämpfung von Fluchtursachen betrachtet und finanziell unterstützt. Ein Teil des Geldes fließt in Plakate, aufgehängt in der Hauptstadt Banjul: »You can make it here!«

Als Gegenleistung scheint Deutschland die Rücknahme jener zu verlangen, die in der Hafenstraße und anderswo ihr Glück suchen. Nach dem erfolgreichen Debüt in Hamburg tourt die Delegation der gambischen Botschaft nun durch Deutschland – die nächsten Auftritte sind in Berlin, Frankfurt und München geplant.

Johannes Creutzer 

 

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