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Peter Kusenberg über das Propagandavideoformat »Grill den Scheuer«

Will der Zeitgenosse einmal nicht mit dem Auto durch Innenstädte brausen, im Flugzeug um die Welt jetten und blöden Kram kaufen, dann stellt er im Naturschutzgebiet ein Barbecue-Set auf und wirft Billigwürste drauf, um das Land mit Grillanzündern und Dreckskohle zu verpesten; dabei hält er seine mobile Blödmaschine in der Hand und stöbert auf Twitter, Youtube und Instagram nach Zehn-Sekunden-Ablenkungen vom elenden Sosein, wobei er seit September 2018 auf Preziosen wie »Grill den Scheuer« stößt. Dabei handelt es sich um ein PR-Video-Format namens »Neuigkeiten- Zimmer« des Bundesverkehrsministeriums, das unter Grillen nicht das verdiente Rösten des Automobillobbyisten Andreas Scheuer versteht, sondern eine durch vorbereitete Fragen unterbrochene Propagandarede. Jenen Newsroom leitet der Ex-»Bild«-Mitarbeiter Wolfgang Ainetter, für seine Arbeit steht ihm und seinem Team ein Etat von jährlich rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung, womit sich eine Menge Propagandafilmchen produzieren lassen.

Logischerweise findet Scheuer wenig Zeit, die Fragen von Journalisten zu beantworten, weshalb diese Politiker-PR-Maschine sukzessive den klassischen Journalismus ersetzen könnte. Diesen Journalismus ohne Journalisten wissen Scheuers Kollegen zu schätzen und tun’s ihm gleich. Das empört die »vierte Gewalt «, die nicht mehr nachfragen darf, ob Scheuer den Dieselgrenzwert um drei oder vier Promille erhöhen wolle. Indes wirkt es eher possierlich, wenn sich gerade die Twitter- und Facebook-verliebte Pressbagage über Politiker echauffiert, die »Social Media« einsetzen, um ihre Phrasen in Form eines Videos oder Podcasts zu präsentieren, statt zig Käseblättchen und Nationalmagazinen die immergleichen konformen Fragen zu beantworten. Hätten sie gewusst, wie geschmeidig der »Bürgerdialog« einmal vonstatten gehen könnte, wären die Ahnen neidisch gewesen, etwa mein neben Hella von Sinnen bekanntester Oberberger Landsmann, der NSDAP-Reichsleiter Robert Ley. Der hatte in einem bei Youtube abrufbaren Fernsehinterview anno 1938 zu »Fünf Jahre Kraft durch Freude« volltrunken rumrhabarbert und sich hübsch zum Affen gemacht.

Man ahnt, dass die Scheuers die Angst vor der Äffigkeit umtreibt und bald kein Politiker mehr ohne seinen Ainetter in Erscheinung treten wird – den Journalisten bleibt immerhin die Dokumentation des medialen Elends via Twitter.

Peter Kusenberg

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