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Schrulliger Faschismus

Paul Schuberth über die ORF-Sendung »Willkommen Österreich« und die Grenzen der Satire

 

Gute Satire darf angeblich alles, doch es ist immer die schlechte, die auch tatsächlich alles macht. Stermann & Grissemann, Haus- und Hofsatiriker des österreichischen Rotfunks – wie Rechte den ORF wegen der fehlenden faschistischen Propaganda im Kinderprogramm nennen –, beweisen stets aufs Neue, dass Satire in Österreich dazu taugt, den herrschenden Wahnsinn erträglich und einträglich, nicht aber begreiflich zu machen. In ihrer Sendung »Willkommen Österreich« demütigen sie hauptsächlich ahnungslose Teilnehmer österreichischer Quizshows ein weiteres Mal. Selten ziehen sie auch FPÖ-Politiker durch den Kakao. Mit dem einzigen Ergebnis, dass sich die braunen Flecken auf ihrem weißen Hemd als Kakaoflecken erklären lassen. Es gilt: Wer sich noch verarschen lässt, kann so gefährlich nicht sein.

Im vergangenen Dezember war der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl an der Reihe. Er ist einer von jenen, die man Nazi nennen sollte, nicht weil »Rechtspopulist« zu umständlich wäre, sondern weil sie lupenreine Faschisten sind: So fordert Waldhäusl die Registrierung von Juden, die geschächtetes Fleisch kaufen wollen, und verlangt »Sonderbehandlung« für nicht integrationswillige Asylbewerber, denen er auch gleich ein Lager mit Stacheldrahtzaun und Wachhund einrichten lässt. Aus dem »Das wird man wohl noch sagen dürfen« ist längst ein anerkanntes »Das musste gemacht werden dürfen« geworden, weswegen sich der Landesrat im Interview zur besten Sendezeit auf ORF 2 für diese Ungeheuerlichkeit auch nicht rechtfertigen musste, vielmehr den Zaun zur Sicherheitsmaßnahme für die Asylbewerber zurechtlügen durfte. Stermann & Grissemann hätten nichts am Interview auszusetzen, besäße Waldhäusl nicht die Eigenheit, immer wieder an unpassenden Stellen unwillkürlich zu nicken und den Kopf zur Seite zu legen; ein harmloser Tick, womöglich aber auch Symptom einer ernsten Krankheit, das die Satiriker zu minutenlangen Imitationen und das Publikum zu stürmerischem Gelächter hinreißt. Höhepunkt dieser Ausgabe der antifaschistischen Sendung »Willkommen Österreich« ist ein Musikvideo, in dem der zum Popstar avancierte Landesrat im Takt zur Musik nickt. Eigentlich sei er es, der hinter Stacheldrahtzaun verbarrikadiert gehöre, gibt das Duo zu bedenken; nicht aber, weil er durch seine Politik andere gefährdet, sondern weil er seltsame Bewegungen macht.

Zwei Dinge erreicht diese Satire, die ihrem Opfer genauso gleicht, wie ihr lieb ist. Denkende und fühlende Menschen zwingt sie zur Empathie mit einem Unmenschen, den sie wegen unbedeutender Eigenheiten verhöhnt, während sie alle anderen auf das vorbereitet, was in einer künftigen Welt nach dem Geschmack Waldhäusls und seiner Kameraden allein zählt: Hass auf das Andere.

Paul Schuberth

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