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»Feminazi«-Jäger

Peter Kusenberg über Gamergate und Gamerleaks

Arthur Morgan ist ein ganzer Kerl: Bestückt mit Stiefelsporen, Lasso und Stetson, angelt er Forellen im reißenden Fluss, schießt Hirsche im Wald, und wenn ihm jemand dumm kommt, regelt Morgan die Sache mit Fäusten oder Revolver. Der Spieler bestimmt das Verhalten jenes Protagonisten im Open-World-Westernspiel »Red Dead Redemption 2«. Morgan verprügelt den Anführer einer Ku-Klux-Klan-Truppe, alternativ erschießt er den Mistkerl – oder ignoriert ihn. Ein Youtuber namens Shirrako löste ein Medienecho aus, als er Gameplay-Videos veröffentlichte, in denen er Morgan eine »nervtötende Feministin« malträtieren ließ, unter anderem mit einer Eisenstange. Millionen sahen zu, wie Shirrakos Morgan die Frau fesselte und auf Bahnschienen ablegte, um sie vom Zug überfahren zu lassen und danach den Leichnam anzuzünden.

Open-World-Adventures laden Spieler dazu ein, Albernheiten und Geschmacklosigkeiten auszuprobieren. Das ist ebensowenig bemerkenswert wie schlüpfrige Gedanken eines Pubertierenden beim Betrachten der »Märchenbraut«, wenn sich der Spieler hinterher schämt und zur aufrichtigen Schurkenbekämpfung zurückkehrt. Doch Shirrako veröffentlichte das Video, »weil’s lustig war«. Das führte zu einer Flut von Kommentaren, die einander hinsichtlich Schäbigkeit und Misogynie überboten, etwa Follower Jackie: »Ich hab’ schon 1.000 Männer ermordet: Zeit für ein bisschen Gleichberechtigung!«, während S0ad29 frohlockte: »Ich kann die Feministinnen und Gutmenschen weinen hören … Sollte mit einer Trophäe belohnt worden sein!« Andere schmähten in Videokommentaren »linke Feminazi«-Magazine wie »Vice«, die die Aktion kritisiert hatten. Der Betreiber des Vlogs »Review Tech USA« höhnte, dass Shirrakos Videos verglichen mit seinen eigenen harmlos seien, und ging zur Diffamierung von Schwulen und Schwarzen über.

Derart antiemanzipative Hohlköpfe sind kein Einzelfall: nicht in den asozialen Medien, nicht in der Games-Sphäre. Sie stehen in der Tradition der 2014er Hasskampagne »Gamergate«, in deren Verlauf Frauen wie die Entwicklerinnen Zoë Quinn und Brianna Wu sowie die Medienwissenschaftlerin Anita Sarkeesian Morddrohungen erhielten. Davon zeugen auch die Erfahrungsberichte, die zahlreiche Frauen neuerdings unter dem Hashtag #GamerLeaksDe posten. Reflexion ist weder von Hetzern noch von Herstellern zu erwarten, höchstens halbgelungene Witze: Nachdem Shirrakos Kanal kurz gesperrt war, ließ er in einem neuen Video die Suffragette den misogynen Morgan vermöbeln.

Peter Kusenberg

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