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Leo Fischer über die Aktion »Soko Chemnitz« des Zentrums für politische Schönheit

»Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht« – für diesen gutgemeinten Satz Kurt Tucholskys fand man auch im Dezember wieder Beweise sonder Zahl. Das Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit unter Philipp Ruch hatte unter dem Titel »Soko Chemnitz« dazu aufgerufen, Bilder der Teilnehmer an den Chemnitzer Nazi-Demos online zu identifizieren und ihren Arbeitgebern Bescheid zu geben: »Wo arbeiten diese Gesinnungskranken? Wer beschäftigt sie? Warum haben sie die Zeit, ihren Hass auf Minderheiten zu verbreiten, die Presse zu attackieren und die Kunst mit Gewalt zu bedrohen?«

Was folgte, fand im Geiste der Sentenz statt: Nicht die Chemnitzer Nazis und ihre Freunde wurden denunziert, sondern die Künstler. Während AfD-Mitglieder in Windeseile die Privatadresse Ruchs und den Namen seiner Mutter im Netz verbreitet hatten, räumte die Polizei im Gleichschritt den Laden, den das Zentrum angemietet hatte – unter der windigen Begründung, jemand könnte bereits Anzeige erstattet haben. Die sächsische Staatskanzlei ließ derweil parodistische Elemente der Website verbieten. Rückendeckung zu alledem gab es aus dem liberalen Feuilleton, von »Welt« bis »Süddeutsche«, wobei letztere Ruch allen Ernstes mangelnde »Gesprächsfähigkeit« und Demokratiefeindschaft attestierte.

Die Positionen des Zentrums hat auch diese Zeitschrift kritisiert (konkret 8/18 und 1/18) – besonders den Hang zur Relativierung der Shoah, deren Ikonografie es nonchalant auf nahezu jede Art politischer Gewalt appliziert. Das Bedürfnis, konsequent in der Sprache der Täter zu bleiben, der rhetorische Bombast und der politische Ermächtigungsgestus sind auch der neuen Aktion noch in Spuren eigen – sonst ist sie jedoch nahezu aller Kunstmittel entkleidet. Nazis zu identifizieren und ihre Sympathisanten der Mitte mit ihnen zu konfrontieren, ist letztlich nur handelsüblicher Aktivismus, wobei hier immerhin mit der hübschen an die Methoden der Soko Schwarzer Block angelehnten Pointe, dass die Nazis sich angeblich unwissentlich selbst identifizierten, indem sie auf der Soko-Chemnitz-Website nach ihrem Namen suchten. Dass Aktivismus in Deutschland überhaupt nur als »Aktion«, unterm Mantel der Kultur funktioniert, ist den ideologischen Abwehrmechanismen ebenjener Kulturschaffenden geschuldet, die mit Nazis am liebsten immer nur Gesprächsfähigkeit herstellen wollen, sonst aber vor allem geschäftige Stille produzieren: Indymedia kann man geräuschlos verbieten; Kunst und Kultur, welche dieses Land vorgeblich schätzt, lassen sich noch nicht ganz ohne Begründung einstampfen.

Paradoxerweise ist die Kunst des Zentrums wohl gerade da am besten, wo sie gar keine Kunst mehr sein will, wo sie nur mehr ihre Pathosformeln zitiert mit dem Zweck, liberale Kunstliebe gegen liberalen Linkenhass auszuspielen. Allein: Als Kunst ist die Aktion eben auch nicht wiederholbar, ohne Konsequenz und entmutigt alle Versuche, Aktionen zum Aktivismus zu verstetigen. Als Kunst ist die »Aktion« immer in Anführungszeichen gesetzt, geht in Distanz zu sich selbst, nimmt die präsumierte Abwehr des Publikums in sich auf, gibt ihm somit stets ein bisschen recht. Als Kunst bleibt Antifaschismus ein Skandal, die Ausnahme – und Anspielung auf ein Engagement, das doch nur im allgemeinen Geblöke untergeht.

Leo Fischer

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