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Dürfen Menschen Menschen fotografieren?

Von Ulrich Holbein

Holbein
»Die einen werden bald verschwinden, / die andern wälzen sich im Korn«: Durfte Ulrich Holbein diese Paare ablichten?

Wenn die Welt untergeht, ist das sicher nur halb so schlimm, solange nur einige Fotos von ihr übrigbleiben. Sobald mein Anwesen und Waldhäusel als Gesamtkunstwerk postum nicht erhalten werden kann, kann ich mich trösten, dass es doch schöne Fotos davon gibt. Also alles schnell noch ablichten, als Sicherheitskopie für die Akasha-Chronik untergegangener materieller Welträume.

Doch Fotografieren wird immer gefährlicher. 2018 starben mal wieder weniger Leute durch Haie als dadurch, dass beim fröhlichen Selfieknipsen Geländer, über die man sich beugt, fortbrechen. Nirgendwo ein Ort, wo man nicht unvorgewarnt in Bildausschnitte reinläuft, und nirgendwo ein Stadtbild, wo nicht ein Wutbürger am Ärmel zupft und erwirkt, die letzten Aufnahmen zu löschen, in denen seinesgleichen und halt auch er erkennbar herumdackeln. Dann schnellen Persönlichkeitsrechte wie Popcorn aus den Töpfen. Nirgendwo ein argloser Knipser, zum Beispiel ich, der aus 30 Metern Distanz eine irrelevante Bushaltestelle einklickt, aus der nicht plötzlich eine fingernagelgroße Oma hervorbrüllt, dass sie sofort die Polizei ruft.

Als ich mal einen historischen, architektonisch recht interessanten Fachwerkkleinod-Marktplatz einfing, wo im Mittelgrund unter sommerlichem Sonnenschirm zwei, drei wunderbare Jugendfreunde ein Bierchen hoben, rief plötzlich eine beisitzende professionelle Fotografin, Karin, ich müsse vorher fragen, ob ich sie fotografieren dürfe, ansonsten sie das übergriffig finden würde und mich das ihre Freundschaft kosten könne. Sofort sandte Karin (Name von der Redaktion minimalinvasiv geändert) mir Paragrafen ins Haus und behauptete, auf einem Hippiefestival hätt ich absichtlich einen Rollstuhlfahrer geknipst. Sie schwoll auf: »Dadurch zieht bereits die Herstellung einer Bildaufnahme, welche zum Beispiel die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, juristische Konsequenzen – wie eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren – nach sich.«

Also weil ich arglos sympathisierend 15 lachende Hippies einfing, von denen einer ein Schild hochhielt: »Ich fahre bleifrei!«, soll ich, wenn’s nach ihr ginge, jahrelang ins Zuchthaus? Uff – wenn ich mich erst erkühnt hätte, eine Burka zu knipsen! Warum aber übernimmt just eine Fotostudiobetreiberin den Part, der Knipserei den Garaus zu machen?! Sollen wir da an Reste des Animismus denken, der die Seele der Abgelichteten der manipulativen Laune des Fotografen unterwirft, vor allem nach Mitternacht mit Pieksenadel? Ehe man reihum 17 Leut gefragt hat, ob man mal draufdrücken darf, haben die sich in alle Welt zerstreut. Ich aber sammle Bildmotive zu den Themenfeldern »Neu und Alt« und auch: »Alt und Jung«, fang auch ganz gern mal Kinderwagen und Rollstühle simultan ein, im öffentlichen Raum, um als engagierter Bildkünstler Aspekte des Phänomens Leben in manchen seiner Facetten sozusagen künstlerisch irgendwie bildmotivisch aufzubereiten und Alt und Jung didaktisch, in meinem Verantwortungsgefühl als mitdenkender und hellwacher Zeitgenosse, zum Denken anzuregen, ja, mit Denkanstößen zu versorgen, solang man mich noch frei rumlaufen lässt. Ich sandte Karin ein Meisterfoto, auf dem junge Leute an älteren Mitbürgern vorbeigehn, auf der Straße des Lebens, garniert mit Reimversen des schwäbischen Dichters Hermann Müller:

»So ist das Leben: stramm und knackig, / Gesicht wie Hintern rosenbackig, / ein Scheintraum von Elysium./ Dann schlaff und krumm und nur mit Stütze, / im Kopf noch einen Rest von Grütze – / und keiner schaut sich nach dir um. // Die gehn nach vorn, die gehn nach hinten, / die einen werden bald verschwinden, / die andern wälzen sich im Korn. // Kein Trost vorhanden, keine Lehren, / nur die vom großen Wiederkehren. / Was Anfang war, wird einmal Ende, / es reichen sich die Gegenhände Tod und das Leben: / nichts als Wende. // Nur scheinbar sind sie gegenläufig / sie treffen sich tagtäglich häufig: / Der eine gibt, dem andern wird gegeben, / der eine fällt, der andre kommt ins Schweben – so ist das Leben.« An Karin schrieb ich dann noch die Zeile: »Wenn ich diese vier Personen erst um Knipserlaubnis angegangen wäre, hätt ich den einmaligen Moment verpasst.«

Karin schrieb unversöhnlich zurück: »Bei diesem Bild können dich fünf Leute verklagen, wenn sie das zu sehen bekommen, inklusive der Autolenker, weil man das Nummernschild sehen kann. Du hältst dich nicht an die bestehenden Gesetze! Das ist ein Paparazziverhalten, das ohne jede Moral und Ethik wild um sich knipst. Dass du nicht schon haufenweisen Klagen am Hals hast, wundert mich sehr. Ich weiß auch von anderen, die davon sehr genervt sind, aber das müssen die dir selber in aller Deutlichkeit sagen.«

Sofort bedichtete Hermann Müller diese Vorgänge wie folgt: »Mit Verlaub und Vergunst – / wo bleibt die Freiheit der Kunst!!!??? / Ist jeder Hintern schon ein Gesicht? / Trifft denn nicht jeden Alter und Gicht? / Maler und Dichter – vors Standgericht!« Sollte die Fotografin mit ihrer Rechtsauffassung unsere oberste Richterin werden, wäre jeder mit Knast bedroht, der nicht sofort im Familienalbum jedes erreichbare Fremdgesicht mit schwarzen Balken versieht und jedes Nummernschild säuberlich wegschneidet.

Außerdem: Was heißt hilflos? Die Frau mit dem Rollator ist gar nicht so hilflos. Sie hat doch eine Gehhilfe. Mir hingegen kann auf Erden nicht geholfen werden. Ich bin immer hilflos, dürfte also absolut nie fotografiert werden. Karin hat mich auch schon oft eingeklickt und nie vorher gefragt. (Einst sah ich knusprig aus, und nirgendwo lief ich ins Bild. Seit ich naturgemäß verwittere, hagelt es Millionen Schnappschüsse.)

Ich sandte ihr dann Links über die Knipsfreiheit von Streetphotography: rechtambild.de/2018/04/bundesverfassungsgericht-erkennt-street-photography-als-kunstform-an/. Da simste sie mir giftig zurück, ich sei kein Fotograf, sondern knipse nur rücksichtslos in der Gegend herum, ohne die bereits erwähnte Ethik, und müsse mal zum Psychologen, um herauszufinden, was mich dazu treibe. Wenn ich jetzt selber lospsychologisiert hätte, warum sie dem Trauma frönt, von mir nicht geknipst werden zu wollen, hätt sie mich wohl Schönheitsfaschist genannt. Im Ausland freut sich jeder und will sofort mit Mordspose vors Objektiv. Hierzulande droht jeder sofort mit’m Kadi, sogar Männer und Kulturträger.

Sofort sprangen mir wunderbare Tröster und Juristen bei, kämpften auf meiner Seite, versorgten mich mit Termini wie Panoramafreiheit. Wenn da auch immer die Bevölkerungsexplosion drin herumrennt und jede menschenbefreite Architektur störend garnieren muss! Wer irgendwo langläuft, rennt immer dank deren hoher Anzahl irgendwelchen Chinesen ins Knipsfeld, muss also deren Dokumentationsrecht – ah! – respektieren und sich dem Öffentlichkeitsrisiko stellen – ah!

Ein andermal dokumentierte ich, als Architekturenthusiast, das kühle, neutralgrau gleißende Foyer einer unterfränkischen Musik- und Kongresshalle. Plötzlich behauptete ein Tuttistreicher und silbergrauer Familienvater, ich hätt ihn fotografiert, nur weil er mir die Aufnahme durch fingernagelgroßes Reinlatschen verhunzt hatte. Er verfolgte mich, um mich wegen Ungehorsam zur Rede zu stellen, mir den Apparat zu entreißen und in die Regnitz zu werfen, also selber zum Täter zu werden, Anzeigen wegen Sachbeschädigung, Nötigung und Prominentenbelästigung in Kauf zu nehmen; ich tauchte zwischen Stehsektpublikum ab, dem Zugriff dessen mich zu entziehen, der als Doby (Daddy old, Baby young) gewohnt war, dass Kleinkinder seine Befehle zu befolgen haben.

Nun könnte man denken, die hysterisierte Gesellschaft habe erst vor kurzem so intolerant und querulantisch sich eingeschossen – weit gefehlt. Bereits 1987 tauchte bei meinen Eltern die Kripo auf und suchte ein Unschuldslämmchen meines Namens – nur warum? Ich hatte aus fahrendem Auto mit Agfa family lebensbejahend in der Wilhelmshöher Allee in Kassel als Street-Fotograf herumgefilmt, und ein aufmerksamer, couragiert mitdenkender Tatortglotzer hatte den Eindruck gewonnen, dass ich ruchlos eine Raiffeisenkasse gefilmt hätte, um anschließend dort als Bankräuber mich zu profilieren.

Wie kommt die Menschheit wieder heraus aus dieser selbstverschuldeten Chose? »Knips yourself!« schaut nicht nach Lösung aus, da dann bloß Geländer hinter den Knipsern fortbrechen. Lawinen von Smartphones, Selfiestangen, Geräteparks kommen Lawinen knipsender Japsen und Subjekte quer. Gott schuf hungrige und geile Organe und dann, als Gegenmelodie, Fastenregeln und Zölibatpäpste. Erst millionenfach Fotoapparate auswerfen, dann das Knipsen verbieten. Wie wär’s mit »knipsen und knipsen lassen«? Dürfte ich eigentlich Karin und Hermann hier abbilden, ohne ihnen schwarze Balken überzustülpen? Gern setz ich andere Gesichter ein als die ihrigen, aber wenn die mich dann verklagen? Nach Rücksprache mit ihren Anwälten verlangen sie dann das zu verdoppelnde Bildhonorar von Euro 55,– plus 19 Prozent Mehrwertsteuer – 392,70 – wer steht mir dann bei?

Karl Kraus bildete mal ein Privatfoto ab, der dicke Dichter Otto Ernst in der Sommerfrische, in lächerlicher Badehose. Der Dichter prozessierte, verlor und musste erdulden, dass Karl Kraus ihn daraufhin in der nächsten Nummer erneut in Badehose vorführte – ist das nicht fies?

Diverse Fotos von Ulrich Holbein finden sich in seinen gesammelten Appetithäppchen Bitte umblättern! (Elfenbein-Verlag)

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