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von konkret

Die Dezember-Kolumne des Herausgebers über »Die Abschiebung« der Angela Merkel hatte den Untertitel »Eine Verschwörungstheorie«, worunter Journalisten jegliche Annahme über den Hergang einer Tat und die Täter zählen, die von Unbefugten geäußert wird. Als Haupt der Verschwörerbande war der Wolfgang Schäuble ausgemacht, unter dessen Regime die BRD seit Kohl regiert wird. Wie es das Pech will, das an Gremlizas Prognosen klebt, fielen schon Wochen später die sogenannten Medien auf seine Theorie herein, und als einen Monat später Schäuble sich als Erfinder der Kandidatur seines Freundes Friedrich Merz bekannte, stand ihrer Entdeckung des Kolumbus praktisch nichts mehr im Weg. Derweil hatte sich konkret schon auf den Fall vorbereitet, dass Schäuble, der die Merkel erfolgreich weggeputscht hat, dennoch seinen Strohmann nicht durchbringen könnte.

 

Was fehlt in dieser konkret-Ausgabe ist ein Lied, das die beschmissene und farbentragende Elite von Kretschmanns Ländle zum »Schmollis, ihr Brüder« des Verbindungsstudenten so gerne anstimmt: O Tübingen, o Tübingen, du wunderschönes Nest / Darinnen ich vor Zeiten einmal Student gewest. Das Nest am Neckar (der bekanntlich darunter leidet, sich auf nichts zu reimen als: Da saß ein Bub, ein keckar), dies Nest, von Nazis in Behörden, Medien und Universität dominiert, solange die Biologie solche vorrätig hatte (der einzige Professor für Politik an der Eberhard-Karls-Universität war bis 1973 ein schlagend-farbentragender SS-Mann), hat mittlerweile einen Oberbürgermeister von den Grünen. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen? Scheißele, Herr Eisele. Denn bald stellte sich heraus, dass der neue OB den Beifall der Wähler seiner Vorgänger nicht umsonst gefunden hatte.

Es ist Nacht in Tübingen. Zwei Männer, der eine ein Student, begegnen sich. Der Student erkennt den andern, sagt »Nicht auch das noch!« und geht vorüber. Der andere läuft hinterher, stellt ihn »zur Rede«, hält ihm seinen »Dienstausweis Nr. 1.000« ins Gesicht und fotografiert ihn, zur Ermittlung der Personalien, wie er später sagt, mit seinem Smartphone. Als der Student abhaut, rennt der andere hinter ihm her.

Der andere ist Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister. Der liberale Beobachter muss lachen. »Wildwestmanieren«, sagen die eher gegen den US-Kulturimperialismus gestimmten Gôgen, wie die Tübinger Weinpanscher auch genannt werden, »schwäbischer Spießer« die Leute, die au scho mol a Auschter probiert hen. Boris Palmer ist beiden über. Er zielt auf die deutsche Mehrheit der Leser, die Briefe wie diesen schreiben: »Dass er Berliner Verhältnisse nicht in Tübingen haben möchte, wer verstünde das nicht? Gerhard Maack, Hamburg.« Wer es versteht, sind die Wähler der AfD, der CSU, die meisten der CDU, der SPD, der FDP, der Grünen und die Hälfte der Linkspartei. Wer es nicht versteht, sind Leute wie die Autoren, Autorinnen, Leserinnen und Leser von konkret, die lieber als in Tübingen in Kreuzberg oder Altona leben, wo ein Bürgermeister, der bei Nacht vor dem Gesicht eines Passanten mit seinem Dienstausweis herumfuchtelte, bald nicht mehr so smart aussähe wie zuvor.

 

Zu den FAQ, den frequently asked questions, an konkret gehören: Wer in konkret schreibt? Wer in konkret nicht oder nicht mehr schreibt? Und warum? Der leise Vorwurf in neun von zehn Fällen: Die Redaktion möge doch nicht so kleinlich sein, immerhin sei der oder die doch sehr engagiert und gehöre irgendwie zu den Guten, den Linken. Wahr ist, dass fast jeder und jede, von denen das gesagt werden konnte, irgendwann als Autorin oder Autor in konkret vorkam. Der Blick zurück belehrt zugleich, dass weniger die Enge des Spektrums Kritik verdient als die Breite, die noch den Kolpingbruder Blüm umschloss, von dem späteren RTL-Reporter Wallraff und seinem Sozialkitsch nicht zu reden. Jürgen Elsässer, um den einige Leser trauerten, flog nicht zu früh raus, sondern zu spät. Einem anderen Mitglied der Redaktion wurde gerade noch rechtzeitig bedeutet, dass er bei konkret nicht gebraucht werde, so dass er sein Coming-out unter der Achsel des Guten suchen musste. Heute lässt er dort Sätze wie diese aufstehen:

Die Linke in den USA ist besessen von »Rassen«-Politik. Den Schwarzen und der Spanisch sprechenden Bevölkerung reden die Demokraten seit Jahrzehnten ein, sie seien unterdrückte Minderheiten.

Man sieht sie vor sich, die Hillary Clinton, wie sie dem Nigger einredet, der weiße Bulle, der ihn in Notwehr achtmal in den Rücken geschossen hat, wolle ihn unterdrücken. Aber das ist doch eher was für die einschlägigen Nazi-Blätter als für konkret, das zwar durch den Rausschmiss des Autors mit einem blauen Auge davongekommen ist, sich aber den Vorwurf machen muss, ihm nicht schon bei seiner Werbung für Gold als Vermögensanlage, dem Fetisch aller Reaktionäre, draufgekommen zu sein. Die Lehre: Lieber dreimal zu oft nein gesagt als einmal zu oft ja. Und, wenn wir schon bei den Maximen sind: Solidarisch müsse die Kritik aber bitte schon sein. Die, wenn’s den Superlativ gäbe: solidarischste Kritik ist die rücksichtslose, die dem Kritisierten keinen Raum lässt, sich selbst zu belügen.

 

Ende Januar erscheint als konkret texte-Band Nr. 74 ein Buch von Stefan Ripplinger: Kommunistische Kunst und andere Beiträge zur Ästhetik (circa 136 Seiten, 17,50 Euro). Auf alte Fragen – Was kann politische Kunst? Könnte es so etwas wie kommunistische Kunst geben? Wie müsste sie aussehen? – geben die Texte des Bandes neue Antworten. Rezepte und Geschmacksurteile sind darin nicht zu finden, aber eine neue Perspektive auf die Gesellschaft, in der wir leben und kämpfen.

 

Mira Landwehr spricht am 18. Januar um 19 Uhr in der Sauerkrautfabrik in Hamburg-Harburg (Kleiner Schippsee 22) über »Tierliebe und Menschenhass«.

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