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DER LETZTE DRECK (36)

Marit Hofmann über den Film »Deutschstunde« von Christian Schwochow

Regie: Christian Schwochow; mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti; Deutschland 2019 (Wild Bunch); 125 Minuten; ab dem Tag der Deutschen Einheit im Kino

Ganz schlechtes Timing für die Filmemacher. Während der Dreharbeiten im Frühjahr erfuhr durch die Berliner Ausstellung »Emil Nolde. Eine deutsche Legende« (konkret 6/19) eine breite Öffentlichkeit, was längst wusste, wer wollte: dass der Deutschen Lieblingsmaler Antisemit und Nationalsozialist war, nicht die verfolgte Unschuld, die »Malverbot« bekommen hatte – eine Legende, der der Deutschen Lieblingsschriftsteller Siegfried Lenz mit seinem Bestseller Deutschstunde zum Welterfolg verholfen hatte. Christian Schwochow und die Skriptwriterin, seine Mutter Heide, betonen im Presseheft jedoch, sie hätten sich in ihrer Neuverfilmung des Romans ohnehin von Nolde »distanziert«.

Das sieht nicht etwa so aus, dass sie Lenzens an Nolde angelehnte Figur des Künstlers, den sein Freund, der Dorfpolizist, und dessen Sohn bespitzeln, zumindest widersprüchlicher zeichnen. Abgesehen von kunstgewerblichen Gemäldevarianten, die auch aus Rechtegründen weniger noldig aussehen sollten, heißt der Maler nicht nur wie im Buch Max Ludwig Nansen (Hans Emil Hansen ist Noldes bürgerlicher Name), sondern erscheint auch hier als grundguter Märtyrer. Der Film wiederholt also Noldes Reinwaschung und Entnazifizierung – mit dem Clou, dass die Macher behaupten, er sei gar nicht gemeint: »Selbst wenn Nolde kein Faschist, Antisemit, Nationalsozialist gewesen wäre«, erklärt der Regisseur, »hätte er mich für diese Geschichte gar nicht interessiert. Schließlich hätte die Fokussierung auf einen realen Künstler und dessen Biografie sich nicht mit dem Anliegen des Films vereinbaren lassen, das Modellhafte und Archetypische der Geschichte zu betonen.«

Die Realität, dass doch mehr Deutsche Nazis waren, als Legendenerzähler Lenz behauptet, passt tatsächlich so gar nicht zum Anliegen des Films, der über zwei Stunden zäh durchs friesische Watt watet. Naturgewalten wie Sturm und Gischt künden symbolisch vom Unheil, das über die Deutschen kommt, denn wie im Roman gilt das Motto: Don’t mention the Shoah! Es gibt keine Juden und im ganzen Dorf keine Nazis außer Vati (und auch der folgt zunächst eher widerwillig den Anordnungen »aus der Hauptstadt«). Die Dorfgemeinschaft hält zu Nicht-Nazi Nansen, und Mutti hängt so an seinen »entarteten« Bildern, dass die Kinder sie verstecken. Die passiven Frauenfiguren tragen Leidensmienen (da wird selbst »Tiger Girl« Maria Dragus zum braven Nicht-BdM-Mädchen), und ein Deserteur gibt ein erbärmlich feiges Bild ab.

Diese »universelle Parabel« beschreibe, schwallt Schwochow, »wie das Gift des Faschismus und der Ausgrenzung wie eine immer schlimmer werdende Krankheit um sich greifen und Menschen und Beziehungen zerstören kann«. Mutter Schwochow sieht »die einzelnen Figuren in solche Extremsituationen geraten, in denen es schier unmöglich ist, das Richtige zu tun«. Jemanden nicht zu denunzieren, scheint heute noch ein Ding der Unmöglichkeit.

Der bräsige Nicht-Nolde Tobias Moretti schließlich schwärmt davon, wie Lenz »ein paar Figuren mitten in die erniedrigendste Situation unserer Geschichte stellt … Die historische Katastrophe wird sichtbar und auch fühlbar in der Zerrüttung und dem Zugrunderichten alles Menschlichen. Dieser ganze Film ist eine unerwartete Liebeserklärung an Deutschland, in seiner ganzen zerrissenen Geschichte und Kultur.«

Muss man mehr sagen? Außer, dass der Film wie ehedem der Roman auf dem Lehrplan deutscher Schulen stehen wird? »Filmpädagogisches Begleitmaterial« hält der Verleih bereit.   

Marit Hofmann

 

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