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Viel zu dicke Eier

Von wegen »Aufstand der Hoffnung« – die Zeiten sind nicht revolutionär. Von Rüdiger Mats

Die Proteste gegen G20 werden öffentlich im Moment vor allem vor dem Hintergrund brennender Kleinwagen und entglaster Geschäfte im Schanzenviertel betrachtet. Einerseits ist das eine falsche – und natürlich aus politischen Interessen gespeiste – Reduktion, andererseits muss einen tatsächlich davor gruseln, wie viele der Leute, die auf seiten der Linken bei den Riots unterwegs waren, bereit gewesen sind, »Kollateralschäden« hinzunehmen.

Das soll nicht heißen, dass sich die radikale Linke nun »die Gewaltfrage« stellen müsste. Denn ein kollektives Subjekt, bei dem man sinnvoll nach dem Verhältnis von (gewaltsamen) politischen Mitteln und politischen Zielen fragen könnte, hat es bei den Riots gar nicht gegeben. Und das ist ein wichtiger Teil des Problems.

Liest man die Aktionsreviews sowohl der Demo-Organisatoren als auch der »Riotistas «, dann wimmelt es darin von Vokabeln wie »kraftvoll« und »stark«. Das entspricht vermutlich ihrem Selbstgefühl. In Wirklichkeit aber hat Hamburg 2017 in krasser Form bestätigt, was auch schon die Blockupy-Proteste 2015 in Frankfurt gezeigt haben: Die radikale Linke hierzulande ist extrem schwach, und sie gesteht sich das nicht ein – was die Schwäche reproduziert und ihr eine unschöne, auch lächerliche Komponente hinzufügt.

Die größeren Hamburger Bündnisstrukturen und die für deutsche Verhältnisse größeren überregionalen Organisationen der radikalen Linken waren ganz offensichtlich über weite Strecken nicht Herr der Lage. Denn sie vermochten es nicht, Zeitpunkt, Ort und Ausmaß der Riots so zu beeinflussen, dass für Außenstehende ein Bezug zu den proklamierten Zielen des Protests sinnfällig geworden wäre.

Dieses partielle Entgleiten kann nicht damit erklärt werden, dass die Polizei provoziert habe. Diese Provokation konnte man schon im Vorfeld voraussetzen. Und lässt man sich auf die Mechanik von Provokation und Reaktion ein, hat man das Akteursein, auf das es ankäme, aufgegeben.

Es liegt auch keine Erklärung für das Entgleiten darin, dass man ohnehin nie alle testosterongesättigten Spinner von revolutionärer Strategie – und das bedeutet eben auch Zurückhaltung im richtigen Moment – überzeugen kann. Denn ob die Spinner sich entfalten können, ist eine Frage der relativen Stärke vor Ort. Doch die organisierte radikale Linke hat gar nicht die Kapazitäten, auf von ihr selbst veranstalteten Events kollektiv zu entscheiden, wann sie welches Ausmaß von Gewalt in welcher Ausrichtung politisch sinnvoll findet – und das dann halbwegs durchzusetzen.

Dass dieses Problem nicht angegangen wird, hat einen schlichten Grund: Das Verhältnis zwischen der im engeren Sinne organisierten radikalen Linken und den eher sportgruppenmäßig zusammengeschlossenen erweiterten Freundeskreisen, die auf Barrikade aus sind, ist symbiotisch. Erstere verfassen Aufruftexte, die kaum jemand liest, erledigen einen Großteil der Mobi- und Orgaarbeit – und schauen dann zu, was während des Events so passiert. Von außen wahrnehmbar werden sie erst wieder, wenn es darum geht, die Veranstaltung im Nachhinein »einzuordnen«. Die Riotistas haben in der Zwischenzeit gemacht, worauf sie Bock hatten, und fordern hinterher »Solidarität« ein. Gleichzeitig werden sie von den Organisierten gebraucht, weil deren eigenes Potential zur Mobilisierung und vor allem zur Erregung von Aufmerksamkeit zu gering ist, gemessen am eigenen Anspruch vom »ganz großen Ding«. Zudem droht immer die Gefahr, hinter den Markt-der-Möglichkeiten-Linken im Umkreis von Attac zu verschwinden. Für inhaltliche Diskussionen, und das schließt strategische ein, ist in so einem Verhältnis kein Platz.

Revolution mit Kürbisgewächs

Worüber strategisch diskutiert werden müsste? Auf Indymedia war etwa zu lesen, dass ein Rewe-Markt geplündert worden sei, um Gemüse (!) an die Anwohner zu verschenken, und dass im Feuerschein brennender Autos juvenile Skatergangs im direkten Gespräch an die Wahrheit und Schönheit autonomer Gesellschaftskritik herangeführt worden seien. Wenn man schon der Meinung ist, dass die Schanzenbewohner mehr Zucchini essen sollten, dann sollte man das Setting auch so gestalten, dass sie keinen Schiss haben müssen, sich die Vitamine persönlich abzuholen.

Aber im Ernst – viele an den Riots Beteiligte behaupten, dem Konzept der Insurrektion zu folgen: Eine Tat, die die eigenen politischen Prinzipien versinnbildlicht und vorübergehend verwirklicht, könne mehr Überzeugungskraft haben als jeder Text, jede langfristige Organisierungsarbeit und animiere Leute zur Nachahmung. Doch das traditionelle insurrektionistische Modell, der direkte Angriff auf die Staatsmacht, taugt als Versinnbildlichung vernünftiger Gesellschaftskritik nicht. Und die Plünderung eines Supermarkts ist viel weniger als seine symbolische Enteignung. Auch steht der Revolution nicht bloß ein Mangel an Aufstandsbereitschaft entgegen. Die Leute sind ideologisch an diese Verhältnisse gebunden, es fehlt eine revolutionäre Perspektive – und es fehlt Wissen. Nicht einmal eine stetige Gegenmacht kann die »Propaganda der Tat« stiften, und es ist deshalb kein Wunder, dass der Insurrektionalismus immer wieder gescheitert ist.

Die Interventionistische Linke (IL) und Ums Ganze (UG) wie auch andere Leute aus den beteiligten Bündnissen wissen das. Aber das war für sie bisher kein Anlass zu einem bündnisinternen Streit um Strategie. Das liegt vermutlich auch daran, dass sie ahnen, dass ihre eigene Strategie nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Das war etwa an der von UG initiierten Besetzung im Containerhafen zu sehen. Technisch-praktisch lief die angesichts der derzeitigen Kräfteverhältnisse gut. Aber wie war das Verhältnis von Symbolhandlung und realem »Sand-im-Getriebe-Sein« konkret gedacht? Welche Erkenntnisse und/ oder Erfahrungen sollten da wem genau vermittelt oder mit wem zusammen gemacht werden? Ein von UG verfasster »offener Brief an alle, die im Hafen arbeiten müssen«, fällt eher unter die Rubrik »gutgemeint«. Dass die bei UG immer so wichtige »Öffentlichkeit« angesichts der medialen Diskussion über »linke Gewalt« von der Aktion wieder mal kaum Notiz nahm, kommt noch hinzu.

Strategische Unklarheit und Vorhaben, die nicht zu Ende gedacht sind und politisch nicht aufgehen, kann man niemandem vorwerfen. Die Zeiten sind nicht revolutionär. Was man der organisierten radikalen Linken aber vorwerfen kann, ist, dass sie ihre Schwäche leugnet, dass sie den Eindruck zu erwekken sucht, jetzt und hier den »nationalistischen Kitt« auf »breiter Front antikapitalistisch zersetzen« (UG) und einen »Aufstand der Hoffnung« (IL) anzetteln zu können. Man könnte allerdings versuchen, mit der eigenen Schwäche produktiv umzugehen. Doch Leute, die dauernd behaupten, alle Antworten zu haben, können nicht plötzlich jene strategischen Fragen stellen, die die radikale Linke weiterbringen.

Rüdiger Mats schrieb in konkret 1/17 über die Commons-Ökonomie

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