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Der Zorn des Experten

Ein Psychogramm des »Wutredners« Frank-Walter Steinmeier. Von Leo Fischer

 

Wenn Qualitätsjournalisten sich vorm Pöbel grauen, weil der zuviel will und zuviel fragt, verwenden sie seit den Stuttgarter Bahnhofsprotesten den Begriff Wutbürger. Wutbürger, das wissen sie, produzieren »Shitstorms«, kollektive Empörung.

Ein Ein-Mann-Shitstorm, eine Shitperson sozusagen, trat am 19. Mai auf den Majdan, Quatsch, den Alexanderplatz und rastete aus. Demonstranten hatte die Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit Trillerpfeifen und dem Slogan »Stoppt die Nazis in der Ukraine!« gestört. Der gab ihnen mit bisher unerhörter Lautstärke allerhand zurück: Jene, die mit »Kriegstreiber!« agitierten, seien die eigentlichen Scharfmacher – wer »eine ganze Gesellschaft als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg!«

Wutpolitiker brüllt Wutbürger nieder – die Presse war begeistert. Ein »flammendes Plädoyer für die europäische Idee« wollte die »FAZ« gehört haben, die »Bildzeitung« gratulierte: »Gut gebrüllt!« Der Außenminister klopfte sich via Sprecher noch selbst auf die Schulter: Es sei eine »Unverschämtheit, eine Regierung, die nachweislich seit Monaten alles tut, um Krieg zu vermeiden, als Kriegstreiber zu bezeichnen«. Ein Video, das den »Ausraster« (»Bild«) zeigte, erreichte sechsstellige Klickzahlen.

Gleich, wer da warum und mit welchem Recht rumbrüllte, stand hier vor allem die Person Frank-Walter Steinmeier im Vordergrund: ein Politiker, von dem keiner weiß, warum er da ist und wofür man ihn braucht, der, trotz Bundeskanzlerverlegenheitskandidatur, nie richtig zur Wahl stand und trotzdem höchst beliebt ist. Und wahrscheinlich genau wegen solcher Ausraster: der deutsche Chefdiplomat ganz undiplomatisch, einer vom Schlage Gernot Haßknechts oder Georg Schramms, die Applaus schon dafür erhalten, daß sie in der deutschen Konsensgesellschaft überhaupt zu brüllen wagen.

Wer sich davon nicht beeindrucken läßt, wer den Ton wegdreht und nur die Untertitel liest, muß feststellen, daß in jenem Ausraster vom Mai schon der ganze Steinmeier drinsteckt, eine ganze Ideologie in fünf Sätzen. Daß »es Menschen gibt, die Europa nicht verstanden haben«, beklagte er, als sei Europa ein gleichschenkliges Dreieck oder die Photosynthese, und schimpfte deshalb streng wie ein Schulmeister. Gab es doch einmal »Zeiten, in denen sich Menschen nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat, ich fordere euch auf: Hört zu!« Zuhören, oder ich schieße! Am liebsten wollte er selber hinunterkartätschen ins Meer der Unfolgsamen, und wenn nicht kartätschen, so will er doch Achtung für die Diplomatie als solche – als gäbe es hier keinen Kampf, keine Verlierer, als könnte man mit einem Vertrag nicht ebensogut ein Land niederstrecken wie mit einer Fliegerstaffel.

Den Gegnern Europas sei kein Platz zu gewähren, »nicht hier auf dem Alexanderplatz; nicht Front National in Frankreich und nicht Ukip in England« – angesichts der Gestalten, die er in der Ukraine höchst selbst an die Macht gebracht hat, gibt es für ihn wohl zweierlei Feinde Europas, solche, mit denen er kann, und solche, mit denen er nicht kann. Faschist ist nicht gleich Faschist, auch wenn die »Leute da hinten« mit ihren »einfachen Lehren« dies nicht einsehen – it’s complicated! Europa muß von Fachleuten gewartet werden wie eine defekte Gastherme: »Hätten wir auf Leute wie die da hinten gehört, wäre Europa heute kaputt.« Die Installateure stehen jedoch Gewehr bei Fuß: »Die Welt ist leider komplizierter, und Gott sei Dank gibt es einige Menschen, die sich dieser Kompliziertheit widmen«, nämlich interesselos, aus purer Leutseligkeit und naturgegebener Güte. Kein Wunder, daß bei soviel Großmut jede Kritik als Unverschämtheit erscheint, schließlich könnten diese sagenhaften Europa-Installateure doch in der Wirtschaft viel besser verdienen und müßten sich da nicht von ungewaschenen Friedenspfeifen, sondern nur von ihren Arbeitgebern anschnauzen lassen.

»Die totgeglaubten Geister des Kalten Krieges kehren zurück«, raunt er späterhin, und er weiß es von allen am besten, ist er doch genauso so ein doppeltes Gespenst, der Geist eines Untoten. Fern sei der Wunsch, den Technokraten Steinmeier gegen den Volkswillen auszuspielen, wie das, Brecht zitierend, der Narr Jakob Augstein tat – doch die Widersprüche der Expertendemokratie, die zeigen sich bei diesem politischen Krauterer doch schon recht deutlich; in Garstigkeit und Gemeinheit nahmen sich bei dieser Rede Sprecher und Besprochene nichts. Dieses Rudern, dieses Wurschteln, dieses aggressive Gefuchtel! Diese entsetzlich verbissene Leidensmiene!

Auf seiner Homepage inszeniert er sich als der kleine Mann aus Brakelsiek, der Willy wählen wollte, aber nicht durfte; Sohn eines ebenso opferbereiten Handwerkers, der freiwillig anpackte, »um einen Sportplatz oder ein Vereinsheim zu bauen. Die Dorfgemeinschaft konnte auf die Talente der Handwerker zurückgreifen.« Kostenlose Arbeit im Dienste der Volksgemeinschaft gab es dann flächendeckend mit Hartz IV. Steinmeier promovierte über Obdachlosigkeit, um sie dann zu verwirklichen; nach Auskunft der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist sie in den vergangenen Jahren um mehr als 15 Prozent gestiegen; »harte Hartz-IV Sanktionen drängen nach ihrer Einschätzung zudem vor allem unter 25jährige auf die Straße« (»Neue Osnabrücker Zeitung«). Der windschnittige Karrierist, dem sogar Obdachlose zum Sprungbrett taugen, hat der Göttin Opportuna nach und nach alles geopfert, sogar den Namen: Für die Wahl 2009 ließ er sich eine Weile einfach Frank rufen – eine fabelhafte Agenturidee, auch Chuck Steinmeier oder Optimus Stein waren im Gespräch. Kaum Spitzenkandidat, besorgte er sich nachträglich ein Mandat, ernannte sich nach der Rekordniederlage selbst zum »Oppositionsführer«, um die Opposition vier Jahre lang zu lähmen und dann wiederum Steinbrück verlieren zu lassen – und den Weg freizumachen für die neuen Folgen von Soko Groko.

Der ewige Großwesir, mal in Schröders, mal in Merkels Diensten, lehnte den Irak-Krieg ab, um sich dann via BND doch wieder hineinzumauscheln; in der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit hatte er nicht in »wesentlichem« Ausmaß getäuscht, sondern halt gerade so, daß es noch ging. Mit der Ukraine-Krise kam diese Mischung aus Dilettantismus und Wut auf ihren Höhepunkt – hier verhandelte Steinmeier unter Kollegen, nämlich mit einem anderen Oppositionsführer, Oleg Tjahnybok von der rechtsradikalen Partei Swoboda, der über »Judenschweine« schimpft und von einer atomar bewaffneten Ukraine träumt.

Es ist nicht so sehr diese Kaltschnäuzigkeit, diese Hemdsärmeligkeit, sondern daß dies wieselflinke Pragmatisieren stets im Gestus des Opfers, des sich selbstlos Aufreibenden geschieht, mit der Perspektive des Entwicklungshelfers, der aus der Höhe von Think-tanks und Kommissionen steigt, um dem Volk die Wahrheit mitzubringen, und dem für seine Beleidigtheit die Beleidigten zujubeln, jene, die »Sehnsucht nach Politikern haben, die mal einen Moment aus ihrem Panzer heraustreten« (»Spiegel Online«). Bzw.: endlich wieder in den Panzer klettern. Und dann aber mal ausrasten, wie sich’s gehört und längst not tut.

 

Von Leo Fischer sind gerade Fröhliche Hundegeschichten (Eichborn) erschienen.

 

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