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Angespuckt, getreten, verhauen – glaubt man den Nachrichten aus den USA, wartet auf diejenigen, die sich nach dem in Europa allerdings noch nicht festgelegten Erstverkaufstermin des neuen hippen Google-Dingens mit dem schlichten Namen »Glass« eine der Hightech-Brillen zulegen, kein schönes Leben. Regelmäßig werden Träger der Prototypen in San Francisco angegriffen – allerdings weniger, weil Kneipenbesucher oder Passanten befürchten, gegen ihren Willen gefilmt zu werden, sondern weil die Gagdets zum Symbol der regionalen Gentrifizierung geworden sind. An der sind Gehaltsgefälle und ein Gesetz gleichermaßen schuld: Die tech workers, also die Mitarbeiter der großen Silicon-Valley-Firmen, verdienen im Schnitt doppelt soviel wie der durchschnittliche Einwohner von San Francisco. Und der »Ellis Act« erlaubt Immobilienspekulanten, Mietshäuser zu kaufen und die Verträge aller Bewohner zu kündigen, um die freiwerdenden Wohnungen meistbietend zu verkaufen. Das Gesetz wird häufig ausgenutzt: Die Zahl der sogenannten Ellis evictions, der mit ihm legitimierten Räumungen, stieg in der Bay Area 2013 um 175 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Aber besteht wirklich ein Bezug zu Unternehmen wie Google, Twitter und Facebook? Durchaus, und zwar in Form von Bushaltestellen. Die Silicon-Valley-Firmen bieten ihren Angestellten eigene (mittlerweile häufig von Mietaktivisten blockierte) Buslinien an, auch um sich durch die Vermeidung von Individualverkehr ein grünes Image zu geben. In einem Umkreis von vier Blocks um diese Innerstädtischen Haltestellen herum wurden seit 2011 fast 70 Prozent aller Räumungsklagen in der City durchgesetzt – wo viele der 13.000 Inhaber der in dieser Zeit neu geschaffenen Techjobs nun wohnen.

Daran, daß die Brille in Europa bereits jetzt zum Symbol für die immer weiterreichende Verletzung der Privatsphäre geworden ist, ist dagegen ironischerweise Googles Umsicht schuld. Für die Hauptannehmlichkeiten, die Glass dem Träger bietet – also etwa das Erkennen von Gebäuden, die Wegweiserfunktion, das schnelle Finden bestimmter Orte –, ist eine installierte Kamera zwingend erforderlich, da mit deren Hilfe die für den Service erforderlichen Daten gesammelt werden. Natürlich hätte das Unternehmen die Möglichkeit, die dabei entstehenden Fotos und Filme zu speichern, auch weglassen können. Da Glass die gleiche Technik benutzt wie ein Android-Smartphone, wäre es jedoch jedem Nutzer möglich gewesen, ein selbstmodifiziertes oder zum Download angebotenes Betriebssystem mit Speicheroption aufzuspielen und nichtsahnende Menschen damit zu filmen. Dagegen weiß jetzt jeder, welche Technik im Gadget vorhanden ist, und kann sich zur Not mit körperlichen Argumenten gegen uneinsichtige Privatsphärenverletzer wehren.

Die Brillenbesitzer haben in den USA übrigens schon einen eigenen Namen: Glassholes.

 

Elke Wittich

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