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Foto: Philipp von Ditfurth

Immer wieder montags versammelt sich seit einigen Wochen in vielen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz eine neue »Friedensbewegung«. Was hat es mit der auf sich? KONKRET sprach darüber mit Jutta Ditfurth, Soziologin und Autorin (zuletzt erschien bei Hoffmann & Campe ihr Buch Der Baron, die Juden und die Nazis).

 

konkret: Montagsdemos erfreuen sich hierzulande wieder großer Beliebtheit. Wer findet sich dort zur Zeit zusammen?

 

Ditfurth: Der kleinste gemeinsame Nenner dieser höchst unterschiedlichen neurechten Gruppen ist das Motto: »Wir sind für Frieden und gegen die jüdische Weltverschwörung«. Bei diesen neurechten »Friedensdemos« treffen sich Antisemiten, Völkische, Homophobe, Antifeministen, Reichsbürger und AfD-Anhänger/innen im Einsatz, aber auch NPDler und andere Nazis.

 

konkret:Wofür oder wogegen wird eigentlich protestiert?


Ditfurth: An der Oberfläche für einen nicht näher benannten »Frieden«. Die Angst vor Krieg und die Unzufriedenheit über die eigene soziale Lage wird für eine aggressive völkische Rekrutierung benutzt. Lars Mährholz, der Organisator nicht nur der Berliner »Friedensdemos«, sagte kürzlich: »Woran liegen alle Kriege in der Geschichte in den letzten 100 Jahren? Und was ist die Ursache von allem? Und wenn man das halt alles’n bißchen auseinanderklabüsert und guckt genau hin, dann erkennt man im Endeffekt, daß die amerikanische Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, das ist eine Privatbank, daß sie seit über 100 Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht.«

Hier erkennt man einen Teil des Wahnsystems. Nicht Nazi-Deutschland ist schuld an der Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen und am Zweiten Weltkrieg, in dem etwa 55 Millionen Menschen starben, sondern eine US-amerikanische Bank, die angeblich in der privaten Hand von Juden ist. Shoah-Leugnung und Geschichtsrevisionismus pur. Auf Mährholz’ Facebook-Seite befand sich dazu eine antisemitische Karikatur des Bankiers Rothschild.

Der Ex-Fernseh- und Radiomoderator Ken Jebsen, einer der Initiatoren dieser »Friedensdemos«, zum Beispiel schrieb: »Nationalzionisten haben Israel okkupiert wie Nazis ’33 Deutschland okkupiert haben.« Noch vor 20 Jahren haben Nazis sich auf meinen Veranstaltungen, bevor sie rausflogen, geoutet, indem sie die Shoah offen leugneten. Diese Neurechten arbeiten gern mit Synonymen und Geraune. Ein zentraler Code für »jüdische Weltverschwörung« ist »die Fed«.


konkret: Wolfgang Pohrt klärte schon Anfang der achtziger Jahre über die Motive der deutschen Friedensbewegung auf. Paßt die damalige Rede von einer »nationalen Erweckungsbewegung« noch auf die Alternativen von heute?


Ditfurth: Die alte Friedensbewegung hatte eine deutschnationale Komponente. Ich erinnere mich an die Parole »Keine Raketen auf deutschem Boden«. Aber Pohrts Bellizismus, den er so weit zuspitzte, daß er sogar akzeptiert hätte, wenn Israel Atomwaffen nutzen würde, lehne ich ab. Ich gehörte in den Achtzigern zu den linken Antimilitaristen, wir haben Raketentransporte »ausspioniert«, sind illegal in einen osthessischen US-Militärstützpunkt eingedrungen und haben Sprengkammern in der Frankfurter Friedensbrücke zugemauert. Dort sollten im Rahmen des Stay-Put-Konzepts im Kriegsfall kleine Atomminen gezündet werden. Das brachte uns eine Klage wegen Untergrabung der Wehrbereitschaft der Bundesrepublik Deutschland ein und eine wegen Gefährdung des Schiffsverkehrs.


konkret: Sie haben sich via Facebook eine Auseinandersetzung mit den »Friedensbewegten« geliefert.


Ditfurth: Für mein Buch Der Baron, die Juden und die Nazis recherchierte ich über Karl Heinz Hoffmann, den Chef der verbotenen Wehrsportgruppe gleichen Namens, weil der, skurrile Geschichte, 2004 das Rittergut meines antisemitischen Urgroßonkels Börries von Münchhausen gekauft hat. So bin ich Anfang des Jahres mal wieder über den Neurechten Jürgen Elsässer gestolpert. Der diskutierte ausgerechnet mit Hoffmann über das Oktoberfestattentat von 1980. Die Spur führte weiter zu neuen rechten Kameraden von Elsässer: Lars Mährholz (»Reichsbürger«), Ken Jebsen (»Ken-FM«), Andreas Popp (»Wissensmanufaktur«), Ralf Schurig (antisemitischer »Schamane«). Antisemiten und Verschwörungsideologen mit einer kräftigen Prise Silvio Gesell. Dazu kommen noch Esoteriker und Menschen mit Wahnvorstellungen.

Im März entdeckte ich, daß diese bislang nicht kompatiblen Strömungen der Neuen Rechten gemeinsam aktionsfähig wurden. Das fand ich gefährlich. Ich habe überlegt, mit welcher Aktion ich sie maximal provoziere, um andere auf das Problem aufmerksam zu machen. Wegen der seltsamen Verkehrsformen bei Facebook war das mit einer simplen Sache möglich: Ich erklärte, daß ich auf meiner Facebook-Seite alle »Facebook-Freunde« »entfreunde«, welche mit Elsässer oder Jebsen bei Facebook »befreundet« sind. Das betraf rund 450 Leute von knapp 5.000. Mit der Dimension des nachfolgenden Shitstorms aber hatte ich nicht gerechnet. Das brachte mir die Belege, die mir noch fehlten. Unversehens waren die Macher der Montagsquerfront zum Zeitpunkt ihres Aufbaus in die Öffentlichkeit geraten. Das mißfiel ihnen.


konkret: Was ist dann passiert?


Ditfurth: Inzwischen sind es mehr als 100.000 Kommentare, ein Drittel Haß. Einer sagt zum Beispiel: »88! Du Nutte!« Manche können sich nicht entscheiden, ob sie mich als »Jüdin«, »Goebbels«, »Streicher« oder »Hitlerkind« beleidigen wollen. Ich kann mir die Todesart aussuchen. »Soiter one« will einen »Serben« buchen, der mich für »150 Euro« ermordet. Ein anderer will mir »durchs knie ins Auge« schießen. Der nächste schreibt: »ich brauche … ein Gewehr und solche Heuchler wie sie als Zielscheibe.« »Christina Ehlen« meint: »Sie gehören vebrannt und vor einer weltgemeinschaft hingerichtet.« »Helmut Schwarz«: »Einmal 10 Minuten mit Ihnen in einem dunklen Raum mit dem recht auf freien Abzug und das problem wäre für immer erledigt.« »Simon Nina Gerlach«: »Kann mal jemand der Nutte Jutta den Schädel spalten«? (Originalschreibweisen; J.D.)


konkret: Warum haben Sie sich überhaupt darauf eingelassen? Meinen Sie, daß Aufklärung bei Verschwörungstheoretikern und Antisemiten etwas bewirken kann?


Ditfurth: Nein. Aber ein Teil der Mitläufer sind junge Leute, die zuviel Zeit ihres Lebens in Mystikwelten verbracht haben. Ich teile den apolitischen Dünkel nicht, daß Menschen politisch bewußt auf die Welt kommen. Aufklärung, so vergeblich sie oft sein mag, fängt immer wieder von vorn an. Ich will diesen völkischen Aufbau so gut stören wie möglich, und das hat ja auch geklappt. Dabei bin ich nicht allein. Es gibt inzwischen gute Recherche- und Aktionsgruppen gegen diese Querfrontler/innen, im Netz und auf der Straße.


konkret: Trauen Sie den Demos künftig ein noch größeres Mobilisierungspotential zu?


Ditfurth: Wir haben es hingekriegt, daß die Kritik an diesen Montagsquerfrontlern binnen sechs Wochen unübersehbar geworden ist. Aber in diesem Land? Ja.

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