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In welcher Entwicklungsphase befindet sich der Kapitalismus? Ein Sammelband zur Regulationstheorie will Auskunft geben. Von JustIn Monday


Marxistische Theorie hat es an deutschen Universitäten schwer. Nach einem Boom in den 70er Jahren, während dem Lehrstühle ergattert werden konnten mit dem Versuch, die eine oder andere Strömung des westlichen Marxismus mit den damaligen akademischen Moden zu vermitteln, herrscht schon lange bloße Ignoranz seitens der offiziellen Lehre. Die damaligen Karrieren haben sich, analog zur Geschichte der Apo, in Anpassung und Emeritierung verlaufen. Zu den beliebteren unter den übriggeblieben Strömungen gehört die Regulationstheorie.

Ihre Attraktivität resultierte immer aus der Beschäftigung mit der Frage, wie die historischen Formveränderungen der kapitalistischen Produktionsweise theoretisch zu begreifen sind. Ihre zentralen Begriffe sind »Akkumulationsregime« und »Regulationsweise«. Zwar gehe es letzten Endes immer um die Akkumulation von Kapital, aber in jeder Epoche des Kapitalismus entwickelten die verschiedenen Sphären der Gesellschaft epochenspezifische Eigenschaften. Der Weg von Epoche zu Epoche wird dabei nicht als logischer und damit theoretisch bestimmbarer Übergang begriffen, sondern als Bruch, der durch eine Krise hervorgerufen wird.

Was in der Zusammenfassung klar und wohlgeordnet erscheint, sorgt bei den Vertreterinnen und Vertretern der Regulationstheorie momentan für grundlegende Irritationen, die die verschiedenen Texte des hier vorgestellten Bandes durchziehen. Denn der Epochenbruch, an dem die Theorie ihren Ausgang nahm, war das Ende des »Fordismus« genannten Nachkriegskapitalismus mit der Krise der 70er Jahre. Um den damit einhergehenden Bruch zu markieren, wurde der Begriff des Postfordismus geprägt. Bei diesem sollte es sich um einen Hilfsbegriff handeln, der durch einen adäquateren ersetzt werden sollte, sobald sich aus den Unklarheiten des Umbruchs neue Formen herausgebildet haben.

Die ließen allerdings auf sich warten. Grund für die Irritationen ist also, daß der Postfordismus inzwischen in der Krise ist, ohne als Hilfsbegriff ausgedient zu haben. Von der Bezeichnung »Postfordismus« kam man nicht los, weil der Theorie nach ein neuer Begriff erst dann fällig ist, wenn die neue Epoche einen Zustand »relativer Stabilität« erreicht hat. Auch den Regulationstheoretikern erscheint aber, von heute aus betrachtet, die Zeit seit den 80er Jahren als instabil. So heißt es in der Einleitung: »Die Einschätzung der aktuellen Konstellation hängt davon ab, ob die Phase kapitalistischer Entwicklung bis 2008 als Teil der Krise des Fordismus oder als Verwirklichung einer finanziarisierten Entwicklungsweise begriffen wird.«

Hierin steckt bereits das ganze Dilemma, und die im Band nachlesbaren Reaktionen darauf sind verschieden. Joachim Hirsch etwa hält es mit der zweiten Variante. Die aktuelle Krise sei »die ›Endkrise‹ der Formation …, die hilfsweise als Postfordismus bezeichnet wurde und womit die neoliberale Umstrukturierung des globalen Kapitalismus ... begrifflich zu benennen versucht worden ist.« Eine These freilich, die ihn in die Not bringt zu begründen, wie denn eine »Umstrukturierung« bereits ein Resultat von »relativer Stabilität« sein kann. Seine Bezeichnung des Postfordismus als »marktradikal deregulierter Kapitalismus« ist dabei kaum geeignet, ihn aus der Notlage zu befreien. Denn eine deregulierende Regulationsweise ist dann doch eher ein schwarzer Schimmel. Entsprechend ist sein Beitrag von Diskussionsmüdigkeit geprägt. Ob »der Postfordismus als besondere historische Formation … jemals bestanden hat, schon wieder zu Ende oder vielmehr durchaus noch existent« ist, sei »genaugenommen unbeantwortbar«.

Vorsichtig in die andere Richtung argumentieren Roland Henry und Vanessa Redak: »Die Strategie, der Profitabilitätskrise der 1970er Jahre unter anderem mit einer Ausdehnung des Kredits zu begegnen, ist fehlgeschlagen.« Daß eine fehlgeschlagene Strategie keine Formation begründet haben kann, ist evident. Allerdings trauen sich Henry und Redak nicht, diese Feststellung auszureizen. Ausweichend ziehen sie nur den Schluß, daß es sich gegenwärtig nicht um eine Finanzmarktkrise handelt, sondern um eine des Kapitalismus. Was aber in dem Spektrum, in dem hier diskutiert wird, ohnehin niemand bestreitet.

Als eine Art Synthese beider Seiten läßt sich der Aufsatz von Alex Demirovic und Thomas Sablowski verstehen. Aus Hirschs Not machen sie eine Tugend, indem sie die Rede von der relativen Stabilität gleich gar nicht mehr auf durch ihre Eigenarten bestimmbare Epochen beziehen. Ihnen geht es nur noch darum, »Muster (der) Veränderung (zu) unterscheiden, die für einen längeren Zeitraum relativ stabil sind«. So können auch fehlgeschlagene Strategien eine Epoche bilden, wenn die Fehlschläge nur genügend häufig wiederholt wurden. Dementsprechend wollen sie eine »auf Unsicherheit beruhende finanzmarktkapitalische Regulationsweise seit den 1980er Jahren« entdeckt haben.

Die Verrenkungen machen deutlich, weswegen die Regulationstheorie in den letzten 20 Jahren ihre Perspektive verloren hat. Der Haken liegt in der vergangenen Beteiligung an den Bemühungen, der reichlich begriffslosen Rede vom »neoliberalen Kapitalismus« und den »unkontrollierten Finanzmärkten« einen marxistischen Begriffsrahmen zu verschaffen, ohne das Publikum mit Ideologiekritik zu verschrecken. Anstatt das möglicherweise ein wenig zu früh datierte, aber völlig korrekt wahrgenommene Ende des Fordismus krisentheoretisch zuzuspitzen, hat man mal wieder einen Vermittlungsversuch mit dem Zeitgeist unternommen. Nun tritt offen zutage, daß dies besser gegen diesen geschehen wäre.

Offenbar schärft die Regulationstheorie immerhin – im Gegensatz zu so manch anderer marxistischen Strömung – die Fähigkeit, gesellschaftliche Umbrüche zu registrieren. Genauso offenbar fehlt es aber an der Bereitschaft, den Kriseneinbruch selbst zu theoretisieren. Hier ist das Begriffssystem ausgesprochen rigide, weil ihm zufolge die nächste stabile Phase so sicher entsteht, daß am Ende sogar »Unsicherheit « als »relativ stabil« beschrieben werden muß. Dies schloß in der Vergangenheit die Möglichkeit aus, den angeblichen Neoliberalismus als Regression mit entsprechend irrationalen, mythologischen Bewußtseinsformen zu thematisieren. Auch die neoliberale Theorie sah schließlich einen staatlichen »Ordnungsrahmen der Marktwirtschaft« vor. Der sollte, wenn er eingehalten würde, für die Ewigkeit der »Marktwirtschaft« bürgen. Eingehalten wurde er, aber je weniger sich die Ewigkeit einstellen wollte, desto häufiger griff man zu Stabilisierungsmaßnahmen, die sich allesamt als zur Krisenlösung untauglich erwiesen. Der »Ordnungsrahmen « wurde, siehe Hartz IV, mit unmittelbarem Zwang unterfüttert. Die Vorstellung, es sei in den letzten 25 Jahren auch nur »relativ« staatsfrei zugegangen, ist ein Mythos, der den Staat zu einer unhinterfragbaren Form menschlichen Zusammenlebens stilisiert, die er auch im Kapitalismus nicht dauerhaft sein kann.

Zwar finden sich in dem Sammelband hin und wieder Warnungen, daß der ganze Schlamassel auch autoritär enden kann. Die aber betreffen meist lediglich die Zukunft. Ob aus der Regulationstheorie einmal gewinnbringende Einsichten folgen, dürfte sich daran entscheiden, ob ihre Vertreter/innen bereit sind einzugestehen, daß sie sich mit dem Versuch, die »neoliberale Epoche« marxistisch zu begreifen, an der Rationalisierung vergangener und gegenwärtiger autoritärer Mythen beteiligt haben.

 

Roland Atzmüller, Ulrich Brand u.a. (Hg.): Fit für die Krise? Perspektiven der Regulationstheorie. Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, 399 Seiten, 36,90 Euro

 

JustIn Monday schrieb in KONKRET 2/14 über den systemischen Charakter der gegenwärtigen Krise

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