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Der Informatiker Jaron Lanier beschreibt, wie Facebook, Amazon und Google das kapitalistische Wirtschaftssystem umbauen und sogar bourgeoise Schlipsträger zu sich selbst entäußernden Klicksklaven degradieren. Diese Entwicklung ist unausweichlich, solange die computerisierten Zeitgenossen nicht begreifen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten eine softwarebasierte Welt funktioniert. Von Peter Kusenberg

 

»Facebook hat heute offiziell angekündigt, Nutzer künftig für Likes zu bezahlen. Für jeden Klick auf einen ›Gefällt-mir‹-Button sollen 20 US-Cent (ca. 0,14 Euro) ausgeschüttet werden. Davon werden zehn Cent an denjenigen bezahlt, der den ›Gefällt-mir‹-Klick gibt, die andere Hälfte geht an den Verfasser des geliketen Beitrags. ›Mit dem Pay-Like-Programm wollen wir die große Leistung der Nutzer für den weltweiten Erfolg unseres Unternehmens anerkennen‹, teilte ein Facebook-Sprecher mit. ›Denn ohne die vielen Milliarden von Likes und Shares wäre unser Soziales Netzwerk nie so weit gekommen.‹« Diese Meldung erschien im März auf der Website des deutschen Satiremagazins »Der Postillon« und macht auf amüsante Weise das Falsche im Falschen sichtbar. Das Geschäftsmodell von Firmen wie Facebook arbeitet »nach der Methode, kostenlose Beiträge von Menschen zu bekommen, sie zu verdauen und als Köder für Werbekunden oder andere wieder hochzuwürgen, die hoffen, sie könnten aus der Nähe zu einem wichtigen Server Vorteile ziehen «, wie es in Jaron Laniers neuem Buch Wem gehört die Zukunft heißt. Der technikkundige US-Autor und Informatiker erklärt, wie tiefgreifend die Softwaregiganten die Wirtschaft verändern. Lanier verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff »Sirenenserver«, womit »ein Elitecomputer oder eine koordinierte Ansammlung von Computern in einem Netzwerk« gemeint ist, etwa der Social-Media-Dienst Facebook. »Sirenenserver sammeln Daten im Netzwerk, für die sie meist nichts bezahlen müssen. Die Daten werden analysiert, die Ergebnisse der Analysen werden dazu genutzt, die übrige Welt zum eigenen Vorteil zu manipulieren.«

Die Manipulation ist offensichtlich, die Betreiber der Sirenenserver machen keinen Hehl aus der kommerziellen Nutzung der gesammelten Daten und verweisen auf die Vorteile, die der Nutzer aus der koordinierten Datensammelei ziehe. Immerhin braucht der Amazon-Premium-Kunde kein Buch, keine DVD und kein HDMIKabel im Laden zu kaufen, die bestellte Ware liefern ihm Amazons eilfertige Mitarbeiter ohne zusätzliche Kosten über Nacht nach Hause, wobei bereits die Auswahl des Buchs, Films oder Kabels in der Hand von Amazon liegen kann, denn der Konzern gebietet über die Algorithmen, die des Kunden Begehr möglicherweise besser kennen als er selbst. Dummerweise hat die Bequemlichkeit einen Preis, wie jede Transaktion in einem auf Rendite orientierten System ihren Preis hat. Der Kunde nährt Amazons große Datensammelmaschine mit Daten, wofür er entweder gar nicht oder nur in Form von Lob und Warengutscheinen entlohnt wird. Der Österreicher Marc Elsberg verarbeitet in seinem Roman Zero. Sie wissen, was du tust das Thema Big Data, also die facebooktypische Datensammelei, zu einer paranoiden Kolportagegeschichte. In einem Podiumsgespräch des Hightech- Presseclubs am 22. Januar in Hamburg sagte Elsberg: »Die Manipulation aller Daten erfolgt erstens durch die Googles und Facebooks, zweitens durch die Nutzer deren Software. Das Perfide dabei ist, daß es kein Zurück gibt, weil wir uns zu sehr an die bequemen digitalen Dinge gewöhnt haben.« Elsberg findet ein Modell erstrebenswert, gemäß dem der einzelne an der kommerziellen Nutzung seiner Datenbeiträge beteiligt werde – ähnlich also der satirischen Meldung des »Postillons«, womit klar ist, wie wahrscheinlich eine Umwandlung des Aktienunternehmens Facebook in eine gemeinnützige Open-Source-Stiftung ist.

Lanier wirkt in dieser Hinsicht luzider, er zitiert den US-Autor Martin Ford, der in seinem Buch The Lights in the Tunnel schreibt, daß die einst Ausgebeuteten der kapitalistischen Wirtschaft zu Nicht-mal-mehr-Ausgebeuteten werden, »die nur noch dafür bezahlt werden, daß sie klug konsumieren«. Diese Rolle der Warentransfer- Kommentatoren nehmen immer mehr Menschen ein, die in früheren Zeiten als Zeitungsredakteure, Bibliothekare oder Museumsführer arbeiteten und jetzt eben »liken« und saschalobotomisieren, also neunmalklug und letztlich auf affirmative Weise das System mit Metainformationen päppeln.

Dabei ist die Neudefinition der medial laut tönenden Menschen, also derjenigen Mittelschichtler, die kein gescheites Gewerbe gelernt haben wie das des Bäckers, Schornsteinfegers oder Pianisten, kein Phänomen des Digitalzeitalters. Vor einem knappen Menschenleben beschrieben Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung das Dumme im kulturellen Informationsgeschäft: »Die unendliche Ausstellung ist zugleich das unendliche Informationsbüro, das dem ohnmächtigen Besucher sich aufdrängt, ihn mit Zetteln, Wegweisern und Radiorezepten versieht und jedem einzelnen die Blamage erspart, allen andern einzelnen als ebenso dumm zu erscheinen. Massenkultur ist die Signalanlage ihrer selbst. Die Millionen der Unterklassen, die zuvor von den Kulturgütern ferngehalten wurden und nun eingefangen werden, bieten den willkommenen Vorwand für die Umstellung auf Information.«

Die ausufernde und zu einem zentralen Element anschwellende Informationsflut erwies sich damals, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, immerhin als dezentral und widersprüchlich. Heutzutage bestimmen einige wenige »Sirenenserver« nicht allein die Fließrichtung des Informationsflusses, sondern schöpfen für ihre Betreiber das darauf schwimmende Kapital ab, was einer immer geringeren Menge an Menschen von Nutzen ist. »Die Informationsökonomie, die wir derzeit aufbauen, scheint mir weniger dem Kapitalismus angemessen zu sein als einer neuen Form des Feudalismus«, schreibt Lanier, der sich als Anti-Marxist outet. Ihn treibt vor allem die Angst vor dem Ende der Mittelschicht um: »Die Idee der kostenlosen Informationen ist tragfähig, wenn nur eine begrenzte Zahl von Menschen entrechtet wird. Wir würden es überleben, wenn wir lediglich die Mittelschicht der Musiker, Journalisten oder Fotografen vernichten. Nicht tragbar ist dagegen die zusätzliche Vernichtung der Mittelschichtsberufe im Transportwesen, im Handwerk und im Energiebereich, in der Verwaltung oder im Bildungs- und Gesundheitsbereich.« Gefährdet ist deren ökonomische Grundlage in dem Maße, in dem Softwareträger wie 3D-Drucker und Roboter die Welt bevölkern. Die 3D-Drucker der näheren Zukunft werden die Gegenstände herbeizaubern, die man jetzt im Einzelhandel zusammenkauft. In 15 Jahren genügt für eine Luftpumpe oder einen Espressokocher die Bauanleitung, die man via Sirenenserver oder mittels eines angeschlossenen Servers herunterlädt. Durch die verödeten Innenstädte fahren dann von KI-Einheiten gesteuerte Taxis, vorbei an Müllsammelrobotern und verstöpselten Menschen, die auf ihr virtuelles Display starren. »Sicher ist, daß sich die Grenze zwischen Mensch und Technik immer mehr auflöst und wir uns überlegen müssen, was akzeptabel und wünschenswert ist«, wie die Berliner Designforscherin Gesche Joost dazu im Fachmagazin »Technology Review« schreibt.

Die Weiterentwicklung dieses volldigitalisierten Zukunftsszenarios erzeugte selbst in Bayern eine 80prozentige Arbeitslosenquote, es sei denn, die derzeitigen Produktivkräfte würden zu Software-Ingenieuren, oder sie wagten die Maschinenstürmerei. Lanier erwähnt die Ludditen des 19. Jahrhunderts, deren Berufe, etwa den des Webers, der technische Fortschritt überflüssig gemacht hat. Im Digitalzeitalter dauert die Obsoleszenz, also die dem Subjekt oder Objekt eingeschriebene Veralterung, nur einen Augenblick, wie das Beispiel AOL zeigt. Im Jahre 2000 gierte der Mediengigant Time Warner nach einer Fusion mit dem damaligen Zukunftsladen AOL, heute wirken die Überbleibsel von AOL antiquierter als die Uniformen der Crew des Raumschiffs Enterprise in den Sechzigern. Im Falle des Kommunikationsdienstes Whatsapp wiederholt sich dieser Prozeß der Obsoleszenz in noch kürzerer Zeit. Facebook kündigte den Kauf des Dienstes für 19 Milliarden US-Dollar an, in den folgenden Tagen sank dessen Nutzerzahl dramatisch, die Whatsapp-Kunden wechselten einfach zu Threema und ähnlichen Diensten, die weniger angsteinflössend wirken.

Denn längst gehört es zu den Gemeinplätzen selbst unter eifrigen Facebook-Likern, Facebook sei ein abscheulicher »Datenkrake«, dem man sich nur schlecht entziehen könne. Wie die Unkenntnis von Software und ihrem Einsatz in symbolische Bilder und Ressentiments übersetzt wird, zeigte die »Süddeutsche Zeitung« in Form einer Karikatur, in der der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Krake mit Hakennase nach den Weltservern greift, wozu »Titanic«-Kolumnist Stefan Gärtner bemerkte: »Die Augen voller Heimtücke und der Mund in böser Freude aufgeworfen: Das muß allerdings drinsein, will einer die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellen, und diese Wirklichkeit hat nun einmal der Jude Zuckerberg unter seine Kontrolle gebracht, und er freut sich sichtlich darüber, weil das bis zum Freitag, als die Karikatur erschienen ist, ja auch niemand so richtig geschnallt hatte, daß sich das Weltjudentum, als vagabundierendes so ortlos wie die Datenströme, unserer geheimsten Whatsapp-Mitteilungen bemächtigt.«

Ist nicht auch Google-Gründer Sergey Brin jüdisch, sein Kompagnon Larry Page gewissermaßen ebenso? Ganz zu schweigen von Jaron »Janus« Lanier, der zwar keine Schläfen-, dafür aber Rastalocken trägt. Doch während seiner Kritik an den Big-Data-Händlern erwähnt Lanier nur nebenbei, daß er von Microsoft bezahlt wird, also von jener Firma, die durch den quasimonopolistischen Vertrieb ihrer schrottigen Softwareprodukte zu einem der gewinnstärksten Unternehmen der Welt gewachsen ist und die dann von den Googles und Apples abgehängt worden ist, weil Microsoft seine Software verkaufte wie BMW Autos verkauft und nicht à la mode Google, das seine Software »kostenlos« zur Verfügung stellt. Das antisemitische Ressentiment findet in diesem Kontext sein Ende, Jeff Bezos (Amazon), Marissa Mayer (Yahoo) und Tim Cook (Apple) sind nicht jüdisch. Sie sind amerikanisch. Lanier vergißt den Umstand zu erwähnen, daß die Big-Data-Konzerne souveräne Staaten zu Gesetzesänderungen zwingen könnten, wenn jene Staaten nicht den Anschluß an die softwaredominierte Weltwirtschaft verlieren wollen. Und da die Big Five Yahoo, Facebook, Amazon, Apple und Google sowie der kapital- und patentkräftige Technikimitator Microsoft rechtlich und börsianisch in den USA verankert sind, nimmt es nicht wunder, daß etwa die chinesische Regierung eigene Suchmaschinen und Social-Media-Dienste fördert, um im Falle des Schwindens der industriellen Produktion zumindest ein paar Jobs im eigenen Land an Serverentstauber und Like-Button-Polierer vergeben zu können.

Naiv klingt in diesem Zusammenhang Laniers Resümee, in dem er die Hoffnung äußert, »die Mehrheit der Bevölkerung könnte in zehn oder zwanzig Jahren oberhalb der Armutsgrenze leben, weil sie mit ihren persönlichen Daten genügend verdient«. Das kann nur dann zutreffen, wenn die Mittelschicht nicht stärker schrumpft, als es heute der Fall ist, und wenn die Unterschicht keine Anstalten macht, Hakkersoftware zu entwickeln für die Maschinenstürmerei. Für Lanier ist ein »Wirtschaftssystem human, wenn ich mir einen Spielraum erwirtschaften kann, um eine Weile aus dem Wirtschaftssystem auszusteigen, ohne mir selbst oder anderen zu schaden«. Man nennt das Eremitage – oder middleclass revolt.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Aus dem Englischen von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer. Hoffmann & Campe, Hamburg 2014, 480 Seiten, 24,99 Euro (E-Book: 19,99 Euro)

Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust. Blanvalet, München 2014, 480 Seiten, 19,99 Euro (E-Book: 15,99 Euro), erscheint Ende Mai

Peter Kusenberg schrieb in KONKRET 3/14 über die Digitalisierung des Buchmarkts

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