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Tomayers Video-Tagebuch

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Filmkritiken

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von konkret

Zwei Märchen aus Tausendundeinem Weltblatt und ein Stück Prosa:

Kein Grund zum Schwarzsehen. Widerworte gegen Unkenrufe: Seit 1989 dominieren friedliche Entwicklungen die Weltpolitik (Marion Dönhoff, »Zeit«, 1996) – Ein Krieg weniger. Osama Bin Ladens Tod und die arabischen Revolutionen gehören zusammen: Jetzt beginnt eine Zeit der Hoffnung (Jan Ross, »Zeit«, 2011) – Irgendein Gutes hat jede Erscheinung, sogar das Pflichtblatt des deutschen Studienrats. Wer wissen will, was die Zukunft des Planeten in petto hat, muß die Prognosen der führenden Wochenzeitung lesen und das Gegenteil für garantiert nehmen. (KONKRET, Juni 2011)

Was macht den Unterschied? Daß die »Zeit« vom Größten Anzunehmenden Staatsmann Helmut Schmidt herausgegeben wird und KONKRET nicht.

 

Im September 2012 hatte KONKRET seinen Lesern zugemutet, sich dieses Szenario vorzustellen:

Drei maskierte Frauen der Punkband Schamrot stürmen den Altarraum des Kölner Doms, umtanzen den Kardinal Meisner und singen: »Mutter Gottes, du Jungfrau, schick den Gauck zum Teufel!« Sie werden von Ministranten in die Sakristei gedrängt und der Polizei übergeben. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Verfahren wegen »Beschimpfung des religiösen Bekenntnisses anderer« (Paragraph 166 StGB) ein. Höchststrafe: drei Jahre Haft.

An Weihnachten 2013 mußte »Bild« melden: Nacktprotest gegen die Kirche, Busenskandal am Altar – ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag, ausgerechnet bei einer Messe mit Joachim Kardinal Meisner an dessen 80. Geburtstag. Tatort Kölner Dom! Meisner will gerade mit der Predigt beginnen, als eine junge Frau aus der ersten Reihe auf ihn zustürmt und sich das Oberteil vom Leib reißt: »I am God« hat sie mit schwarzen Lettern auf den Oberkörper geschrieben. Domschweizer und Kirchgänger packten sie, sie wurde weggebracht … Die Polizei nahm Josephine Witt schließlich vorübergehend in Gewahrsam und erstattete von Amts wegen eine Anzeige wegen Störung der Religionsausübung und Hausfriedensbruchs …

Alles wie in KONKRET vorhergesehen. Warum? Wir sind Gott.

 

Dem zu Ehren Marco Tschirpke ein lyrisches Triptychon verfaßt hat

 

1 WALDEINSAMKEIT

Wie Trommelwirbel hört man ihn,

Ein Wirbeln ohne Stampfen.

Der Buntspechtschnabel, er muß glühn,

Die Birkenborke dampfen.

Ein Kuckuck mit gebrochnem Bein

Entfleucht mit wankem Tritt.

Hier hab ich Ruh, nur leider kein

konkret zu lesen mit.

 

2 AUS DER FAMILIENCHRONIK

Da fragt man Onkels, Omas, Tanten,

Die hochbetagten der Verwandten:

Was hat der Opa in Rußland gemacht?

An welcher Front? In welcher Schlacht?

Und keiner hat viel mehr parat

Als irgendwas mit Stalingrad.

Kein Töten? Keine Judenhatz?

Kein Haß? Kein Gas? Kein Bunker?

Ach watt! Im Chor ertönt der Satz:

Der Opa war nur Funker!

 

3 EIN SATZ HERMANN L. GREMLIZAS WIE

DER FISCH IN DIE DOSE VOM DICHTER INS

METRUM GEPRESST

Ich bin sehr gern in der Natur,

Im Grunde passioniert.

Ich liebe sie. Vorausgesetzt,

Sie ist gut asphaltiert.

 

Typographische Reflexe. Die Website »Fonts in use« kritisiert:

In der Titelgeschichte der Dezember-Ausgabe von KONKRET geht es um die »deutsche hysterische Reaktion« auf die NSA-Spionage-Affäre. Die Titelzeile »Achtung! Feind hört mit!« ist in FF Brokenscript (aus dem Jahr 1991) gesetzt. Selbstverständlich hat Just van Rossums zeitgenössische Umsetzung einer Frakturschrift weder etwas mit Zweiter-Weltkrieg-Propaganda noch mit der deutschen Schaftstiefelgrotesk von Mitte der dreißiger Jahre zu tun. Sie ist eine »leicht ironische Interpretation der Fraktur« (Jan Middendorp in Dutch Type) und »erscheint eher modern und cool als altertümlich und morbide« (»Fontfont«). Auf eine beliebige Fraktur zurückzugreifen um eine Nazi-Anspielung zu tätigen, geschieht in Unkenntnis der Geschichte. Es ist ein banales Klischee, das vermieden werden sollte.

Besser läßt sich die »leicht ironische Interpretation« der historischen Bezüge durch KONKRET-Gestalter Niki Bong nicht beschreiben. Gerade deshalb sollte die Annahme, er kenne die Geschichte nicht, vermieden werden.

 

Wenzel Storch liest aus Arno & Alice. Ein Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans (konkret texte 59):

6.3. München, Werkstattkino; 8.3. Kalkhorst Borkenhagen, Landgang Festival; 13.3. Leipzig, Cineding/ Buchhandlung Drift; 14.3. Leipzig, Luru-Kino; 15.3. Hamburg, Metropolis; 21.–22.3. Hannover, Kino im Sprengel; 28.3. Frankfurt, Orfeos Erben. Siehe www.wenzelstorch.de.

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