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Die ’68er sind bekanntlich daran gescheitert, daß es ihrerzeit noch kein Internet gab, das sie mit Unterschriftenlisten für eine proprietäre Neustrukturierung des Springer-Verlags hätten füllen können. Heutzutage aber weiß man dank Facebook und Twitter stets genau, was es alles an Bösem und Empörenswertem auf der Welt gibt und was jede/r dagegen tun kann: Im Viertelstundentakt informieren aufgeregte Social-Media-Aktivisten über diese oder jene Online-Petition, bei deren Nichtunterzeichnen mindestens der Weltuntergang, wenn nicht gar das Ertrinken niedlicher Kätzchen drohe.

So wäre wohl ohne die Petition »Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag« niemandem aufgefallen, daß der Fernsehquassler öffentlich-rechtlich beauftragt ist, dem Stammtisch eine Stimme zu geben und Studiogästen über den Mund zu fahren, die eine von den Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung abweichende Meinung vertreten. 230.000 Unterschriften später tut der Moderator weiterhin das, wofür er bezahlt wird, hat sich aber artig bei einem seiner Opfer entschuldigt. Sahra Wagenknecht hat die Entschuldigung ebenso artig akzeptiert, alle haben sich wieder lieb, und die Initiatorin der Petition und ihre heldenhaft Mitaufgeregten dürfen nach zwei »turbulenten Wochen« stolz die Macht der Schwarmempörung feiern.

Doch wo es ums Internet geht, da ist »Godwin’s law« nicht weit: »Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Nazi-Vergleich dem Wert eins an.« In Deutschland ist diese Wahrscheinlichkeit zudem um so höher, je weiter links die so Bezeichneten verortet werden. In diesem Fall quoll es aus »Zeit«-Herausgeber Josef Joffe heraus und in sein Blatt hinein: »In analogen Zeiten hieß es: ›Kauft nicht beim Juden!‹ Heute ist die Verwünschungskultur digital.« TV-Talker mit Millionenpublikum sind hierzulande nun einmal eine verfolgte Minderheit.

Kein Wort verlor Joffe über die 200.000 Unterzeichner der Petition »Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens«, die auf diesem Weg verhindern wollen, daß Schüler in Baden-Württemberg über Beziehungsformen jenseits der heterosexuellen Kleinfamilie informiert werden. Diesen schwarz-braun-klerikalen Mob bezeichnen die Qualitätsmedien jedoch nicht als das, was er ist, statt dessen ließ es sich Lanz’ Kollegin Maischberger nicht nehmen, einige seiner Vertreter unter der treuherzigen Fragestellung »Droht die moralische Umerziehung?« in ihre Sendung zu laden.

Und so schließt sich der Kreis, denn die Sendung führte erwartungsgemäß wiederum zu einer digitalen Kollektivempörung, die Twitter für TV-abstinente Menschen über Stunden unbenutzbar machte, und sicherlich kann man demnächst eine Anti-Maischberger-Petition unterzeichnen. Dann wird endlich alles besser. Ganz bestimmt.

 – Svenna Triebler –

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