Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0119start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Für’n Apple ‘n Ei

Kirsten Achtelik über das sogenannte social freezing.

 

Große Aufregung löste kürzlich die Ankündigung von Facebook und Apple aus, für ihre Mitarbeiterinnen in den USA die Kosten für das sogenannte social freezing zu übernehmen. Als social freezing oder auch als »Eizellenvorsorge« werden die Entnahme und das jahrelange Einfrieren von Eizellen bezeichnet. Die Technik soll eine spätere Mutterschaft eigener biologischer Kinder ermöglichen. Gegenüber anderen exkorporalen Befruchtungsmöglichkeiten bietet social freezing die Vorteile, dass die Eizellen jünger sind als bei der herkömmlichen In-vitro-Befruchtung (IVF) und dass es, anders als bei der Eizellenspende, die eigenen sind. Facebook und Apple wollen nun die Kosten für diese Verfahren mit bis zu 20.000 Dollar pro Angestellter finanzieren. Diese Ankündigungen lösten in Deutschland eine mediale Debatte aus, bei der man sich darüber wundern konnte, dass Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen einer Meinung waren: »Hierzulande würde es so was nicht geben!« Auch hiesige Feministinnen waren sich einig. Alice Schwarzer in »Emma«, Sarah Diehl in der »Jungle World« und Charlott auf dem Blog »Mädchenmannschaft« kamen an dem Punkt argumentativ zusammen, dass die Technik an sich doch gut sei, wenn sie einzelnen Frauen dabei helfe, ihre individuelle Lebensplanung umzusetzen.

Ist es aber tatsächlich die Frage, die Feministinnen interessiert, ob diese Techniken die reproduktive Wahlfreiheit für einzelne Frauen erweitern? Und lautet die Frage angesichts geringer Erfolgsquoten und möglicher schwerer körperlicher Folgeerscheinungen nicht eigentlich genauer: Glauben manche Frauen, dass diese Techniken ihre Wahlmöglichkeiten erweitern? Dies scheint bereits zu genügen, um eine positive Veränderung patriarchaler Rollenzuschreibungen zu postulieren: »Der zeitliche Spielraum von Frauen passt sich dank des egg freezing nun dem von Männern an. Ihre Freiräume und das damit einhergehende Selbstbewusstsein auch« (Diehl).

Wer in der Ausweitung der Illusion von Kontrolle und Planbarkeit einen feministischen Fortschritt zu sehen vermag, möge diese Entwicklung begrüßen. Wer hinter dem Angebot den Auftrag zum verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Fruchtbarkeit wittert und unter den herrschenden Zuständen die Möglichkeit einer entspannten, zwanglosen und freien Entscheidung bezweifelt, möge skeptisch sein. Ein ergänzender Blick auf die Wachstumsprognosen des globalen In-vitro-Marktes könnte diese Skepsis verstärken: Wurden dort 2012 bereits neun Milliarden Dollar umgesetzt, werden für das Jahr 2020 Umsätze von mehr als 20 Milliarden erwartet. Das geht natürlich nur, wenn die Frauen diese Dienstleitungen auch nachfragen. Ganz entspannt.


Zurück