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Die Frau im Kühlschrank – dieses Motiv steht im Zentrum des zweiten Teils der Filmserie »Tropes vs. Women«, den Anita Sarkeesian gerade veröffentlicht hat. Die Medienkritikerin betreibt den Videoblog »Feminist Frequency«, in dem sie in Wort und Bewegtbild vorführt, auf welch diskriminierende Weise Frauen in Videospielen dargestellt werden.

Für den ersten Teil ihrer dreiteiligen Dokumentation untersuchte die US-Feministin das Stereotyp der »Damsel in Distress«, der verfolgten Unschuld. In den meisten storylastigen Digitalspielen ist die Entführung einer weiblichen Figur die Motivation für den männlichen Helden, Hindernisse zu überwinden, Widersacher zu besiegen und am Ende die Maid zu befreien. Die rund 40 Nintendo-Titel mit Mario als Spielheld laufen ähnlich ab: Mario bricht auf, um die von Donkey Kong oder Bowser entführte Prinzessin Peach im rosa Kleidchen zu retten. Sarkeesian analysiert pointiert die Struktur der Erzählung, in der einzig der Mann als Subjekt auftritt, während die Frau in einer passiven Rolle verharrt und so als Würzmittel im Männerwettstreit fungiert.

Die Frau im Kühlschrank ist eine Variante der Damsel in Distress und stammt aus der Comicwelt der späten Neunziger (US-Comicautorin Gail Simone prägte den Begriff ). Nachdem etwa der Titelheld des Actionspiels »Max Payne« bei der Heimkehr festgestellt hat, daß Frau und Tochter ermordet wurden, nimmt er Rache an den Verantwortlichen, wobei der Spieler in seiner Funktion als Heldenlenker den seriellen Massenmord qua erlittenes Unrecht zu legitimieren vermag.

Besonders beliebt ist die Verbindung beider Muster: Nur die Frau stirbt, und die Tochter wird entführt, so daß der Held gleichzeitig rächen und retten kann. Sarkeesian kritisiert nicht die Gewalt, sondern die exklusiv männliche Ermächtigung und die Festschreibung der Geliebten/Frau/ Tochter als rein passives Handlungselement. Mitunter rückt der Held einer aus der Rolle gefallenen Frau den Kopf gerade, indem er sie von ihren Dämonen befreit – und tötet. Damit werde, analysiert Sarkeesian, auf symbolischer Ebene Gewalt gegen Frauen gerechtfertigt.

Zum funktionellen Sexismus gesellt sich der bildliche. In dem Actiontitel »Double Dragon« wirft der Schurke die spärlich bekleidete Geliebte des Helden über die Schulter, trägt sie davon und entblößt dabei ihren Schlüpfer. Für Sarkeesian nährt die Spielindustrie so den reaktionären Mythos vom schwachen, verfügbaren Geschlecht. Selten wird dieses sexistische Muster durchbrochen, gelegentlich wird es ironisiert, um es auch Über-16jährigen mit Abitur schmackhaft zu machen.

Die Reaktion auf Sarkeesians Filme ist gewaltig. Der erste Teil erntete Schmähungen (»Ich hoffe, du kriegst Krebs!«) und Drohungen. Im Internet tauchte ein primitives Flash-Spiel auf, in dem man das Gesicht der Autorin grün und blau prügeln konnte.

- Peter Kusenberg -

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