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Arm dran, aber sauber: Der hiesige Staatsbürger läßt sich seine Ressentiments gegen das Ausland regelmäßig durch Statistiken und Rankings bestätigen. Von Ralf Schröder

In der Kollektivpsyche der Deutschen hat »das Ausland« seit je einen besonderen Stellenwert. Wurden anderswo bürgerliche Freiheiten gegen die überkommenen Autoritäten des Adels und der Kirche durchgesetzt, hat es in Deutschland nie einen erfolgreichen Aufstand zur Beseitigung des Ständestaates gegeben, sein Reglement prägt nach wie vor die gesellschaftliche Dynamik. Die Berliner Nation formierte sich als völkisch geeichte Version der kapitalistischen Konkurrenzkultur im Krieg gegen Frankreich; in der zugehörigen Philosophie gilt das Ausland bis heute als Hort der Bedrohung und der Gefahr. Selbst die aktuellen Lobreden auf die friedensstiftende Kraft der Europäischen Union spiegeln das existentielle Ressentiment, Nationen seien eigentlich dazu geschaffen, um aufeinander loszugehen. Seit ungefähr 1945 ist die Stammesunvernunft, die sich auf dieser Basis regelmäßig Gehör verschafft, demonstrativ in der Defensive. Mal muß das Ansehen unserer Mütter, unserer Väter gegen die Zumutungen fremder Geschichtsschreibung verteidigt werden, dann wieder gilt es, der ausgreifenden Diktatur der angelsächsisch grundierten Political Correctness zu widerstehen.

Ein jüngeres Manifest dieses historisch gewachsenen Verfolgungswahns ist Thilo Sarrazins Schrift Deutschland schafft sich ab. Sie wurde vor allem deshalb so populär, weil sie an lebendigen Beispielen etliche der rassekundlichen und anderen Weisheiten bestätigt, die das Alltagsbewußtsein zwischen Flensburg und Füssen prägen. Als er 2010 vom »SZ-Magazin« gefragt wurde, auf welchen Zahlen seine These beruhe, 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung Berlins seien gegen den Staat und nicht integrationsfähig, erklärte Sarrazin, er könne dazu keine statistischen Fakten vorweisen. Wenn man keine Zahl hat, so der Autor weiter, müsse »man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch«.

Daß erfundene oder gern auch durch Empirie geadelte Zahlen vom Ressentiment in Dienst genommen werden, ist keine Ausnahme – ein üppig besetztes Stück dieser Machart ging erst vor wenigen Wochen über die Bühne. Nachdem die Europäische Zentralbank eine Studie zur nationalen Vermögensverteilung veröffentlicht hatte, brach ein Sturm der Empörung los. »Deutsche sind die Ärmsten im Euro-Raum«, »Reiche Zyprer, arme Deutsche«, »Zyprer reicher als Deutsche«, »Vermögen in Griechenland größer als in Deutschland«, »Zyprer und Griechen deutlich reicher als Deutsche«, »Reiche Spanier, arme Deutsche«, »Der arme Michel träumt sich reich« – so abwechslungsreich lasen sich die Headlines angesichts des Zahlenwerks. Ihm zufolge beläuft sich das mittlere Vermögen deutscher Haushalte auf rund 51.400 Euro netto und liegt damit weit unter dem in Griechenland (101.900 Euro), Frankreich (113.500 Euro), Spanien (182.700 Euro) oder Zypern (266.900 Euro). Selbst die slowakischen Haushalte, die den vorletzten Tabellenplatz belegen, kommen auf 61.200 Euro.

»Der Euro ist der größte nicht aufgezwungene Umverteilungsmechanismus, der je zu Lasten eines Landes installiert worden ist«, resümierte die »Wirtschaftswoche« in einem Entrüstungstonfall, der offensichtlich daran erinnern sollte, daß sich das Sensorium für Hochverrat jederzeit reaktivieren läßt. Ähnlich empört war »FAZ«-Herausgeber Holger Steltzner: »Es sind unglaubliche Fakten.« Nun sei also heraus, daß die Deutschen »die ärmsten Europäer« sind, »halb so reich wie die Griechen«: »Die politische Wahrnehmung und die veröffentlichte Meinung zeichnen stets das gegenteilige Bild. Warum? Wieso sind die Vermögen der Europäer in Brüssel tabu? Ist es politisch schon unkorrekt, dies zu fragen?« Zwei Tage später wußte Steltzner die Antwort auf die Fragen, die er sich ausgedacht hatte: »Die Vermögenslage paßt nicht zum politisch gepflegten Bild vom wohlhabenden Deutschland, wie es so gern gezeichnet wird.«

Die Kritik am feindlichen Ausland, das gern und auch hier unter der Chiffre »Brüssel« auftritt, ließ sich durch die Tatsache nicht beeindrucken, daß das Zahlenmaterial für die angestellten Vergleiche und Analysen völlig untauglich war. Zum ersten stammte der Datenschrott großenteils aus den Jahren 2008 bis 2010, berücksichtigte also nicht die vor allem in Südeuropa spürbaren Auswirkungen der Finanz- und Euro-Krise. Zum zweiten wurden nicht Einzelpersonen, sondern Haushalte betrachtet – ohne Rücksicht darauf, daß diese hierzulande im Schnitt weniger Personen umfassen als etwa in südeuropäischen Regionen. Zum dritten zog die EZB für den Vermögensvergleich anstelle des Durchschnittswerts den Median heran, eine in diesem Zusammenhang äußerst bizarre Rechenart: Werden Haushalte nach ihrem Vermögen sortiert, liegt der Median genau in der Mitte, es gibt ebensoviele reichere wie ärmere Haushalte. Auch daß die völlig unterschiedlichen Kulturen des Immobilienerwerbs und der sozialen Sicherungssysteme nicht berücksichtigt wurden, ruft in dem Zahlenwerk groteske Verzerrungen hervor.

Diese und weitere Mängel hatten vielerorts nicht den geringsten Einfluß auf das ohnehin feststehende und den Tatsachen diametral widersprechende Urteil, Deutschland werde vom Rest Europas gnadenlos ausgebeutet. »In Wahrheit sind diese Relativierungen überhaupt nicht stichhaltig«, schrieb in Reaktion auf
die Kritik an der Studie der Kommentator der »Wirtschaftswoche« und vermutete: »Das Ergebnis der EZB-Reichtumsstudie ist so erschütternd, daß es die Deutschen nicht wahrhaben wollen.« Der »Spiegel« leistete sich den Spaß, über die Studie eine Titelstory mit der Headline »Die Armutslüge« zu verfassen. »Die Zahlen sind brisant«, mancher »Versuch, die Vermögensunterschiede in der Euro-Zone kleinzureden«, erinnere an »Taschenspielertricks« – »Relativierungen und Beschönigungen« seien nicht angebracht. Als das Monatsblatt »Cicero« die Methodik und den politischen Umgang mit der Untersuchung kritisierte, hagelte es auf der Website abfällige Kommentare. Leser Armin Dick blieb sachlich und schrieb: »Unglaublich schlecht, dieser Artikel. Es scheint, der Autor beherrsche nicht die einfachsten mathematischen Grundlagen.«

Von Leuten wie Schäuble und Rösler, die der Vermutung, es gebe in ihrem Regierungsbezirk zuviel Armut, regelmäßig mit gewaltigem verbalem Aufwand entgegentreten, war in dem Streit nichts zu hören – denn den interessantesten Fakt der europäischen Einkommens- und Vermögensverteilung sparte die Studie vollkommen aus: die extremen Ungleichheiten im jeweils nationalen Rahmen, die in Deutschland mit Abstand am stärksten ausgeprägt sind. Auch kam nicht zur Sprache, daß beispielsweise – wie die »Berliner Zeitung« ausrechnen ließ – jeder Spanier im Schnitt mit 21.000 Euro im Ausland verschuldet ist, der Deutsche aber im Schnitt ein Auslandsvermögen von 12.000 Euro besitzt. Genau dafür muß der vielzitierte hiesige »Steuerzahler« nun gemeinsam mit seinen südeuropäischen Klassenkameraden haften. Das einzige Aufbegehren, zu dem er sich dabei hinreißen läßt, zielt keinesfalls auf das eigene Plus, sondern lediglich auf die Garantie, das Elend der anderen werde das seine auch künftig übertreffen. Deshalb gilt: Wer als Ausländer verdächtig ist, die Besitztitel der hiesigen Kapitalaristokratie in die Gefahr der Entwertung zu bringen, egal ob spanischer Habeauchnichts oder italienischer Bankdirektor, kriegt es mit der Rechtschaffenheit des Schrebergartens zu tun – der ist allzeit schwarzrotgold beflaggt und kennt keine Parteien.

Daß Statistiken und Rankings auf derart krude Weise fürs Nationalgefühl in Dienst genommen werden, läßt sich regelmäßig beobachten. Als im März neue Zahlen zum internationalen Waffenhandel verfügbar wurden, lauteten die Headlines der hiesigen Redaktionen so: »China steigert Waffenexport um 162 Prozent« (»Mittelbayerische Zeitung«), »China klettert in den Rüstungsolymp« (»Manager Magazin«), »Waffen ›Made in China‹ boomen« (D-Radio), »China exportiert immer mehr Waffen« (»Deutsche Welle«), »China wird zur Waffenfabrik« (»Heute.de«), »Chinas Rüstungsindustrie boomt mit Plagiaten« (»Zeit«).

Je nach ethischem Interieur der verschiedenen Verlagshäuser gab es in der zugehörigen Berichterstattung zwei Linien: Entweder wurde die Tatsache, daß Deutschland bei der Ausfuhr von Tötungsgerät immer noch deutlich vor China rangiert und nur von den USA und Rußland übertroffen wird, ebenso dezent in einen randständigen Halbsatz verpackt wie die Petitesse, daß immer noch zehn Prozent der hiesigen Rüstungsexporte nach Griechenland gehen – obwohl Athen den Import angeblich bereits um 61 Prozent zurückgefahren hat. Oder man adelte, wie beispielhaft der »Spiegel«, diese Konkurrenz, ähnlich wie jene um die Exportweltmeisterschaft, zum sportlichen Wettkampf. »Es ist ein fast schon historischer Sprung im Ranking der Rüstungsriesen. Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges schafft es ein neues Land in die Top Fünf der Waffenexporteure. China ist drin – Großbritannien fliegt raus.« In der Fotostrecke auf der Website ist ein »Leopard in voller Fahrt« zu sehen, die Bildunterzeile verneigt sich vor der Leistung der Fabrikanten, der Ingenieure und der Facharbeiter, die durch ihren Erfindungsreichtum, ihren Fleiß und ihre Lohnzurückhaltung auch künftig zu den Ausfuhrerfolgen dieser Branche beitragen werden: »Deutschland schafft es auf Platz drei im Exportranking. Besonders Panzer ›Made in Germany‹ sind begehrt.«

Daß die wahnhafte Beschwörung des Fremden die Züge einer kollektiven Bewußtseinstrübung trägt, läßt sich allerdings nirgends hübscher beobachten als auf dem Feld des Umweltschutzes. Obwohl ihre Industrie Dreckmaschinen und Gifte ohne Ende exportiert und obwohl ihre Konzerne in der EU jede substantielle Verschärfung ökologischer Reglementierungen verzögern oder verhindern, zählen sich die Deutschen, was die »Bewahrung der Schöpfung« angeht, international zu den Vorreitern.

Bestätigt wird diese Autosuggestion regelmäßig durch nachrichtlich aufgemachte populistische Propaganda. »CO2-Ausstoß: China bekennt sich erstmals als Klimasünder Nr. 1«, meldete vor drei Jahren triumphierend eine Headline des »Spiegel« – ein Motiv, das seitdem in Mode geblieben ist. Entsprechend klangen vor einigen Wochen die Kohlendioxydbilanzen für das Jahr 2011: »Spitzenreiter bleibt China« (»Spiegel«). – »Mehr als ein Viertel der globalen Emissionen gehen auf das Konto Chinas. Damit ist das Land weltweit führend unter den Klimasündern. Danach folgen die USA mit einem Anteil von 16 Prozent, die EU mit elf Prozent, Indien mit sieben Prozent« (»Zeit«). – »Das CO2-Ranking führte unverändert China mit 8,9 Milliarden Tonnen vor den USA und Indien an« (»Manager Magazin«). – »Die chinesische Regierung lehnt bindende CO2-Obergrenzen kategorisch ab – dabei pustet kein Land so viele Treibhausgase in die Luft« (»Tagesschau«). – »Emissionsweltmeister in der Kritik. Forscher des globalen Kohlenstoffprojekts kritisieren Chinas fehlende Umweltpolitik« (»Deutschlandfunk«). »Dank der Wirtschaftskrise und eines milden Winters sank der CO2-Ausstoß 2011 in der EU, den USA und Japan. Doch China macht alle Einsparungen zunichte« (Energievergleichsportal Verifox).

Daß der Vergleich des Schadstoffausstoßes nach nationalen Absolutmengen Mathematik auf dem Niveau des Neandertals ist – geschenkt. Daß der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß der einzig aussagekräftige Maßstab ist und Deutschland China hier nach wie vor deutlich übertrifft – geschenkt. Daß chinesische Kohlekraftwerke seit 2012 nur noch 117 Milligramm Stickoxyde pro Kubikmeter Abgas ausstoßen dürfen, in der EU dagegen ab 2016 eine »Verschärfung« auf deutsches Betreiben hin immer noch 200 Milligramm und zahlreiche Ausnahmen erlauben wird – geschenkt.

Wie das hiesige Umweltgemüt wirklich tickt, hat der »Spiegel« aus Versehen Ende April verraten. Unterwegs im Gefolge der deutschen Firmenbosse, schrieb ein Reporter des Magazins über die mittlerweile wichtigste Automesse der Welt: »Anderswo plagen sich die Autohersteller mit CO2-Regularien und Absatzeinbußen herum, doch in China verkaufen sie Autos wie im Rausch – Klimaschutz ist kein Topthema. Auf der Motorshow in Shanghai wirken die Automanager deswegen, als hätten sie Ecstasy eingeworfen.« Scheiß auf den Dreck!             

Ralf Schröder schrieb in KONKRET 4/13 über neue Formen der Ausbeutung

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