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Sag beim Abschied leise Oarschloch

Nachruf auf einen Weggetretenen.

Lieber Jürgen Trittin,

Claudia Roth, das Klageweib, werde ich vermissen. Bei Ihrem Rücktritt habe ich gedacht: Gott sei Dank. Für mich waren Sie ein deprimierender Mann – ein lächelnder, finsterer Maniker, ein Rechthaber, Besserwisser. Schadenfroh Feixender, eitler Egomane. Alles wußten Sie besser in Ihren feschen Anzügen und offenem blauen Hemd. Ich bin froh, daß Sie zurückgetreten sind. Sie passen nicht mehr in unsere Welt. Sie gehören der Generation 68 an, die nicht weise geworden ist. Niemals haben Sie zugegeben, daß Sie sich irrten. Sie waren ein verbissener, furchtbarer, ideologischer Mann. Claudia Roth liebe ich. Sie ist so nah an den Flüssen gebaut. Literweise weint sie Tränen. Es war einmal eine grüne Partei. Sie kümmerte sich um Bäume, Käfer. Ich wählte sie auch. Für mich hat Trittin die grüne Partei kaputt gemacht. Mit seiner Arroganz, seinem eiskalten Lächeln. Herzlichst, F. J. Wagner, »Bild«

Daß ein Menschenkind, mit dessen Äußerem die Natur es gar nicht gut gemeint hat, vor Neid grün anläuft beim Anblick des Herrn Trittin – wer verstünde es nicht? Vermag das diesen Ausbruch unbändigen Hasses zu erklären? Trittin muß bei F. J. Wagner edlere Teile getroffen haben als nur ein Gesicht, das in die Hose gehört. Dieser tägliche Kolumnist ihres größten Drecksblatts, zugleich der Deutschen liebster Überbauarbeiter, fühlt sich im tiefsten Innern dessen verletzt, was der deutsche Mann und seine Frau besitzen: ihre Weltanschauung.

Wüßte man nicht, wer Trittin ist, müßte man ihn nach Lektüre dieses Porträts für Degenhardts schwulen Kommunisten mit Tbc und ohne Paß halten, so vollständig sind hier alle deutschen Ressentiments gegen Volksschädlinge versammelt. Ein Untermensch ist er, der nicht »in unsere Welt paßt«, die uns heute gehört. Er ist deprimierend, manisch, finster, muß alles besser wissen, runterreißen, zersetzen, wie die jüdischen Finstermänner des Julius Streicher, feixt über den Schaden, den er anrichtet, reibt sich die Händchen, ein »eitler Egomane«, eiskalt, einer, mit dem der gemütliche Deutsche nicht auf dem Oktoberfest schunkelt.

Wagner hat einmal die Grünen gewählt, als sie noch die Kümmerer um Bäume und Käfer waren und von August Haußleiter, Herbert Gruhl und Baldur Springmann geführt wurden, teils schlichten Esoterikern, teils Voll-, teils Kryptonazis, passend zum Typus brauner Oberförster, der auf den Parteitagen den Raum zwischen den Stricklieseln füllte. Diese Grünen trugen keine feschen Anzüge und lässig offene Hemden, sondern Volksgemeinschaftskonfektion, wenn nicht gar, wie Kamerad Baldur, einen Russenkittel.

(Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Wagner ist weder Antisemit noch Nazi. Das hat er in seinem Arbeitsvertrag bei Springer schriftlich gegeben.)

Was die »Bildzeitung« für den chauvinistischen Analphabeten ist, der nicht weiß, wie man das, was er ist, schreibt, das ist eine soziale Stufe höher die »Welt«, die an die Spitze ihres Wirtschaftsteils am Tag nach der Wahl den Seufzer plazierte: »Die Wirtschaftswelt kann aufatmen. Jürgen Trittin ist raus.«

Dabei hatte der Delinquent, über dem der Haß jetzt, in der Stunde seines politischen Todes, zusammenschlägt, alles und mehr getan, der Wirtschaftswelt und ihren Dichtern gefällig zu sein. Als Minister in Gerhard Schröders Kabinett hatte er sich Springers Drecksblatt auf einer Postkarte zu Füßen gelegt:

Grüße an die »Bild«-Leser aus Bonn. Hier verhandeln über 100 Staaaten, wie die Klimakatastrophe zu verhindern ist. Deutschland hat dabei eine wichtige Rolle. Viel Arbeit für den Umweltminister.Urlaub gibt es erst später. Ihr Jürgen Trittin

Das von Trittin mitbestimmte Programm der Grünen enthält nicht eine Position mehr, die einen Großaktionär um die Nachtruhe hätte bringen müssen. Das alles zu toppen, hat er den Deutschen einen verlogenen Pfaffen als Präsidenten beschert und der Chefredakteurin seiner Parteizeitung »Taz«, als in dieser ein Hinweis auf Gaucks Verharmlosung deutscher Verbrechen erschien, im Fernsehen unter Fälschung eines Zitats »Schweinejournalismus« vorgeworfen.

In einem Moment der Schwäche, in dem ihm von diesem letzten Salto seiner politischen Kür schwindlig war, hatte er, den Schweinejournalismus betreffend, einem alten Reflex folgend schnell noch hinzugefügt: »… wie ich ihn sonst nur von der ›Bildzeitung‹ kenne«.

Wie das so ist: Ein kluges Wort und schon bist du Kommunist. Und bleibst es im Auge des Gegners die nächsten 20 Jahre lang, und ob du auch mit Schröder die Arbeitslosen in den Hartz deportierst, Jugoslawien noch einmal überfällst und alles andere tust, was man tut, wenn man bleiben will, was man ist. Unvergessen der morgendliche Spaziergang entlang der Spree, an deren Ufer eine blaulichtbewehrte Fahrzeugkolonne (drei oder fünf Motorräder, drei oder vier schwarze Limousinen, ein Geländewagen) haltgemacht hatte, und ein offenkundig schlecht gelaunter Polizist meine Frage, was denn passiert sei, mit den Worten beantwortete: »Herr Bundesminister Trittin macht im Tiergarten Frühsport.« (Eine der schmucksten Fußnote zur never ending story von Sein und Bewußtsein.)

Genutzt hat beides nicht, nicht das Jogging, dem der Infarkt folgte, und nicht die Grußpostkarte, der Wagners Brief antwortete. Es ist das Pech des Jürgen Trittin, daß man ihm die korruptionelle Zuverlässigkeit nicht glaubt wie dem Fischer oder dem Kretschmann; daß man zwischen seinem Tun und seinem Denken eine feine Distanz zu spüren meint, Raum für das Ungeziefer, als das hierzulande Intellekt und Ironie wahrgenommen werden. Immer steht er ein wenig so da, als könnte er auch anders. Gewiß, er macht jede Schweinerei mit, denn Dabeisein ist auch ihm alles. Doch ganz sicher weiß man nicht, ob er’s nicht eines anderen, beßren Tags rumerzählt.

Michael Schilling schreibt für KONKRET unter anderem das »Kleine Idiotikon«

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