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Zur Erinnerung an Michael Rudolf

02.02.2017 15:26

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"Na, wie war ich?"

Oder: Sudau forever

 

Von Marit Hofmann

 

Zur Erinnerung an den konkret-Autor Michael Rudolf (1961-2007), der sich vor zehn Jahren das Leben nahm, veröffentlichen wir einen Text von konkret-Redakteurin Marit Hofmann aus dem von Jürgen Roth herausgegebenen Band Der Mann mit den neunhundertneunundneunzig Gesichtern. In Gedenken an Michael Rudolf (Oktober-Verlag, Münster 2008).

 

 

Er muß da draußen irgendwo sein. Ganz sicher. Sie wissen nicht zufällig, wo Holger Sudau steckt? Sagen Sie jetzt nicht, das sei doch bloß ein Alter ego des Schriftstellers Michael Rudolf gewesen und dessen Roman Morgenbillich von 2003, der die Lebensgeschichte Sudaus minutiös nachzeichnet, in Wirklichkeit "autobiographisch" - ich kann es nicht mehr hören! Schließlich lebte und wirkte der am Ende der Biographie "irrtümlich Verschwundene" nicht nur in zahlreichen von Herrn Rudolf veröffentlichten Geschichten fort, Herr Sudau schrieb und publizierte auch eigenständig Texte, über die sich sein vermeintlicher Schöpfer Rudolf nicht selten abfällig zu äußern pflegte. Nicht zuletzt habe ich Jahre später das angebliche Alter ego persönlich kennenlernen dürfen - und kann bezeugen: Die beiden Herren waren grundverschieden. Während Rudolf die Gemeinheiten des Daseins nicht eben leicht wegzustecken vermochte, war Sudau alles andere als ein Kind von Traurigkeit und sprach ausschließlich den angenehmen Dingen des Lebens zu. Sobald es Arbeit gab, war er schlagartig spurlos verschwunden, und Probleme aller Art meisterte er mit links (resp. einer gepfefferten Linken). Michael Rudolf und ich mochten es nicht zugeben, aber insgeheim bewunderten wir diesen ungehobelten Kerl.

 

Als Herr Rudolf eines schönen Tages des Jahres 2006 widerwillig Sudaus Mailadresse rausrückte, trat ich endlich direkt mit dem Phantom in Kontakt: "Hallo Holger, alte Granate! Schön, daß wir uns jetzt endlich unter vier Augen verständigen können." "Sudau, die Sau" (M. Rudolf) war nämlich um einiges gesprächiger, und immer wenn Michael eine schlechte Phase hatte, horchte ich Holger aus und ließ mir nahezu täglich rapportieren: "Sudau, kümmern Sie sich mal um Herrn Rudolf. Er flunkert kaum und liest jetzt auch noch Bolz und Stifter. Aber wie soll ich von hier aus eine Diagnose stellen, wenn er, Sie kennen ihn ja, kaum mit der Sprache rausrückt? Also, Sudau, machen Sie mal, ich brauche Fakten: Eß-, Trink- und Schlafgewohnheiten, Vereinsmitgliedschaften, wen trifft er, wovon träumt er, pflegt er Verbindungen zum Untergrund? Reden Sie mal mit den Nachbarn. Ach ja - und Sudau, öffnen Sie um Himmels willen nicht wieder seine Post. Oder lassen Sie sich wenigstens nicht dabei erwischen."

 

So verschieden die beiden waren, müssen Sie nämlich wissen, so groß waren doch ihre Gemeinsamkeiten: Bekam Herr Rudolf etwa eine Lieferung seiner Lieblingspilze, konnte man sicher sein, daß Herr Sudau das Päckchen "rein interessehalber" öffnete - mit folgenden Folgen: "Auf der Stelle verlangte Rudolf seinen 'Anteil' davon, tja, was soll ich sagen: An eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen ist augenblicklich nicht zu denken. Nur soviel: er lebt!" Ich hatte alle Hände voll zu tun, die beiden Streithähne zu beruhigen, und appellierte an ihr Gewissen - bei Sudau allerdings ein hoffnungsloser Fall, denn, so mein Befund, "offensichtlich klafft da, wo andere ein Unrechtsbewußtsein haben, bei Ihnen ein (womöglich inzwischen mit fremder Leute Totentrompeten gefülltes?!) riesiges Loch. Mann, Holger, Gewalt ist doch keine Lösung." An den petzenden Herrn Rudolf ("Dieser Mann ist allgemeingefährlich") ging der Bescheid: "So, ich habe Herrn Sudau die Leviten gelesen. Etwas mehr Nach- und Einsicht stände Ihnen allerdings ebenfalls gut zu Gesicht, spielen Sie mal nicht die Unschuld vom Vogtlande."

 

Wenn Herr Rudolf nämlich, nur mal so als Beispiel, mit seinen beiden geliebten Damen, einer aparten Doktorin und einer reizenden Fantasyromanautorin, eine Vergnügungsreise antrat, durfte sein Gefährte nicht nur "aus politischen Gründen" nicht mit - Rudolf pflegte seinen treuen Gefährten zudem, lediglich mit 5 Mark, Taschentuch und Kamm ausgestattet, menschrechtswidrig im finstersten Wald auszusetzen ("Der findet sich schon zurecht"). Auch kam bald zutage, daß Sudau von der Biographie, die Rudolf veröffentlicht hatte, gar nichts wußte geschweige denn eine Autorisierung vorlag. Ich nahm die Sache in die Hand und handelte wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts meines Mandanten als Schmerzensgeld Freibier auf Lebenszeit und Totentrompeten "All Sudau can eat" aus.

 

Doch der Streit eskalierte abermals aufs unschönste, als Herr Sudau zum Jahresende berichtete: "Herr Rudolf meint man könne ihn mit all dem Silvesterscheiß gehörig am Arsch lecken; ebenso könne ja mal das Neue Jahr, ihn, Rudolf feiern. Hm. Beurteilen Sie diese Haltung selbst. Ich möchte sie nicht weiter kommentieren." Kurz darauf empfahl mir Herr Rudolf dringlichst, "dem sauberen Herrn Sudau" kein Wort zu glauben. "Er ist ein dreckiger Lügner. Klar, daß seine 'Informationen' in der Fachwelt als umstritten gelten müssen." Ich kam mit den Vermittlungsversuchen kaum noch hinterher und schrieb schließlich jedem einzelnen, er sei doch schließlich der Vernünftige von ihnen beiden, und der Klügere gebe nun mal nach. Dummerweise flog die Sache auf: "Bleichgesichtige Squaw", tadelte der empörte Sudau," spricht mit gespaltener Zunge. Gleiche Schmeichelworte hat sie mit der elektrischen Post zwei Kriegern des tapferen Vogtlandstammes gemacht. Krieger Rudolf hatte dem Krieger Sudau im Feuerwasserrausch davon geprahlt. Sie sind nun beide voll der Unehre und werden von den Squaws in den anderen Zelten verlacht. Morgen zur Zeit des Sonnenuntergangs wird es zum Zweikampf zwischen beiden tapferen Kriegern kommen." Ich möchte dies nicht weiter kommentieren.

 

Bald darauf mißbrauchte Rudolf seine Stellung als Schriftsteller erneut, um den weitgehend unbescholtenen Bürger Sudau öffentlich zu diffamieren. In einem "Fahrradwestern" stellte er den arglosen Holger, der sich nur mal eben Rudolfs Schwarzen Blitz ausgeliehen hatte, als gemeinen Dieb dar. Der Text endet mit der Auslieferung Sudaus an einen rabiaten Sheriff aus dem wilden Osten. Nun aber trat ich auf den Plan und rettete, lassen Sie mich dies ihn aller Bescheidenheit einmal so sagen, das so gut wie vollkommen unschuldige Opfer vor der Lynchjustiz. Der tobende Herr Rudolf übermittelte mir postalisch folgende Meldung aus der "Ostthüringer Zeitung" vom 18. April 2006:

 

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Ich konterte mit einer Botschaft meines Schützlings, der derweil in Hamburg auf meinem Sofa die traumatischen Erfahrungen verarbeitete und sich aufpäppeln ließ: "Na, Rudolf, alte Granate, da glotzte dumm aus der Wäsche, was? Allet supa hier. Weeß noch nich , wann ich wiederkomm. Paß jut auf mein Bier auf."

 

Doch der Zwist war nie von langer Dauer, und schweren Herzens setzte ich wenig später den heimwehgeplagten Sudau, frisch gebadet und gekämmt, extra warm eingepackt, mit acht seiner Lieblingsstullen, fünf hart gekochten Eiern, drei Sixpacks Capri Sonne und 500 Euro für Notfälle resp. den kleinen Hunger zwischendurch sowie mit einem Schild um den Hals ("Bitte auf DIREKTEM Weg bei Rudolfs in Greiz abgeben! DANGER - Do not touch! Do not feed!") in die Eisenbahn gen Südosten. Spätestens beim gemeinsamen Verkosten von Rudolfs Eigenbräu - zuvor hatte Sudau noch gewarnt: "Nicht daß der Kriepel seinen Hirngespinsten in Sachen Bierselberbrauen nachgeht. Der Mann läuft blindlings in sein Verderben. Und wer darf das ungenießbare Zeux dann wieder aussaufen? Seense." - waren die schärfsten Konkurrenten plötzlich wieder ein Herz und eine Seele. "Sudi" sei sein "besta Kumpil", gab Herr Rudolf zu Protokoll. "Det sare ick Ihnen, Frau Hofmann, gerade issa noch rechtzeitick hier angekomm, dieweil ja heut dit Bier fertick gewordn is, wa. Und Sudi, wa, der hat ebend hier watt uff die Schachtel gekricht und dit wars. Jetz sindwa kwitt und dito."

 

Eine Abmahnung kassierte Rudolf trotzdem: "Ihr Umgang hat sich auf alarmierende Weise in Ihrem sprachlichen Ausdruck niedergeschlagen." Daß er damit prahle seinem Freund "watt uff die Schachtel" gegeben zu haben, belege seine mangelnde Reife. "Hier ist es Ihnen offenbar nicht gelungen, Ihre ambivalenten Gefühle für Herrn S. zu kommunizieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Sollte Herr S. weiter in die Kriminalität abrutschen, haben allein Sie das zu verantworten."

 

Irgendwann kam Herr Rudolf auf eine selten blöde Idee. Ich müsse "jetzt ganz stark sein. Aber den Herrn Sudau gibt es nicht. Die fiktive Person Holger Sudau war immer 'Projektionsfläche' für die Dinge, die wir uns nicht zu machen getrauen, verstehen Sie? Nun überrascht uns die Bestimmtheit, mit der ausgerechnet Sie, tapfere Redakteurin eines nicht unerheblichen Monatsmagazins, auf so ein billiges Konstrukt hereinfallen."

 

Aber nicht mit mir! Ob er eventuell Temperatur habe, erkundigte ich mich, oder ob Sudau ihm was in den Sud gekippt habe. "Und der Typ, der tagelang auf meinem Sofa rumlümmelte, in nullkommanix den gesamten Content meines Kühlschranks verdrückte – das war dann wohl auch 'die fiktive Person Holger Sudau'? Ich versteh ja, daß Sie nur schwer den großen Sudau neben resp. über sich akzeptieren können, aber Sie dürfen sich da doch nicht so hineinsteigern. Ohne Sudau hätt' ich mir doch kaum all die Brüche getraut, und alleine hätte ich ganz sicher auch nicht auf dem Tresen getanzt. So nehmen Sie doch Vernunft an!" Rudolfs Unterstellung, ein Spion habe sich unter Sudaus Namen bei mir eingeschlichen, konnte ich schnell entkräften: "Ich erkenn doch die Jungs vom VS, allein schon an den Schlapphüten und am UNDERCOVER-Schriftzug auf den Jacken. Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?"

 

Ich glaubte längst nicht mehr an einen Zufall, als mich ausgerechnet an meinem Geburtstag ein anonymer Brief folgenden Inhalts erreichte: "Vergessen Sie Sudau! Ein aufmerksamer Bürger". Dies nur einer von vielen Versuchen, eine bekennende Sudau-Sympathisantin mundtot zu machen.

 

Als Rudolf sich schließlich in unauflösbare Widersprüche verstrickt hatte ("Glauben Sie im Ernst, so eine Pflaume wie Sudau könnte die lebensgefährlichen Abenteuer bestehen, die in Morgenbillich beschrieben sind?"), gab er es schließlich auf, Seine Existenz zu leugnen. Sudau wurde fortan unser Retter in der Not. Wo wir versagten, sandten wir Stoßgebete an den Hlg. Holger. Bei unerträglicher Hitze schickte er Regengüsse, wenn es wie aus Eimern goß, wartete Sudau mit einer Droschke vorm Haus. Überfiel uns eine unerklärliche Traurigkeit, brachte er uns zum Lachen. Manchmal wurde er mir richtig unheimlich. Kaum jemand weiß zum Beispiel, daß niemand anders als unser Super-Sudi für das Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der Fußball-WM 2006 sorgte, damit der schwarzrotgoldene Spuk da draußen endlich ein Ende habe: "Na, wie war ich?" (H. Sudau am Tag danach).

 

Von seinem vorübergehenden Posten als "Sekretteer", dem ich meine "Mehlkorresponndenz in den Stehno-Block dicktierte", mußte ich Sudau allerdings aus naheliegenden Gründen wieder abziehen. Da ich ahnte, daß Rudolf ihn selbst dringender brauchte, als er zugeben mochte, schickte ich Doc Sudau nach seinen Rettungseinsätzen im Norden rasch wieder zurück ins Vogtländische und ließ ihn dort mit verschiedenen Wohlbefindlichkeitsherbeiführungsstrategien experimentieren. Freilich übertrieb er mal wieder maßlos, als er einen weite Teile Thüringens lahmlegenden Stromausfall arrangierte, nur um Rudolf am (Über-)Arbeiten zu hindern. Nachdem ich ihn ein andermal wegen Verletzung seiner Aufsichtspflicht hatte rügen müssen, berichtete Herr Rudolf am 26. Januar 2007: "Mit Sudi bin ich über Kreuz. Mit seiner Überwachungspflicht nahm er es etwas zu genau. Weil er sonst Ärger 'mit die Kirsche in Hamburch' (O-Ton Sudau) bekäme, hat er alle fünf Minuten bei mir reingekuckt, ob ich auch brav faulenze oder zügig mit der Arbeit vorankäme." Doch dann war offenbar selbst Sudau mit seinem Latein am Ende.

 

In Michael Rudolfs letzter Nachricht an mich vom 2. Februar 2007 kam sein lebenslanger Gefährte nicht mehr vor. Von Holger Sudau fehlt weiterhin jede Spur.

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