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Das Frettchen: Zum Tod Richard von Weizsäckers

02.02.2015 11:50

 
"Er hat uns befreit" titelte "Spiegel Online" zum Tod Richard von Weizsäckers. Es ist wahr: Von Weizsäcker hat die Deutschen in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes von Schuld und der Last der eigenen Vergangenheit befreit.
In einem Beitrag anlässlich der Wahl Richard von Weizsäckers zum Bundespräsidenten schrieb Otto Köhler in konkret 6/84  über die deutschen und soldatischen Tugenden, die von Weizsäcker zu diesem Amt verholfen haben: Kameradschaft, Gehorsam und die Fähigkeit, zu jeder Kollaboration bereit zu sein, wenn sie nur dem eigenen Fortkommen diente. 
 
Solch einen Präsidenten braucht unser Land. Manager lieben ihn und Massenmörder. Den Richard von Weizsäcker und keinen anderen nominierte Klaus Pohle vom Vorstand des Pharma-Multis Schering, als er gerade erst vom »Manager-Magazin« befragt wurde, welchen Politiker er sich als Berater halten würde. Und auch jener Mann, über dessen Schreibtisch Tausende den Weg in den sicheren Tod gingen, zeigte sich vor langem schon von unserem neuen Präsidenten gerührt: »Gestern war ich fast zwei Stunden mit Richard im Gespräch; es ist ein Seelenbad, mit ihm zu reden, diesem Beherrscher des Feldes, auf dem die Seele und das Leben sich begegnen. «  
Der Verbrecher, der am 21. Februar 1948 im Gefängnis den damals 27jährigen Richard von Weizsäcker so anschwärmte, hatte das Objekt seiner Bewunderung selbst gezeugt. Ernst Freiherr von Weizsäcker wäre nach den Normen unseres modernen Stammheimer Landrechts in Nürnberg zur Höchststrafe verurteilt und - das hieß damals - gehängt worden. Doch da diese Rechtsfindungsart nur gilt, wenn das Opfer in den Führungsetagen von SS und Daimler-Benz zu Hause war, kam der Freiherr schon eineinhalb Jahre nach seiner Verurteilung zu sieben Jahren Haft wieder auf freien Fuß. SS-Brigadeführer Ernst von Weizsäcker, zuletzt Hitlers Botschafter beim Vatikan und zuvor von 1938 bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, hatte am 20. März 1942 für eine Verfügung an das Reichssicherheitshauptamt zu Händen . von SS-Obersturmbannführer Eichmann verantwortlich gezeichnet: »Seitens des Auswärtigen Amtes wird gegen die Verschiebung von insgesamt 6.000 polizeilich näher charakterisierten Juden französischer Staatsangehörigkeit bzw. staatenloser Juden nach dem Konzentrationslager Auschwitz (Oberschlesien) kein Einspruch erhoben.« Ernst von Weizsäcker war über den Massenmord an den Juden im Osten durch Einsatzgruppen von SS und SD wohl unterrichtet, bestritt aber - nicht zur Überzeugung des Gerichts - davon gewußt zu haben, daß Auschwitz ein Todeslager sei.  
Der junge Richard von Weizsäcker, der gleich nach dem Krieg sein Jura-Studium begonnen hatte, war in Nürnberg als Hilfsverteidiger für seinen Vater tätig. Das war sein gutes Recht. Sippenhaft ist seit 1945 bei uns abgeschafft und wird allenfalls noch in einzelnen Berufsverbotefällen angewandt. Niemand darf Richard von Weizsäcker für die Verbrechen seines Vaters verantwortlich machen. Doch er scheint Mitglieder der Bundesversammlung, die seine Anhänger sind, dafür fähig zu halten. Denn er verhinderte, daß vor seiner Wahl ein Buch vom Econ-Verlag ausgeliefert werden konnte, das auch über seinen Vater Auskunft gibt (Werner Filmer/ Heribert Schwan: Richard von Weizsäcker - Profile eines Mannes. 352 Seiten, 36 Mark). Das Buch, in dem viele bewundernde und einige kritische Berichte von Zeitgenossen über ihre Begegnungen mit dem neuen Bundespräsidenten gedruckt sind, enthält im Anhang auch die Untersuchung des Historikers Rainer A. Blasius über den »konservativen Patrioten im Dienst Hitlers -. Ernst Freiherr von Weizsäcker«, die dessen Rolle bei der Judenvernichtung, aber auch bei der Rettung einzelner Juden erhellt.  
»Trotz mancher Bedenken verschiedener Art«, so schrieb sein Sohn Richard am 4. April dem Econ-Verlag, wolle er nicht »der Publikation als solcher Steine in den Weg« legen. Er verlange jedoch, daß das Buch nicht vor der Wahl erscheinen dürfe, da dadurch die Mitglieder der Bundesversammlung beeinflußt würden. Der Verlag, dem Weizsäcker Privatfotos für das Buch zur Verfügung gestellt hatte, mußte einlenken und setzte das Erstverkaufsdatum auf den 24. Mai fest - einen Tag nach der Wahl des 64jährigen Richard von Weizsäcker zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland.  
Obwohl er wegen der diplomatischen Tätigkeit seines Vaters - bis 1938 Botschafter in Bern - mehr die »Neue Zürcher Zeitung« gelesen hatte als den »Völkischen Beobachter«, meldete sich der junge Richard schon 1938 freiwillig zum berühmten 8. Infanterieregiment in Potsdam und durfte sich - mit nur fünfstündiger Verspätung - am 1. September 1939 am Überfall auf Polen beteiligen. Das »Regiment der Grafen und Barone« galt als nazifeindlich, und tatsächlich nahm auch unser neuer Bundespräsident es 1941 dem Führer sehr übel, daß er auf Schußweite von Moskaus erster U-Bahnstation nicht weitermarschieren durfte. Vater Ernst notierte: »Wenn jetzt im Dnjepr-Bogen keine große, sondern eine kleine Umfassung gemacht wurde, so soll das auf die direkte Weisung des Führers zurückgehen, der hier und auch an anderen Stellen Vorsicht walten lasse. Daher sei auch in der Mitte, d.h. vor Moskau, der große 'Halt' eingetreten (der Richard leid tat, da alles im Rutschen gewesen sei). «  
Schon jetzt im Krieg zeigte sich Richards Talent zur Menschenführung, das ein alter Kamerad, Friedrich-Wilhelm Schilling von Canstatt, im Econ-Band so würdigt: »Er hat damals in Situationen, die zum Teil führungsmäßig äußerst schwierig waren, oder in Fällen, wo es, um die Probleme der Menschenbehandlung ging, mit einfühlsamen Geschick und Verantwortungsbewußtsein menschlich und geräuschlos auf Dinge Einfluß genommen, die wahrscheinlich nicht gut gelaufen wären. Ober konkrete Einzelheiten aus der damaligen Zeit zu sprechen, sehe ich mich nicht legitimiert. «  
Als Hauptmann der Reserve demobilisierte sich Richard im April 1945 selbst und setzte sich nach Lindau am Bodensee ab, während der Vater als privater Gast des Vatikans bis August 1946 wohlbehütet in Rom blieb. Als der 1947 in Nürnberg doch noch vor Gericht gestellt wurde, hatte Sohn Richard längst schon in Göttingen sein Studium bei dem vor kurzem noch tiefbraunen Arbeitsrechtler Wolfgang Siebert aufgenommen. Nach dem Ende seiner Nürnberger Verteidigertätigkeit promovierte Richard bei Siebert über das Thema »Der faktische Verein« und wäre wohl auch dessen Assistent geworden, hätten sich nicht ganz andere Möglichkeiten eröffnet zu einer Karriere, die beweist, daß der Tüchtige in unserer Sozialen Marktwirtschaft - so er sich nur recht abrackert - stets den Marschallstab im Tornister trägt.
 
Dem Günter Geißeler aus der Rechtsabteilung von Mannesmann, der in Nürnberg den vielfachen Kriegsverbrecher Alfried Krupp verteidigt hatte, war der junge Kollege von Nürnberg nicht aus dem Sinn gegangen. Er holte sich am 1. Oktober 1950 unseren neuen Bundespräsidenten gleich nach seinem Referendarexamen in die Rechts- und Personalabteilung einer Mannesmanngesellschaft nach Gelsenkirchen. Geißeler wußte - und weiß noch heute im Econ-Band -,daß er mit Weizsäcker einen guten Fang gemacht hatte: »Das wichtigste für uns war seine kameradschaftliche Haltung. Wir Mannesmann-Juristen waren eine Mannschaft - und er war einer von uns.« Das war leicht zu erklären. Geißeler über sich und seinen Freund: »Als Frontoffiziere hatten wir erfahren, wie belastend es ist, Krieg führen zu müssen, und wie befriedigend, Männer führen zu dürfen. « Bei Mannesmann muß das besonders leicht gewesen sein: »Mit den Menschen, die dort arbeiteten, waren wir bald verbunden. Es waren im Kern dieselben, die wir im Krieg kennengelernt hatten. Der deutsche Bergarbeiter unterscheidet sich in seiner Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft nicht vom deutschen Soldaten.«  
Um einen neuen Mißbrauch wirtschaftlicher Macht zu verhindern, sollte damals nach dem Willen der Alliierten die Großindustrie entflochten werden. Doch Geißeler und sein Freund, unser neuer Bundespräsident, arbeiteten illegal dagegen: »Noch bevor die Liquidation der Mannesmannröhren-Werke, der alten Konzern-Muttergesellschaft, am 8. August 1952 für beendet erklärt wurde, hatten wir schon die 'Rückverflechtung' vorbereitet... Als erstes deutsches Montanunternehmen wurde Mannesmann aus der alliierten Kontrolle entlassen. Als erstem 'entflochtenen' Unternehmen gelang es Mannesmann, die durch die Entflechtung entstandenen Teile wiederzuvereinigen.«  
Für seine Verdienste avancierte von Weizsäcker schließlich zum Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Mannesmann AG. Da hatte er längst schon den damaligen Mannesmann-Justitiar Dr. Wolfgang Pohle kennen- und schätzengelernt - auch ein Anwalt in Nürnberg: Er verteidigte eine der bedeutendsten Verbrechergestalten unserer Wirtschaft, Friedrich Flick. Pohle selbst gedieh schon bald zu einer besonders edlen Blüte unseres parlamentarischen Selbstbedienungswesens. 1957 zog er für die Christen-Union in den Bundestag, wechselte bald zu Flick über und konnte schließlich als Mitglied des Verteidigungsausschusses gleich an der Quelle die Interessen seines Arbeitgebers vertreten, der Pohle prompt zum persönlich haftenden geschäftsführenden Gesellschafter ernannte. Und damit alles in einer Hand blieb, ernannte ihn die CSU praktischerweise zu ihrem Schatzmeister.  
Mannesmann-Geißeler über Pohle: »Schon früh zog er Richard von Weizsäcker zu Aufgaben heran, die über den Bereich unseres Unternehmens hinausgingen. Sie nahmen an Gewicht zu, als Wolfgang Pohle Mitglied des Deutschen Bundestages geworden war. Auf diesem Wege folgte ihm Richard von Weizsäcker.«  
Diese Kränkung geht vielleicht doch etwas zu weit, zumal unser neuer Bundespräsident schon 1958 Mannesmann verlassen mußte, weil ihn der Ruf der Familie zu neuer Tüchtigkeit trieb. Für die Verwandtschaft seiner Ehefrau Marianne mußte er vier Jahre lang die verwaisten Bankhäuser Waldthausen und Co. führen. Mit Mannesmann als Kundschaft fiel das nicht allzu schwer. Am Ende konnten, nach Econ-Angaben, alle zufrieden sein: »Er hatte Risiken vermieden, Erträge gesteigert, das Vermögen der Familie Waldthausen vermehrt und sichere Arbeitsplätze hinterlassen.«  
Jetzt aber, 1962, mit 42 Jahren wollte sich Richard von Weizsäcker ganz auf eigene Füße stellen. Da traf sich's gut, daß sein ehemaliger Nürnberger Mitverteidiger Hellmut Becker eines Tages Ernst Boehringer besuchte, der nicht wußte, wer nach seinem Tod das mächtige Pharma-Unternehmen leiten sollte. Bruder Robert Boehringer war lang schon ein Freund der Familie Weizsäcker. Er holte 1950 den vorzeitig entlassenen Ernst von Weizsäcker im Firmenwagen aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg ab. Und so wurde unser neuer Bundespräsident nach dem Gespräch zwischen Becker und Boehringer Mitglied der Geschäftsleitung und bald auch persönlich haftender Gesellschafter jenes bedeutenden Pharma-Unternehmens, das seine Produktspuren so nachhaltig in Hamburgs berühmten Müllberg Georgswerder eingegraben hat, daß noch Generationen daran denken, ja vielleicht sogar dran glauben werden.  
»Keine wichtige Unternehmensentscheidung fiel ohne Weizsäckers Einwilligung«, behauptet das Econ-Buch. Doch solche Vor-Verurteilung geht zu weit. Man sollte sie dem Spruch eines ' ordentlichen Gerichtes überlassen.  
1953 war Richard von Weizsäcker der Christen-Union beigetreten. Obwohl er - von Pohles Vorbild beflügelt - 1957 und 1961 den nordrheinwestfälischen Parteifreunden anbot, für sie in den Bundestag zu gehen, stellten die ihn nicht auf. Doch das änderte sich, als er 1962 zu Boehringer nach Rheinland-Pfalz wechselte. Denn da kam der Referent des Verbandes der Chemischen Industrie aus der BASF-Stadt Ludwigshafen des Weges und gewann den neuen Boehringer-Kollegen nach einer ganztägigen Wanderschaft durch die Oberingelheimer Weinberge als Mitglied mit der Nummer 1423/02435 für den CDU-Landesverband Rheinland-Pfalz. Helmut Kohl,- so hieß der Chemieverbandsreferent - sorgte dafür, daß Weizsäcker 1965 endlich kandidieren konnte.  
Doch jetzt verdarb die Firma, die ihr Vorstandsmitglied nicht auch noch nach Bonn ziehen lassen wollte, den Plan. Weizsäcker mußte kurz vor der Wahl zurücktreten. Er hatte schon Trost in der Evangelischen Kirche gefunden, die ihn 1964 zum Präsidenten ihres Kirchentages gemacht hatte. Aus dem Giftpharma-Konzern stieg er 1967 nach dem Tod seines Gönners Ernst Boehringer aus. Er machte eine Rechtsanwaltskanzlei in Bonn auf, wurde Mitglied des CDU-Bundesvorstands und Mitbegründer jener seltsamen Stiftung »Wissenschaft und Politik« im bayerischen Ebenhausen, die kürzlich bei der Bundestagsanhörung über »Entwicklung und Rüstung« eine dubiose Rolle spielte, als sie vor einer »beständigen Dämonisierung des 'Wettrüstens'« warnte und illegalen Waffenhandel verharmloste.
 
Zweimal kandidierte Weizsäcker vergebens für das Amt des Bundespräsidenten, das ihm als arbeitslosem Politiker - er war Chef der CDU-Grundwertekommission - angemessen erschien. 1969 parteiintern gegen den ehemaligen Innen-, Notstands- und Verteidigungsminister Gerhard Schröder, der in der Fraktion den Sieg davontrug, weil er fest mit den Stimmen der NPD in der Bundesversammlung rechnen konnte. Schröder unterlag schließlich gegen Gustav Heinemann, der eigentlich keine der Qualifikationen besaß, die unser Bundespräsident braucht - er hatte weder dem Ermächtigungsgesetz für Hitler zugestimmt wie Theodor Heuß, noch Konzentrationslager-Baracken entworfen wie Heinrich Lübke, und er war auch nicht - wie später Walter Scheel und Karl Carstens - Mitglied der NSDAP.  
1974 als offizieller Kandidat der Union kämpfte Weizsäcker auf verlorenem Posten gegen Scheel. Und 1979 wurde ein Mann gebraucht, der sich deutschnational profiliert hatte wie Carstens. Weizsäcker, der nach Würden strebte, übernahm wieder das Präsidium des Evangelischen Kirchentages und kandidierte 1979 vergebens als Regierender Bürgermeister von Westberlin. Das wurde er erst 1981, als der sozialliberale Senat im Strudel des Garski-Skandals untergegangen war.  
Da saß er nun im Amt, silberweiß das Haar, mild das Gesicht. Honorig, staatstragend, loyal, edel, hilfreich, vornehm und gut. So jedenfalls sahen ihn die Medien. Vor allem aber war er ein grundehrlicher Mann, auf den die Berliner - die brauchten das - sich verlassen konnten. »Gehen Sie davon aus: Andere als Berliner Aufgaben wird es in meinem politischen Leben nicht geben.« So sprach er. Denn das Amt des Regierenden Bürgermeisters sei die »Krönung meines Lebens« und »meine Lebensaufgabe mit Fleisch und Blut - nach dieser Aufgabe werden weitere nicht folgen«.  
Da dachte er schon an das schöne Amt in Bonn, für das er sich schließlich, als Kohl immer noch schwer hörte, mit aufdringlicher Vornehmheit nicht selbst nominierte. Das Amt des Bundespräsidenten, so sprach er letztes Jahr deutlich, und es klang schon wie ein Hilfeschrei, sei »das einzige, für das man sich nicht bewirbt, bei dem man aber auch nicht einen Antrag abzulehnen hat, der einem überhaupt nicht gestellt wurde«. Da erbarmte sich Kohl, und Weizsäcker war endlich in der ersehnten Lage, den Antrag per »Gewissensentscheidung« nicht abzulehnen.  
Auch sonst ist auf Weizsäckers Wort Verlaß - für jeden, der ihm glaubt. 50.000 Wohnungen bis 1985, »und zwar mindestens«, versprach er den Westberlinern, 10.000 sind es geworden. Mehr Arbeitsplätze wollte er schaffen. Als er ging, hatte er die Zahl der Arbeitslosen nahezu verdoppelt. Den Hausbesetzern wollte er mit einer liberalen »Linie der Vernunft« begegnen - sein Bausenator Rastemborski, der das ernst nahm, landete in der Nervenklinik.  
Eichmanns Judenlieferant Ernst von Weizsäcker hatte sich bei seiner Tätigkeit damit getröstet, daß »große Wandlungen in der Geschichte sehr oft unter Verbrechen herbeigeführt werden müssen«. Und so hatte er - selbst kein überzeugter Nationalsozialist - über die Verbrechen geschwiegen, an denen er sich mehr und mehr selbst beteiligte.  
Sohn Richard kann reden. Ja, er war in Berlin sogar in der Lage zu handeln. Der Leiter seines Persönlichen Büros, Friedbert Pflüger: »Besprechungen wie die 'Kleine Lage' benutzte Weizsäcker stets auch dazu, seine Mitarbeiter zu 'erziehen'. Fehler wurden unerbittlich aufgedeckt und offen angesprochen. Den pädagogischen Eifer Weizsäckers haben auch Senatoren, Partei- und Fraktionsspitzen oft kennengelernt. Aber selbst gestandene Politiker haben dagegen nie aufbegehrt.«  
Doch Heinrich Lummer, sein Stellvertreter, hat diesen pädagogischen Eifer nie kennengelernt. Weizsäcker hat, obwohl er die Macht dazu besaß, Lummer nicht zur Rechenschaft ge zogen, als der durch seine Polizei Rattay in den Tod trieb. Reibungslos kollaborierte Weizsäcker mit dem Christdemokratischen NPD-Freund, dem die bloße Existenz von Ausländern Ekel (»Das fängt beim Geruch an«) bereitet. Weizsäcker schwieg, als zur Feier des Neuen Jahres unter Lummers Verantwortung sechs Asylanten in ihrem Gefängnis verbrannt wurden. Weizsäcker schwieg, als die Zeugen für diese Menschenverbrennung schleunigst ins Ausland abgeschoben wurden. Und er fand auch kein Wort des Bedauerns, als die Leichen der Opfer vertauscht und in die falschen Heimatländer abgeschoben wurden.  
Doch als am letzten Tag seiner Amtszeit die Panda-Bärin Tian-Tian nach kurzer Krankheit verschied, da ernannte er das gastfreundlich aufgenommene Tier »eine der großen Persönlichkeiten unserer Stadt«.  
»Für das Amt des Bundespräsidenten aber befähigt ihn noch mehr. Er verkörpert eine geistig-philosophische Haltung, die auch Gegnern seiner politischen Auffassung Anregung und Orientierung zu geben vermag. « So schreibt SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel über den Gegner aus Berliner Tagen. Tatsächlich gewährt Weizsäcker Orientierung: der Friedensbewegung, damit sie weiß, daß sie sich als »selbstmörderischen nationalistischen Mißbrauch« betrachten muß. Ronald Reagan, damit er weiß, daß er uns in der Tasche hat: »Gewiß, wir sind nicht mit jedem Zungenschlag aus Amerika einverstanden. Aber wir sind Partner auf der Grundlage einer tiefen inneren Übereinstimmung.« Und uns allen, damit wir akzeptieren, wofür wir sterben: »Verzichtet die Bundesrepublik auf die atomare Abschreckung, so setzt sie Freiheit, Menschenrechte und Menschenwürde aufs Spiel.«  
Wer so schön reden kann, und wer dazu noch wenige Wochen vor seiner Wahl mit dem »Nationalzeitungs«-Barden Heino und den Fischerchören auf dem ARD-Bildschirm erscheint und dort von Springer Goldene Harfen in Empfang nimmt, und dazu noch das Ganze mit solcher Verspätung, daß er auch noch auf den Videorecordern erscheint, die nur für die »Blechtrommel« eingestellt waren, der ist nun mal unser aller Präsident. Auch der Präsident der Westberliner AL-Abgeordneten Kordula Schulz. Sie konnte - berichtet sie im Econ-Buch - im Abgeordnetenhaus Richard von Weizsäcker »stundenlang beobachten und kam zu dem Schluß, daß ein Politiker aus zwei Menschen besteht - dem Politiker und dem Menschen«. Vom Politiker, der »zwei Jahre lang ein Ansprechpartner für die Betroffenen der Senatspolitik zu sein schien, allerdings ohne daß sich die Senatspolitik geändert hätte«, hält sie nicht viel, umso mehr vom Menschen: »Richard von Weizsäcker war mir sofort sympathisch - nicht nur, weil er mir eines Nachts, nach seiner Plenarsitzung, geholfen hat, meine Handtasche zu suchen«.

 - Otto Köhler -

 

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