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Zum Tod von Peter Tamm

03.01.2017 15:21

Im Blutmeer

Am 29. Dezember 2016 ist Peter Tamm, der ehemalige Geschäftsführer der Springer-Verlags-Holding, gestorben. Was der vielbeweinte "Admiral", der sich selbst eine »Marine-Meise« bescheinigte, der Welt hinterlässt, beschrieb Kay Sokolowsky in konkret 8/08.

Das Hamburger Rathaus wird seit einiger Zeit von Leuten besetzt, die den Neid auf echte Metropolen wie New York, Paris, London oder, wenigstens, Kopenhagen nicht länger aushalten und endlich zur Weltspitze aufschließen wollen; vermutlich deshalb, weil sie, diese Leute, noch fader sind als die Kommune, die sie verwalten. Sie wollen Spuren in der Zeit hinterlassen, und seien es die von Plattfüßen. Der vormalige SPD-Bürgermeister Ortwin Runde war deshalb sofort begeistert, als der gewesene Axel-Springer-Topmanager Peter Tamm bekanntgab, er wolle seine gargantueske Sammlung aus Schiffsmodellen, Orden, Marineuniformen und maritimen Tötungsinstrumenten der Öffentlichkeit vorstellen, sofern man ihm ein Gebäude überließe, wo er den Tand unterbringen könne, ohne dafür bezahlen zu müssen. In Hamburg reichen solch knickerige Offerten allemal, um für einen Wohltäter gehalten zu werden; hier haben nämlich sogar die Spendierhosen zugenähte Taschen.  

Bevor Runde den Deal jedoch perfekt machen konnte, nahm ihm Ole v. Beust, CDU, das Rathaus weg. Zum Wahlsieg verholfen hatten Beust und seinem Kameraden Ronald Schill die beiden größten Tageszeitungen der Stadt, Blätter aus dem Springer-Verlag. Die Dankbarkeit des Bürgermeisters für seine Förderer ist groß, und sie gilt selbstverständlich auch einem verdienten Veteranen. Peter Tamm hat sich als Geschäftsführer der Springer-Verlags-Holding gern »Admiral« nennen lassen, bescheinigt sich selbst eine »Marine-Meise«, und er hat viele Freunde im Städtchen, die Ole v. Beust erheblich mehr respektiert als irgendwelche Volksentscheide oder die parlamentarische Opposition. Solch einem Mann kann dieser Bürgermeister keinen Wunsch abschlagen, es darf auch etwas mehr kosten. Darum hat der Senat 30 Millionen Euro lockergemacht, um Tamm ein »Internationales Maritimes Museum« hinzustellen. Das finanzielle Betriebsrisiko trägt für die kommenden 99 Jahre die Stadt Hamburg, die aus lauter Dankbarkeit auf sämtliche Mitspracherechte an der Gestaltung des Museums – das besser Mausoleum hieße – verzichtet.  

Zweifellos bildet Beust sich ein, den Hamburgern eine Attraktion sondergleichen beschert zu haben. Und seine Kultursenatorin Karin v. Welck freut sich schier ein Loch in den Kopf, daß »die Seefahrtsgeschichte« jetzt »eine neue Heimat in Hamburg erhalten« hat. Wer wie sie glaubt, Geschichte brauche eine Heimat, obgleich allenfalls die Heimat eine Geschichte hat, dem fällt es leicht, ernsthaft auch dies noch zu meinen: »Voller Kompetenz, Umsicht und Leidenschaft hat Peter Tamm im Laufe seines Lebens eine Sammlung maritimer Kostbarkeiten zusammengetragen. ... (Eine) ausführliche Darstellung des Lebensraums Meer ist für eine Hafenstadt wie Hamburg von identitätsstiftender Bedeutung.« Daran stimmt einzig die Erkenntnis, daß es mit der Identität der Hafenstadt nicht weit her ist, aber unter diesem Defizit leiden allein jene Einwohner, die – wie Beust oder Welck – zu Recht befürchten müssen, spätestens eine Woche nach ihrer Demission wieder so unidentifizierbar, gesichts- und geschichtslos zu sein, wie sie es vor Amtsantritt waren.  

Das »Tamm-Museum« hat im »Kaispeicher B« Quartier bezogen. Diese denkmalgeschützte Backsteinmonstrosität steht inmitten der »Hafen-City«, dem ehrgeizigsten Projekt der Beust-Administration. Es hat unstreitig Sinn, das maßlose Sammelsurium, das der »Admiral« mit der Inkompetenz, Tunnelsicht und Raserei eines Besessenen »zusammengetragen« hat, in einem Lagergebäude unterzubringen, das ja seiner Bestimmung nach für gar nichts zu schade ist. Und ebenso sinnig darf man es finden, daß dieses Pharaonengrab mit seinen dubiosen Preziosen dort installiert worden ist, wo Ole v. Beust den Stadtteil errichten läßt, in dem er und die ihm zugeneigten neoliberalen Banausen und Parvenüs endlich Großstädter spielen können, ohne von Großstädtern belästigt zu werden; die können sich nämlich die Miete nicht leisten. Daß die »Hafen-City« bereits lange vor ihrer Fertigstellung mausetot ist, ein »Lebensraum«, dem Vernünftige sogar das Meer vorziehen würden, ein Schrein narzißtischer Architektenangeberei (»Elb-Philharmonie«) und verjuxter Infrastrukturmaßnahmen (Metrolinie »U 4«), juckt die Verantwortlichen selbstverständlich nicht. Waren nicht auch die Pyramiden den Toten zugedacht? Und sind sie nicht bis heute eine Touristenattraktion ersten Ranges?  

Von Touristen ist selbst am Wochenende wenig zu sehen in der »Hafen-City« und im Tamm-Mausoleum. Vielleicht geht der Mensch nicht gern dorthin, wo Horst Köhler bei der Eröffnung den Grüßaugust gemacht hat; vielleicht auch wirken beim Publikum gesunde Vorbehalte gegen alles mit, was zu nah am Wasser gebaut hat. Die brutale Sentimentalität der Tamm-Verwahranstalt wäre jedenfalls mit Händen zu greifen, hätte der Eigentümer seine »Kostbarkeiten« nicht mit dickem Glas und Dutzenden Wachmännern gegen den Mob gesichert. Gelegentlich empfindet man beim Rundgang fast Mitleid für den »Admiral«: Welch ungeheure Leere muß ausfüllen, wer so megaloman Nippes auf Nippes häuft? Was ist schiefgelaufen in einem Leben, das dermaßen von Fetischen beherrscht wird?  

Es sind die Fetische selbst, die dafür sorgen, Tamms Sentimentalität resp. »Marine-Meise« schließlich doch nicht traurig, sondern empörend zu finden. Der »Admiral« hat zusammengeklaubt, was er nur konnte, um echten Admirälen, den Herren des Blutmeers, die Reverenz zu erweisen. Und es sind die Admiräle der falschen Seite, d. h. der Reaktion und des Verbrechens, die ihn am meisten interessieren: von Lord Nelson über Erich Raeder bis Kurt Weyher. Weyher, ein Schlächter im Dienste Hitlers, ist Tamm so teuer, daß er sich die Urkunde besorgt hat, die dem Berufsmörder »Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes« bescheinigt. Bemerkenswert an dem gigantischen Pergament ist eigentlich gar nichts außer dem Originalautogramm des »Führers«; man sieht es kaum vor Winzigkeit.  

Winzigkeit regiert auch Tamms »Lebensraum«. In »Deck 9«, dem obersten Stockwerk der Ausstellung, werden Abertausende Schiffsminiaturen der Firma Wiking vorgeführt. Maßstab 1:1.250, wenige Zentimeter kurz, detailgetreu bis in den Untergang, Kriegsfahrzeuge vor allem. An einer Wand steht eine Art Flugzeugkanzel: Wer darin steht, sieht hinab auf eine Wiking-Flotte vier Meter tiefer. So visiert ein Bomberpilot oder ein böser Gott (wenn es da Unterschiede gibt) aus den Wolken sein Ziel an. Diese Installation verrät über den Herrn des Schreins mehr, als ihm lieb sein dürfte. Er möchte Schicksal spielen, wie es nur Admiräle dürfen; und weil die historischen Umstände ihm das verwehrt haben, tobt er sich an Spielzeug aus. Einige Stockwerke tiefer hat Tamm seine gewaltige Kollektion von Marineuniformen über gesichtslose Schaufensterpuppen ziehen und unkommentiert in eine salongroße Vitrine sperren lassen – die im Krieg verrecken müssen, sind ihm egal, es interessiert ihn bloß, ob sie fesch dabei aussehen. Karl-Heinz Dellwo beschrieb in konkret 5/06 Tamm als einen »unbelehrbaren Rechtsextremen ..., der Mythen inszeniert und sich über die Opfer und Kriegsverbrechen der Nazigeneration hinweg nach einer epaulettenhaft gegliederten Gesellschaft sehnt«. Das war fast zu nett gesagt, angesichts der Besessenheit dieses Mannes für den Krieg, seine Betreiber und ihre Mordmaschinen.  

Die bedingungslose Finanzierung des Tamm-Mausoleums wäre in jeder anderen Stadt ein Skandal, aber Hamburger sind sich zu fein für Skandale und nehmen sie deshalb einfach nicht wahr. Für die öffentlichen Bücherhallen, einst der größte Stolz der hamburgischen Kulturbürokratie, wurde im Etatjahr 2007/2008 übrigens weniger Geld ausgegeben als für den Ausbau des Kaispeichers B. Und nur wenige Tage nach Eröffnung des Obsessionspalasts wurde bekannt, daß die Büchereien in den Stadtteilen Rissen und Iserbrook geschlossen werden sollen. Aber das hat mit den Unkosten für Tamms Mausoleum natürlich nichts zu tun. l

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