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Zum Tod von Mark Fisher

16.01.2017 16:08

Mark Fisher hat sich am 13. Januar im Alter von 48 das Leben genommen. Dass er seit seiner Jugend an Depressionen litt, verbarg der britische Kulturwissenschaftler und Kapitalismuskritiker nicht. Im Gegenteil: “Ich benutze mich als eine Art Fallbeispiel dafür, Depression zu verstehen, sie zu depersonalisieren, sie zu politisieren“, sagte er Hartwig Vens in einem in konkret 7/14 erschienenen Interview, das wir im folgenden dokumentieren.

 

 

Mark Fisher, Hartwig Vens  

»Wir sind alle Cyborgs«  

Interview mit dem britischen Kulturkritiker Mark Fisher über Chancen zur Wiederbelebung der Linken in Zeiten der Digitalisierung, Depression und Ego-Optimierung
 

KONKRET: Wir sitzen hier in so einer typischen Hotelkettenlobby, wie es sie überall auf der Welt gibt. In der Reflexion über die »langsame Abschaffung der Zukunft«, mit der Ihr neues Buch beginnt, weisen Sie auf die Ausbreitung solcher gesichtsloser Transitzonen hin. Was an diesen Nicht-Orten ist bezeichnend für die Gegenwart?  

 Fisher: Wenn es eine Erfahrung des 21. Jahrhunderts gibt, dann die des Nicht-Ortes. Er unterscheidet sich nicht von anderen Orten, hat keine Kennzeichen. Bei der Zeit entwickelt es sich ähnlich. Es wird immer schwieriger, ein Jahr vom anderen zu unterscheiden. Epochen ähneln einander, man bewegt sich durch die Geschichte wie von Flughafen zu Flughafen, von Einkaufscenter zu Einkaufscenter. So wie man irgendwo sein kann, kann man irgendwann sein.  

 

Liegt das an fehlenden kulturellen Markierungen?  

 Es liegt an fehlenden Zeitmarkierungen. Im 20. Jahrhundert war es üblich, eine bestimmte Epoche durch Musik aufzurufen. Im Dokumentarfilm wurde das sogar zum Klischee. Musik war zeitcodiert, das ist heute schwierig geworden. Ich habe eine deutliche Vorstellung davon, wie 1974 klang oder 1984. Aber wie klingt der Sound von 2008? Wie der von 2004? Ich könnte das recherchieren, aber es hat sich nicht so festgesetzt wie bei früheren Zeitabschnitten.  

Die Musik haftete quasi an wichtigen Ereignissen. Es war, als wenn sie nur aus dieser und keiner anderen Zeit hätte kommen können. In den Neunzigern brach das ein. Neulich, als meine Frau und ich im Fernsehen eine Dokumentation über 1995 sahen, fiel uns auf, wie wenig sich geändert hat. Die popkulturelle Landkarte ist heute im wesentlichen die gleiche. Boy Bands, Gossip Culture – und das, obwohl so viel passiert ist: der 11. September, der Wandel unseres Alltagslebens, digitale Kommunikation usw. Auf kultureller Ebene scheinen diese Umbrüche nicht registriert worden zu sein.  

Wenn wir über Musikkultur reden, haben die Schlüsselereignisse des 21. Jahrhunderts bei Konsum und Distribution stattgefunden. Aber die digitale Revolution hat keine Auswirkungen auf die Musik, nur auf unseren Zugang zu ihr. Das hat einen großen, wenn nicht traumatischen Effekt auf die Musikkultur gehabt. Das Einkommensmodell, auf das Musiker angewiesen waren, ist heute ausgelöscht oder tendiert dazu.  

 

Auf der anderen Seite ist Musik so billig zu produzieren und so einfach zu vertreiben wie niemals zuvor, Sie brauchen keine Plattenfirma mehr.  

 Genau. Man fragt sich, warum es keinen Kreativitätsschub gibt. Weil Sie noch immer Zeit brauchen, die Möglichkeit, sich zu versenken, um kreativ zu sein. Und Sie brauchen ein Publikum, das sich absorbieren läßt. Aber niemand von uns hat Zeit, sich von irgend etwas absorbieren zu lassen. Und wenn wir die Zeit zum Absorbiertwerden erzwingen, müssen wir mit all unseren Gewohnheiten brechen, die wir in den vergangenen zehn Jahren angenommen und in den letzten fünf – mit dem Aufkommen von Smartphones – noch intensiviert haben.  

Im Rückblick ist das 21. Jahrhundert für die Musikkultur eine Katastrophe gewesen. Kultur braucht gemeinsamen Raum und gemeinsame Zeit. Und wir haben eine Krise des öffentlichen Raumes, der zunehmend kommerzialisiert ist, und eine Krise der öffentlichen Zeit. Der Druck der Bedürfnisse aus dem Cyberspace, dies und das zu hören, ist immer größer geworden und unmöglich zu erfüllen.  

 

Das bringt uns zum Begriff der Erschöpfung und zum permanenten niedriggradigen Angstzustand, von dem Sie schreiben.  

 Es ist wichtig, daß es dabei nicht nur um Technologie geht. Ich spreche lieber vom kapitalistischen Cyberspace. Stellen Sie sich Smartphones in einer Welt vor, in der wir keine prekär Beschäftigten wären, nicht endlos gehetzt durch streng befristete Verträge oder weil wir als Selbständige ständig um Aufträge baggern müssen. Aber auch wenn Sie festangestellt sind – Prekarität bezieht sich nicht nur auf befristete oder informelle Arbeit, es ist etwas, das in jede Faser unseres Lebens eingedrungen ist. Es gibt kein Gefühl von Stabilität und Sicherheit mehr, nirgends. Jeder muß sich jederzeit anpreisen, nur um seinen Job zu behalten. Der gnadenlose und theoretisch grenzenlose Druck durch digitale Technologie, die Tatsache, daß wir jederzeit kontaktierbar sind, führt dazu, daß wir uns in einem Zustand niedriggradiger Angst befinden. Diese neue Art Angst ist mit Lust gekoppelt. Das Smartphone brauchen wir nicht nur für die Arbeit, der Zwang ist auch lustbezogen. Die Angst ist die Kehrseite einer Zwangslust, und deshalb ist es so schwierig zu widerstehen und daraus auszubrechen.  

 

Der Soziologe Alain Ehrenberg begründet das in seinem Buch Das erschöpfte Selbst damit, daß die Menschen heute alles über ihr Ich regeln. Der Über-Ich-Rahmen aus Werten und disziplinierender Autorität schwindet tendenziell.  

 Dem stimme ich sehr zu. Das offensichtliche Beispiel dafür und die vielleicht wichtigste kulturelle Entwicklung im 21. Jahrhundert ist Reality-TV. Es normalisiert den Fokus auf das Selbst in diesem eng definierten psychologischen Sinne. Von Musikshows wie »American Idol« bis zu »Big Brother« – überall dasselbe Modell der Menschheit als atomisierte Individuen, die gegeneinander konkurrieren. Es ist Teil dessen, was ich als Rückkehr der Gesichtlichkeit bezeichne.  

In den Neunzigern sprach man von »gesichtslosem Techno«, elektronische Tanzmusik wurde mit dem Begriff der Gesichtslosigkeit assoziiert. Aber in Wirklichkeit war das Teil der Flucht aus dem Selbst, ich nenne das Ressourcen der Depersonalisierung. Musik gehörte zu dieser Maschinerie der Selbstflucht, auch Drogen. In einem ganz anderen Sinne auch Technologie. Unser Begriff des Digitalen ist heute sehr eng. Das Digitale wurde praktisch von der Telekom-Industrie übernommen. Wenn Sie heute an etwas Digitales denken, denken Sie an Kommunikationsanbieter. In den Neunzigern dachten wir an Sampler, Zeitdehnung, das Auslösen neuer Empfindungen und Klangerlebnisse. Heute denken wir an Gesichtstechnologien, die uns in uns selbst zurückzwingen. Das, was mein Freund Kodwo Eshun den »banalen Cyborg« nennt. Bis in die Neunziger hinein hat man mit Cyborg eine andere Spezies assoziiert. Heute sind wir alle Cyborgs, aber auf öde Art.  

Vieles in meiner Arbeit dreht sich um dieses fürs 21. Jahrhundert typische Zurückschalten auf Personalisierung, in der wir gezwungen sind, Kuratoren unseres Selbstbildes zu sein und dieses zu verkaufen. Ob in sozialen Medien oder beim Arbeitgeber: wir betreiben das Geschäft der Ego-Optimierung – und das ist erschöpfend.  

Und wo sind die Orte, an denen wir aufhören können, wir selbst zu sein, an denen wir vor uns selbst fliehen können? Es war das große Versprechen elektronischer Tanzmusik, daß wir vor uns selbst fliehen können, in eine Art kollektives Delirium.  

 

Mein Eindruck ist, daß Musik zugleich omnipräsent und unwichtig geworden ist.  

 Ja, ich denke oft, daß Brian Eno recht hatte, als er von der Tendenz der Musik sprach, Ambiente zu werden. Das ist wahr geworden, aber auf banale Art. Musik ist allgegenwärtig. In der Shopping Mall hören wir im Hintergrund schreiende Diven. Der Preis ist: Es bedeutet nicht mehr so viel, es kann nicht mehr so viel bedeuten.  

 

Sie stellen immer eine Verbindung her zwischen kulturellen Entwicklungen und den Lebensbedingungen im Spätkapitalismus. Sie schreiben, die Chance der Linken wäre, sich die Wünsche, die der Neoliberalismus erzeugt hat, anzueignen und – was zu tun?  

 Ursprünglich war es umgekehrt: Der Neoliberalismus hat die Sehnsucht nach Freiheit, Autonomie etc., die aus der Gegenkultur der Sechziger hervorging, gekapert und neutralisiert. »Ihr seid angeödet in euren sicheren Jobs, gegängelt von sozialistischen Bürokraten – wir befreien euch von der Langeweile!« Sie haben uns von der Langeweile befreit, aber auch die Kehrseite beseitigt: Sicherheit. Die große Lüge des Neoliberalismus ist, daß die Menschen kreativ werden, wenn man ihnen die Sicherheit nimmt. Die Menschen werden kreativ, aber auf beschränkte und erbärmliche Weise: in ihrer Suche nach Geld.  

Der Gegenvorschlag wäre: Schaut, der Neoliberalismus hat uns unsere Sicherheit genommen, er hat uns in einen Zustand permanenter Angst befördert. Das ist keine Freiheit. Er hat außerdem mehr Alltags- und Arbeitsüberwachung gebracht, als es jemals gegeben hat. Wir brauchen ein gewisses Maß an Sicherheit, das ist die Basis für wirkliche Freiheit. Wir sollten nicht akzeptieren, daß es entweder Langeweile und Sicherheit oder Erregung und Angst gibt. Letztlich ist es so aufregend nicht, ständig in Angst zu leben.  

 

Aber wie kann eine neue Linke auf den Weg gebracht werden, wenn jeder sein neoliberal funktionalisiertes Subjekt ist?  

 Das Schlüsselproblem ist Koordination. Immer noch ruft ein großer Teil der Linken nach Einheit. Fast zwangsläufig sind die, die nach Einheit rufen, am sektiererischsten. Sie wollen Einheit, aber meist nur unter ihren Bedingungen. Nach rechter Einheit aber besteht kein Bedarf. Wie hatte die Rechte in den vergangenen 30 Jahren Erfolg? Indem sie heterogene Gruppierungen irgendwie zusammengeklammert hat, Allianzen, die eigentlich nur sehr wenig gemein haben, aber doch genügend, daß sie eine Hegemonie zusammenhalten. Davon müssen wir lernen. Wir müssen die Ressourcen, die wir haben, irgendwie koordinieren. Aber es geht nicht um Einheitsdenken, sondern um Logistik.  


Gibt es etwas wie ein Subjekt in dem, was Sie beschreiben?  

Eher ein Agens, nicht notwendig ein Subjekt im herkömmlichen Sinne. Teil des Problems ist, daß die Menschen sich nicht mehr als Arbeiter definieren und die Formierung eines kollektiven Subjekts auf Basis einer Identität somit heute problematisch ist. Wir können aber an die Wünsche und Interessen der Menschen appellieren, und die können die Basis für eine neue Art kollektiver Kraft sein.  

Deswegen ist es wichtig, über Dinge wie Angst zu sprechen und sie zu politisieren. Denn der Schlüssel ist Depolitisierung, Naturalisierung. Wir akzeptieren zunehmend als Teil des Lebens, daß wir Angst haben, Unsicherheit spüren. Was wir irgendwie auf die Agenda setzen müssen, ist, daß das politisiert werden kann. Daß die Angst, die die Menschen spüren, nicht ihr Versagen ist, wie uns das oft verkauft wird: daß wir nicht robust genug sind oder uns nicht gut genug neu erfinden. Zwei Dinge sind verschwunden, die selbst, als ich Teenager war, noch selbstverständlicher Teil des öffentlichen Diskurses waren: die Kritik der Familie und die Konzepte der Antipsychiatrie. Die Renormalisierung psychiatrischer Macht ist ein Schlüssel für die Etablierung dieser sehr konstruierten Realität, in der wir jetzt leben.  

 

Auch die Entwertung der Psychoanalyse zugunsten der Verhaltenstherapie ...  

 … und von Medikamenten, genau. Aber dann geht es auch um Kritik an der Psychoanalyse. Leute wie Gilles Deleuze und Félix Guattari, die immer nur als Philosophen gelten, sind bedeutend, weil sie Teil dieser gegenkulturellen Bewegung waren. Das Problem der Psychoanalyse ist, daß sie privatisiert wurde, auf die Familie fokussiert, und das weitere soziale Feld ausblendete. Wir sind an eine Stufe gekommen, in der sogar das privatistische psychoanalytische Modell viel besser ist, als das, was vorherrscht. Und das ist: Wenn Sie chronische Angst haben, liegt es an Ihrer Hirnchemie, nehmen Sie Medikamente. Wenn Sie nicht positiv genug denken: Hier ist eine Strategie, damit Sie positiver denken. Die Wiederaufnahme des Projekts der Antipsychiatrie – das bedeutet nicht, es einfach zu wiederholen – könnte sehr wichtig für die Wiederbelebung der Linken sein.  

 

Sie haben das Buch ausgehend von Ihrer eigenen Erfahrung mit Depression geschrieben. Aber Sie sagen auch, daß Depression eine charakteristische Krankheit für die Zeit ist, in der wir leben. Warum?  

 Ich habe an Depressionen gelitten, seit ich Teenager war, und hatte teilweise ziemlich akute Episoden. Und es geht vielen so. Zum Beispiel habe ich meinen Blog – und ziemlich viel in dem Buch beruht auf meinem Blog – in einem stark depressiven Zustand begonnen, und das Schreiben war ein Weg, dem zu entfliehen. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß, obwohl sicher auch individuelle Gründe zu meiner Depression geführt haben, vieles daran eben auch kulturell und politisch ist. Das Buch läßt sich auf den Prozeß des Herantastens an das Verstehen ein.  

Das Gewicht und die Erschöpfung, man selbst zu sein, empfindet niemand stärker als ein Depressiver. Sie haben keinen Zugang zu irgend etwas außerhalb Ihrer selbst. Ihr Selbst ist bloßgelegt und hilflos, und doch scheint die Welt Tausende Meilen entfernt zu sein. Das ist ein extremer Fall dessen, was zunehmend normal wird. Es wird akzeptiert, daß derart viele junge Menschen depressiv sind. Und es sind viel mehr Leute depressiv als die, die es sich eingestehen. Ich benutze mich als eine Art Fallbeispiel dafür, Depression zu verstehen, sie zu depersonalisieren, sie zu politisieren.

 

 Mark Fisher: Ghosts of My Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures. Zero Books, Alresford 2014, 245 Seiten 

Ders.: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Aus dem Englischen von Christian Werthschulte, Peter Scheiffele und Johannes Springer. VSA, Hamburg 2013, 120 Seiten, 12,80 Euro –

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