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Zum Tod von Günter Herburger

08.05.2018 16:51

Am 3. Mai ist der Schriftsteller und langjährige konkret-Autor Günter Herburger gestorben. Aus diesem traurigen Anlass veröffentlichen wir einen seiner ersten Beiträge für konkret, den er für die Juni-Ausgabe 1976 verfasste. Herburger beschreibt darin, wie er einmal einen 1. Mai mit Gabi und Konrad Henkel, Mousse vom Lachs und 70er Saint Veran Tastevignage im Pavillon verbrachte.

 

Am 1. Mai hätte ich gern gesungen, gefeiert und getanzt, wie es unter Werktätigen üblich ist. Aber für mich wurde es ein Arbeitstag, der eines Schriftstellers, der sich umtun muß, wenn er etwas erfahren könnte, das er noch nicht kennt. Ich folgte einer Einladung von Gabriele und Konrad Henkel, dem besitzenden Ehepaar gleichnamiger Industrie, in ihr Landhaus nach Hösel bei Düsseldorf.
 

Dorthin müsse man unbedingt gucken gehen, hieß es unter Kolleginnen und Kollegen, die, nachdem sie in Düsseldorf ein neues und passableres Präsidium des PEN-Clubs gewählt hatten, von Gabriele Henkel hierarchisch geschickt erkoren worden waren, an diesem frommen Tag ihren Salon zu schmücken, von konservativ über freischwebend links bis rötlich rot. Zwei Partei-Kommunisten waren auch dabei. Die Henkels schienen, italienische und französische Zustände im Blick, vorbeugen zu wollen.
 

In einem Henkel-Bus wurden wir zur Speisung gebracht. Das verwies uns gleich wieder auf unsere gesellschaftlich zugedachten Plätze. Nichts dagegen, wurde in dem Omnibus trotzig widersprochen. Auch wir hätten unseren Stolz. Hösel, wo das Landhaus steht, ist ein weit verteiltes Dorf an der Flanke eines Hügels, beschützt von einem hohen Eisenzaun mit spitzigen Zacken obenauf. Durch das enge Portal kam der Bus kaum hinein. Als der Fahrer es nach mehreren Anläufen geschafft hatte, wurde geklatscht.
 

Wir sahen Ställe, Häuser, Katen, Bauernhöfe und Scheunen, alle herausgeputzt im Reiche-Leute-Stil der Jetztzeit. Schwer zu sagen, ob dort lauter Henkels wohnen oder deren Dienerschaft, Reitknechte und Justitiare. Auf jeden Fall schimmerte das ganze Anwesen feudal, wie aus dem 19. Jahrhundert herübergerettet, fast noch leibeigenschaftlich. Und auf dem Kamm der Landschaftswelle weideten und lagen Schafe im Abendlicht, die, wie ich später feststellte, von einem feinen elektrischen Draht im Zaum gehalten wurden. Wehe, wenn sie von dem dekorativen Platz fortgelaufen wären, es hätte ihnen einen Schlag aufs Fell gebrannt!
 

Die Speisen vorzüglich, die Getränke auch, die Reden launig. Die Hackordnung war ebenfalls durchdacht. Wir saßen, fünfzig oder siebzig Damen und Herren, in einer Art Pavillon an kleinen Tischen, ließen uns vorlegen und aßen, was mich betrifft, dreimal. Wenn Kleinbürger etwas umsonst erhalten, verlieren sie ihre Hemmungen.
 

Als die Dunkelheit anbrach, schwammen die von Kerzen beleuchteten Tische wie Lotosblüten auf einem Perlmutteich, und draußen, wo die nun unsichtbaren Stimmungsschafe ruhten, flammten Scheinwerfer unter Eiben, Eichen und Kastanienbäumen auf. Das alles war sehr schön.  

Aber da blieb ein Rest. Ich hatte mir eingebildet, daß vielfache Einkommensmillionäre und Umsatzmilliardäre uns eine gehörige Portion an Überschwang oder Raffinement voraus hätten, den oft gesuchten ästhetischen Mehrwert. Denn, nicht wahr, Reichtum verlieh doch Bildung sowie vorauseilende Selbstdarstellung, war eine Speerspitze des Geschmacks und der Kennerschaft?  

Nichts dergleichen! Das Gästehaus glich einer Grundigkiste aus der Gründerzeit Ende der fünfziger Jahre. Die Deckenbalken waren verschalte Placebos, und die Muster in den Webteppichen wiederholten sich in den Vasen und Mosaiken der Steintische, als hätten Innenarchitekten der Hilton-Hotelkette auch hier geaast.
 

Auf der Heimfahrt fragte ich Kollegen, ob sie bei den Henkels gern etwas geklaut hätten, einen Stich, eine Dose, irgendein totes, prächtiges Stück? Keinem fiel etwas ein. Einer sagte, in Hamburg hätte er bei ähnlichen Leuten wenigstens Ehrfurcht gebietende Tryptichons gesehen, Beckmann-Gemälde und mittelalterliche Altarwände. Und eine Kollegin schwärmte von Italien, wo es in den Häusern der Reichen mitunter vor fabelhaftem Kitsch und Klunker krache, so daß jede Beklommenheit schwände und Fröhlichkeit sich ausbreite. Die dort im roten Gürtel benützten eine Vorwärtsstrategie.  

Ich hielt mich an Herrn König, den Chefkoch und Präsidenten des Weltverbandes internationaler Köche. Er betreue, sagte er, nicht nur die Taufen, Sterbefälle und Festlichkeiten des Hauses Henkel, vielmehr sei seine Hauptaufgabe die Disposition von täglich 12.000 Kantinenessen der Firma.  

Ob er dann überhaupt noch zum Abschmecken käme, fragte ich.  

Sicher, erwiderte er. Wissen Sie, mein Herr, auch wenn wir manchmal in Doppelschicht arbeiten, das bringt uns nicht um. Wer seinen Beruf zu seiner eigenen Sache macht, gewinnt an Spannkraft.  

Das hat mich wieder aufgerichtet, und ich konnte versöhnt den 1. Mai beenden, denkend auch an den Konzernchef Konrad Henkel, der scheinbar unbeteiligt herumgestanden und uns zugenickt hatte. Er würde, wie es dem Proporz entsprach, wieder in seinen Betrieb gehen, gescheites Verschieben von Bilanzsummen anordnen, Abgeordnete anrufen und mit kleinen Worten Machtfragen regeln. Das robuste Ungleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit würde noch anhalten, wie wir es gewohnt waren.  

Doch seine Frau, wo kam sie unter? Sie war bitterböse geworden, als meine Freundin zu photographieren begonnen hatte. Wir baten um ein Familienbild zur Erinnerung. Aber da war nichts zu machen. Anscheinend entsprachen Vorstellung und Wirklichkeit nicht ganz dem erwünschten Standard. Auch nachdem die Dame des Hauses gesagt hatte, sie müsse wenigstens schnell in den Spiegel sehen und imposant zurückgekehrt war, als habe sie sich in der Grabkammer der Cheopspyramide wieder Kraft geholt, wollte sie trotzdem keine Vereinsmeierei zugestehen.  

Schade, sagte ich und wurde traurig. Was ist das für ein Land, dachte ich, in dem der Reichtum nicht mehr seinem Glanz traut? Wieso macht der Ehrgeiz schon vor sich selbst halt?  

Die Ergebnisse der Antwort, fürchte ich, werden jedoch auf sich warten lassen. Denn es wäre töricht, die Furcht des Reichtums vor der falschen Wahl zu unterschätzen. Allerdings, auf den innersten Kreis gesellschaftlicher Erhabenheit brauchen wir nicht mehr neugierig zu sein. Dort tosen keine Flammen um die Häupter. Es genügt, wenn wir die Stützpunkte und Privilegien der Macht Schritt um Schritt betreten lernen.
 

 

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