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"Der Ausruf 'Judenschweine' hat mich nicht überrascht"

05.07.2018 13:01

Der französische Regisseur Claude Lanzmann ist heute im Alter von 92 Jahren gestorben. Bekannt geworden war er vor allem durch sein epochales neunstündiges Werk »Shoah«, in dem er sowohl Opfer als auch Täter des Nationalsozialismus zu Wort kommen lässt. In konkret 4-2010 sprach Hermann L. Gremliza mit Lanzmann über linken Antisemitismus, Juden in Europa und seinen kommunistischen Pass.

konkret: Monsieur Lanzmann, vor einigen Wochen wollte eine linke Hamburger Gruppe Ihren Film »Pourquoi Israël« vorführen. Das hat eine andere Gruppe, deren Mitglieder sich für Antiimperialisten halten, verhindert. Es kam zu einer etwas hysterischen Auseinandersetzung, in der die einen behaupteten, die anderen hätten sie als »Judenschweine« beschimpft. Ich nehme an, man hat diese Geschichte auch Ihnen erzählt. Ich halte das für eine dumme Erfindung. 

Lanzmann: Was meinen Sie mit »dumme Erfindung«? Ich glaube ernsthaft, daß Mitglieder dieser linksextremen Hamburger Gruppe »Schweinejuden« gerufen haben; das haben mir viele Leute erzählt, und ich sehe keinen Widerspruch zwischen den Tatsachen, daß einer ein radikaler Linker ist und ein Antisemit. Es ist gerade umgekehrt: Diese Leute sind radikale Feinde Israels, die ihren Antisemitismus hinter der Maske des Antizionismus verstecken ...
 
Eben deshalb ist es geradezu das Kennzeichen linker Antisemiten, daß sie alles tun, um nicht als Antisemiten erkannt zu werden. Sie schimpfen nicht auf »die Juden«, sondern auf die Zionisten, die sie auch gern Faschisten nennen.
 
Ich jedenfalls bin nicht überrascht, daß sie »Judenschweine« gerufen haben.
 
Und wir zweifeln nicht am Antisemitismus dieser Leute, auch wenn wir noch keinen von ihnen »Judenschweine« haben rufen hören.
 
Manchmal werden antisemitische Emotionen so stark, daß die Leute doch zu solchen Worten greifen.
 
Sie wurden in dieser Situation quasi demonstrativ nach Hamburg eingeladen, zur Vorführung Ihres Films. Was haben Sie bei Ihrem Besuch erwartet?
 
Eine friedliche, ruhige Veranstaltung, ohne Probleme. Ich war keineswegs überrascht, daß sie es wurde.
 
Daß da vierhundert junge Leute – ein paar hundert weitere mußten draußen bleiben – fünf Stunden lang einem vierzig Jahre alten Film und Ihren Erzählungen ehrfürchtig zusahen und -hörten, hat Sie nicht überrascht?
 
Zu jungen Deutschen habe ich immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt, seit ich nach dem Krieg in Berlin war, als Lektor an der Freien Universität. Bestimmt habe ich nicht exakt das erwartet, was da in Hamburg geschah. Ich war tief beeindruckt. Die Leute waren sehr ernsthaft interessiert.
 
»Visionen eines jungen Mannes«: Ansichten aus Lanzmanns Filmen Das Erscheinen ihres Erstlings Die Riesenzwerge hatte die 27jährige Gisela Elsner Mitte der sechziger Jahre schlagartig berühmt gemacht. Die Autorin, die mit ihren schrillen Make-ups und Kostümen Aufsehen erregte (»schreibende Kleopatra «), wurde als bedeutendste Satirikerin der Bundesrepublik gefeiert und gefürchtet. Doch im Lauf der achtziger Jahre wurde es immer stiller um die Kommunistin, die für Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik nur Haß und Verachtung übrig hatte und die den Untergang der DDR für eine Katastrophe hielt. 1992 nahm sie sich das Leben.
 
In Ihrer Jugend waren Sie nicht zum jüdischen Widerstand gegen NS-Deutschland gegangen, sondern zur kommunistischen Jugendbewegung, für die Sie die Résistance in Clermont-Ferrand organisiert haben. Nach dem Krieg blieben Sie so lange in erster Linie Kommunist, bis Sie Anfang der fünfziger Jahre Israel besuchten. Waren Sie bis dahin ein - zufällig jüdischer – Kommunist, so wurden Sie nun ein – zufällig kommunistischer – Jude. Oder vielleicht nur ein Jude mit einer kommunistischen Vergangenheit? Kann man so sagen?
 
Ich hatte Marx, Engels, Lenin nicht gelesen. Meine Familie war links orientiert. Als ich gefragt wurde, ob ich dem kommunistischen Widerstand beitreten wolle, habe ich ja gesagt. Ob ich nach meiner ersten Reise nach Israel aufgehört habe, ein Kommunist zu sein? Nein. Aber ich wurde ein Jude mit einem kommunistischen Paß. Ich hatte schon nach dem Ende des Krieges aufgehört, ein Mitglied der Partei zu sein. Ich bin kein Mensch, der jeden Abend zu Treffen von Komitees geht, ich sehe lieber Freunde, treffe Frauen oder lese ein Buch.
 
Sie sagten einmal, daß Sie die Rote Armee für ihren Sieg über die Deutschen und insbesondere für Stalingrad bewundert haben. Tun Sie das immer noch?
 
Ja, das tue ich. Ich bewundere die Opfer, die die Russen gebracht haben. Wenn es eine Chance für die Juden gab, dann war es der Sieg der Roten Armee über die Nazis in Stalingrad.
 
Sie weisen oft darauf hin, wie aktuell »Pourquoi Israël« sei. Gilt das auch noch für das große Interesse an den sozialistischen und kommunistischen Strömungen in Israel, etwa an den Kibbuzim, das Sie in dem Film zeigen?
 
Nein, ich denke nicht. Der Film ist fast vierzig Jahre alt. Er ist kein journalistischer Report, er ist eine Vision, meine Vision. Er altert nicht. Er ist der Film eines jungen Mannes, und deshalb ist er selber jung.
 
Der Film beginnt und endet mit dem Sänger Gert Granach, der da zur Gitarre singt: »Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand ... Im Januar um Mitternacht ein Spartakist steht auf der Wacht ...«
 
(singt weiter): »... er steht mit Stolz und der war echt ...«
 
Immer noch mit kommunistischem Paß?
 
Granach singt im Film auch Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Er repräsentiert die Sehnsucht vieler Juden, die in Israel leben, nach Europa. Es ist eine Nostalgie, die ich teile. Ich lebe zwar in Europa, aber jedes Mal, wenn ich nach Berlin komme, gehe ich zum Landwehrkanal, in den sie die ermordete Rosa Luxemburg geworfen haben, und spreche ein stilles persönliches Gebet.
 
Worin also liegt die eigentliche Aktualität, die »Pourquoi Israël« offenkundig hat, sonst hätten in Hamburg nicht so viele junge Leute stundenlang im Schneeregen auf den Einlaß gewartet, die Hälfte davon vergebens?
 
Da sind viele Dinge, die aktuell sind: die Frage von Normalität und Abnormalität, die Frage des Krieges, die existentielle Gefahr.
 
Was wird Israel in zehn Jahren sein?
 
Ob Israel dann noch existiert? Ich hoffe. Man hat gesagt, zwei Deutschland seien undenkbar, oder zwei Korea seien undenkbar. Die einen haben lange existiert, die andern existieren noch. Auch der Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn kann noch lange dauern.
 
Sie haben gesagt, es finde zur Zeit »eine absolute Verteufelung Israels« statt. Wer sind die Freunde Israels?
 
Die USA. Die Juden in aller Welt. Israel hat aber auch Freunde in China, in Afrika.
 
Und Europa?
 
Da bin ich mir nicht so sicher.
 
Lanzmanns Filme »Warum Israel«, »Shoah«, »Tsahal « sind als DVDs bei Absolut Medien erhältlich. Die Doppeledition von »Sobibor, 14. Oktober 1943«/ »Ein Lebender geht vorbei« erscheint dort am 9. April. –
 
Interview: Hermann L. Gremliza –
 

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