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Zum Tod von Brigitte Kronauer

24.07.2019 09:55

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist tot. Die Redaktion veröffentlicht aus diesem traurigen Anlass einen ihrer zahlreichen Beiträge für die Zeitschrift konkret. In diesem Text aus konkret 7/1990 setzt sich Brigitte Kronauer mit den Anforderungen an Literatur auseinander, die die Gegenstände der Welt "aus geltenden Übereinkünften, aus der generellen Ideologie üblicher Verknüpfungen zu lösen sucht". Von 1985 bis 2007 schrieb die Schriftstellerin Kolumnen, Rezensionen, literaturkritische Analysen für konkret.

Literatur und Umständlichkeit
 

Die halb verlegen, halb aggressiv vorgebrachte Äußerung, sich Literatur im engen und strengen Sinne nicht mehr leisten zu können, beruht ja eventuell auf einem richtig funktionierenden Instinkt. Abgesehen davon, daß journalistische Information und Analyse samt erwarteter Bewertungstendenz wesentlich schneller und schlagender woanders geliefert, wissenschaftliche Forschungsberichte nicht nur konzentrierter, nackter, sondern auch sprachlich aufregender, nämlich im Vokabular genuiner, in den entsprechenden Publikationsorganen vorgestellt werden, und, will man sich zur Entspannung oder aus mangelndem Spezialistentum Erkenntnisgewinn in weniger ökonomischer Form verschaffen, Profiunterhaltungskünstler zur Verfügung stehen, die den Boden auf beiden Hochzeiten unter den Füßen haben, abgesehen also davon, daß die oben erwähnte Literatur als im Vergleich unergiebigeres, zumindest weitschweifigeres Medium den Kürzeren zieht, besteht für das, was sie auszeichnet, erst recht nicht so ohne weiteres Bedarf.  

Der Ansatz der hier ins Auge gefaßten Literatur, zu unterscheiden auch vom besonders in Mode gekommenen philosophisch-poetischen Essay, der sich ihrer ohne Kosten punktuell bedient, ist ein grundsätzlich anderer, ein zunächst elitärer, eine Zumutung. Ein Anachronismus?  

Ob die gemeinte Literatur sich mit Zeitgeschehen, Vergangenheit, Personen, Herzensangelegenheiten Natur, Dingen beschäftigt, entscheidend ist immer, daß sie, die Gegenstände der Welt betastend – ihr konventioneller Aspekt – , diese aus geltenden Übereinkünften, aus der generellen Ideologie üblicher Verknüpfungen zu lösen sucht: ihr subversiver Impetus. Das kann spektakulär, sanftmütig, direkt oder hintenherum geschehen, kann geraten oder danebengehen. Es ist immer ein mühsames, umstandskrämerisches Unternehmen, vor allem deshalb, weil es sich nicht in erster Linie um einen inhaltlichen, sondern um einen omnipräsenten Formgegner handelt. Dabei ist diese Attacke – und natürlich geht ein Produzent so verstandener Literatur davon aus daß ein Angriff auf ästhetischer Ebene langfristig auch der massivste auf der inhaltlichen ist – nur die notwendige Folge einer Unzufriedenheit, bescheiden gesagt, mit scheinbar zementierten Weltzusammenhängen. Der Literaturhersteller, dessen Differenzgefühl zum Bestehenden für sein Schreiben unerläßlich ist, macht sich solche, zunächst privat, ja selbstversunken, mit denen er eher übereinstimmt.  

Die durch Demontage und Neuaufbau von sprachlicher Realitätsorganisation bedingte, lästige Umständlichkeit kulminiert und wird abgekürzt im Bild. Bildlose Umständlichkeit ist im besten Fall nichts als komplizierte Gescheitheit. Die im Bild sublimierte, zur Anschaulichkeit hin sich vereinfachende wiederum geht gewollt das Risiko des Changierens, der Uneindeutigkeit ein als keiner Losung wörtlich gehorchende Gestalt die ein hundertprozentiges Verständnis unmöglich macht.  

Rucks im politischen Bewußtsein verdanke ich wesentlich zwei fiktionalen Werken: »Germinal« von Zola und Pontecorvos Film »Queimada«. Was mich aber am nachhaltigsten beeindruckt hat, ist bei Zola gegen Romanende die Szene, in der, schon fast erstarrt, der Großvater der Bergarbeiterfamilie die ahnungslose Tochter des wohlhabenden Zechenaktionärs erwürgt, und in »Queimada« das unausdeutbare und doch die Lehre des ganzen Films einfangende Lächeln Marlon Brandos, bevor er getötet wird. Über diese Bilder, Szenen haben sich beide Werke bei mir eingeschlichen und in der Erinnerung entfalten können, unvergeßlich offenbar und in einem viel totaleren Sinn als das die zugrundeliegende Mitteilung, die mir auch damals nicht ganz neu war, als Dokumentation oder Diagnose leisten würde.  

Nicht anders in Kellers »Romeo und Julia auf dem Dorfe«. Dort ist es die von den Kindern in einen Puppenkopf gesperrte Fliege, in Kafkas »Das Urteil« der mit der Uhrkette des Sohnes spielende riesige Vater, in Flauberts »Madame Bovary« die lächelnde Emma im Gespräch mit Charles unter dem Sonnenschirm, auf den Wassertropfen fallen, usw: also gar nicht unbedingt Schlüsselszenen, aber doch solche, die durch den Gesamttext unter Hochdruck stehen, die Nägel, an denen das Ganze im Gedächtnis hängt. Das Gegenteil von bloßer Bebilderung.  

Der gelegentlich geforderte große Gegenwartsroman, manchem eine fixe Idee, kann, soll er nicht illustrativ und der inzwischen eingespielten Interpretation unterwürfig und damit ein bloß kleiner sein, keineswegs befohlen werden, auch nicht vom Autor sich selbst. Er kann allenfalls gelingen bei empfindlich und komplex mit den Zeitphänomenen in Verbindung stehendem Sensorium sowie ausreichender Verwandlungskraft in ein subjektives, jedoch schließlich als exemplarisch akzeptiertes Formenuniversum, nicht als redlicher oder pompöser Willensakt, nicht als sogenannte Schicksalsdaten launig addierende Fleißaufgabe, nur als Glücks- und Sonderfall, im Augenblick seines Erscheinens zwangsläufig selten als das identifiziert .  

Und warum ruft man überhaupt nach ihm? Ist es nur ein Feuilletonautomatismus, ein Relikt angesichts der Überfülle von Untersuchungen und Diskussionen zu 'Fragen der Zeit' in allen Medien? Oder meldet sich hier ein ebenfalls präzise funktionierender Instinkt, der zwar verkennt, daß eine Novelle ohne grell repräsentative Fakten über eine Epoche im Prinzip so viel aussagen kann wie ein gewaltiger Roman, der aber doch wittert, daß dezidiert künstlerische Gestalt durch ihre organische Vieldeutigkeit mit Natur, Wirklichkeit widersprüchlich, aber strukturell verbündet, am ehesten die Chance hat, Wesentliches einer Zeit zu kondensieren, weil sie, ausgerechnet dank ihrer störenden, unzuverlässigen Umständlichkeit, über alle Genauigkeit der Konstruktion, auch über Parteilichkeit der Gesamtkonzeption eines Werks hinaus – selbstverständlich ergeben Bilder, Einzelfiguren ('Helden') noch keinen Roman – anders als behender reagierende Artikel oder Essays, mehr ausschüttet, als von einem individuellen Bewußtsein in sie hineingefüllt wurde.  

Für Herman Melvilles »Moby Dick«, die »Autobiographie eines Jahrhunderts« das »Epos von Amerikas unruhigem Geist« wäre eine denkbare moderne Lesart und Reduktion auf einen gesonderten Gesichtspunkt die, den Roman als Zuspitzung der Gestaltfrage zu begreifen. Bedroht von der flüssigen, formlosen Weite der Weltmeere, vor dem Hintergrund ihrer dauernden Infragestellung konturieren sich Haupt- und Nebenfiguren. Das in der Jugendbuchfassung auf eine spannende Waljagd geschrumpfte Werk besteht im Original neben Suche und Verfolgung des Moby Dick aus zahlreichen naturwissenschaftlichen und historischen Erörterungen über den Wal, seinen Fang, seine Verwertung, die – u.a. eine deftige Verzögerungsstrategie gegenüber der Rasanz dramatischer Ereignisse – ihrer Form nach aus der eigentlichen fiktionalen Geschichte zu fallen scheinen. Auf der anderen Seite gibt es eine kapitellange Reflexion über die Un-Farbe Weiß als die des Guten aber vorzugsweise des Bösen, der Ambivalenz und des Wesenlosen, des Nichts, als »unendliches weißes Leichentuch«.  

Das Geniale des Romans zeigt sich nun darin, daß die sperrigen Einschübe, belehrend zur Sache gehend, integraler Bestandteil einer künstlerischen Architektur sind, daß sie, als raumfordernde, antipoetische Widersacher der Fiktion, dieser, fest verwahrt auf ihren Plätzen, zu Diensten sein müssen im Körper des Romans: der unverhohlene Diskurs in der Haut der Legende, im Symbol Moby Dick, in der siegreichen Gegenständlichkeit des fast unsichtbaren Mythos eines Wals mit der Nicht- und All-Farbe Weiß, in der vieldeutigen, der Natur verschwisterten, nicht zu ergründenden Gestalt.  

Melville hat im nächsten Jahr seinen hundertsten Todestag. Als er starb, hatten ihn seine Zeitgenossen vergessen.  

Brigitte Kronauer

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