Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Aus aktuellem Anlass

Zum Tod von Marceline Loridan-Ivens

24.09.2018 13:26

Im Alter von 15 Jahren wird Marceline Loridan-Ivens nach Auschwitz verschleppt. Sie überlebt, ihr Vater wird von den Nazis ermordet. 2015 schrieb die Autorin und Regisseurin unter dem Titel Und du bist nicht zurückgekommen einen schmalen Band, der ein Brief an ihren Vater ist. Sabine Lueken hat das Buch in konkret 1/16 besprochen. Marceline Loridan-Ivens ist am 18. September gestorben.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen

Mit Judith Perrignon. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Insel, Berlin 2015, 110 Seiten, 15 Euro

»Du wirst vielleicht zurückkommen, weil du jung bist, aber ich werde nicht zurückkommen. Diese Prophezeiung hat sich mir ebenso stark und ebenso endgültig eingeprägt wie einige Wochen später die Nummer 78750 auf meinem linken Unterarm.« Den Brief des Vaters aus Auschwitz hat ihr in Birkenau ein Häftling zugesteckt, der als Elektriker zwischen den Lagern pendeln konnte. »Mein liebes kleines Mädchen …« – an die Worte zwischen dieser Anrede und der Unterschrift »Schloime« erinnert sie sich nicht mehr. Beim besten Willen nicht. »Ich suche, aber es ist wie ein Loch, und ich will nicht fallen.« Sie ist zurückgekommen, der Vater nicht, das empfand sie lebenslang als Schuld. Nach all der Liebe, die in den vergessenen Zeilen steckte, hat Marceline Loridan-Ivens sich ihr Leben lang gesehnt, darum geht es in ihrem ganzen Werk. Nach 70 Jahren hat die heute 87 Jahre alte Autorin, Schauspielerin und Regisseurin ihrem Vater einen Antwortbrief geschrieben: die Bilanz ihres Lebens. Auf knapp hundert Seiten berichtet sie ihm und uns mit präziser Offenheit vom Überleben in Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt und vom Weiterleben in der französischen Nachkriegsgesellschaft bis heute.

Als sie 15 war, wurden Marceline und ihr Vater in ihrem Heimatort Bollène verhaftet, über Sammellager in Avignon und Marseille nach Drancy und von dort mit dem Transport am 13. April 1944 nach Auschwitz verschleppt. Der Vater blieb dort, sie kam nach Birkenau. Einmal noch begegneten sie sich, traten aus den Reihen ihrer Arbeitskommandos heraus und sanken sich in die Arme. Sie wurde zur Strafe von den SS-Bewachern ohnmächtig geschlagen und hatte, als sie wieder zu sich kam, eine Tomate und eine Zwiebel in ihrer Hand. Der Vater war ein letztes Mal Beschützer und Ernährer für sie. Monate später kam der Brief. Zu spät. »Wahrscheinlich sprach er mir von Hoffnung und Liebe, aber es war keine Menschlichkeit mehr in mir, ich hatte das kleine Mädchen getötet, ich grub direkt neben den Gaskammern, jede meiner Bewegungen widersprach deinen Worten und beerdigte sie. Ich stand im Dienst des Todes. Ich war seine Kiste gewesen. Dann seine Hacke.« Sie löscht den Inhalt des Briefes sofort aus ihrem Gedächtnis. Den Mangel zuzulassen, »macht verwundbar … es schwächt und es tötet … Man erfriert von innen her, um nicht zu sterben.«

Nach der Befreiung wurde ihr dringender Wunsch, jemanden zu haben, der ihre Erfahrungen und Erinnerungen teilt, nicht erfüllt. Der Vater war »nicht zurückgekommen«. Nur 2.500 der 76.500 Juden Frankreichs kehrten zurück. Niemand im Nachkriegs-Frankreich wollte ihre Erinnerungen hören. Auch die eigenen Leute nicht. Die Mutter kam nicht nach Paris, wo Marceline im Hotel Lutetia lebte, der ehemaligen Zentrale der deutschen Abwehr, die zu einem Aufnahmezentrum für displaced persons umfunktioniert worden war. Die Mutter holte sie nicht vom Bahnhof ab, als sie nach Bollène zurückkam. Schickte nur einen Onkel. Der war selber in Auschwitz gewesen: »Erzähl ihnen nichts, sie verstehen es nicht.« Jahrzehntelang redete »man« nicht darüber, bestenfalls untereinander. Zum Beispiel mit der Freundin Simone Veil, die Marceline später dabei beobachtete, wie sie immer noch Löffel stahl – Simone wollte die schlechte Suppe von Birkenau nicht auch noch ohne Löffel schlürfen müssen. In der »antisemitischen Nachkriegszeit« logen sich ihre Mitbürger ein »heldenhaftes Frankreich« vor und begegneten »jeder meiner Erinnerungen mit Verleumdung«, schreibt die Autorin. Warum, fragt sie sich, war sie nach den Lagern »unfähig zu leben«, obwohl sie doch den Auftrag des Vaters erfüllen wollte? Zum Leben gehört das Erzählen. »Der beendete Krieg zerfraß uns alle von innen her.« Auch ihre Familie. Die Mutter starb früh, zwei ihrer drei Geschwister töteten sich selbst, starben »am Verschwinden« des Vaters, an den Lagern, »ohne je da gewesen zu sein«. Sie selbst hat als Überlebende einen Platz »in dieser Geschichte und in dieser Welt«. Aber: »Aus Auschwitz kehrt man nie zurück.« Die Unmenschlichkeit, der man ausgesetzt war – und die man auch selbst weitergab –, kontaminiere einen, sagt sie in einem Interview.

Sie brauchte lange, bis sie sich mit ihrer Existenz abfinden konnte, ging zurück nach Paris und tauchte ein in die Welt von Saint-Germain-des-Près und des Quartier Latin, hungrig nach »Unbeschwertheit und Bekanntschaft«. Der Vater, so hofft sie, hätte ihre Freiheit geliebt. Sie berichtet ihm von ihren beiden Ehemännern, »keiner war Jude, sei mir nicht böse«. Mit ihrer großen Liebe, dem legendären niederländischen Dokumentarfilmer Joris Ivens, war sie in Vietnam und im China Mao Tse Tungs und drehte Filme, propagierte die chinesische Kulturrevolution. Beide verfolgten den Wunsch, »den Planeten von seinen Unreinheiten zu befreien«. Sie engagierte sich für die algerische Unabhängigkeit, wollte etwas für andere tun, da sie für sich selbst nichts tun konnte, wie sie sagt, und glaubte »bis zur Unvernunft daran«, die Welt verändern zu können. Seit dem Wiedererstarken des Antisemitismus in Frankreich und erst recht seit 9/11 ist das anders: »Die Illusionen, die ich noch hatte, fielen ab wie eine tote Haut.«

Das schmale Buch hat bei seinem Erscheinen in Frankreich für Betroffenheit und Aufsehen gesorgt. Das nimmt nicht Wunder. Die Autorin, eine der 160 letzten überlebenden jüdischen Zeugen des Holocaust in Frankreich, übt deutliche Kritik an ihrem Land. Den Vater, der als hoffnungsvoller junger Mann aus Polen gekommen war und Frankreich so liebte, habe es nicht richtig aufgenommen, sondern verraten und in den Tod geschickt. Frankreich sei heute ein sehr schwaches und krankes Land, weil man die Dinge nicht beim Namen nenne. Bereits 2000 gab es die ersten Anschläge auf jüdische Einrichtungen, aber es hieß immer nur, »irgendwelche Jugendlichen« hätten sie begangen. Die politischen Eliten täuschten die Öffentlichkeit und versäumten ihre Pflicht, die notwendige Aufklärung und Erziehung zu leisten.

Auf die Frage, ob sie gut daran taten, aus den Lagern zurückzukommen, antwortet Loridan-Ivens’ Schwägerin Marie: »Ich glaube nicht. Wir hätten nicht zurückkommen sollen.« Die Autorin selbst ist noch unschlüssig. Aber sie hofft, dass sie am Ende wird sagen können. »Ja, es hat sich gelohnt.« Trotzdem ergreift die Tragik ihrer Geschichte den Leser: »Ich habe immer gemeint, dass es … besser gewesen wäre, wenn du zurückgekommen wärst und nicht ich.«

Sabine Lueken

Zurück

Ins Archiv

Ins Archiv der konkret-News geht es hier entlang.