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Wolfgang Fritz Haug zum 80. Geburtstag

22.03.2016 15:56

Der marxistische Philosoph und zeitweilige konkret-Autor Wolfgang Fritz Haug begeht heute seinen 80. Geburtstag. In der Oktoberausgabe 1997 von konkret beantwortete Haug die Frage der Redaktion, was heute noch links ist:

Die Frage »Was ist heute links?« riecht von weitem nach abgebrühter »rinks-lechts«-Skepsis, doch hat sie einen guten Sinn: Links ist man nicht, »links« ist weder ein Sein noch eine Eigenschaft oder gar ein Eigentum. »Links« ist ein bestimmtes Wirken in einem Kraftfeld im Gegensatz. Man bleibt nicht links, sondern handelt in immer neuen konkreten Situationen links.  

Was den Brennpunkt jenes antagonistischen Kraftfeldes bildet, das Handlungen (und dazu gehört zunächst das öffentliche Wortergreifen!) zu linken oder rechten Handlungen stempelt, hat jüngst Richard Rorty in der »Zeit« als den Kampf zwischen Armen und Reichen definiert. Da dieser Gegensatz sich seit zwei Jahrzehnten verschärft, erklärt er es für Gequatsche, wenn gesagt wird, der Unterschied von links und rechts sei verschwunden. Recht hat er. Er hat aber auch dann recht, wenn er der »kulturellen Linken« vorwirft, eine Politik des Verdachts anstelle eines politischen Projekts zu verfolgen. Political Correctness ergibt noch lange keine richtige Politik. Ein linkes Projekt ringt um Hegemonie. Was sich losreißt vom Kraftfeld dieses Ringens, mag weiterhin radikal dagegen sein und hört doch auf, wirklich links zu sein, nämlich links zu wirken.  

Rortys Rechts-links-Unterscheidung ist aber zu primitiv. Der Kampf der Armen muß mit vielen anderen Kämpfen verbunden werden - allen voran der Kampf um Demokratisierung, ökologische Reformen und emanzipatorische Geschlechterverhältnisse. Dies verlangt viel Beweglichkeit im Umgang mit Widersprüchen und Einsicht in Zusammenhänge, also auch auf die Höhe der Zeit gebrachte marxistische Theorie. Dabei ergibt das Nein zu etwas Falschem noch lange kein Richtiges. Wenn es ein Übel ist, »die Beseitigung der Kapitalherrschaft gestrichen und durch die Ausrufung der Zivilgesellschaft ersetzt« zu haben, so ist das Umgekehrte, die Ersetzung des Ringens in der Zivilgesellschaft durch Ausrufung der Beseitigung der Kapitalherrschaft wahrscheinlich ein noch größeres Übel. Links ist daher auch die stets neue Selbstkritik linker Phrasen.  

Links sucht den Weg jenseits von Leviathan und Behemoth, von autoritärem Staat und Bürgerkrieg. Links ist es, aus dem sowjetischen Debakel wie aus der postkommunistischen Misere zu lernen. Historisch war es so, daß nach 1917 die Beseitigung der Kapitalherrschaft auf eine Weise ausgerufen wurde, die die Zivilgesellschaft beseitigt hat in beispielloser Ausdehnung des Staates.  

Nichts ist noch links, allenfalls jetzt, weil effektiv wirkend. Links ist kein Spaß, der keine Mühe macht, sondern die Mühe um die Entwicklung und Hegemoniegewinnung eines Projekts solidarisch-ökologischer Vergesellschaftung, eine Mühe, die auch Spaß machen kann, aber zunächst wirklich Mühe ist: Links ist alles Handeln, das Welt aus dem Reich des Privateigentums zurückgewinnt, ohne sie dem Reich des Staatsapparats auszuliefern.

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