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Where are all these flowers gone?

21.05.2019 10:48

Anlässlich des Todes Nanni Balestrinis ein Porträt des italienischen Schriftstellers, das zu der deutschen Neuauflage seines Romans »Die Unsichtbaren« im Jahr 2001 erschien. Von Peter O. Chotjewitz

In einer umfassenden Ästhetik des Widerstands dürfte der 1935 in Mailand geborene Balestrini nicht fehlen. Er begann, eben neunzehnjährig, mit Gedichten, die in der Zeitung »MAC« von Gillo Dorfles erschienen. Zu seinen Vorbildern gehörten Pound und Brecht, Raymond Roussel und Apollinaire, die Dadaisten und Emilio Gadda – ein widersprüchliches System ästhetischer Positionen also. Er interessierte sich für neue Musik, war Stammgast in der Bar Jamaica, wo die (heute kanonisierten) Avantgarde-Künstler Lucio Fontana, Piero Manzoni und Enrico Castellani verkehrten, und experimentierte selbst mit Materialbildern, die in der Tradition des Nouveau Réalisme stehen. 

1956 wurde er Redakteur beim »verri«. »Il verri«, der seine Fühler auch nach Frankreich ausstreckte, war eine Zeitschrift, an der ein paar aufmüpfige Jungliteraten mitarbeiteten. Sie wurde als Affront gegen das literarische Establishment empfunden. Bekannt ist Pasolinis Polemik von 1957 gegen die Autoren des »verri«: »Experimentalismus im Stil des 19. Jahrhunderts; nutzlose und aprioristische Suche nach längst anerkannten Neuigkeiten«. Pasolini hat ein paar gute Texte verfaßt, aber auch viel Ethnokitsch verbrochen, vor allem als Essayist und Filmemacher. 

Es würde zu weit führen, hier die seelischen Ab- und sonstigen Gründe für Fraktionskämpfe zwischen ausgegrenzten Schrittmachern zu erörtern oder der Frage nachzugehen, warum der ästhetische Provokateur von linken politischen Wortführern so ungern als Initiator oder wenigstens Verbündeter anerkannt wird, das heißt, warum politische Avantgarden so leicht auf reaktionäre ästhetische Pfeifen hereinfallen und andererseits die ästhetischen Neuerer trotz deutlicher Sympathien für die Revolution den Pausenclown für konservative Eliten spielen müssen. 

Es gab auch einen Verlag des »verri«, in dem – vielleicht auf Betreiben des frankophilen Balestrini – bereits Ende der fünfziger Jahre Werke von Robbe-Grillet (damals einer meiner Lieblingsautoren) und Nathalie Sarraute erschienen. Ich sage jetzt nichts über diese beiden und droppe ihre Namen als Aufforderung, heute Nachmittag in die Bibliothek zu gehen und nachzuschlagen. 

1961 erschien in der Reihe »Edizioni del verri« eine Anthologie mit dem Titel I novissimi (»die Allerneuesten«), der fortan als Begriff für die fünf Autoren Balestrini, Giuliani, Pagliarani, Porta und Sanguinetti dienen sollte, obwohl es die oft beschworene Gruppe I Novissimi niemals gab. Zu unterschiedlich die Positionen, politisch wie literarisch. Brauchbar war das Schlagwort von den »Allerneuesten« jedoch als Firmenschild. In Westdeutschland widmete Hans Bender ihm in der Zeitschrift »Akzente« 1966 einen Schwerpunkt, und Sanguinetti konnte damals immerhin zwei experimentelle Romane herausbringen (bei Suhrkamp). Heute würde kein Redakteur oder Verleger eines profitorientierten Unternehmens so was drucken. 

Vor allem in Italien entfalteten die »Allerneuesten« beträchtlichen Sog dank der von Balestrini und anderen organisierten Konferenzen in Palermo und andernorts (1963 bis 1967). Man firmierte nun aus editorischen Gründen als »Gruppo 63« (die gleichnamige Anthologie erschien bei Feltrinelli, wo inzwischen auch Balestrini angestellt war und wo auch der »verri« verlegt wurde), man hatte bekannte ausländische Trittbrettfahrer, auch aus der BRD (Enzensberger, Wagenbach), und man erregte weiter Anstoß. Carlo Bo über die Autoren des »Gruppo 63«: »Unbefugte und unerwünschte Gäste der literarischen Welt Italiens«. In Westdeutschland, dessen Autoren im Würgegriff der »Gruppe 47« um Grass und Reich-Ranicki röchelten, sah man das nicht anders. Helmuth de Haas monierte in einem Aufsatz über die weitaus zaghaftere westdeutsche Avantgarde, daß einige Autoren »auf die verwegene Weise des Narziß die Selbstreflexion der Wahrnehmung vorziehen, die Pfütze im Garten als See begreifen und sich selbst als Gegenwelt setzen«. 

Italien hatte es aber besser. Hier hatte die Avantgarde immerhin einen Wortführer und eine Gebrauchsanweisung: Umberto Eco und sein Standardwerk der gängigen Theorie der experimentellen Literatur Opera aperta (Das offene Kunstwerk) von 1962. Da war er noch nicht zum Meister der akademisch durchtränkten »gothic-novel« mutiert. 

1967 gab man mir Balestrinis römische Adresse, als ich in der Buchhandlung Feltrinelli fragte, wo man hier Shit kriegen könne. Er wohnte in einer versifften Mietskaserne im »centro storico« mit viel Renovierungsstau, war ziemlich hip gekleidet, hatte ein paar ephebische Handbewegungen drauf, eine Menge Plastikmöbel und aufblasbare Sessel, aber kein Dope, und an seiner Bürotür hing das großformatige »Quindici«, als wäre es eine maoistische Wandzeitung. Vielleicht erklärt das, warum ein Sebastiano Vassalli 20 Jahre später in einem Schulaufsatz schrieb: »Balestrini ist ein wohlhabender Herr, dessen Hobby die Revolution ist.« 

»Il verri« existierte weiter, aber »Quindici« galt als Organ der »Gruppe 63« und ging deshalb bald ein. Kein vernünftiger Gedanke lebte damals lange. »Quindici« zeigte, wie uneinheitlich die literarische Ursuppe war. Neben literarischen Texten, Kritiken und Feuilletons brachte das unhandliche Blatt heftige Polemiken und Dossiers über die Kulturrevolution in China, die Studentenbewegung (weltweit), den Pariser Mai, Prag vorher und nachher, die italienischen Unruhen – eine kritische Masse also – , und während »Quindici« hochging, einige Autoren in die Institutionen abwanderten oder Erfolgsschriftsteller wurden wie Malherba und Manganelli, andere innerlich emigrierten, wie Germano Lombardo, ging Balestrini in die »OEP« = »APO«: Gründung der Zeitschrift »Compagni,« (was ihm den Kosenamen »der Genosse Komma« eintrug) und enge Kontakte zur »Arbeitermacht« (»Potere Operaio«). Von da war es nicht weit zu den Roten Brigaden, den bewaffneten proletarischen Einheiten etc. 

Wie nahe Balestrini der »bewaffneten Partei« damals stand, interessiert mich nicht. Was er sich zutraut, muß jeder mit sich selber ausmachen. Offiziell arbeitete er in den siebziger Jahren an diversen publizistischen und verlegerischen Projekten Marke Subkultur, als »der Staat der Multinationalen« zulangte: am 7. April 1979. Das war der generalstabsmäßige Schlag gegen die außerparlamentarische Linke, den alle politischen Parteien, von den Kommunisten bis ins rechte Lager hinein, seit langem gefordert hatten. 

Der Haftbefehl gegen Balestrini lautete auf Zugehörigkeit zu einer bewaffneten, subversiven Vereinigung und legte ihm unter anderem pauschal neunzehn Morde zur Last, darunter den an Aldo Moro. Aus dem Besetzer des Literaturbetriebs war ein steckbrieflich gesuchter Staatsfeind geworden, Vorsicht bewaffnet. Aber er hatte Glück. Während ein Großteil der radikalen Opposition und praktisch das gesamte autonome Spektrum eliminiert wurden und einige Hundert Linksradikale (bekanntestes Opfer: Toni Negri) für Jahre, zum Teil Jahrzehnte, in den Hochsicherheitsknästen verschwanden, konnte Balestrini entkommen; er flüchtete auf Skiern durch den Schnee der Alpen, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren so viele Antifaschisten. 

Das umfangreiche Werk dieses vielseitigen Anregers kann ich nur andeuten. Ich weiß auf Anhieb vier Romane, die auch auf deutsch erschienen sind: einen über den Tod seines Freundes Feltrinelli (Der Verleger), der bei dem Versuch, einen Strommast zu sprengen, ums Leben kam; einen über Hooligans (Die Wütenden); einer erschien bereits 1972 bei Trikont, Übersetzer moi je, Wir wollen alles! (Roman der Fiat-Kämpfe), und führte, wie man sieht, zur Gründung einer damals viel gelesenen linksradikalen Zeitschrift gleichen Namens, ebenfalls bei Trikont, was auf Castros und Guevaras trikontinentale Konferenzen in Havanna zurückging. Der vierte Roman, den ich kenne, erschien 1987 bei Bompiani (Originaltitel Gli invisibili). Schon damals schickte ich Probeübersetzungen an ein Dutzend westdeutsche Verlage, bevor Weismann/Frauenbuch ihn annahm. Selbst Rotbuch lehnte ab. Er sei kein Freund der Autonomen, meinte der zuständige Lektor. So kann man Literatur auch bewerten. 

Jetzt gibt’s ihn wieder: Die Unsichtbaren. Mit ihm wollen wir anfangen. Der Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe jugendlicher Autonomer, von den ersten Konflikten in der Schule, in der Vorstadt, im Elternhaus, über den Prozeß der Entwicklung eines revolutionären Bewußtseins, die Kämpfe, auch die inneren Konflikte der Gruppe, bis zu Strafprozeß und Knasterfahrung in der Isolation. Exemplarisch zeigt der Text die Struktur des inneren Monologs, den Erzählstrom ohne Punkt und Komma, in dem die Mitteilungen sich quasi brechen, die Satzbruchstücke sich verkanten und der Leser gezwungen wird, die gebrochenen Phrasen zu entziffern, um den beabsichtigten Bericht wiederherzustellen. Es ist diese geistige Anstrengung, die erst den Erzähler wie das Erzählte in ihrer Tragweite erschließt. Der Härte des politischen Kampfes muß eine entsprechende Gehirnleistung zur Seite stehen, will man ihn bestehen. 

Was ich in meinem Nachwort zu Balestrinis Alles auf einmal schrieb, gilt auch für diesen Roman: »Die Methoden seiner Prosa sind so experimentell wie die sozialen Massenbewegungen, von denen sie handelt.«

Peter O. Chotjewitz

 

Nanni Balestrini: Die Unsichtbaren. Assoziation A, Berlin/Hamburg/Göttingen 2001, Seiten, xx Mark 

ders.: Der Verleger. Libertäre Assoziation (jetzt: Assoziation A), Hamburg 1992, 164 Seiten, 20 Mark 

ders:: Die Wütenden. Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam 1995 (vergriffen!) 

ders.: Alles auf einmal. Verlag Literarisches Colloquium Berlin, 1991. Das Buch besteht überwiegend aus Textbeispielen aus diversen Büchern Balestrinis – also ebenfalls sehr zu empfehlen

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