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Wanderarbeit

04.08.2016 11:05

Angewandte Filmkritik

Von Regisseuren sagt man, sie stünden zuweilen mit einem Bein im Knast, weil sie für die Finanzierung ihrer Filmprojekte schon mal Kopf und Kragen riskierten. Schauspieler unterzeichnen stark begrenzte Zeitverträge - um den Rest des Jahres im Flur der Künstlervermittlung in der Arbeitsagentur rumzuhängen.

Statisten werden nicht reich; über die Entwicklung des Praktikums beim Film zu Zeiten des Mindestlohns werden noch Studien erwartet. Und gleich verschiedene Gewerkschaften dauerbestreiken manche Kinos wegen der Dumpinglöhne.

Nun murrt eine weitere Berufsgruppe: die der Festivalmitarbeiter. Geschätzte 400 Filmfestivals gibt es in Deutschland. »Während diese Entwicklung rasant voranschritt, blieb ein Aspekt bislang unbeachtet: Filmfestivals sind Arbeit- und Auftraggeber«, schreiben die Initiatoren des Aufrufs »Festivalarbeit gerecht gestalten« (siehe festivalarbeit.wordpress.com), zu denen Andrea Kuhn vom Menschenrechtsfilmfestival in Nürnberg und Grit Lemke vom Dokfilmfest Leipzig gehören.

In Betriebswirtschaftsdeutsch heißt es weiter: »Sie bilden mittlerweile ein eigenes, zahlenmäßig relevantes Arbeitsmarktsegment im Rahmen der Kreativwirtschaft.« Die Entwicklung der vielfältigen Festivallandschaft, »deren Bedeutung innerhalb des filmwirtschaftlichen Verwertungskreislaufs auch als Standortfaktor nicht hoch genug zu schätzen ist«, wäre niemals möglich gewesen »ohne die Arbeit – und vor allem Selbstausbeutung! – Tausender Festivalarbeiter*innen«. Festivalarbeit sei Saisonarbeit, deshalb wachse auch das Festivalnomadentum.

Nun soll gerecht und nachhaltig entlohnt werden und nicht immer nur der Werkvertrag unterschrieben. Honorarempfehlungen und Tarife müssten entwickelt und auch Fortpflanzung sowie Ableben abgesichert werden. Denn: »Ein Kind zu bekommen, krank oder gar alt zu werden, ist in unserer Branche nicht angeraten, da Mindeststandards sozialer Absicherung hier oft nicht gelten.«

Standortpolitik und Wanderarbeit – auch die Beweger der bewegten Bilder sind hin- und hergerissen. Als die ersten Filmkritiken erschienen, war das »ursprünglich plebejisch-proletarische Medium der Jahrmärkte und Wanderkinos über die Destillen- und Ladenkinos der Vorstädte hinaus in die kulturellen Reservate des Bürgertums in den Zentren der Großstädte« vorgedrungen, heißt es bei dem Medienwissenschaftler Hans-Bernd Heller. Es scheint, dass die Jahrmärkte – und vor allem ihre Arbeitsbedingungen - hinterher gewandert sind.

Jürgen Kiontke

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