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Vom Bürgerblatt zur Zombiezeitung

06.03.2019 15:26

Die Online-Ausgaben von Zeitungen und Magazinen sind nicht nur Zusatzangebote, es sind vor allem Transformationen dessen, was Journalismus, Kritik und Information ausmacht. In konkret 10/18 schrieb Georg Seeßlen über die Erledigung der Printmedien.

 

 

Es sind die Konzerne, Dummie!

Juli 2013: Die Axel-Springer-AG gibt bekannt, dass sie die Regionalzeitungen »Hamburger Abendblatt« und »Berliner Morgenpost« sowie einige Programm- und Frauenzeitschriften an die Funke-Mediengruppe verkauft, die in großem Stil Redaktionen zusammenfasst und Content multipliziert. Springer wolle sich mehr auf digitale Medien konzentrieren. Die Tatsache, dass sich für das Paket noch ein Käufer finden ließ, wurde als Beweis dafür gewertet, dass sich die Geschäfte nur anders konzentrieren müssen, um zugleich Digitalisierung voranzutreiben und Printerzeugnisse zu erhalten. Allerdings konnte oder wollte Funke den Kaufpreis nicht über den Kapitalmarkt finanzieren. Die Springer AG gewährte dem Käufer daher einen Kredit, wodurch sie über die Verzinsung weiteren Profit aus den abgegebenen Blättern generiert, während Funke durch monopolistische Besetzungen in der Lage ist, Printerzeugnisse zu »retten«, vor allem – so schön kann Wechsel sein – durch den Abbau von Arbeitsplätzen. Die Springer-Aktie machte einen Sprung um satte zwölf Prozent nach oben. Die Funke-Gruppe hat ihre Vormachtstellung auf dem Markt ausgebaut.

Der Kapitalmarkt scheint also auf Entprintung und Digitalisierung ungefähr so euphorisch zu reagieren wie auf die Entlassung von Mitarbeitern und jede Erweiterung von Konzernmacht. In der politischen Ökonomie der Presse sind Digitalisierung und Unternehmenskonzentration zwei Seiten desselben Vorgangs. Was digitalisiert und was monopolisiert wird, bestimmen nicht Leser oder Belegschaften, Dummie, es sind die Konzerne, die Digitalisierung, Monopolisierung und Arbeitskampf von oben trefflich miteinander kombinieren. Was bleibt, ist Konzernware und Nischenprodukt. Alles dazwischen soll verschwinden. Und Digitalisierung ist Neoliberalismussprech für Verschwinden.

Die Online-Ausgaben von Zeitungen und Magazinen sind nicht nur Zusatzangebote, also der Versuch, mit einem Bein in der analogen und mit dem anderen in der digitalen Welt zu stehen. Es sind vor allem Transformationen dessen, was Journalismus, Kritik und Information ausmacht. Oder eben: deren Verschwinden. Bei allen diesen Transformationsprozessen gilt es in erster Linie nicht, den Wandel von Kulturtechniken und Kommunikationsverhalten zu analysieren, es gilt vielmehr, eine so einfache wie unwiderstehliche Devise: Folge der Spur des Geldes!

Aufmerksamkeitsökonomie

Dass die Kunden die Digitalisierung wollen, weil es die Ware Nachricht und Narrativ schneller, bequemer und billiger macht, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Der Kapitalmarkt verlangt zugleich die Digitalisierung sowie die Monopolisierung und Entpolitisierung. Willige Vollstrecker sind die rechtspopulistischen Schreihälse mit ihren »Lügenpresse«-Kampagnen auf der einen Seite, die »hippen« Laptop- und Latte-macchiato-Performer auf der anderen. Das freie Wort steckt in der Klemme zwischen »erhitzten Gemütern«.

Die Medien sollen von einer gesellschaftlichen Instanz, die zugleich mit der Politik und der Ökonomie verbunden ist (eine »freie« Presse ist schon in der Verbindung von Demokratie und Kapitalismus nicht möglich), zum Gespenst einer vergangenen Hoffnung in der Verbindung von Postdemokratie und Neoliberalismus werden. Aufmerksamkeitsökonomie soll Gebrauchsökonomie ersetzen. Die Entfernung zwischen einer Nachricht mit Gebrauchswert und einer mit Aufmerksamkeitswert wird so groß, dass ein kluger Streit nicht mehr möglich ist. Thesen und Antithesen begegnen sich nicht mehr, sondern finden gleichsam in anderen Sprachen statt. Zensur wird überflüssig, es sei denn, Kritik oder Nachricht tangieren direkt die Interessen eines little brother.

Den Niedergang der Printmedien bestimmen nicht nur die veränderten Lese- und Kaufgewohnheiten, sondern maßgeblich die Werber. Auch diese Agenturen verlieren ihre feste Form und ihre konventionellen Charaktermasken: Im Netz wird alles zum Träger von Werbung, und jeder kann Werber werden. Jeder Konsumvorgang wird zum Werbebild, das gilt auch für die virtuelle Ware einer Nachricht. Jeder Klick erhöht den Wert einer Botschaft in der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Botschaft entspricht daher nicht mehr allein dem Interesse des Senders und dem Begehren des Empfängers. Beim Übergang vom Analogen ins Digitale verändert sich der Wert einer Botschaft fundamental.

Vorteile der Digitalisierung

Die Vorteile liegen auf der Hand.

1. Durch die Digitalisierung wird nicht nur der redaktionelle Content, sondern auch der begleitende (eigentliche) Inhalt der Werbung »subjektiviert«: Der Markt und das Subjekt sind direkt miteinander verbunden, ohne eine störende »Gesellschaft« dazwischen. So sieht man Fernsehen und Radio in ihrer linearen Form noch als Nukleus einer demokratischen Gemeinschaft, die eine kollektive und liberale Reaktion darauf zeigt. Die Entlinearisierung dagegen bildet eine Erzählgemeinschaft nur noch durch den Adhoc-Effekt eines Krisen- oder Katastrophenfalls oder eines Skandals. Über den Grad an Informiertheit und Kritik bestimmt nicht mehr die Gesellschaft, sondern ein Dreieck aus Subjekt, Marktherrscher und Ideologieproduzent.

2. Die digitalen Medien werden im Sinne der Anbieter interaktiv. Die Information ist nur noch der Köder, um Daten zu sammeln. Die Kommentarfunktionen, einschließlich der Möglichkeiten für Candy- oder Shitstorms, werden zu den eigentlichen Attraktionen. (Es gibt Leute, die das mit Demokratie verwechseln.) Die User generieren Macht- und Kontrollphantasien gegenüber »ihrem« Medium. Da das digitale Medium nicht mehr äußeres Prestigeobjekt ist (wie die Zeitung, die man sich unter den Arm klemmt, weil dahinter angeblich immer ein kluger Kopf steckt), dient es nun der inneren Verschmelzung.

3. Die Grenze zwischen Produktion und Konsumtion des Contents wird aufgeweicht. Prosumer werden immer bedeutender: Sie wissen besser als jede Statistik, welche Bedürfnisse Konsumenten entwickeln (können), bringen die Sprechweisen der Konsumenten mit und arbeiten umsonst.

4. Die Digitalisierung entwertet journalistische und ästhetische Arbeit in den Medien. Die Aussicht darauf, ein »Star« der Szene zu werden, tritt an die Stelle einer »anständigen Bezahlung«. Die Autoren verlieren sowohl die juristische als auch die tarifliche Absicherung, die Prekarisierung in diesem Bereich übertrifft an Umfang und Geschwindigkeit den Mainstream; am Ende steht das Verschwinden des journalistischen Berufsstandes zugunsten einer Blase in der »Kreativwirtschaft«.

5. Die endlose Aufsplitterung der Anbieterformen täuscht nicht nur darüber hinweg, dass es sich überall um die gleichen Bilder und Storys handelt, sie macht jede gesellschaftliche und politische Kontrolle zunichte. Am Kiosk sieht man, dass viele Publikationen Differenz nur vorspiegeln oder nicht einmal mehr das – im Netz ist Vielfalt zugleich garantiert und unerreichbar.

6. Dem »Scherbenhaufen«, den einst Hans Magnus Enzensberger diagnostizierte, ist eine Staubwolke gefolgt. Eine Gewichtung von Nachrichten, Kommentaren und Analysen ist kaum noch möglich; auf »Spiegel Online« sind die Kleider eines Promis so bedeutend wie 291 Tote in Puerto Rico. Der Anbieter überträgt Verantwortung und Folgeabschätzung auf den Konsumenten. Das »Selber schuld« des Neoliberalismus weitet sich in alle Verästelungen der Kommunikation aus. Wer auf Fake News hereinfällt, hat falsch geklickt.

7. Die größte Illusion: dass die Verflüssigung der Kommunikation im Netz zu Zensurfreiheit führte. Es verbreitet sich nichts, was nicht den Interessen der großen Netzwerker dient, und jede autokratische Regierung kann das Missliebige ab- und ausschalten, solange die Anbieterkonzerne dadurch ökonomische Vorteile haben. Jeder kann in die Info Wars eingreifen, der Mächtige umso mehr.

8. Die Entprofessionalisierung des Journalismus bedeutet, dass nicht mehr fachlich Ausgebildete oder gar gewerkschaftlich Organisierte für die Produktion zuständig sind, sondern ein kulturelles Prekariat Vereinzelter und dass es auch keine juristische und politische Absicherung mehr gibt. Am Ende werden die Rechte der demokratischen Presse nur noch auf dem Papier existieren.

9. Die Meinungen und Talente auf dem »Arbeitsmarkt« sind billig, was den von Prekarisierung Bedrohten ebenso betrifft wie den »idealistischen«, semiprofessionellen Bereich. Es genügen kleinere Bewegungen an den Stellschrauben, um aus ökonomischer Erpressung politische Macht zu generieren.

10. Eine klassische Zeitung oder Zeitschrift ist für einen nicht geringen Teil der Bevölkerung nicht erschwinglich; während der größte Teil des Prints zum Ramsch wird, zum schnellen Verbrauch bestimmt, nimmt er das Demokratieversprechen seit den Tagen der Erfindung der Druckerkunst zurück. Print wird ein Subkultur- und Eliteprojekt.

11. Das Verhältnis von redaktionellem Inhalt und Werbung wird dynamisch und dreidimensional; der User kann der Werbung nicht mehr entgehen. Wenn man sich gerade über die neuesten Tollheiten von Donald Trump informieren will, poppt das Insert »Fröhlicher Shoppen« auf. Konnte man früher Werbung noch überblättern, muss man sie nun aktiv zum Verschwinden bringen. 12. Online-Journalismus ist das ideale Medium für den Postdiskurs: Man klärt weder auf, noch argumentiert oder widerlegt man. Ziel ist, die ethische und logische Bindung der Nachricht an die Wirklichkeit aufzulösen. So viel Dystopie darf sein: Am Anfang der Digitalisierung von Presse und Kommunikation steht die Auflösung von Gesellschaft, an ihrem Ende die Auflösung von Wirklichkeit.

Die Schizophrenie der »Leitmedien«

Die Digitalisierung bedeutet also Entdemokratisierung und Entgesellschaftlichung von Information und Kommunikation. Die klassischen modernen Medien erzeugten eine »Erzählgemeinschaft«, und dieser Prozess hat seine Kritik redlich verdient, denn Produzenten und Konsumenten folgten höchst widersprüchlichen Impulsen, jedenfalls keineswegs allein den hehren Zielen von Aufklärung, Empathie und Erkenntnis. Aber eine solche Kritik war möglich und sogar notwendiger Teil der Inszenierung von Information. Die Digitalisierung verändert fundamental die Möglichkeiten von Kritik. Wie sich das Weltbild eines »Bild«-Lesers formt, kann die Kritik sich noch ausmalen; in der Kommunikation zwischen Markt und Subjekt hingegen ist eine solche feste Zwischenform nicht mehr auszumachen. Wenn es trotz allen Bemühungen seit Maggie Thatcher tatsächlich noch so etwas wie eine Gesellschaft gibt, kann sie ihre eigene Erzeugung nicht mehr reflektieren. Die Sprache und die Orte, an denen Erzählgemeinschaften ein Bewusstsein von sich selbst erzeugen könnten, gibt es nicht mehr. Statt dessen entsteht die virtuelle Masse der Vereinzelten.

Im traditionellen Leser einer Zeitung begegneten sich die beiden Aggregatzustände des Bürgers, als Citoyen und Bourgeois oder als Staatsbürger/in und Kunde/Kundin. Es ging ständig darum, den einen in den anderen Zustand zu transformieren. Im besten Fall war eine Zeitung die Ware, die dem Bourgeois die Illusion vermittelte, Citoyen zu sein, oder dem Kunden die Illusion, er werde durch Lektüre zum »mündigen Bürger«.

Der Kunde ist nicht mehr der in der Masse schwimmende und sich anpassende Mensch, sondern der herausgefischte, gefilterte und privatisierte Adressat von Botschaften, die Spiegelungen seines Daseins sind und es zugleich verändern. Damit kehrt sich die Aufgabe des Mediums in ihr Gegenteil: Die Botschaft verbindet nicht mehr, sondern trennt. So wie es in absehbarer Zeit personalisierte Preise für alle Waren geben wird (das System erkennt, wie viel du für ein begehrtes Objekt zu zahlen bereit bist), wird es personalisierte Nachrichten geben: Du erfährst von der Welt genau das, was du von ihr erfahren zu wollen glaubst.

Der Bewohner des digitalen Neoliberalismus schafft es nicht mehr, sich durch die Waren mit anderen zu verbinden. Längst ist auch aus der Familie ein Schlachtfeld der isolierten Konsumenten geworden; nicht allein zwischen den Generationen und den Geschlechtern bildet jedes kulturindustriell aufgeladene Ding eine Distinktion, sondern zwischen jedem einzelnen »Mitglied«.

Werbung im Internet verändert ihre Grammatik, indem sie nicht mehr ein virtuelles Wir anspricht, sondern direkt ein verbrauchendes und begehrendes Subjekt. Ein mahnendes »Das brauchst du doch gar nicht«, was in der gemeinschaftlichen Rezeption noch vorgekommen ist, hat hier keine Chance mehr.

Die Werbung treibt das Spiel von Selektion und Manipulation weiter, indem sie den rechten Platz für die Werbebotschaft sucht und ihn den eigenen Bedürfnissen anpasst. So hat sie die aus dem Print bekannte Verknüpfung mit Nachrichten perfektioniert. Die Abhängigkeit der Presse von der »werbetreibenden Wirtschaft« hat sich bis zur Selbstverleugnung verschärft.

Zudem begehen viele Medien aus Angst vor dem Tod Suizid. Es ist eine Abwärtsspirale entstanden, der man sich nur noch durch vollständige Anpassung oder radikale Abkehr entziehen kann. Die Werbung eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders entsprach in den fünfziger Jahren einer hoffnungsfrohen, aufsteigenden, in Maßen liberalen und reaktionären Bürgerfamilie, die ihre Träume von Haus, Auto, Kühlschrank und Campingurlaub erfüllen wollte und die man an Gesundheit, Sauberkeit (porentief rein) und Sicherheit gemahnte. Heute erinnert die Werbung in den Öffentlich-Rechtlichen an den Tratsch vor einer Apotheke in der Nähe des Seniorenstifts. Diese Gerontifizierung der Werbung und der sie transportierenden Programme ist mehr als ein Symptom. Auch die Überalterung der linearen Medien vollzieht sich in einem Prozess der Selbstverstärkung.

Die Mainstreammedien sind an eine sterbende Generation und Klasse gebunden; das verzögert ihr eigenes Sterben ein wenig, beschleunigt es aber im Ganzen. Das Bemühen um »Jugendlichkeit« macht die Vergreisung der Medien und ihrer Produzenten umso deutlicher.

Zum Suizid der »Leitmedien« gehört eine ökonomische Gentrifizierung. Eine »Süddeutsche Zeitung« ist zu einem Luxus geworden, den sich nur noch die Prosecco- Fraktion der oberen Mittelschicht leisten kann. Aber die reicht als Kundschaft weder aus, noch hat sie über die Maßen Interesse an den Inhalten der »SZ«. Daraus entstehen bizarre Spagate: Man will verschiedene Bedürfnisse bedienen, zwischen Style-Fetischismus und Staatsbürgerkunde, aber die Sektionen ergeben kein Ganzes mehr. Während man mit der Verteidigung der Qualität argumentiert, versucht man, sich dem Geschmack der vermeintlichen Mitte anzupassen, und liefert entsprechenden Trash und Tratsch.

Der Gentrifizierung der Preise (Leser und Leserin müssen dafür zahlen, dass die Werbetreiber abwandern) steht keine Verbesserung des Inhalts gegenüber. Man muss immer mehr für immer weniger Zeitung bezahlen. Die meisten großen Medien leisten sich – möglicherweise verstehen sie das als demokratisch – ein Nebeneinander von linksliberalen und rechten Mitarbeitern und Contents. »Süddeutsche« oder »Spiegel« wirken wie ein absurdes Ineinander von Widersprüchen, als wollten sie zugleich den Rechtsruck der Gesellschaft und den Widerstand der Zivilgesellschaft bedienen. Das geht über die klassische Schizophrenie des bürgerlichen Mediums (reaktionärer Wirtschaftsteil, linksliberales Feuilleton) weit hinaus. Mit dem Qualitätsanspruch wird auch der Leuchtfeuercharakter des Printmediums geopfert. Während die Botschaften der Online- Publizistik immer spezifischer und subjektiver werden, werden die »Leitmedien« der linearen Kommunikation immer widersprüchlicher.

Wer überlebt? Lifestyle-Angebote, die ohnehin nur publizistisches Begleitmaterial des Marketings sind (Mode, Kosmetik, Grilldiät, Mountainbike, Landlust); die Häppchenmagazine zu Geschichte, Wissenschaft und Verbrechen, die als Hybride zwischen Zeitschrift und Buch den kleinen Bildungs- und Skandalhunger stillen; Kunst, Architektur und Design als Coffeetable- und Kaufanreiz für die ästhetische Kapitalvernichtung des Mittelstands; der endlose Fluss des Promiklatschs. All diese Printformen überleben, weil sie selber einen körperlichen Gegenstand haben; man muss da was zum Anfassen haben. Ähnliches gilt für Zeitschriften, die den Namen und das Bild eines Fernsehprominenten tragen. Sie dienen als Stellvertreter für das begehrte Objekt, die Ware, das Milieu, den Promikörper. Dass es immer weniger Platz für Diskurs, Kritik und Debatte gibt, verweist auf die Krise des Systems, das auf eine freie Presse angewiesen ist und sie doch nicht erzeugen kann. Zeitungskrisen sind Demokratiekrisen.

Das falsche Versprechen der Vielfalt

Lässt sich der Übergang von Print zu Online als Notlösung verstehen? Es ist noch nicht so lange her, da erklärte man bei der »Taz« stolz, die Zeitungskrise besser überstehen zu können als die Konkurrenz, weil man ohnehin ohne größeres Werbeaufkommen kalkuliere. Doch selbst die Stabilität auf niedrigem Niveau erweist sich nun als Schimäre: Die Einstellung der täglichen Printausgabe scheint beschlossene Sache. »Taz«-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch wäre nicht ein solcher, wenn er aus dem Scheitern nicht ein Programm machte. In einem Schreiben an die Mitarbeiter/innen erklärte er: »Das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende «, und: »Der Journalismus lebt im Netz weiter.« Dass man an beidem seine Zweifel haben kann, kommt in einer solchen Verlautbarung nicht vor. Dieser Abschied Ruchs, der seit der Gründung der »Taz« dabei ist, ist ein Selbstbegräbnis.

Es geht nie allein um die technische und organisatorische Wandlung, sondern immer auch um eine Auseinandersetzung zweier Kulturen, zweier Auffassungen von Journalismus. Das entsprechende Lehrstück liefert der »Spiegel«. Nach einem mittleren Machtkampf hat man die beiden Scherbenhaufen Print und Online, die bislang unabhängig voneinander agierten, zusammengezwungen. Aus einem Nebeneinander wird ein Ineinander, das die Defizite beider verknüpft. »Die Mitarbeiter-KG … musste erst überzeugt werden, Widerstand gegen Umbaupläne kam vor allem aus der Printredaktion, die um ihre Besitzstände kämpfte, während die Onliner sich stets in die zweite Reihe verbannt sahen «, hieß es in der »FAZ«. Das Narrativ folgt dem Zeitgeist: die Neuen gegen die Alten, der Fortschritt gegen die »Besitzstände«, als wäre nicht die Neoliberalisierung des Umbauunternehmens überdeutlich.

Print ist soziale Marktwirtschaft, old school, Keynes, Parlamentarismus, Geschichte, Aufklärung; Online ist hip, Innovation, Deregulierung, Fluidität. Print steht dem Fortschritt im Wege und soll so überleben, wie das Vinyl den Niedergang der Tonträgerkultur überlebt. »Es ist zwar richtig, dass bei dem Nachrichtenmagazin einige der besten Journalisten Deutschlands arbeiten «, meint die »Welt«. »Doch das allein ist im digitalen Zeitalter kein Rezept mehr, um gesellschaftspolitisch interessierte Leser zum Kauf einer Zeitschrift zu bewegen. « Wessen Bankrott wird da eigentlich erklärt?

Die Vielfalt erweist sich als das größte falsche Versprechen der Digitalisierung. Die Online-Ausgaben ähneln einander noch mehr als die gedruckten – und den unumgänglichen Umsonst-Nachrichtenportalen, bei denen man nicht mehr weiß, ob man noch bei der Telekom oder schon im PR-Bereich eines Möbelhauses ist. Die Online-Ausgaben beheben also nicht die Fehler des Print, sondern verschärfen sie. Aus einer korrupten, verblödeten, engärschigen und opportunistischen Presse wird nichts Freies, weil man den Druckvorgang und ein paar Redaktionsstellen spart und die Content-Lieferanten so schäbig behandelt, dass sie zu jedem Scheiß bereit sind: Da draußen warten Tausende, die umsonst schreiben.

Mit der als Information getarnten Unterhaltung im Internet verhält es sich in etwa so wie mit Pornoseiten. Man muss nicht mehr durch einen öffentlichen Raum, um sich seine guilty pleasures zu verschaff en. Dafür wird jeder Klick und jede Bewegung benutzt. Du liest hier keine Nachrichten, um von irgend etwas in der Welt zu erfahren, du liest Nachrichten, damit irgend jemand in der Welt etwas von dir erfährt. Du bekommst dann personalisierte Werbung, oder die little brothers in Ämtern und Büros kommen auf merkwürdige Gedanken.

Mit der gedruckten Presse ist es wie mit der Parteiendemokratie. Es ist gar nicht so leicht, gute Argumente dafür zu finden. Soll man sie verteidigen, bloß weil, wenn dort aus Versehen mal ein wahrer Satz steht, der Mob »Lügenpresse« schreit? Alles, was einem einfällt, ist, dass es nach der Abschaffung noch schlimmer ist. Aber mit wem sollte man sich verbünden? Mit Springer, Funke, Bauer oder »Spiegel«-Mitarbeitern, die sich nicht zu 101 Prozent prostituieren wollen? Oder mit der Selbstausbeutungsalternative, deren Protagonisten dafür, dass sie Aufklärung und Kritik betreiben, den Preis bezahlen, nicht von ihrer Arbeit leben zu können? Wenigstens sollte sich die gedruckte Presse im Angesicht ihres Todes keine Illusionen mehr darüber machen, durch was oder durch wen sie stirbt.

Von Georg Seeßlen erscheint im Oktober Freiheitstraum und Kontrollmaschine. Der (vielleicht) kommende Aufstand des nicht zu Ende befreiten Sklaven (zusammen mit Markus Metz; Bahoe Books) sowie Liebe und Sex im 21. Jahrhundert. Streifzüge durch die populäre Kultur (Bertz + Fischer)

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