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Totengräber

27.06.2019 11:16

Auf dem Weg aus der Halb- in die Vollbarbarei: die Karriere des Brexit-Politikers Nigel Farage. Von Bernhard Torsch

Als Theresa May am 24. Mai vor Downing Street 10 ihren Rücktritt ankündigte, kullerten ihr zwei Tränen über die Wangen. Verfügte May über menschliche Gefühle, wäre jede dieser Tränen für jene 100.000 Menschen geflossen, die wegen May und ihrer Amtsvorgänger nicht mehr leben. Nach Berechnungen des University College London starben zwischen 2010 und 2019 in Großbritannien rund 200.000 Menschen infolge der Austeritätspolitik der Tories. Die Autoren der Studie nennen das »ökonomischen Mord«. Theresa May ist jedoch, wie fast alle Politiker, die seit dem Fall der Sowjetunion die Staaten dieser Erde regieren, kein Mensch mit authentisch menschlichen Gefühlen, sondern eine Charaktermaske, hinter der eine austauschbare und entkernte Person steckt, die zu keiner Emotion mehr fähig ist außer zu Selbstmitleid. Monatelang hatte sie einen Kampf um ihr persönliches politisches Überleben geführt, der der ganzen Welt vor Augen führte, was für eine Ruine die einst stolze Konservative Partei Großbritanniens geworden ist. Ein Spukschloss, in dem lächerliche Gespenster wie Boris Johnson sich darum balgen, wer der neue Spiritus rector sein darf.

Schlimmer aber geht immer, und deshalb gibt es noch die Labour Party unter Jeremy »Captain Antizionism« Corbyn. Während sich Millionen Britinnen und Briten vor den Armenspeisungen die Füße in die Bäuche standen, private Firmen im Auftrag des Sozialministeriums todkranken Arbeitern die Unterstützung strichen, Familien in zugigen Sozialbauten hungerten und 79 Menschen im Grenfell Tower, einer Art Todesfalle für Arme, lebendig verbrannten, schaffte Labour keine wirksame Mobilisierung gegen die Verantwortlichen des mörderischen Klassenkampfs, der von oben gegen unten geführt wurde und wird. Statt dessen verhedderten sich die Sozialdemokraten in endlosen Debatten darüber, wie sie mit dem denkbar knappen und nach einer rassistischen Lügenkampagne zustande gekommenen Brexit-Votum umgehen sollten und ob die Juden nicht vielleicht doch selber am Antisemitismus schuld seien. Statt die vom grienenden Kriegsverbrecher und Sozialstaatsdemonteur Tony Blair nach rechts gerückte Labour Party für den immer härter geführten Krisenklassenkampf fit zu machen, warf Corbyn in seinem Kopf eine Zeitmaschine an und phantasierte sich in die Siebziger, inklusive »internationaler Solidarität« mit arabischen Judenmördern. Sind die Tories Gespenster, so ist Labour eine Zombie-Partei. Über Großbritannien senkt sich die Nacht der lebenden toten Ideologeme.

Wo so viele Leichen wandeln, taucht der Totengräber auf. Er hat ein Nussknackergesicht und lässt sich gerne mit einem Pint in der Hand fotografieren – ganz der nette Alltagsfaschist von nebenan. Nigel Farage heißt der Mann, der bereitsteht, sein Land aus der Halb- in die Vollbarbarei zu führen, aus einem neoliberalen Fegefeuer mit Restbeständen von Menschenrechten in eine neoviktorianische kapitalistische Hölle. Bei den Wahlen zum Europaparlament im Mai schlug Farages neue Brexit-Partei ein wie ein Briefchen Heroin auf einer Party von Junkies auf Entzug. Sie gewann 31,6 Prozent und damit mehr als doppelt so viele Stimmen wie Labour (14,1 Prozent). Die Konservativen landeten mit 9,1 Prozent in der politischen Bedeutungslosigkeit. Anfang Juni lag die Brexit Party erstmals auch in nationalen Umfragen an der Spitze.

Farage kam am 3. April 1964 als Sohn eines Stockbrokers zur Welt. Diese privilegierte Ausgangsposition sicherte ihm einen Platz in der Privatschule Dulwich College, neben Eton eine der Eliteschmieden Englands, wo die Schulgebühr in heutigem Geld über 40.000 Euro pro Jahr beträgt. Aus Farages Zeit an dieser Schule existieren interessante Aufzeichnungen, zum Beispiel ein Brief von Farages Englischlehrerin an die Schulleitung, in dem sie davon abriet, den Jungen zum Aufsichtsschüler (prefect) zu machen, da er offen »rassistische und faschistische Ansichten« vertrete. Außerdem zöge Farage nachts mit anderen Jungfaschisten durch die Straßen und gröle Lieder der Hitlerjugend.

Der besorgten Lehrkraft wurde von ihren Kollegen mitgeteilt, dass »auch ein Faschist ein guter Aufsichtsschüler sein kann«. Wenige Wochen nach diesen Vorfällen stellte Dulwich College während der Brixton Riots Teile seiner Räumlichkeiten der Polizei als improvisierte Kaserne zur Verfügung, und der 17jährige Hitler-Fan Farage wurde zum prefect ernannt. Sein Weg schien vorgezeichnet. Wie so viele andere Absolventen elitärer britischer Privatschulen, in denen dem künftigen Spitzenpersonal in Politik, Diplomatie und Wirtschaft die Humanität mit rituellen Demütigungen und geduldeten sexualisierten Erniedrigungen abtrainiert wird, würde Farage wohl brav Karriere im Dienste des Kapitals machen. Das sollte sich nur zum Teil bewahrheiten.

 Nach seiner Schulzeit, in der er sich politisch für die Konservativen engagiert und vor allem im rassistischen Tory-Politiker Enoch Powell ein Vorbild gefunden hatte, versuchte sich Farage zunächst im Beruf seines Vaters, der ihm Jobs als Broker in der City vermittelte. 1992, als Großbritannien den Vertrag von Maastricht unterzeichnete, trat Farage aus der Konservativen Partei aus und schloss sich der frisch gegründeten UK Independence Party (Ukip) an, wo er dank seiner Fähigkeiten als eloquenter Demagoge rasch Karriere machte. Er erkannte, dass Europa- Feindlichkeit allein das Populistenkraut nicht fett machte und drängte die Partei ab 1997 immer weiter nach rechts, was ihm die Briten damit dankten, dass sie ihn viermal ins Europaparlament wählten.

Wie alle Rechtsextremisten hat Nigel Farage keine Einwände dagegen, die Kuh, die zu schlachten er plädiert, zuvor noch ordentlich zu melken, und so verdiente er in seinen Jahren als EU-Abgeordneter fast drei Millionen Euro – nicht gerechnet die Hunderttausende Euro, die Farage als »Spenden« zugesteckt wurden. Über die genauen finanziellen Verhältnisse von Britanniens kommendem starken Mann kann man nur spekulieren, denn wie Donald Trump, Farages Bruder im Geiste jenseits des Atlantik, weigert er sich, Steuererklärungen zu veröffentlichen. Dass er sich im Briefkastenfirmen- Paradies Isle of Man einen Trust angelegt hat, spricht allerdings gegen seine immer wieder vorgetragene Behauptung, er sei »keineswegs reich«. Derlei Konstruktionen rentieren sich erst ab einem Vermögen jenseits der Fünf-Millionen-Euro-Grenze.

 Bis 2014 hatte Farage den einst halbwegs zivilisierten Diskurs in Großbritannien mit xenophoben Tabubrüchen so weit barbarisiert, dass Ukip bei den Europawahlen im Mai jenes Jahres mit mehr als vier Millionen Wählerinnen und Wählern stärkste britische Partei wurde. Dieser Erfolg blieb einer zentralen Figur der globalen Faschisierung nicht verborgen – ein gewisser Steve Bannon meldete sich beim britischen Poltergeist. Man verstand sich prächtig und skizzierte Farages nächstes großes Projekt: den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Zu Hilfe kam Farage dabei der damalige konservative Premier David Cameron, der, in der Annahme, er würde es gewinnen, ein Referendum ansetzte, um die wachsende Zahl der Europa-Skeptiker in England zu befrieden. Das war die Stunde der Populisten. Farage und andere »Brexit Boys«, wie die Brexiteers vom FBI getauft wurden, starteten eine gigantische Desinformationskampagne, und am 24. Juni 2016 wachten 48,9 Prozent der Briten mit dem schlimmsten Kater ihres Lebens auf.

Nach dem bislang größten politischen Erfolg seines Lebens zog Farage sich völlig unerwartet aus der Politik zurück. Der Mann, der Hodenkrebs und einen Flugzeugabsturz überlebt hatte, ist zwar ein Widerling, aber nicht dumm, weshalb er vorhersah, dass Tories und Labour an der Aufgabe, einen geordneten Brexit zustande zu bringen, scheitern würden und eine genervte und verunsicherte Bevölkerung Rettung durch einen starken Anführer suchen würde. Also trat Farage der im Januar 2019 gegründeten Partei, die sich einfach nur Brexit nennt, bei und übernahm im März deren Führung.

Seither tut er wieder, was er am besten kann: hetzen. Man solle das Geld, das zur Behandlung von HIV-Erkrankten ausgegeben werde, doch lieber in die Gesundheitsversorgung »normaler« Briten stecken, ließ er verlauten. Und »natürlich« gebe es eine »einflussreiche jüdische Lobby«, der man genauer auf die Finger schauen müsse. Farage bedient nun in Erwartung seines weiteren politischen Aufstiegs sehr erfolgreich die Ressentiments der Bevölkerung, und keine Enthüllung über Korruption, keine noch so schlimme verbale Entgleisung und kein Sexskandal wird die Menschen, die in den Pendlerzügen zu ihren Zwölf-Stunden-Schichten nach London fahren, wo sie sich schon längst keine Wohnung mehr leisten können, davon abhalten, ihn zu wählen.

Bernhard Torsch

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