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Scheck ohne Deckung

09.09.2016 16:10

Denis Scheck, der "bekannteste Literaturkritiker der Republik" ("Taz"), moderiert jetzt auch noch das wöchentliche Kulturmagazin "Kunscht!" im SWR. Warum Deutschlands berühmtester Buchverkäufer schon im Literatur-TV-Format "Druckfrisch" kaum zu ertragen und seine Textproduktion für die Tonne ist, erklärte Kay Sokolowsky in konkret 1/16.

 

Thees Uhlmann, Mastermind der Kapelle Tomte, sitzt im Halbdunkel zwischen den Paletten eines Bücherlagers, beißt die Mundharmonika, verhaut die Guitarre und singt seinen Blues: »Dein Herz ist wie ’ne Berliner Synagoge, es wird Tag und Nacht überwacht.« Plötzlich springt ein anderer Mann hinzu, aber nicht, um Uhlmann für die Geschmacklosigkeit eine zu kleben, sondern um auszurufen: »Der kann nicht nur singen, der kann auch schreiben!« Jedenfalls gut genug für den Moderator: Uhlmann habe mit Sophia, der Tod und ich einen »super Roman« hingelegt. Bevor das ARD-Publikum jedoch erfährt, was an diesem Roman super ist, räumt der Host den Gast bereits mit diesen Worten beiseite: »So, und ich muss arbeiten!« Für welche Unhöflichkeit wiederum Uhlmann ihm eine hätte kleben sollen, aber so unterhaltsam wird das »Druckfrisch«-Magazin vom 30. November 2015 nie.

Es ist keine Neuigkeit, dass unter den Bedingungen des Fernsehens nicht vernünftig über Bücher gesprochen werden kann. Die Inszenierung drängt auf Psychoterror wie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Geschnatter wie beim »Literarischen Quartett« und nimmt sich selbst wichtiger als ihre Anlässe wie bei »Druckfrisch«. Dessen Moderator heißt Denis Scheck und gründete bereits mit 13 eine, wie er stolz erzählt, »Literaturzeitschrift« (es war ein Science-Fiction-Fanzine).Schon als Teenager, so die Legenda aurea weiter, spielte er Literaturagent und scheute auch nicht vor Geschäften mit DDR-Verlagen zurück. Der Knabe Denis war also eine Nudel des Betriebs, bevor er selbst einen Namen dafür hatte. Der ausgewachsene Scheck hat zahlreiche Romane aus dem Englischen übersetzt und gibt gern damit an, ein Sprachtalent zu sein. Etwa in einem Porträt, nein, einer Hagiografie von Kerstin Decker für den »Tagesspiegel«: »Und die lateinischen Quellen, hat er die etwa auch …? Aber selbstverständlich, bestätigt der Kritiker, eine seiner Lieblingslektüren seien nach wie vor Ovids Metamorphosen, in Originalsprache.«

Wahrscheinlich sind nicht alle Kollegen so gut wie Decker auf Scheck zu sprechen; die meisten vermeiden es jedenfalls, ihn nur zu erwähnen. Vielleicht aus Neid, vielleicht auch möchten sie es sich nicht mit einem verderben, der seit 1997 als Literaturredakteur des Deutschlandfunks über einen Topf mit Gold für freie Mitarbeiter verfügt. Elke Heidenreich, die um Aufträge nicht mehr betteln muss, ist die einzige, die es bislang vernehmbar wagte, Schecks Legitimation in Frage zu stellen. Nachdem er sich in »Druckfrisch« eine gehässige Anspielung auf Heidenreich und ihre poetischen Vorlieben geleistet hatte (»Selbstfindungsprobleme alter Schachteln«), war sie dumm genug zurückzugeifern, aber nicht zu dumm, Scheck zu durchschauen. Ein »hysterisches Rolltreppchen-Dickerchen« sei der, ein »Tchibo-Literaturvertreter«. Und, tatsächlich, wer jemals Schecks Match-cut-Rolltreppenfahrten, sein flummiartiges Gehoppel und knautschgummihaftes Grimassieren in »Druckfrisch« sah und nicht begreifen konnte, wer noch nach einem Wort suchte, um das penetrant Marktschreierische der Sendung und des Helden zu bezeichnen, wer ein Etikett für die Haltung brauchte, in welcher Scheck ein empfohlenes Buch vor den Bauch hält, als sei es die Kaffeesorte der Saison, dem hat es Heidenreich gegeben.

Originell, immerhin, ist die Kleidung Schecks: In »Druckfrisch« vom 30. November etwa trat der »letzte legitime Statthalter Gottes« (Decker, halbironisch) mit einem hellgrünen Schlips auf, der, in den unsterblichen Worten Raymond Chandlers, »an einem Papagei zu bunt ausgesehen« hätte. Zusammen mit den Stotter-Zooms, unscharfen Schwenks und Steadycam-Sprints, die Stammregisseur Andreas Ammer für topmodernes Visualisieren hält, ergibt sich der Eindruck einer Sendung von Hypermotorikern für Aufmerksamkeitsgestörte. Möglicherweise darf sie darum erst gegen Mitternacht ausgestrahlt werden.

Schecks Unbefangenheit beim Tragen gewagter Outfits sorgte für den bislang einzigen Eklat seiner Karriere. Nachdem die Verlage Thienemann und Oetinger angekündigt hatten, aus Büchern Astrid Lindgrens und Otfried Preußlers das Wort »Neger« zu entfernen, stellte sich Scheck im Januar 2013 vor die Wackelkamera und klagte in dem geschraubten Stil, der hierzulande als »polemisch« missdeutet wird, den »feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit« an. Übergriffig wurde erst recht der Moderator: Er hatte sich den Kopf schwarz anpinseln lassen, die Fingerchen in weiße Handschuhe gequetscht und sah damit genauso scheiße aus, wie der Witz es war, den Scheck reißen wollte. Die Empörung über sein »Blackfacing« war groß, doch weil es in den Öffentlich-Rechtlichen keinen Rassismus geben darf, beschied die ARD, es müsse »möglich sein, auch im Fernsehen das Theatermittel der schwarzen Schminke einzusetzen«, und überhaupt handele es sich um Satire. Aber auf wen? Auf Menschen, die sich verbitten, diskriminiert zu werden? Dann hätte Scheck statt Anzug besser ein Baströckchen umbinden sollen, damit ein jeder sogleich den Arsch erkenne.

Zum Satiriker reicht es also nicht. Doch wie steht es mit der Befähigung Schecks zur Literaturkritik? Er selbst scheint wenig darauf zu geben: Im Textarchiv des Deutschlandfunks finden sich zwar etliche Stücke des Redakteurs, doch unter vielen Interviews und Porträts nur zwei Rezensionen. In denen solche Schulaufsatzphrasen stehen: »Die Erzählerstimme ist das Entscheidende in diesem Roman.« Oder so was: Die »Motive spekulieren aber natürlich auch auf eine gewisse, wenn auch ironisch gebrochene Bereitschaft zur Rührseligkeit beim Leser.« Sofern dies ein Stil ist, dann der von Waschzetteln: Scheck, der geborene Literaturagent, verkauft Bücher noch dann, wenn er sie kritisiert. Oft trifft er im Lob die Richtigen – einmal sogar Ror Wolf, den Scheck 2014 recht verständig interviewte –, selten im Verriss die Falschen. Diesen Geschmack verdankt er seiner Belesenheit weit mehr als einer Ästhetik. Denn obgleich er sich brüstet, beim Urteil fällen nie die »ästhetische Dimension aus den Augen zu verlieren«, sind Zweifel erlaubt, wie seriös jemand über Sprachkunst zu reden vermag, der das Schreiben so wenig ernst nimmt wie Scheck.

Die Zweifel wachsen bei der Lektüre von Solons Vermächtnis. Das Buch, eine Coproduktion mit Eva Gritzmann, ist zum Glück erst Schecks viertes und soll von der richtigen Haltung zum Altwerden handeln. Oder wollten die Autoren zunächst ein Buch über die Kunst des Genießens verfassen? Aber dann kam ihnen der alte Sack Walser dazwischen, der sich immer noch wie ein Kind fühlt? Und der Bildungsanspruch sollte gleichfalls bedient werden? Mit ellenlangen Zitaten in Altgriechisch? Bloß nicht vergessen zu erwähnen: die doofen Linken »mit ihrem ewigen Leierton nach Rücknahme«, erst wider Keulen-Martin angestimmt, später gegen Bimbo-Denis.

Die Konfusion des Werks liegt nicht daran, dass die Autoren so viel zu erzählen hätten. Sie haben vielmehr so wenig zu sagen, dass sie 16 lange Seiten mit allem stopfen, was sie über den Apfelbaum in Kultur- und Kunstgeschichte googeln konnten. Vom richtigen Zeitpunkt im Leben lautet der Untertitel der eiligen Schrift, für deren Lektüre es in niemandes Leben einen richtigen Zeitpunkt geben kann. Es bereitet nämlich keine Freude, ein geschwollenes, mit schiefen Bildern gepflastertes Traktat zu lesen, in dem die Verfasser fortwährend so tun, als müssten sie vor Bildung und Connaissance gleich platzen. Vermutlich deshalb lassen »SIE« und »ER«, wie sie sich selbst in Großbuchstaben schreiben, immer wieder eine Namensliste fallen oder einen hochtrabenden Nonsens: »An Gefahren zu wachsen, um Erkenntnisse zu ringen und mit Wahrheiten zu kämpfen, sind (sic!; K. S.) Teil jenes Reifeprozesses, der den Stoff liefert, von dem alles Erzählen lebt: Drama.« Aus dem Drama einen Stoff zu machen statt umgekehrt, dürfte nur Schriftstellern gelingen, die es gar nicht können (oder Denis Schecks Krawattendesignern).

Deutschlands berühmtester Buchverkäufer möchte unbedingt wie ein Universalgelehrter wirken, und beim gemeinen Halbbildungsbürger dürfte dies Posing auch ankommen. Falls der nicht in Mathematik aufgepasst hat und sich nun wundert, warum die Boolesche Algebra bei IHM und IHR eine »Boul’sche« genannt wird. An anderer Stelle heißt es über einen Edelschnapsbrenner, er sehe »in seinem Overall« aus »wie ein Artillerist aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg«. Gemeint ist freilich der Sezessionskrieg; Overalls waren in Nordamerika vor 1789 unbekannt.

In der »persönlichen Käsebiografie« (Scheck/Gritzmann) dieses Kritikers, der keiner ist, sondern einen spielt, hat solch ein Schlaubergerbuchversuch wahrscheinlich noch gefehlt. Schade, dass Denis Scheck sich in »Druckfrisch« nicht selbst dazu befragen und schon vor der Antwort krähen darf: »So, und ich muss arbeiten!« Diesen Vorgang würde ich mir mindestens so gern ansehen wie eine Keilerei mit dem Stargast.

 

Eva Gritzmann/Denis Scheck: Solons Vermächtnis. Berlin-Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, 22 Euro

Kay Sokolowsky rügte in konkret 12/15 Steven Spielbergs »Bridge of Spies«

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