Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0519start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Aus aktuellem Anlass

Mit allen Mitteln

06.05.2019 16:19

Sicherheitsbehörden warnen regelmäßig vor Produkten des Herstellers Huawei, die USA drohen Ländern, die Technologien des chinesischen Herstellers beim Ausbau der 5G-Mobilfunknetze einsetzen. In konkret 2/19 schrieb Jörg Kronauer über den Feldzug gegen den Telekommunikutionskonzem, der Teil des Wirtschaftskrieges der USA gegen Chinas Erfolge in der sogenannten Vierten lndustriellen Revolution ist.

Jeffrey Sachs schäumte. »Das ist die alte-Kriegs-Mentalitat der US wetterte der US-Ökonom, nachdem die  Finanzchefin des chinesischen Huawei-Konzerns, Meng Wanzhou, auf Ersuchen der Vereinigten Staaten auf dem Flughafen im  kanadischen Vancouver festgenommen worden war. Einen Verstoß gegen US-amerikanische Iran-Sanktionen warf Washington Huawei vor; Meng deshalb vor Gericht zu stellen sei beispiellos, schimpfte Sachs: Allen Konzernen, die die USA bisher mit Klagen wegen Verstoßes gegen die Sanktionen überzogen hätten, hätten sie zwar hohe Strafzahlungen abgeknöpft, in keinem Fall aber hätten sie Spitzenmanager eingesperrt, geschweige denn sie im Ausland per Haftbefehl suchen und festsetzen lassen. Die Trump-Administration wolle  »Chinas Aufstieg stoppen«, und dazu sei ihr jede Einschüchterung recht, sagte der Professor an der New Yorker Columbia University dem Wirtschaftssender CNBC. Das sei   »ein ziemlich gut bekanntes amerikanisches Vorgehen «, das darauf Ziele, die eigene Macht zu nutzen, um  »den Ökonomischen Schwung eines Rivalen zu brechen«. In letzter Konsequenz sei das »sehr gefährlich  für die Welt«, warnte Sachs: Es gehe dabei um nichts Geringeres als »einen neuen Kalten Krieg«.
Der Kampf gegen Huawei wird nicht erst seit der Festnahme von Meng Wanzhou mit beinahe allen Mitteln geführt. Die Trump- Administration betreibt ihn so erbittert, weil mit ihm ein wirklich weitreichender Konflikt ausgefochten wird: der Konflikt darum, wer die Entwicklung dominiert, die gern als Vierte Industrielle Revolution bezeichnet wird. Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, autonomes Fahren und dergleichen mehr: Die Veränderung, die durch diese technischen Innovationen angestoßen wird, ist, so hat es aus der Binnenperspektive der Wirtschaft Siemens-Chef Joe Kaeser formuliert, »die größte Transformation der Industriegeschichte«, die voraussichtlich »an Energie und Geschwindigkeit alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen« wird.
Aus diesem Grund haben die modernen Industriestaaten Programme aufgelegt, mit denen sie die Orientierung ihrer Wirtschaft auf die Vierte Industrielle Revolution fordern. In Deutschland heißt das entsprechende Programm   »Industrie 4.0«, Aus ihm haben, schreibt der US-amerikanische Council on Foreign Relations (CFR), chinesische Politiker ihre »Inspiration gezogen, als sie das im Mai 2015 schließlich beschlossene Strategiepapier   »Made in China 2025« entwickelten. Doch während die Resultate Von »Industrie 4,0« bisher  »sehr überschaubar sind, wie es der »Handelsblatt«-Redakteur und ehemalige China-Korrespondent Stephan Scheuer in einem Buch über die chinesische High- Tech-Industrie ausdrückt, ist Beijing höchst kreativ und eilt mit Riesenschritten voran. Gegenüber »Made in China 2025« ist »Industrie 4.0« ein bisschen Hauptstadtflughafen.
 »Made in China 2025«, ein Zehnjahresplan, ist ehrgeizig. Das Programm soll zehn Branchen der chinesischen Wirtschaft, die  für die Vierte Industrielle Revolution eine zentrale Rolle spielen, bis 2025 auf globales Spitzenniveau heben, darunter die Informationstechnologie, Robotik, Elektromobilitat und autonomes Fahren, aber auch Luftfahrttechnik und Biomedizin. Damit will Beijing der Realisierung seines Vorsatzes näherkommen, zum 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, 204.9, eine der fortgeschrittensten Industriemachte der Welt zu sein.
 Bisher gelingt es der chinesischen Wirtschaft, das überaus hohe Tempo ihrer Entwicklung aufrechtzuhalten. Das bringt sie zunehmend in Rivalitat zu den Platzhirschen im alten Westen, die ihren industriel-technologischen Vorsprung schwinden sehen. Schon jetzt suchten deutsche Unternehmen   »zunehmend nach Beteiligungen in China, um vom dortigen Wissensvorsprung auf Gebieten wie der Künstlichen Intelligenz zu profitieren«, hieß es etwa Ende 2018 in der   »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Das westliche Polit-Establishment reagiert ab- wehrend auf die immer schärfere Konkurrenz. Und während zum Beispiel die Bundeßregierung  Firmenübernahmen durch Konzerne aus der Volksrepublik zu erschweren beginnt, nimmt sich Washington   »Made in China 2025« vor.
 Mit allen Mitteln. Ein erstes Beispiel konnte man im Frühjahr vergangenen Jah- res beobachten: Am 17. April verhängte die US-Administration ein Lieferembargo gegen den chinesischen Telekommunikationsausrüster ZTE. Den äußeren Anlass bot der Vorwurf, ZTE habe gegen die Iran- und die Nord- korea-Sanktionen der Vereinigten Staaten verstoßen. Der Sache nach ging es um anderes: ZTE gehört zu den Konzemen, die im Rahmen von »Made in China 2025  « eine Wichtige Rolle spielen. Zugleich ist ZTE stark von US-Zulieferem abhängig, also verwundbar - ein lohnendes Ziel  für den ersten Schlag gegen Chinas High-Tech-Programm. Und in der Tat: Nach der Verhängung des US-Lieferembargos stand der chinesische Konzern vor dem Bankrott.
 Doch zeigte sich rasch, dass die Sache etwas komplexer war. Denn rund die Hälfte, nach anderen Schatzungen sogar fast zwei Drittel der Smartphones, die ZTE verkauft, enthalten Chips, die der US-Konzern Qualcomm hergestellt hat. Mit dem Embargo verlor nun Qualcomm einen seiner wichtigsten Kunden, stand — weil ZTE ein gutes Zehntel des Smartphone-Marktes in den USA hielt - vor schweren Einbrüchen auf dem Heimatmarkt und musste zudem Reaktionen auf seinem wichtigsten Auslandsmarkt China befürchten. Ähnlich ging es weiteren US- amerikanischen ZTE-Zulieferern. Milliar- denschäden drohten - und schon im Mai einigte sich Washington  mit Beijing, ZTE dürfe nach einer Strafzahlung von einer Milliarde US-Dollar und einigen weiteren herben Zugeständnissen wieder US-Produkte kaufen. Damit war auch Qualcomm wieder über den Berg. Beijing aber zog die Konsequenzen: Es brachte einen 47 Milliarden US-Dollar schweren Fonds zum Ausbau der chinesischen Halbleiterproduktion auf den Weg, um der gefährlichen Abhängigkeit von US-High-Tech-Produkten schneller zu entkommen.
Nicht, dass das Kapitel »High-Tech-Embargo« für Washington damit abgeschlossen wäre, im Gegenteil. Im November rief das Handelsministerium die US-Industrie dazu auf, eine neue Liste mit High-Tech-Produkten in Augenschein zu nehmen, deren Aus» fuhr nach China untersagt werden soll, um   »Made in China 2025  « zu sabotieren. Wirtschaftsvertreter reagierten entsetzt. »Das könnte für unsere Unternehmen ein schwerer Schlag werden«, stöhnte ein  führender Vertreter der Consumer Technology Association, eines Verbandes, dem unter anderem Facebook, Google und Amazon angehören. Auch die BSA Software Alliance, in der nicht zuletzt Microsoft und Apple organisiert sind, warnte nachdrücklich. Man werde nicht nur Absatzmarkte verlieren, erklärte der Verband. Die ausbleibenden Einkünfte würden vor allem in den Forsehungsabteilungen fehlen, die für High-Tech-Konzeme existentiell sind. Und wenn man gar, das sehen die Pläne offenbar vor, in der Forschung Personal aus bestimmten Ländern — gemeint war wohl China - nicht mehr beschäftigen dürfe, weil   »Sicherheits«-Einwände vorgeschoben würden, verliere man kaum ersetzbares Humankapital. Die Plane der Trump-Administration  für den Kampf gegen »Made in China 2025« drohten leider auch das eigene Land empfindlich zu schädigen.

Die antichinesischen Hardliner in Washington stört das allerdings kaum; der Kampf ist in vollem Gauge, und er hat längst auch ein Feld erreicht, das für die gesamte Vierte Industrielle Revolution von zentraler Bedeutung ist: den neuen MobilfunkStandard der fünften Generation, 5G. Nur er ermöglicht die blitzschnelle Übertragung riesiger Datenmengen, die für Anwendungen Künstlicher Intelligenz unverzichtbar ist.  Wer bei 5G die Nase vorn hat, dominiert das Zentrum der Zukunftsindustrie. Oder, wie es in einer Analyse heißt, die das Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) im Dezember 2018 publizierte: »5G, der Eckstein einer neuen digitalen Lebenswelt, ist der Brennpunkt der neuen Konkurrenz«
Und bei 5G lauft China den Vereinigten Staaten und Europa mit großen Schritten davon. So habe die Volksrepublik seit  2015 annähernd 350.000 neue Mobilfunkmasten installiert, die den neuen Standard unterstützten, berichtete die Beratungsgesellschaft Deloitte Anfang August 2018; die Vereinigten Staaten hingegen brächten es nicht einmal auf 30.000. Im Jahr 2017 habe China in drei Durchschnittsmonaten mehr Mobilfunkmasten aufgestellt als die USA in den drei Jahren seit 2015. Europa bewege sich irgendwo dazwischen. China werde womöglich »einen 5G-Tsunami hervorbringen«, der nicht mehr einzuholen sei:   »verstörend«, befand Deloitte. Man müsse dabei auch berücksichtigen, hob Wiederum das CSIS hervor, dass letztlich nur vier Unternehmen den Weltmarkt für die 5G-Kerntechnologien dominierten: die europäischen Unternehmen Ericsson und Nokia sowie die chinesischen Konzerne Huawei und ZTE. Eine US-Firma sei nicht dabei.
Was tun? Spät, im Oktober 2018, hat die Trump-Administration reagiert und beim Handelsministerium die Erstellung einer nationalen 5G-Strategie in Auftrag gegeben. Schon vorher hatte sie damit begonnen, die chinesische Konkurrenz systematisch zu schädigen. Im Zentrum steht dabei der Konzern, der beim Aufbau von 5G-Netzen die  führende Rolle spielt Huawei. Das Unter- nehmen ist nicht nur - nach Samsung, vor Apple - der zweitgrößte Smartphone-Hersteller der Welt, der die Zahl seiner verkauften Geräte von 153 Millionen im Jahr 2017 um rund ein Drittel auf mehr als 200 Millionen im Jahr 2018 steigern konnte. Huawei, dessen 180.000 Mitarbeiter im vergangenen Jahr den Konzernumsatz um 21 Prozent auf 108,5 Milliarden US-Dollar anwachsen liegen, ist zugleich größter Netzwerkausrüster überhaupt, hat, wie ein  Firmenvertreter Ende Dezember mitteilte, inzwischen 26 Verträge für den Aufbau von 5G-Netzen geschlossen und bereits mehr als 101000 5G-Basisstationen in alle Welt geliefert.
 Washington geht nun nach Kräften gegen Huawei vor. Im Januar 2018 musste der Branchenriese AT&T auf massiven politischen Druck hin seine Plane aufgeben, Huawei-Smartphones in den USA zu vermarkten. Im August unterzeichnete Präsident Donald Trump ein Gesetz, das es US-Behörden verbietet, Produkte von Huawei oder von ZTE zu verwenden. Ende Dezember hieß es dann, noch im Januar könne Trump ein Dekret erlassen, das es sämtlichen US-Unternehmen grundsätzlich untersage, Produkte von Huawei und von ZTE zu nutzen. Dazu müsse der Präsident zwar ein Gesetz aus dem Jahr 1977 anwenden und einen nationalen Notstand ausrufen; das sei es ihm aber wert.
Weil man derlei Willkürmaßnahmen, die einzig den Zweck verfolgen, die Konkurrenz zu schädigen, gegenüber der Öffentlichkeit immer noch irgendwie begründen muss, hat Washington auch im Fall von Huawei auf das Mittel zurückgegriffen, das inzwischen zum Standardinstrument gegen missliebige Staaten, insbesondere gegen Russland und China, geworden ist: auf Geheimdienstvorwürfe, einen Joker, der im Zweifelsfall alles andere sticht und der den Vorteil hat, dass man ihn nicht belegen muss. Bereits im Oktober 2012 hatte der Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses Huawei und ZTE als »Bedrohung  für die nationale Sicherheit« eingestuft. Im Februar 2018 erklärten sechs US-Geheimdienstchefs, darunter die Direktoren von CIA, FBI und NSA, man  dürfe Huawei und ZTE nicht trauen; sie rieten deshalb allen US-Bürgern, Produkte der beiden chinesischen Konzerne zu meiden.
Regelmäßig heißt es in diesem Zusammenhang, vor allem Huawei stehe staatlichen (chinesischen) Stellen nahe; zudem wird regelmäßig der Verdacht geäußert, Netzwerke, die das Unternehmen aufbaue, wiesen Schlupflöcher auf, durch die chinesische Dienste sich Zugriff auf die darin übertragenen Daten verschaffen könnten. Man darf annehmen, dass dieser Verdacht durch eingespielte Praktiken westlicher Dienste gefordert wird. Wie der »Spiegel« bereits im April 2008 schrieb: »Nach Aussagen ehemaliger hochrangiger Manager«   solle Siemens »lange eng mit dem Bundesnachrichtendienst verflochten gewesen sein«  »Siemens agierte demnach als eine Art technischer Hilfsdienst in Grenz- und Grauzonen des  Agentenhandwerks. Siemens war der Hauslieferant des BND für Spionagetechnik.« Heute setzt der BND seinen Zugriffauf den bedeutenden Internetknoten De-Cix in Frankfurt am Main sogar gerichtlich gegen dessen privaten Betreiber durch, der vergeblich versucht, die Verpflichtung zur Zuarbeit für den deutschen Auslandsgeheimdienst loszuwerden.

Was ist an den Vorwürfen gegen Huawei dran? Nun, man ist im Fall des chinesischen Konzerns nicht auf Spekulationen angewiesen. Weil chinesische Unternehmen im Westen - so hat es kürzlich Marcel Dickow, ein Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im Deutschlandfunk formuliert — stets »unter einem Generalverdacht stellen, hat Huawei sich in Großbritannien schon im Jahr 2010 auf etwas eingelassen, was in der Branche nicht üblich ist. Die  Firma hat das Huawei Cyber Security Evaluation Centre (HCSEC) aufgebaut, in dem sie gemeinsam mit britischen Regierungsstellen ihre Technologie auf mögliche Schwachstellen durchleuchtet. Das HCSEC wird von ei- nem Aufsichtsgremium kontrolliert, dessen Vorsitz der Chef des britischen National Cyber Security Centre (NCSC) innehat; vertreten sind zudem diverse weitere Regierungsstellen inklusive des Government Communications Headquarters (GCHQ), das vor allem für seine Kooperation mit der US-amerikanischen NSA bei der globalen Intemet- spionage bekannt ist.
 Das HCSEC entdeckt nun tatsächlich regelmäßig Schwachstellen in der IT: versehentliche Sicherheitslücken, wie es sie überall gibt; sie werden anschließend von Huawei behoben. Londoner Regierungsstellen bekräftigen immer wieder, dass es sich dabei um rein technische Mängel handelt; irgendwelche Hinweise auf Spionage oder andere hinterhältige Aktivitäten gebe es nicht. Und das HCSEC ist nicht die einzige Einrichtung seiner Art. Nach seinem Vorbild hat Huawei im November 2018 in Bonn - dort, wo die Deutsche Telekom ihren Sitz hat - in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt  für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) sein neues   »Security Innovation Lab  « eröffnet, das unter anderem Quellcodeanalysen zur 5G-Technologie des Konzerns möglich macht. Solche Offenheit wünsche er sich auch von anderen Unternehmen aus der Branche, erklärte BSI-Präsident Arne Schonbohm anlässlich der Eröffnung der Einrichtung.
 Dass selbst Organisationen wie der CFR einräumen müssen, es gebe bislang nicht den geringsten Beleg  für geheimdienstliche Machenschaften bei Huawei, hindert die Trump-Administration nicht daran, mit dem Vorwurf ebensolcher Spionageaktivitäten nicht nur ihre nationale, sondern  auch ihre globale Kampagne gegen den Konzern zu legitimieren. Wieso auch nicht: Auch tief verankerte rassistische Vorurteile gegen die »gelbe Gefahr« ist im ach so aufgeklarten Westen immer noch Verlass.
Washington übt inzwischen systematisch Druck auf verbündete Staaten aus, den Aufbau ihrer 5G-Netze ohne Beteiligung von Huawei durch zu führen. Erfolgreich ist es da- mit bereits in Australien und in Neuseeland gewesen; die beiden Länder, die gemeinsam mit den USA, Kanada und Großbritannien dem alten, bis in die vierziger Jahre zurück- gehenden Spionageverbund   » Five Eyes« angehören, haben den chinesischen Konzern bereits von 5G ausgeschlossen. Großbritannien hat gewisse Zugestandnisse gemacht, tut sich mit einem umfassenden Ausschluss allerdings schwer: Freihandel mit Ost- und Südostasien, auch mit China, ist Teil des Plans vieler Brexiteers  für die Zeit nach dem Austritt aus der EU; blindes China-Bashing passt nicht dazu. Japan, den USA engverbunden und prinzipiell stets an einer Schwächung Chinas interessiert, hat ebenfalls erste Schritte gegen Huawei eingeleitet; die Softbank Group aus Tokio plant laut Gerüchten sogar, ihre langst installierten 4G- Komponenten von Huawei durch Teile anderer Hersteller zu ersetzen — ein kostspieliger Plan.
In ihrer Kampagne gegen Huawei haben die Vereinigten Staaten inzwischen auch eine Reihe weiterer Länder im Visier - Deutschland zum Beispiel. Am 14. Dezember sprach eine US-Delegation im Auswärtigen Amt vor, um bei der Weichenstellung  für die bevorstehende Entscheidung über das deutsche 5G-Netz »behilflich« zu sein. Für Berlin ist die Sache heikel. Die Bundesregierung hat kein Interesse daran, den großen Rivalen China noch starker werden zu lassen, als er es ohnehin schon ist. In der Wirtschaft aber rumort es: Einerseits machen deutsche Unternehmen den größten Umsatz immer noch im transatlantischen Geschäft; andererseits haben der Handel mit der Volksrepublik und die dortigen Investitionen inzwischen ein solches Volumen erreicht, dass zum Volkswagen von China abhängig ist »der Konzern verkauft dort 40 Prozent seiner Pkw. Hinzu kommt »darauf hat zuletzt unter anderem SWP-Experte Dickow hingewiesen —, dass es auf dem Telekommunikationssektor langst   »eine gewisse technologische und da- mit auch industrielle Abhängigkeit von chinesischen  Firmen« gibt, die gerade bei 5G führend sind; und, nicht zu vergessen: Huawei ist billiger als die westliche Konkurrenz. Eine Entscheidung gegen China wäre wohl mit höheren Kosten  für die Allgemeinheit verbunden, zudem womöglich mit einem weiteren Rückstand beim Ausbau der Netz-Infrastruktur. Vor diesem Problem wiederum steht nicht nur die Bundesrepublik; Dikkow halt es sogar  für denkbar, dass sich die USA durch den Boykott chinesischer Technologie »weiter abkoppeln« und, weil ihre eigene Industrie in Sparten wie 5G eben nicht mehr Weltspitze ist, letztlich »den Anschluss verpassen«.
Sich abkoppeln ist nun aber womöglich genau das Ziel, das die Vereinigten Staaten verfolgen. »Decoupling« ist in den vergangenen Monaten zum Modewort in US-amerikanischen Außenpolitik-Zirkeln geworden. Demnach sollen die engen technologisch-industriellen Bindungen zwischen den USA und China,  für die zum Beispiel die Qualcomm-Lieferungen an ZTE, aber auch die Apple-Fabriken in der Volksrepublik stehen, gekappt werden, bevor Beijing noch stärker wird. Trumps Appell an Apple, seine Produk- tionsstätten in China zu schließen und sie in den Vereinigten Staaten neu aufzubauen, ist keinem mentalen Aussetzer geschuldet gewesen, sondern ein ernstgemeinter Teil des Konzepts. Ergänzend zielt Washington darauf ab, möglichst viele Verbündete in seine Entkopplungsstrategie hineinzuzwingen, um im Machtkampf gegen Beijing die eigenen Reihen zu stärken und sie zugleich zu schließen. Noch sei die Volksrepublik nicht stark genug, um gegen die geballte Macht des Westens zu überleben - so die zugrunde liegende Überlegung.

Deshalb eskaliert die Trump-Administration weiter. Jüngstes Beispiel ist die Festnahme der Huawei-Finanzchefin Meng, die zu einem wachsenden Gefühl der Unsi- cherheit nicht nur unter chinesischen Managern geführt hat. Auch der US-Wirtschaft ist bewusst, was ihre Regierung da losgetreten hat. Der Telekommunikationskonzern Cisco etwa stoppte kurzfristig alle nicht unvermeidbaren Reisen seiner Mitarbeiter nach China - offenbar in der Annahme, dass nun auch Beijing anfangen könnte, genauer zu überprüfen, ob US-Amerikaner sich in der Volksrepublik wirklich stets gesetzeskonform verhielten. Tatsachlich haben die chinesischen Behörden nach Mengs Festnahme zwei Kanadier inhaftiert, denen sie einen Verstoß gegen chinesisches Recht vorwerfen. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Schuss auch ökonomisch nach hinten losgehen kann. Denn die Menschen in China, die nach Generationen bitterer Armut in den vergangenen Jahrzehnten endlich zu einem gewissen Wohlstand gelangt sind, verstehen sehr genau, was es für sie bedeutet, dass Washington ihren Aufstieg stoppen will. Eine IT-Firma in Chengdu hat angekündigt, sofort weitestgehend auf Huawei-Produkte umzusteigen. Ein Kühltechnik-Unternehmen aus der Provinz Jiangxi teilte mit, es werde allen Angestellten, die bereit seien, ihr I-Phone gegen ein Huawei-Smartphone einzutauschen, umgerechnet 290 US-Dollar zahlen. Der Umsatzeinbruch, den Apple im vergangenen Jahr in China verzeichnete, hat mehrere Ursachen, darunter nicht zuletzt eine durch den Handelskrieg mit den USA bewirkte Abkühlung der chinesischen Konjunktur; eine gewisse Unlust, teure Produkte eines Konzerns aus einem Land zu kaufen, das einen gerade zurück in die Armut schicken will, zählt allerdings auch dazu.
 Das sind Gefahren des »Decoupling«, auf das die US-Administration unter Präsident Donald Trump setzt. Es bedroht nicht nur China, sondern auch die US-Industrie, zumindest jene ihrer Teile, die in Chi» na Geschäfte machen » und das sind, siehe Apple oder Qualcomm, insbesondere die High-Tech-Unternehmen, auf die es in Zukunft noch mehr als schon jetzt ankommen Wird.
Die Verbündeten, die die Vereinigten Staaten dazu bringen wollen, sich ebenfalls von der Volksrepublik abzukoppeln, werden kaum in lauten Jubel ausbrechen; manche von ihnen, vor allem asiatische Verbündete wie Südkorea, Singapur oder auch Taiwan, sind intensiv mit der chinesischen Wirtschaft verflochten, weshalb Trumps Versuch, die Volksrepublik technologisch zu isolieren, ihren Unternehmen noch schwerere Schaden zuzufügen droht als der US-Industrie. Insbesondere Staaten aus Ost- und Südostasien würden deshalb   »nicht unbedingt Washingtons  Führung folgen, schon gar nicht unter den Bedingungen, die Trump im Sinn hat«, sagte schon im Oktober Richard Mc- Gregor, ein Ostasien-Spezialist vom Lowy Institute in Sydney, voraus.
 Gelingt es den Vereinigten Staaten nicht, im Verlauf des Entkopplungsprozesses genügend Verbündete auf ihre Seite zu ziehen, dann stehen sie hinterher womöglich schwächer da als die Volksrepublik. McGregor hält das  für denkbar: »>Decoupling< mag in der Theorie gut klingen, aber wenn man es schlecht handhabt, kann es in der Praxis für die Vereinigten Staaten politisch und ökonomisch desaströs sein. 

Von Jörg Kronauer ist soeben in der konkret texte-Reihe das Buch Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens erschienen

 

Zurück

Ins Archiv

Ins Archiv der konkret-News geht es hier entlang.