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Aus aktuellem Anlass

Konkret-Extra: Operation Eva

04.08.2015 10:07

Das Internetportal Netzpolitik.org bekommt es derzeit mit dem Staatsschutz zu tun. In den achtziger Jahren war auch die Zeitschrift konkret Ziel von Ermittlungen wegen "Verdachts der Preisgabe von Staatsgeheimnissen". Auslöser waren die Berichte des damaligen obersten bayrischen Staatsschützers Hans Langemann. Der ehemalige konkret-Mitarbeiter Jürgen Saupe hatte acht Stunden Tonbandaufnahmen von Dr. Hans Langemann abgehört, mit ihm selbst gesprochen und die Dokumente geprüft. konkret veröffentlichte in Heft 3/1982 zunächst nur einen Teil dessen, was der völlig außer Kontrolle geratene Bundesnachrichtendienst im In- und Ausland trieb. Aus aktuellem Anlass hier die Geschichte, die den Stein ins Rollen brachte. 


Ein BND-Agent enthüllt Geheimdienst-Skandale  

Dr. Hans Langemann ist Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium des Innern. Unter CSU-Minister Gerold Tandler, dem politischen Ziehsohn von Franz Josef Strauß, befaßt Langemann sich mit Staatsschutz. Qualifiziert für dieses Amt hat sich der Volljurist Langemann durch eine offiziell von 1957 bis 1970 dauernde Tätigkeit für den Bundesnachrichtendienst (BND). Zuletzt war er, geführt als Botschaftsrat, legaler BND-Resident in Rom. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war Langemann Sicherheitschef. Dieser Ministerialbeamte und hohe Geheimdienstler hat über seine Tätigkeit als BND-Agent und Agentenführer ein Manuskript verfaßt. Um dieses marktgerecht aufzuarbeiten, hat sich Langemann durch seinen Verleger an den Journalisten Frank P. Heigl gewandt. Für diesen besprach der Ex-Agentenführer an der Côte d'Azur stundenlang Tonbänder und ließ sich interviewen. Was »Dr. Lückrath«, so sein BND-Deckname, erzählt, wird durch Dokumente belegt, die KONKRET vorliegen. Langemanns Erzählungen und die Dokumente beweisen, daß der BND unter der Bezeichnung »Operation EVA« über viele Jahre weltweit Politik -gemacht hat. Vom politisch verantwortlichen Bundeskanzleramt unkontrolliert. ja sogar angestiftet. Unter seinen Präsidenten Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel, zwei Generälen, spionierte Pullach nicht nur in Ost und West, in Vietnam wie im Vatikan, sondem spitzelte auch bei Verbündeten der Bundesrepublik Deutschland. Darunter bei US-Präsident Richard Nixon. Der BND betrieb außerdem verbotene Inlandsaufklärung. So entwendete der BND-Agent Dr. Langemann, wie er auf Band erzählt, in der »Spiegel«-Affäre den Dienst belastende Dokumente aus dem Hamburger Pressehaus. Mit einem Millionen-Etat ausgestattet, machte der BND Politik. Für ihn arbeiteten Journalisten und Geistliche, Staatssekretäre und Minister, Diplomaten und Verbrecher, Politiker-Liebchen und Damen von Adel. KONKRET-Mitarbeiter Jürgen Saupe hat acht Stunden Tonbandaufnahmen von Dr. Hans Langemann abgehört, mit ihm selbst gesprochen und die Dokumente geprüft. Wir veröffentlichen hier zunächst nur einen Teil dessen, was der völlig außer Kontrolle Geratene Bundesnachrichtendienst im In- und Ausland trieb.
 

Aktion »Kanzler-Akten«
 

Zur Zeit werden auf dem internationalen Pressemarkt (so in der Bundesrepublik und in Frankreich) Informationen aus den USA angeboten, nach denen Bundeskanzler K. G. Kiesinger Verbindungen zu Eichmann hatte. Man offeriert u.a. ein Dokument aus dem Nazi-Propagandaministerium, auf dem gemeinsam die Namen Kiesinger und Eichmann erscheinen. Das Dokument stammt aus dem Nationalarchiv in Washington.«  

Diese Information kam Anfang Januar 1968 in Pullach bei München auf den Tisch von Generalmajor Wolfgang Langkau. Bundeskanzler Kiesinger (CDU) schien von seiner Nazi-Vergangenheit eingeholt zu werden. BND-Abteilungsleiter Langkau, im Dienst mit dem Decknamen Holten getarnt, unterstrich die Worte Kiesinger und Eichmann mit dem ihm vorbehaltenen grünen Kuli und reichte das Dokument weiter an seinen Stabschef Dr. Hans Langemann, dienstintern nur Dr. Lückrath. Damit begann eine Auslandsoperation des Bundesnachrichtendienstes mit dem Ziel, den Kanzler vor seiner NS-Vergangenheit zu schützen.  

Ausgangspunkt des Nachrichtenhandels war der Exil-Ungar Ladislaus Farago - Aus dem Nationalarchiv in Washington hatte er für zehn Cents pro Seite Ablichtungen von Dokumenten erworben, in denen die Nazis akribisch genau Propaganda und Desinformationsaktionen in den Jahren 1942 bis 1944 festgehalten hatten. Und mittendrin Kurt Georg Kiesinger aus der Abteilung RU, Referat B des Großdeutschen Außenministeriums unter Außenminister Ribbentrop. Das war derselbe Mann, der seit 1966 in der großen Bonner Koalition von Christ- und Sozialdemokraten die Richtlinien der Bonner Politik bestimmte.  

Den Kontakt im Bundeskanzleramt zum Bundesnachrichtendienst BND hielt damals der Parlamentarische Staatssekretär Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg (CSU), der schon jahrelang Informant und Nutznießer des BND zugleich war und in Pullach unter den Decknamen »Drucker« und »Setzer« geführt wurde. Der aus Pullach über die angebotenen Dokumente informierte Guttenberg ersuchte die Nachrichtendienstler, tätig zu werden.  

Der BND-Resident in Washington, Deckname Danko (Telefon 652-3847), wurde instruiert und vereinbarte für den Bonner Emissär Dr. Langemann zum 2.2.1968 um 10 Uhr einen Termin beim damaligen CIA-Direktor Richard (Dick) Helms. In Empfang genommen wurde Langemann am Flughafen in den USA von Dankos Fahrer, der auf dem Flugplatz mit Trachtenjacke als Erkennungszeichen antrat. Bei sich führte Langemann einen Brief von BND-Chef Reinhard Gehlen an Helms. In dem KONKRET vorliegenden Entwurf zu diesem Schreiben heißt es:  

»Lieber Mr. Helms!  

In einer sehr eiligen Angelegenheit sende ich - auf besonderen Wunsch des Herrn Bundeskanzlers - Reg. Dir. Dr. Langemann zu Ihnen. Dr. Langemann hat den Auftrag, Sie mündlich über eine Entwicklung zu unterrichten, die im Bundeskanzleramt große Besorgnis ausgelöst hat. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Dr. Langemann in dieser Sache beraten und, wenn möglich, unterstützen könnten.  

Mit den besten Grüßen und allen guten Wünschen für Sie persönlich verbleibe ich Ihr (gez. Gehlen)«  

So ausgerüstet traf Langemann alias Dr. Lückrath am 2. Februar 1968 den »Chef Hortensie«. Unter dieser Bezeichnung lief beim BND die CIA. Helms reichte den Deutschen an einen NS-Experten seines Dienstes, Mr. Hart, weiter.  

Im Gespräch mit diesem Experten entstand der Plan, wie man weitere Zugriffe auf das Archiv verhindern könnte. Da ein zwischen den Westmächten und der Bundesrepublik 1956 geschlossener Vertrag vorsieht, daß alle Beutedokumente aus der Nazi-Zeit an die Deutschen unter der Auflage zurückgegeben werden sollen, daß die Dokumente zu Forschungszwecken uneingeschränkt der Öffentlichkeit zugänglich bleiben sollen, kam eine Vernichtung der Akten nicht in Frage. Man verfiel auf einen Geheimdienst-Ausweg. Wenn schon die Akten nicht vernichtet werden können, so könnte man doch ihr Auffinden in dem riesigen Mikrofilm-Archiv extrem erschweren, ja praktisch unmöglich machen. Dazu war es notwendig, die »Guides to Films of Captured Documents« aus dem Verkehr zu ziehen. So wurde verfahren. Vorher freilich ließ der BND Kopien von allen Filmrollen ziehen, in denen Dokumente mit dem Namen von »Druckerfreund«, wie gesagt, »Drucker« war Baron von Guttenberg, sein Freund der Kanzler Kiesinger enthalten sind.  

CIA-Mann Mr. Hart brachte, wie Danko mit Spruch Nr. 137 vom 11. März 1968 nach München mitteilte, am 8. März 1968 die versprochenen Guides: 58 Bände. Unter Punkt 4 regt der Pullacher Mann in Washington an, Mr. Hart noch einen besonderen Dankesbrief zu schreiben, denn: »Er hat sich wirklich sehr große Mühe für uns gegeben und sogar physische Anstrengungen (Heranschleppen der Bände) nicht gescheut.« Und Hart bekam seinen Brief. Zurück in Pullach und damit wieder unter dem Decknamen Dr. Lückrath agierend, schrieb Dr. Langemann: »Für die ausgezeichnete Unterstützung, die Mr. Hart uns gewährt hat ' bedanke ich mich sehr herzlich. Seine Hilfe war von größtem Wert. In Bonn konnte die Angelegenheit in der Zwischenzeit mit gutem Erfolg geregelt werden. Die Auswertung der übrigen Themen ist hier angelaufen und begegnet größtem Interesse. Wenn Mr. Hart durch Zufall noch Dokumente über DRUCKERs Freund finden sollte, bitte ich um sofortige Benachrichtigung. Herzlichen Dank und Gruß.«  

Diese Notiz für Danko enthüllt so nebenbei, wie sich BND-Chef Gehlen und sein Operationschef Langkau über die von Farago gefundenen Dokumente hinaus Material beschaffen wollten, das ihnen ein Überleben im Dienst ermöglichen sollte. Genützt hat es ihnen wenig. Im Frühjahr 1968 mußte Gehlen endgültig in Pension und wurde am 1. Mai 1968 durch Generalleutnant Gerhard Wessel abgelöst. Wenig später wurde auch Generalmajor Langkau vom Dienst entbunden. Er war am 2 1. Juni 1968 65 Jahre alt geworden. Er ist noch jahrelang als Berater für die CDU/CSU tätig geworden und hat zuletzt 1972 noch einmal »Drucker«, dem Baron Guttenberg, zu helfen vermocht.
 

Das Zeugen-Komplott
 

Das Hamburger Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« veröffentlichte 1971 eine 15teilige Serie über Bonns Geheimdienst BND: »Pullach intern«. Darin schrieben die Autoren Hermann Zolling und Heinz Höhne: »... und bereitwillig ließ sich die BND-ZentraIe 1968 von dem CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger dazu anstiften, nach den angeblich undurchsichtigen Ost-Kontakten des Sonderbotschafters Egon Bahr zu fahnden. Eine Kopie des Erkundungsberichtes ging an den Parlamentarischen Staatssekretär im Kanzleramt, Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der amtswidrig und unter Verletzung des Geheimschutzes die CSU-Postille 'Bayernkurier' über die BND-Recherche ins Bild setzte.«  

Den Vorwurf der - verbotenen - Inlandsaufklärung über Egon Bahr hielten Kiesinger und Guttenberg wohl für nicht besonders gravierend, denn nach der hausinternen Pullach-Philosophie waren bundesdeutsche Politiker immer dann zur Observation frei, wenn sie sich im Ausland bewegten oder Kontakt mit Ausländern hatten. Den Vorwurf, amtswidrig den Geheimschutz verletzt und das CSU-Blatt munitioniert zu haben, mochte Guttenberg jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Der fränkische Baron klagte gegen den »Spiegel.«  

Die Hamburger - offenbar unter Beweisnot, weil Serienautor Hermann Zolling am 24. Dezember 1971 gestorben war - nahmen ihre Behauptung zurück. Im »Spiegel« Nr. 16 von 1972 druckten sie eine Erklärung, in der es heißt: »Im Teil der Serie 'Pullach intern' auf Seite 50, 'Spiegel'-Ausgabe Nr. 11/71 ist die Behauptung aufgestellt, Freiherr von und zu Guttenberg habe amtswidrig... Diese Behauptung wird nicht aufrecht erhalten.«  

Den Rückzug hätte der »Spiegel« nicht anzutreten brauchen. Er ist nämlich offenkundig einer Zeugenabsprache, des Klägers Guttenberg mit den Ex-BND-Führungskräften Gehlen und Langkau zum Opfer gefallen. Am 12. Januar schrieb CSU-MdB Guttenberg seinem »sehr verehrten lieben Herrn General« Langkau, wie er sich Gehlens Aussage vorstellt.  

Daß Guttenbergs Behauptung, von Langkau nicht schriftlich, sondern nur mündlich informiert worden zu sein, an der Wahrheit vorbeigeht, belegt eine handschriftliche Aufzeichnung des Generals, die er gemacht hat, als er sich 1974, am 7. November, drei Stunden lang dem Untersuchungsausschuß Guillaume stellen mußte. Für seine Zeugenaussage notierte sich Langkau: »Der Bericht, um den es geht, kam aus Rom. Er wurde pflichtgemäß an den BK Kiesinger weitergeleitet (Treffen KPI-SPD). Abgegeben etwa Ende Okt., Anf. November 67. Forderung des BKa, evtl. weitere Erkenntnisse über Bahr aus dem Aufkommen des Ausl. ND vorzulegen. Übermittlung dieser Forderung durch Gehlen und glztig. durch Frhr. v. Guttenberg. Vorlage einer Zusammenstellung einige Tage später über Guttenberg zu Carstens. Anmerkung: In dem Prozeß 'Spiegel' ./. Guttenberg (Sp behauptete Weitergabe des Bahr-Papiers durch Guttenberg an Bayernkurier) kam nichts zur Sprache.« Und genüßlich vermerkt Langkau weiter: »... verlangte der 'Spiegel' Zeugenvernehmungen von mir, Gehlen, Wessel Aussagegenehmigung wurde nicht erteilt.« Dem Komplott von Guttenberg mit den Geheimdienstlern konnte das Nachrichtenmagazin nichts entgegensetzen.
 

»Spiegel-Affäre«
 

Zehn Jahre früher, 1962, hingegen hat der »Spiegel durch BND-Mitarbeiter profitiert. Als in der »Spiegel«-Affäre um den Artikel »Bedingt abwehrbereit« die Bundesanwaltschaft die Redaktion des Nachrichtenmagazins mit einer Beschlagnahmeaktion überzog und die leitenden Mitarbeiter verhaften ließ, wurde aus Pullach ebenfalls Dr. Hans Langemann in Marsch gesetzt. Auf den Tonbändern erinnert Dr. Langemann alias Lückrath sich:  

»Da wurde ich hinterher eingeschaltet. Die 'Spiegel'-Affäre war gelaufen. Ich kam auch da wieder von einer Dienstreise zurück. Und da ich inzwischen so zum jungen Mann von dem Vizepräsidenten Worgitzky geworden war, da schickte der mich herauf nach Hamburg, weil erstmalig etwas ganz Sensationelles passiert war, nämlich: Unsere Dienststelle am Harvestehuder Weg - damals geleitet durch den Oberst Wicht, Deckname Winkler, dieses unsägliche Arschloch da: ich meine, ein hochbegabter Offizier, ohne Zweifel, mit fehlerloser Reputation, ohne jeden Zweifel, aber nachrichtendienstlich ein Kind, den so zu Überlegungen der Gegenspionage zu machen, was ihm völlig fremd war? Nun gut - die war denn beschlagnahmt worden. Panzerschränke waren versiegelt worden, Tagebücher von Wicht und sonstige Journale waren mit... Na ja, ich meldete mich da oben und kam denn nun in Hamburg Speersort, war ja damals der 'Spiegel'. Und da unten standen zwei so Schupos rum mit weißen Mützen auf. ...Und ich war dann im Büro von Augstein, traf den Schmatloch. Und der Schmatloch saß im Büro von Augstein auf so einem Stapel von Akten, da saß der drin und sagt: 'Um Gottes willen, wer sind Sie denn?' Ich sage, ich bin der und der. 'Ah, das ist ja wunderbar, daß Sie kommen. Beantworten Sie mir gleich mal eine Frage, Herr Kollege: 'Wer ist Worgitzky?' Ich sage, das ist unser Vizepräsident. Ja, sagt er, das gibt es doch nicht. »Ja, mein Gott, der kommt ja doch in allen Aufzeichnungen hier vor beim 'Spiegel' bei den Berichten von Becker.« Die lagen da. Da hab ich so zwei Kladden da rausgezogen, so verknickt in die Tasche gesteckt, guckten noch so raus, nen halben Zentimeter, halbe zehn Zentimeter, hab ich da was drübergezogen, hab ich dann mitgenommen und hinterher im Zuge erst angesehen, was das wohl war... und bin dann zurück und hab sie Worgitzky übern Tisch geschoben und gesagt, hier stehen Ihre Spesenabrechnungen drin. Und deshalb hat der 'Spiegel' hinterher auch nur veröffentlichen können, der Becker und der Worgitzky hätten sich einmal dort in einem Fischlokal in Hamburg getroffen und Lafitte Rothschild getrunken, zwei Flaschen, die sie sich aber nach deutscher Art geteilt hätten. Die anderen beiden Kladden, die ich geklaut hatte, da standen aber die ganz anderen Sachen drin... wann und wie sie sich getroffen hatten, was da ausgegeben worden war... Mein Auftrag von Worgitzky war, die Dienststelle des BND freizustellen, freizubekommen. Die staatsanwaltlichen Ermittlungen, die bundesanwaltlichen Ermittlungen in gar keiner Weise natürlich zu behindern oder den Versuch dazu zu unternehmen, aber natürlich für den BND zu retten, was zu retten war... Und da hat der Schmatloch mir denn auch gesagt, das brauchen wir nicht, das können wir ja gar nicht lesen, da stehen j a nur so anonyme Bezeichnungen drüber. Was soll das?«  

Was der »junge Mann von Worgitzky« damals an Kladden dem Oberstaatsanwalt Schmatloch wegtrug, hätte möglicherweise - wäre es der Bundesregierung und vor allem dem damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß bekannt geworden - diesen ein Licht aufgesetzt darüber, was zwischen »Spiegel« und BND gelaufen ist.  

So aber blieben Bundesregierung und Strauß zum Teil im dunkeln tappend zurück. Unter dem Datum vom 3.12.1962 (Streng geheim) berichtete BND-General Langkau seinem Chef Reinhard Gehlen, was Strauß am 30. November gemutmaßt hatte: »Ich habe am 17.10.62 den Präsidenten des BND über die 'Spiegel-Aktion' unterrichtet. Der Präsident behauptet, er habe nur zwei Personen darüber informiert. Das stimmt nicht, denn eine von diesen Personen war zu dem von dem Präsidenten des BND angegebenen Zeitpunkt gar nicht anwesend, d.h. nicht in der Zentrale. Die Behauptung des Präsidenten muß daher als grundsätzlich unrichtig angesehen werden.« Gemacht hat Strauß diese Bemerkungen zu einem Mann, der beim BND unter dem Decknamen »Zepter« geführt wurde: der damalige CDU-Bundesminister Heinrich Krone.  

Und im gleichen Bericht zitiert Langkau für Gehlen den damaligen Verteidigungsminister noch einmal: »Josef bei einer Besprechung mit Schriftsetzer (gemeint ist Baron von Guttenberg d.R.) am 1. 12.62 zwischen 18 und 20 Uhr (während eines Fluges nach München): 'Der Präsident des BND hat sich unglaublich verhalten. Er lügt. Er hat eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, daß er nur zwei Herren seiner Umgebung am 18.10.62 von der 'Spiegel-Aktion' - über die er von mir am 17.10.62 unterrichtet wurde - Mitteilung gemacht hat. Beide Herren haben ihrerseits diese Darstellung geleugnet, d.h. sie wurden überhaupt nicht unterrichtet. Es bleibt daher nur eine Lösung übrig: Der Präsident hat den Oberst Wicht persönlich beauftragt, den 'Spiegel' zu warnen oder sogar ihn selbst gewarnt.«  

Fortgesetzt wurde diese Inlandsaufklärung des Bundesnachrichtendienstes, deren Gegenstand Strauß geworden war, am 7. Dezember 62. Ebenfalls »Streng geheim« berichtet Langkau an Gehlen von einer Einladung zum Abendessen, die der damalige Bundesaußenminister Heinrich von Brentano gegeben hatte. Anwesend der damalige Vizekanzler Erhard mit Frau, Strauß mit Frau und »Dr. Schauffel mit Frau«. Abgesagt hatten wegen eines Koalitionsgespräches der damalige Bundeskanzler Adenauer und Baron von Guttenberg.  

Daß in dem Langkau-Bericht »Dr. Schauffel mit Frau« steht, enttarnt zugleich den BND-Agenten in der Ministerrunde. Unter dem Decknamen »Schauffel« oder »Spaten« wurde in Pullach Dr. Johannes Schauff geführt, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter der Zentrums-Partei, der als Drahtzieher hinter manchen politischen Kulissen in der Geschichte der Bundesrepublik tätig geworden ist. Im BND wurde er als Duz-Freund des SPD-Politikers Herbert Wehner geführt. Und daß nach dem großen BND-Revirement von 1969/1970, nachdem in Bonn die SPD das Kanzleramt übernommen hatte, Schauff weiterhin im BND-Sold blieb, soll seinem Wehner-Kontakt zu verdanken sein. Dr. Langemann erinnert sich, Schauff sei damals, 1969, mit 2.000 Dollar monatlich, man wird vermuten dürfen: steuerfrei, aus der Kasse des BND bezahlt worden. So findet sich denn in dem Langkau-Bericht an Gehlen vom 7.12.62 nicht nur die Information: »Dr. Schauffel saß während des Essens neben Frau Strauß. Diese wußte alle Einzelheiten über die Vorfälle im Zusammenhang mit dem 'Spiegel' und wiederholte sämtliche Behauptungen von Strauß gegen den BND, speziell gegen die Person von 106« (106 war das BND-Kürzel für Präsident Gehlen, d.Red.), sondern auch noch eine Bemerkung von 273, General Langkaus Nr. im BND: »Es darf als ein glücklicher Umstand gelten, daß Dr. Sch. sich am 3.12.62 mit 273 getroffen hatte und in großen Zügen über die wirklichen Vorgänge unterrichtet war.«  

Fast drei Jahre später hat sich Langkau noch einmal die Mühe gemacht, die »Spiegel«-Affäre aufzuarbeiten. Seinen Präsidenten, der so schwer verdächtigt worden war, stellt er dabei als das Opfer eines Irrtums dar. Dabei weist er auf einen wahrscheinlicheren Informanten des »Spiegel« hin: »Das Bundeskanzleramt hatte zu dieser Zeit bereits eine Zeittabelle über die Telefongespräche, die zwischen dem 8. und 17.10.62, zwischen Ws. und Oberst Wicht stattgefunden hatten.« »Ws« war im BND das Kürzel für Vizepräsident Worgitzky, dem Mann also, der sich in »Spiegel«-Beckers Kladden mit seinen Spesenabrechnungen befand, die unter den Augen des Oberstaatsanwalts Schmatloch der BND-Mann Langemann davontrug.
 

Aktion Hornisse
 

Als größte Pleite in der Geschichte des BND gilt der Fall Felfe. Dieser Star aus der Beschaffungsabteilung wurde 1961 als Ost-Agent enttarnt, abgeurteilt und später ausgetauscht. Jahrelang hatte er aus dem BND an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Ost-Berlin BND-Quellen im Osten verraten. Bis heute nicht bekannt wurde ein zweiter Sicherheitsfall, den die BND-Spitze für noch gravierender hielt: »Der Fall Hornisse«. Dr. Langemann, damals Stabsschef von BND-General Langkau, erinnert sich:  

»Der Dr. Jacobs saß in der Hotel-Bar im Hotel Phönizia (in Beirut, Libanon) einem Individuum gegenüber, der war 43, 45 Jahre alt, gekleidet in einen fadenscheinigen Anzug. Und der, wie man das bei Emigranten oder Deserteuren oft hat, wollte ihm nun so in allem, was er so auf der Seele hatte, entgegenkommen, alles erzählen. Jacobs sagte: 'Nun, beruhigen Sie sich, was wollen Sie mir sagen? Was kostet das?' - Dieser Mann - wir haben ihn hinterher George genannt - also der George kam dann aus sich heraus und sagte: 'Herr Doktor, da ist in Wien eine ganz prominente konspirative Wohnung eingerichtet worden durch den sowjetischen KGB. Das habe ich erfahren durch einen sowjetischen Offizier, mit dem ich eng liiert war.' - 'Wie hieß der?' sagte Jacobs. 'Das sage ich jetzt nicht.´ Daraufhin sagte Jacobs: 'Ja, dann gebe ich Ihnen auch kein Geld'. Und stand auf. - 'Nein, nein, bleiben Sie hier, um Gottes willen. Das war der Oberstleutnant Gregoriew.' - 'Ja, und was nun?' Der Mann: 'Der KGB hat in Wien eine konspirative Wohnung, er hat noch mehr, aber diese eine kenne ich. Und diese konspirative Wohnung, die liegt genau gegenüber der Atom-Kommission . Wissen Sie, diese Atom-Kommission, wo ja auch lange Zeit, nachdem er als Botschafter da oben in der Mongolei oder was weiß ich abgelöst worden war, der Molotow, der langjährige sowjetische Außenminister nun als Repräsentant der Sowjetunion tätig gewesen ist. Da gegenüber ist die konspirative Wohnung, und es ist der Auftrag des KGB, nicht nur den westlichen Teil, sondern auch den östlichen Teil dieser Anlage und was da so rein und rausgeht und was die da sprechen, zu beobachten.' Jacobs sagte dann in seiner etwas nonchalanten Art: 'Ja, können die dann ihren Molotow nicht selbst beobachten? Muß denn das in Wien sein? Hören Sie mal, mein Lieber, was Sie mir da erzählen, das interessiert mich eigentlich nur am Rande. Aber gut: Was kostet das denn nun eigentlich?' - 'Nun, Herr Doktor, sagte der Emigrant, Sie sind immer so direkt, aber wenn Sie mich schon so direkt fragen, würde ich sagen, es kostet 10.000 Dollar.' - '10.000 Dollar', sagte Dr. Jacobs, 'was haben Sie hier getrunken, was darf ich bezahlen? «Nein, nein, Herr Doktor, also 10.000 Mark.' - Aha, sagte der Jacobs. Gut, ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir diesen Hinweis gegeben haben, ich gebe Ihnen hier mal einen Scheck von 500 Dollar. Und ich gebe Ihnen eine Adresse in Deutschland, ein Postschließfach in Bonn, worüber Sie mich erreichen können. Und dann sprechen wir vielleicht noch weiter darüber. Es hat mich außerordentlich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich bedanke mich. Wiederschaun.'«
 

Was der Dr. Langemann da über seinen Dr. Jacobs erzählt, ist mehr als Geheimdienstlatein. Dr. Jacobs, hinter dem sich Dr. Wilhelm Haas verbarg, während des 2. Weltkrieges Chefrichter der Heeresgruppe West in Frankreich, wurde im BND unter der Bezeichnung EVA 55 geführt. Diese Führungsstelle 111 im Strategischen Dienst von General Langkau verfügte 1968 über einen Jahresetat von 83.520 Mark. Seit 1960 wurde er unter der V-Nummer V-10.000 geführt. Als Aufklärungsgebiete weist sein Personalbogen vom 14. Januar 1969 aus: »Führung und Abschaltung zugewiesener Verbindungen, im übrigen internationale Informationen«. Als Unterquellen des Dr. Jacobs werden genannt: Internationaler Klub Bonn; Wirtschaftspolitischer Klub Bonn; Presseklub Bonn; Goethe-Institut Rom; Deutsche Botschaft Rom; Deutsches Konsulat Neapel und Sonderverbindungen in Italien. Dieser 1980 verstorbene BND-Mitarbeiter brachte nun vom Libanon-Trip den Tip mit der konspirativen Wohnung mit. Dr. Langemann erinnert sich:  

»Das weitere war Routine. Als Herr Jacobs zurückgekommen war und wir diese Hinweise erhalten hatten, haben wir schnell festgestellt, daß es sich bei der konspirativen Wohnung gegenüber der Internationalen Atom-Kommission, Atom-Energie-Behörde, offenbar um eine Wohnung handelte, die eine Frau unterhielt, die Vera Vacorisky hieß, einer - wie sich hinterher herausstellte - erotischen Sau ohne Beschreibung. Durch die guten Beziehungen zur Wiener Staatspolizei wurde alsbald geklärt, daß Vera Vacorisky. eine polnisch gebürtige Jüdin, die, zweifach geschieden, zuletzt mit einem Russen verheiratet, nun inzwischen ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte, dort wohnte. Die Tochter war mit einem Nato-Offizier verheiratet. Die Dame stand ohnehin schon unter Kontrolle der Wiener Staatspolizei. Das ist im Rahmen der Bundespolizei in Österreich der sogenannte Staatspolizeiliche Dienst. Zu diesem hat der BND immer gute Beziehungen unterhalten. Das war insbesondere der Dr. von Lewitzky, Deckname Dr. Lemp, der diese Kontakte aufzubauen versucht hat. Wir hatten damals ja in der Zentrale eine Zentralkartei - das computermäßige Speichern kam erst hinterher dazu - aber auch diese Zentralkartei unter dem bewährten Mitarbeiter Hummel Hummel funktionierte tadellos. Und so bekam ich eines Tages auf meinen Tisch die Mitteilung, daß die Vacorisky, diese Dame da in Wien, im BND bekannt sei. Und in diesem Fall bekam ich nun die Nachricht: ja, bekannt, Anbahnungsobjekt einer Dienststelle. Nachdem das bekannt war, habe ich meinen Außenmitarbeiter Misto (EVA 130, Residentur und Operationsstab Athen, Klarname Misto Papatheodopolus. D. Red.) ins Bild gesetzt. Wir hatten nämlich operativ die Ansicht vertreten, daß man den Nachrichtendienst, der ja ein geheimer ist, so führen muß, daß es dem anderen nicht unbedingt aufscheint, daß der deutsche Nachrichtendienst dahintersteckt. Und deshalb schickten wir nun Ausländer. Und eines Tages, als ich Dr. Wilhelm 'Jacobs' wiedertraf, da fragte er mich augenzwinkernd: 'Was ist denn eigentlich in Wien passiert damals?' Ich habe ihm gesagt, 'Wilhelm mein Gott, du hast uns in eine Sache hineingeritten, wie ich sie schrecklicher überhaupt nicht vorausgesehen haben könnte.' - 'Oh', sagte er nur, 'was hast du schon vorausgesehen? Was ist denn passiert?' - 'Ja, ich muß dir folgendes sagen: Da ist eine Stelle des Bundesnachrichtendienstes an diese Vacorisky herangekommen, und dieser Mann, er hieß Mutschmaen, hat mit ihr in Zusammenhang gebracht seine eigene Ehefrau. Und nun stellte es sich heraus, daß diese Ehefrau des V-Mann-Führers - so was findet man selten, aber es kommt vor, es kommt auch im Nachrichtendienst vor - eine Masochistin war. Eine Masochistin! Mein Gott, ich dachte mal an meine früheren kriminologischen Studien bei Hans von Hentig. Und was war passiert? Es war nämlich folgendes passiert, daß diese Vacorisky diesen V-Mann-Führer wegen dieser speziell gearteten Ehefrau total untergebügelt hatte, weil man zu Dreien dann ins Bett stieg und die verehelichte Dame da nun entsprechend bearbeitete. Was ja auch nicht so ganz üblich ist. Und aus diesem Grund sahen wir plötzlich, daß der sowjetische Nachrichtendienst eingestiegen war tief in den Bundesnachrichtendienst über diesen Mann, weil er nun seine bzw. die Schwäche seiner Frau ausgenutzt hatte.' - 'Mein lieber junger Freund', sagte mein Freund Dr. Wilhelm »Jacobs« darauf, 'ich sagte es ja immer schon, die einen tuns aus Liebe, die anderen nur für Geld.' Aber dann wurde er ganz ernst und sagte: 'Siehst du, sowas schafft man nur, wenn man international präsent ist. Ich hoffe, das bleiben wir.'«  

Die internationale Präsenz des Dr. Wilhelm H. alias Jacobs im Libanon hatte somit letztlich geklärt, daß der KGB einen direkten Zugriff in die Zentralkartei des Bundesnachrichtendienstes in Pullach verlor. Wieviel Informationen bei der Wiener Triole von West nach Ost gingen, weiß wohl auch der BND nicht genau. Aber die Effizienz des Dienstes in Richtung Osten war nach Felfe ein weiteres Mal in Frage gestellt. So war es nur konsequent, daß die Pullacher in den letzten Jahren von Gehlen mehr und mehr im Westen auch in sogenannten befreundeten Staaten und in der »Dritten Welt« operierten.
 

Der BND im Vatikan
 

Reinhard Gehlen, der den Bundesnachrichtendienst vielfach wie ein Familienversorgungsunternehmen führte, hatte als legalen Residenten nach Rom seinen Bruder Johannes Gehlen geschickt. Die Rolle von »Giovanni« für den Bundesnachrichtendienst in Rom war nur eine Seite der Pullacher Aktivitäten in der Heiligen Stadt. Für den Strategischen Dienst des General Langkau residierte hier EVA 102 mit dem Code-Namen »Emilio«, der Klarname war Marquese de Mistura. So romantisch wie dieser Name war die Geschichte dieses Agenten mit der Bezeichnung V10010. Er war der Sohn eines Italieners und einer Österreicherin, die in zweiter Ehe einen albanischen Adeligen heiratete.
 

Dr. Langemann erzählt:  

»... und dann sind die nach Tirana, nach Albanien, gezogen. Wie gesagt, der Stiefvater war ein albanischer Grande, praktisch ein besserer Raubritter. Und der Emil ist dort, wenn auch nicht formell konfessionell, aber doch faktisch, im muselmanischen Glauben aufgezogen worden. War dann Offizier bei König Zogu, wurde als Kadett nach Italien zurückgeschickt, kam dann auf die Kavallerieschule in Modena und wurde dann, glaube ich, italienischer Leutnant. Und kam danach nach Albanien zurück. Und war dann eigentlich Chef der Leibwache von König Zogu und der Königin Geraldine, dieser ungarischen Gräfin, die der Zogu geheiratet hat. Das war, glaube ich, ein Jahr, bevor Mussolini im Jahre 1938 nach Albanien einfiel. Und Adolf Hitler hatte die Großzügigkeit, schenkte dem König Zogu zur Vermählung einen Mercedes, einen großen, offenen, schwarzen Mercedes. Mit diesem Mercedes hat der Emil die Königin Geraldine, die gerade einen Tag vorher niedergekommen war unter ungeheurem Blutverlust, persönlich steuernd nach Griechenland gefahren und von dort aus nach Ägypten gebracht, weil nämlich der König Faruk ja auch kein Ägypter war, sondern auch albanischer Stammeszugehörigkeit. Daher kamen von diesem Emil diese kolossalen Verflechtungen im Nahen Osten, auch sein absolut sicheres Auftreten in Moslem-Kreisen.«  

»Emil«, der Marquese, 1968 in Rom operierend mit einem Jahresetat von 429.800 Mark, konnte nicht nur unter den Muselmanen sicher auftreten, auch im Vatikan wußte er sich zu bewegen. An der Führungsstelle IV, »Mariano«, - was nur ein anderer Tarnname für den Marquese war - hing eine ganze Reihe BND-Agenten im Vatikan. Dazu gehörten EVA 1200, Deckname »Fatti« aus dem Geheimarchiv des Vatikan, EVA 1201, Deckname »Caruso«, ein Mitglied des Jesuitenordens, EVA 1203, Deckname »Bischof«, EVA 902, »Don Ignatio«.  

Der beste aber von allen und der einträglichste von allen war EVA 901 mit dem Decknamen »Bruno«. »Bruno«, bürgerlich Aristides, lieferte dem BND nicht nur Vatikan-Interna, sondern auch Erkenntnisse aus der italienischen Innenpolitik und weltweit aus dem Netz der katholischen Missionen. »Bruno«, mit der V-Nummer 58201, wurde 1964 angeworben und eingewiesen. Auch wenn, pietätvollerweise, in seinem Personalbogen in Pullach unter »Motive für Mitarbeit« notiert wird: »ideelle«, so lag der Mann in der schwarzen Soutane, der bis zum Bischof aufstieg, 1969 nicht nur mit einem Monatssalär von 2.500 Mark (steuerfrei und Spesen extra) im oberen Teil der Gehaltsliste. »Bruno« verstand es auch, Sonderzuwendungen locker zu machen.  

So fordert auf einem besseren Schmierzettel E 102, der Marquese, am 18.10.1967 für seine Verbindung 901 eine Prämie von 3 Millionen Lire, was damals 20.000 Mark waren. Mit Schreiben vom 24. Oktober wandte sich 273/A, Operationsstabschef Langemann, an Leiter 273 persönlich (General Langkau) »Erg. mit der Bitte um Kenntnisnahme und Zustimmung«. Und dann zitierte er den Marquese: »In der außergewöhnlich guten Verbindung 901 treten familiäre Schwierigkeiten auf, die dringend geregelt werden müssen. Nach der glaubhaften Darstellung unseres Freundes 901 bedrängen ihn seine Farnilienangehörigen nunmehr mit Erbforderungen, deren Grund darin zu suchen ist, daß 901 vor einigen Jahren nahezu das gesamte Erbe aufgebraucht habe, um sein Buch 'The Silent Church' zu finanzieren.  

901 fürchtet ernsthafte Störungen in seinem Priesteramt, wenn nicht eine finanzielle Regelung getroffen werden kann. Er hat unter Vorlage der Dokumente die Höhe seiner Verpflichtungen mit 3.000.000 Lire nachgewiesen.  

Angesichts der ganz besonderen Bedeutung von 901 erlaube ich mir die Anregung, die aufgetretenen Schwierigkeiten in Form einer Prämie auszugleichen.  

Ich bin überzeugt, daß damit die Arbeit weiterhin gefördert werden würde. gez. E-102«  

Langkau notierte am Rand »Ja« und in drei Raten am 20. und 28. 11. sowie am 18.12.68 hatte »Bruno« sein Geld.  

Die Familienangehörigen, die auf ihr Erbe drängten, waren, wie Dr. Langemann sich glaubt erinnern zu können, wohl eigentlich Spielgläubiger des Geistlichen.  

Aber nicht nur privatim half der BND seiner 901, auch dessen Karriere wurde gefördert. So notierte Dr. Langemann alias Dr. Lückrath schon am 17. Januar 1968: »Vermerk: Die Operation Archimandrit hat finanzielle und sonstige Einflußnahmen zum Gegenstand, die zur Verleihung der Bischofswürde an Bruno geführt haben. (Wesentliche Erweiterung seines Aktionsradius'). Keine weiteren Aktenvermerke, da untunlich«.  

Und der Aktionsradius von »Bruno« war tatsächlich weit. Über die Mondo Oriental, eine Gesellschaft zur Förderung der ökumenischen Bewegung, beschaffte er ebenso Nachrichten wie über seine Kontakte zu Dr. Alceste Santini, den Herausgeber der Zeitung »Religioni Oggi«. Und über einen dieser Drähte gelang es 901, ein Memorandum für Agostino Casaroli vom 12. Februar 1968 in die Hand zu bekommen. Darin wird für den 14. Februar 1968 der Besuch von Paul Verner, Mitglied des ZK der SED und DDR-Kirchenexperte, in Rom angekündigt. Die Einreiseerlaubnis, so heißt es darin, habe über den italienischen Außenminister Fanfani Sergio Segre besorgt, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Italiens. Aus diesem Verner-Besuch entwickelten sich über Kontakte zwischen der PCI und dem damaligen Außenminister Willy Brandt später wohl die ersten zarten Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten. 901 meldete die Kontakte SPD und PCI, bei denen - auch das spionierte der BND aus - der ehemalige »Stern«Redakteur und spätere Brandt-Berater, Leo Bauer, eine Vermittlerrolle spielte. Mit dabei auch der heutige Parteivorsitzende der PCI, Enrico Berlinguer, wie 901 am 25. April 1968 über seinen Führungsmann nach Pullach melden ließ.  

Dieser Eifer soll, so erinnert sich Dr. Hans Langemann, 1969, kaum war die SPD in Bonn ins Kanzleramt eingezogen, zur Abschaltung des Agenten »Bruno« geführt haben:  

»Er flog eines Tages dann auch raus. Man sagte ihm, er hätte falsche Meldungen oder erfundene Meldungen über die KPI gebracht und was da nicht alles war. Und dieser intellektuell so hochstehende, feinsinnige Priester, der stand da plötzlich nun glashart konfrontiert - nicht etwa vor dem Abteilungsleiter, um Gottes Willen, das gab es nicht mehr - sondern, der wurde abgespeist durch irgendeinen jungen Schnösel. Der sagte ihm, also, wenn Sie jetzt nicht gleich die Schnauze halten, nicht wahr, kriegen Sie überhaupt nichts. Und wir bieten Ihnen hier mal 1.500 Mark oder 3.500 Mark. Und der Monsignore B. wendete sich an den damaligen Rechtsanwalt Dr. Alfred Seidl, späterer Staatsminister in Bayern. Und der wendete sich gekonnterweise an Wessel. Wessel ging, wie immer, in die Knie. Und dann wurde der Monsignore wenigstens mit 20.000 Mark abgefunden.«
 

Die »Aktion Kardinal«
 

Angezapft hat der Bundesnachrichtendienst den Informationsfluß in der katholischen Kirche nicht nur in der vatikanischen Zentrale in Rom. Er tat es weltweit. So setzte der BND auch auf den Wiener Erzbischof Kardinal König einen Agenten an. Seit 1967 arbeitete V-Mann 41120 unter dem Decknamen »Baumann« mit der Operationsbezeichnung EVA 21 in Wien. Getarnt war der von Pullach bezahlte Spion mit der Legende »Wissenschaftler«. In Wahrheit war der 1914 geborene Deutsch-Ungar mit der chilenischen Staatsangehörigkeit Offizier und Historiker. Sein Klarname findet sich in einem KONKRET vorliegenden Organogramm: Roland von Vermes. Im innerdienstlichen BND-Jargon »Graf Horros« genannt.  

Dr. Langemann schildert ihn so:  

»Dieser Mann war so kosmopolitisch gebildet wie alle Ungarn und unter anderem auf dem Theresianum in Wien großgezogen worden, in dieser berühmten Bildungsanstalt da. Den schickten wir nach Wien und gaben ihm den Auftrag, nachdem das abgeklärt worden war vorher. Wir sagten ihm also: Kannst du Ostaufklärung machen, und in welchem Rahmen kannst du Ostaufklärung machen? Und dann sagte der.- Ja, nun gut. Ich kann an die DDR-Botschaft und an die sowjetische Botschaft nicht ran, aber ich habe einen guten Kontakt zum Kardinal König aus früheren Zeiten. Der berühmte Wiener Erzbischof Kardinal König, der ja nun über variöse Nachrichtendienste Kontakte, Möglichkeiten hatte. Und diese EVA 21 machte geltend, und wir haben es auch gecheckt, daß die Ostaufklärung am besten zu führen sei, indem sich die Verbindung im wesentlichen stütze auf das Erzbischöfliche Ordinariat in Wien und praktisch so im Übergreifsprung die Erkenntnisse, die der Wiener Kardinal aus dem Osten überall hatte, absaugte, wenn man so will, verarbeitete und an uns weiterleitete.«  

Durch den Agenten, den der BND Kardinal König an die Seite pflanzte, wurde nicht nur eine Zentralfigur der Katholischen Kirche für die vatikanische Ostpolitik observiert. Gleichzeitig hatte man auch das Ohr an weiteren kirchlichen Organisationen und Instanzen: Am vatikanischen Außenministerium, dem Malteser-Ritter-Orden, dem Bischöflichen Ordinariat in Eisenstadt und dem Verein der Theresianer in Wien. In die von Rom aus gesteuerte »Operation Kardinal« steckte der BND schon bei der Plazierung im Jahre 1967 ganze 16.000 Mark an Anlaufkosten. Zur Begründung schreibt Dr. Langemann alias Lückrath am 18. September 1967 an BND-General Langkau: »Insbesondere soll der Versuch unternommen werden, E-605 (Roland) in Wien hochrahmig zu plazieren, um dadurch die Operation von Anfang an auf din hohes Niveau zu bringen.« Mit seiner neuen Funktion als EVA 21 hielt Agent Roland einen Jahresetat von anfangs 72.000 Mark. Für BND-Verhältnisse billig.
 

Der BND in Vietnam
 

Im Bemühen, der CIA weltweit Konkurrenz zu machen, schaltete sich der Bundesnachrichtendienst schon 1963 in die Vietnam-Spionage ein. Aus dem Strategischen Dienst des Geheimdienst-Generals Wolfgang Langkau wurde V-10010, in der »Operation EVA« mit der Tarnbezeichnung E- 102 geführt, Marquese de Mistura aus Rom, nach Südostasien geschickt. Er baute für den BND ein weit gespanntes Agentennetz auf. Dr. Hans Langemann erinnert sich:
 

»Und da hat der Emil folgendes fertiggebracht: Der ist vorgedrungen unter der Legende, Journalist zu sein. Er hatte nämlich gegründet eine internationale Journalisten-Assoziation in Italien mit tollen Ausweisen, in Schweinsleder gebunden, Goldschrift drauf und Gott weiß was für Scheiß. Er ist vorgedrungen zu dem damaligen Privatsekretär des damals noch lebenden vietnamesischen Staatspräsidenten Diem. Das war der Dr. Thon Tat Tien, und hat ihm vorgetragen, hat abrupt umgeschaltet und sagte: 'Ich komme im Auftrage des deutschen Nachrichtendienstes, Herr Doktor, wir ziehen an einem Strang. Wollen wir miteinander arbeiten? Und dann geschah das Wunder, daß diese Quelle wir dann erschlossen haben: EVA 507, 5 10 hinterher. Wir sagten Herr Dr. Thon. Der setz te sich hin und schrieb mit der Hand einen Dankesbrief an Gehlen, daß er Vietnam in dieser schweren Zeit nicht vergessen hätte. Er führte dann noch aus, daß es selbstverständlich eine Ehren- und Anstandspflicht sei für den großen antikommunistischen Kommodore Europas, den er gehört hatte, daß er das sei, arbeiten zu dürfen. Er werde selbstverständlich den Staatspräsidenten davon informieren und sei sicher, daß der Staatspräsident dem auch willfahren werde. So war es auch. Allerdings wenig später wurde Diem ermordet. Dr. Thon hat immer behauptet und ist dabei geblieben, mir gegenüber verschiedentlich, das hätten die Amerikaner gemacht. Ja, und diese Quelle, der wurde dann hinterher unter einer der folgenden Regierungen Informationsminister in Vietnam. Der brachte uns dann in Verbindung mit Leuten vom südvietnamesischen Sicherheitsdienst, südvietnamesischen Nachrichtendienst.  

Ich habe Thon zum erstenmal getroffen im Hotel Caravelle in Saigon. Emil brachte ihn herein. Ich sagte, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Exzellenz, denn ich höre, daß Sie doch in unserer allgemeinen Richtung... Und so kamen wir ins Gespräch.«  

Das »Gespräch« zwischen »Dr. TTT« (BND-Jargon) und Pullach dauerte von 1964 bis 1969. Dr. Thon, zuletzt mit einer monatlichen Vergütung von 2.800 Mark, lieferte als V-Mann 58216 nicht nur Nachrichten, sondern als weiteren Agenten EVA 511, Colonel Tran-Van-Due, den Chef des militärischen Sicherheitsbüros des berüchtigten vietnamesischen Generals Loan. Dessen Bild ging um die Welt, als er auf offener Straße einen gefangenen Vietcong ermordete. Loans Sicherheitschef Tran war für den BND eine wichtige Quelle. Ab Januar 1968 erhielt er monatlich 500 Dollar. Die Zahlung erfolgte auf Vorschlag von Langemann für das ganze Jahr im voraus. Pech für Langemann, daß er schon am 7. Juni 1968 General Langkau melden mußte, daß der Colonel Tran »vom Vietcong ermordet worden« ist. »Er ist der vierte Gefallene meines dortigen Quellennetzes«, klagte alias Lückrath seinem Chef. Doch auch eine gute Nachricht hatte er zu melden. Sein Agent EVA 5 10, »Dr. TTT«, war zu dieser Zeit Informationsminister in Saigon geworden.  

Die Saigoner Quellen meldeten nicht nur Militärisches, etwa eine geplante Vietcong-Offensive und die Lage von Vietcong-Basen in Kambodscha, aus Saigon kamen auch politische Nachrichten. Die freilich hörten sich anders an als die politischen Propagandaerklärungen, wie sie damals offiziell in Saigon, Washington, aber auch in Bonn Sprachregelung waren. So meldete der BND - Führungsunterrichtung Nummer 5045 vom 22. Juni 1968 - über den »wirtschaftlichen Hintergrund des amerikanischen Engagements in Südostasien«:  

»Im Golf von Thailand sind überaus reiche Erdölvorkommen festgestellt worden. Obwohl diese Tatsache seit 1950 bereits der französischen Regierung bekannt war, ist die Öffentlichkeit nie darüber unterrichtet worden, da die großen internationalen Erdölgesellschaften den Kampf um die Bohrrechte aus naheliegenden Gründen nicht zu einem Thema der Weltpolitik machen wollten. Die USA erhielten von diesen Erdölvorkommen Anfang der 50er Jahre Kenntnis. Nach Meinung der genannten Quellen (zwei thailändische Minister, General Prapas und Samarn Buravat, sowie Walter Levey, Vertreter des texanischen Ölkonsortiums. D. Red.) ist die gesamte Südostasienpolitik der USA auch im Zusammenhang mit ihren Bemühungen zu sehen, sich... die Exklusivrechte für den Abbau des Erdöl zu sichern... Inzwischen ist es 13 amerikanischen Erdölgesellschaften gelungen, von der thailändischen Regierung Konzessionen für die Ausbeutung zugesagt zu bekommen... Die Gewinne sollen 50:50 zwischen Thailand und den USA aufgeteilt werden.«  

Eine solche Erklärung klingt einleuchtender als das damals offiziell verbreitete Gewäsch, wonach die GIs im Dschungel von Vietnam für die Freiheit und die westlichen Demokratien kämpften.  

Eine weitere Meldung des BND aus Saigon ist es heute noch wert, veröffentlicht zu werden. In einem Reisebericht über einen Asienaufenthalt vom 12. bis 24. April 1967 meldete EVA 102:  

»Ich erfuhr, daß alle Mietverträge, die zwischen vietnamesischen Privatpersonen und amerikanischen Militär- und Verwaltungsangestellten abgeschlossen wurden, inzwischen bis zum 1. Januar 1971 verlängert wurden; das gilt nicht nur für Villen, sondern auch für Grundstücke, Depots, sonstige Gebäude usw. Außerdem wurde bestätigt, daß ebenso alle Verträge zwischen amerikanischen Baufirmen und Südvietnamesen inzwischen bis zum Januar 1971 verlängert wurden. Alle Arbeitsverträge dieser Baufirmen (meistens aus Texas, Madame Johnson sei an allen Firmen kommerziell interessiert, versicherte mir Dr. Thon) mit dem vietnamesischen Personal laufen bis Januar 1971. Man hat allgemein den Eindruck, daß sich die Amerikaner darauf vorbereiten, mindestens bis 1971 in Südvietnam anwesend zu sein. Die Verlängerung der Verträge scheint kein Zufall zu sein, sondern vielmehr eine Weisung Washingtons.«  

Auch diese Meldung macht Sinn. Und. sie wird historisch bestätigt. 1969 beginnen in Paris die Vietnam-Friedensgespräche. Da sie sich länger hinzogen als Amerikas Chef-Unterhändler Kissinger voraussehen konnte, erfolgte der Abzug der US-Truppen erst 1973, zwei Jahre später als 1967 geplant. Zwei Jahre mehr Zeit für die Baufirmen der einstigen US-Präsidenten-Gattin, Mrs. Johnson, in Vietnam zu profitieren.  

Diese BND-Meldungen aus Vietnam tragen den Stempel »Fleurop in jeder Form gesperrt«. Das ist enttarnend. Denn Fleurop war der BND-Code für befreundete Nachrichten-Dienste, allen voran »Hortensie«, die CIA. Viel Vertrauen gab es zwischen den formell Verbündeten - BRD und USA - im Geheimdienstbereich offenbar nicht.
 

Der Fall Monica II
 

Nicht nur die Geheimdienste BND und CIA arbeiteten teilweise gegeneinander. Der BND spionierte auch in den USA und bespitzelte US-Politiker. Der gravierendste Fall: EVA-Operation »Monica II«. Zielperson: Richard Nixon, Präsident der USA.  

In einem Brief an BND-Präsidenten Wessel (auf dieser Seite im Faksimile) erläutert Langemann die Operation. 273 war zu dieser Zeit schon Dr. Kurt Weiß alias Winterstein.  

Der BND plazierte also bei Nixon, der offiziell am 20. Januar 1969 Präsident wurde, einen Einfluß-Agenten. Ziel dieser Aktion, so Dr. Langemann:  

»Da wollten wir an den Nixon heran. Aber nicht an den Nixon informativ heran, wir wollten keine Information von ihm ziehen. Sondern wir wollten - das war der Sinn der ganzen Operation - dem Nixon deutsche Ansichten über einen ihm tief verbundenen und auch finanziell verflochtenen Freund zukommen lassen.«  

Doch dabei blieb es nicht. Die Zentrale in Pullach, damals schon unter BND-Präsident Gerhard Wessel bei Dienstaufsicht des damaligen Kanzleramts-Staatssekretärs und heutigen Bundespräsidenten Dr. Karl Carstens wollte für den CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger Nachrichten aus dieser Quelle schöpfen. Die Order, aus Mr. London mehr zu machen, kam nach KONKRET vorliegenden Dokumenten am 11. Juni 1969 aus Pullach. Die Weisung, von 1 A 5 / Dr. Framberg an Langemann und EVA 102 weitergegeben, stammt von A L 1. Dahinter verbirgt sich Winterstein alias Dr. Kurt Weiß, der neue Operationschef des BND, der Nachfolger von General Langkau. In dem nach Rom per FS übermittelten Auftrag vom 11. Juni 1969 heißt es:  

»Der Termin der Reise des Herrn Bundeskanzlers nach Washington steht zwar noch nicht genau fest, müsse jedoch zwischen dem 5. und 15. Juli angenommen werden. Vorher sollten Ergebnisse der USA-Reise von E-102 vorliegen, da es sich im wesentlichen mehr um die Beantwortung von Aufklärungswünschen als um Maßnahmen im Rahmen der »psychologischen Kriegsführung« handelt. Ein entsprechender Fragebogen liegt vor, der von AK 40 (das ist Dr. Langemann in Rom, d. Red.) im Führungstreff mit E-102 zu erörtern wäre.«  

Am 23. Juni meldet Langemann an Winterstein persönlich Auftrags-Vollzug. In dem KONKRET vorliegenden Dokument heißt es: »Die Durchführung der Angelegenheit, die nunmehr ausschließlich die Erteilung von umfangreichen Aufklärungswünschen an EVA 102 (Rom) vorsieht, ist mit diesem eingehend erörtert worden. Im Ergebnis ist er - wie nicht anders zu erwarten - bereit, dieser vollkommen veränderten Operationslage nach besten Kräften Rechnung zu tragen.«  

Aber AK 40 meldete auch Bedenken. In einem dringenden Fernschreiben (Nr. 150 vom 25. Juni 1969) schreibt der Agentenführer: »Bitte ich ernstlich um Überprüfung der Auftragsrichtung. Die jetzt erteilten Aufklärungswünsche bedürfen doch eingehender Vorbereitung. Wie stellt man sich denn die praktische Angelegenheit der Sache vor? Soll 102 seinem zu jeder Vermittlung bereiten Freund sagen: 'Wir verzichten auf Vermittlung, aber hier hast Du 8 Seiten Fragen, die du uns bitte beantworten wirst'.«  

Dr. Langemann alias Dr. Lückrath schließt: »Ich sage, daß ich persönlich über diese Entwicklung sehr unglücklich bin.«

 

Kasten »Für EVA zahlte Bonn Millionen« auf Seite »70«
 

Für EVA zahlte Bonn Millionen
 

Zu ihrem Namen kam die Operation EVA, weil sie von einem Haus im Pullacher BND-Camp aus geleitet wurde, in dem zur Nazi-Zeit hin und wieder Adolf Hitler mit seiner Geliebten Eva Braun, seiner späteren Ehefrau, zu nächtigen pflegte: Das Haus 37. Dienstintern hieß es auch das »alte Doktor-Haus«. Der Doktor, das war Dr. Schneider alias Reinhard Gehlen, hatte im Haus 37 zunächst sein Büro gehabt und war später, als seine Familie aus dem Camp nach Starnberg umsiedelte, ins Haus 36 umgezogen. Hier residierte auch sein Nachfolger als BND-Präsident, Generalleutnant Gerhard Wessel, der im Dienst als Wieland figurierte.  

Im Haus 37 saß 273. Hinter dieser Nummer verbarg sich der »Strategische Dienst«, die operative Beschaffungsabteilung des BND. Formell gab es diese Abteilung seit 1956, allein die Nummer - zuletzt eben 273 - wechselte, zumal nach dem »Fall Felfe« die internen Dienststrukturen verändert wurden. 273 hatte drei Unterabteilungen, war aber intern so unübersichtlich strukturiert, daß der Bundesrechnungshof das Chaos monierte, weil die Kontrolleure nicht mehr durchblickten. Immerhin betrug 1967 der Jahresetat des Strategischen Dienstes 40 Millionen Mark. Geleitet wurde er seit Mitte der 50er Jahre von Generalmajor d. Reserve Wolfgang Langkau mit Decknamen Holten, vor Felfe: Langendorff.  

Sein Stellvertreter war Dr. Kurt Weiß mit Decknamen Winterstein. Beide führten eigene operative Apparate. Die Operation EVA unterstand bis zu seinem Ausscheiden 1968' Holten-Langkau, dann trat Winterstein-Weiß an seine Stelle.  

Der Holten-Apparat, im engeren Sinne der Strategische Dienst, war ab 1966 wie folgt gegliedert:  

· Leitung: Holten (General Langkau),  

· Büro: Frau Körner. Von hier aus wurden Sonderverbindungen geführt, die Langkau zum ersten Teil noch aus der »Abendländischen Gesellschaft« des Fürsten Waldburg-Zeil übernahm, Einfluß- und Beschaffungsagenten zugleich: Klaus Dohrn, Dr. Johannes Schauff und Baron Guttenberg etwa.  

· Zentrale Operationsgruppe unter Dr. Lückrath, Klarname Dr. Hans Langemann. Das war ab 1962 die eigentliche Operation EVA mit illegalen Residenten in Äthiopien, Frankreich, Griechenland, Hongkong, Italien, Japan, Malta, Österreich, Südvietnam und dem Vatikan.  

· Zentrale Aufgaben: Dr. Prest  

· Sonderverbindungen: Dr. Lemp. Zum Holten-Apparat gehörten auch einige Dienststellen, die nicht in Pullach residierten:  

· Dienststelle 921 (München):
Sie machte Auswertung und Analyse. Leitung: Scheffel (Deckname); hier wurden »Steuerungshinweise« erstellt, die an »Bedarfsträger«, also Politiker von Regierung und Opposition in Bonn gingen. Dafür gab es wechselnde Verteiler. Bei kirchenpolitischen Nachrichten wurde ein Sonderverteiler benützt, so daß auch bundesdeutsche Bischöfe und Kardinäle BND-Informationen bezogen.  

· Dienststelle K 50 (München):
Von hier aus wurden Operationen in Frankreich und im Nahen und mittleren Osten getätigt. Leiter: Dr. Alois (Deckname)  

· Dienststelle K 4 T (München):
Als Verlag getarnt, betrieb diese Abteilung Aufklärung in Skandinavien und an der UNO. Leitung: Stein (Deckname)  

· Dienststelle KOA (München):
Sie machte »Schulung«. Leiter: Heinze (Deckname)  

· Dienststelle T 1 P (München):
Sie betrieb unter ihrem Leiter Raupach (Deckname) militär-politische »Forschung«.  

· Dienststelle T 1 Z (Frankfurt):
Diese Gruppe operierte in Fernost und im Sudan. Leiter: Herz (Deckname)  

Allein für 1968 standen EVA an operativen Sachmitteln 1, 1 Millionen Mark zur Verfügung. Damit wurde ein Agenten-Netz von Rom bis Hongkong, von Stockholm bis Wien, von Rio de Janeiro bis Tokio bezahlt. Aus diesem Topf wurden auch Handelsfirmen und Pressebüros unterhalten, hinter denen der BND stand und von denen aus die Operation EVA lief.

 

 

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