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»Kein Buch stellt den Konflikt halbwegs korrekt dar«

29.06.2017 10:28

Eine aktuelle Studie des Mideast Freedom Forum untersucht die Darstellung Israels und des Judentums in palästinensischen Schulbüchern. Vorurteile gegenüber Israel würden in den Lehrbüchern, für die auch Deutschland Geld zur Verfügung stellt, geschürt, der Judenstaat denunziert und der Kampf gegen den »Aggressor« glorifiziert.

Aber was steht eigentlich in deutschen Schulbüchern über Israel und den israelisch-arabischen Konflikt? konkret sprach darüber für die Ausgabe 12/2012 mit dem Publizisten Gideon Böss.   

 

konkret: Sie haben mehrere von deutschen Schulbuchverlagen vertriebene Darstellungen des israelisch-arabischen Konflikts untersucht. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?  

 

Böss: Es gibt eine klare Rollenverteilung. Die Israelis sind Täter, die Palästinenser die Opfer. Während sich die Schulbücher darin überbieten, für die Menge der vertriebenen Araber Höchstzahlen zu nennen, und dabei schon einmal, wie der Schroedel-Verlag, auf eine Million kommen – das Palästinensische Generalkonsulat Deutschland spricht von knapp 700.000 – , werden die aus arabischen Ländern vertriebenen Juden gar nicht erst erwähnt. Palästinensischer Terror wird so gut es geht ignoriert, die Geiselnahme während der Olympischen Spiele von 1972 kommt in allen Büchern ohne Hinweis darauf aus, daß die israelischen Sportler getötet wurden. Und obwohl längst belegt ist, daß die Intifada II von Arafat geplant war, wird in jedem Buch den Israelis die Schuld daran gegeben; exemplarisch ist folgende Formulierung aus Forum Geschichte 12 von Cornelsen: »Anlaß war ein Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Jerusalemer Tempelberg am 28. September 2000.«  

Was sagen die Bücher über die Geschichte und Ideologie der Fatah oder der Hamas?  

Wenig. Die Fatah erscheint als Organisation, welche sich schon seit langem um Frieden bemüht. In Westermanns Horizonte 12 wird sogar von der »eher weltlich-linksorientierten PLO« gesprochen; die Hamas erscheint als radikale Kraft, die auch den bewaffneten Kampf fortführt. Daß die Hamas Israel und alle Juden vernichten will, wird dabei aber nicht erwähnt, und auch die entsprechende Passage aus der Hamas-Charta wird nicht thematisiert, selbst wenn, wie bei Westermann, Teile dieser Charta abgebildet sind.  

Gibt es Zeitperioden, auf die auffällig stark oder auffällig wenig eingegangen wird?  

Relativ viel Platz nimmt die Brutalität ein, mit der die Zionisten vor der Staatsgründung gegen die arabische Zivilbevölkerung vorgegangen sind. Die blutige Eroberung des Ortes Deir Yassin durch zionistische Kampfverbände ist dabei immer Thema, arabische Massaker spielen hingegen eine deutlich kleinere Rolle. Man muß als Leser annehmen, daß der Terror vor allem ein taktisches Mittel der Zionisten war, nicht der Araber. Kaum oder gar nicht existent ist die Zeit nach der zweiten Intifada. Obwohl es seitdem große Veränderungen gegeben hat, wie etwa die Auflösung der Gaza-Siedlungen, Kriege mit Hisbollah und Hamas oder die Entführung von Gilad Schalit, findet sich davon in vielen Büchern nichts wieder. Worauf auch nicht eingegangen wird, ist der Kontrast zwischen den Konfliktparteien. Es wird nicht erwähnt, daß es sich bei Israel um eine offene Gesellschaft handelt, in der 20 Prozent Araber so frei wie nirgendwo sonst im Nahen Osten leben können und Schwule in Tel Aviv Bars eröffnen, während in der palästinensischen Gesellschaft Juden unerwünscht sind und Homosexuelle verfolgt werden.  

Wie sieht es mit der Geschichte vor 1948 aus?  

Brutale Zionisten kommen aus fremden Ländern und vertreiben die alteingesessene arabische Bevölkerung. Daß zum Beispiel Jerusalem Ende des 19. Jahrhunderts mehrheitlich jüdisch war, bleibt unerwähnt. Juden sind vor allem Zionisten, die sich »terroristischer Methoden« bedienen, wie es zum Beispiel das Schroedel-Buch Der Islam und die westliche Welt formuliert, oder kommen danach als Holocaust-Überlebende. Juden aus arabischen Staaten kommen nicht vor, und eingesessene Juden gibt es auch nicht.  

Wird in irgendeiner Weise gezeigt, daß Israel der Staat der Überlebenden des Holocaust ist?  

In Horizonte 12 gibt es die geschmacklose Überlegung, ob die Zionisten nur deswegen Massaker an den Arabern verüben konnten, weil sie durch die Verbrechen der Nazis an den Juden emotional abgestumpft waren. Da heißt es, daß sie »aus dem Genozid, den die Nazis an Europas Juden verübt hatten, ein unbestreitbares Recht auf Palästina ableiteten und zu Kompromissen mit anderen Ansprüchen nicht bereit waren. Nur hieraus sind Massaker an der palästinensischen Bevölkerung im Zuge des Unabhängigkeitskrieges zu erklären.«  

Wird auf die arabische Kollaboration mit den Nazis und die militärischen Auseinandersetzungen in der Region während des Zweiten Weltkriegs eingegangen?  

Von einer Kollaboration ist keine Rede. Statt dessen wird allgemein erläutert, daß der Mufti von Jerusalem seine Interessen in einem Bündnis mit Hitler am besten vertreten sah. Da heißt es, um einmal mehr Westermanns Horizonte 12 zu zitieren: »Deutschland instrumentalisierte ihn geschickt, und der Mufti geriet in den Sog der Nazi-Ideologie.« Kein Wort dazu, daß er alles in seiner Macht Stehende tat, um zur erfolgreichen Endlösung der Judenfrage – das war das gemeinsame Interesse – , beizutragen. Dementsprechend auch kein Wort dazu, daß er ein NS-Kriegsverbrecher war.  

Die Bildungshoheit obliegt den Bundesländern. Gibt es zwischen den einzelnen Ländern Unterschiede, oder werden die von Ihnen untersuchten Bücher in allen Ländern benutzt?  

Ich habe keine großen Unterschiede entdeckt. Kein Buch schaffte es, den Konflikt halbwegs korrekt darzustellen.  

Wie haben die Verlage auf Ihre Kritik reagiert?  

Gar nicht, und wenn doch, beleidigt. Ich erhielt etwa diese E-Mail: »Sollten Sie jemals weitere Anfragen an den Schroedel-Verlag haben, so stehe ich zu ihrer Beantwortung jedenfalls nicht mehr zur Verfügung«. Und ausgerechnet Westermann, wo unter anderem das hier mehrfach zitierte Horizonte 12 erschienen ist, wollte von eigenen Fehlern gar nichts wissen und unterstellte mir, ihre Publikationen mit einer vorgefaßten Meinung selektiv gelesen zu haben. Kein Verlag hat Interesse daran gezeigt, zumindest einmal kritisch zu prüfen, ob tatsächlich die eine oder andere Darstellung überarbeitet werden sollte.

 

Interview: Stefan Frank –
 

 

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