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In Erinnerung an Ignatz Bubis

12.01.2017 15:12

Ignatz Bubis wäre am 12. Januar 90 geworden. Bubis war kein Kommunist, nicht mal ein Linker. Er war ein anständiger Mensch, der nicht begreifen konnte, dass die brennenden Flüchtlingsheime in den frühen 1990ern die deutsche Gesellschaft, an deren Humanität er verzweifelt glauben wollte, nicht erschütterten. In einem Gespräch, das Hermann L. Gremliza in konkret 2/99 kurz vor seinem Tod mit ihm führte, gestand er, dass er Deutschland und die Deutschen nicht länger gegen den Vorwurf von Rassismus und Antisemitismus verteidigen könne. In der September-Ausgabe 1999 schrieb Hermann L. Gremliza über Ignatz Bubis anlässlich seines Todes und der verlogenen Nachrufe der hiesigen Partei- und Staatsführer.  

 

Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis  

»Die Haare sind mehr geworden«  

KONKRET-Gespräch
Hermann L. Gremliza sprach mit Ignatz Bubis über die Suppe Deutschland und was darin schwimmt
 

Gremliza: Knapp zehn Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland geteilt. Ich meine nicht diese albernen Ossi-Wessi-Querelen, sondern den tiefen Graben zwischen den Augsteins, Walsers, Schröders, Naumännern, Dohnanyis, also den Lautsprechern der schweigenden Mehrheit, und jener Minderheit, die Sie, Herr Bubis, mit ihrem Protest gegen Martin Walsers Rede aufgeweckt haben.  

Bubis: Ich habe wenig erreicht. Es ist im Gegenteil so, daß die Mehrheit, von der Walser sagt, daß sie seine Rede als befreiend empfunden habe, sich ermutigt fühlt.  

Bei unserem letzten Gespräch vor vier Jahren hatte ich behauptet, die Deutschen hätten die Zustimmung zur Wiedervereinigung so verstanden, daß damit die Nachkriegszeit endgültig vorbei und die Verantwortung endgültig abgeschüttelt sei. Sie haben damals heftig widersprochen.  

Ich muß mich heute revidieren. Dieses Denken hat tatsächlich mit der deutschen Einheit eingesetzt. Geschlummert hat es schon vorher, aber man hat es nicht so ausgesprochen. Und Walser hat diese Gedanken nun endgültig »befreit«.  

Haben Sie Walser und seine Freunde einmal gefragt, was die Deutschen ihrer Ansicht nach in den letzten 50 Jahren getan hätten, wenn sie schon »befreit« gewesen wären und sich nicht ständig unter der Moralkeule hätten ducken müssen?  

Ich habe ihn nicht danach gefragt.  

Mit Ihrem Protest gegen Walsers Rede standen Sie zunächst sehr allein. Die Spitzen der deutschen Gesellschaft haben Walsers Aufruf zur nationalen Befreiung mit stehenden Ovationen beantwortet.  

In meiner Reihe sind lediglich Schorlemmer, meine Frau und ich sitzen geblieben. Ich war, was die Gesellschaft angeht, was die Öffentlichkeit angeht, ziemlich allein. Ich habe zwar einige Briefe bekommen, aber es war eine Minderheit, die mir zugestimmt hat, und es war wenig Prominenz dabei.  

Der Umschwung kam, als Sie in dem Gespräch bei der »FAZ« Walser dazu gedrängt haben, seine perfiden Allgemeinheiten zu präzisieren. Da ist der Schwindel aufgeflogen.  

So ungefähr kann man das sagen. Nach dieser Diskussion haben die Zuschriften verstärkt eingesetzt, auch von prominenten Leuten, die mir recht gegeben haben. Vorher war es so gewesen, daß sechzig Prozent mir entweder schrieben, ich hätte Walser falsch verstanden, oder meinten, Walser habe recht. Seit der Veröffentlichung des Disputs bekomme ich viel mehr Briefe, und achtzig Prozent davon stimmen mir zu.  

Walser sagt: »So wie ich denkt und fühlt die Mehrheit der Deutschen.«  

Da hat er recht. Da hat er absolut recht. Und jetzt können sie sich auf jemand anderen berufen als auf einen Frey oder einen Deckert. Mich hat nie gestört, auch wenn ich das erwähnt habe, daß die Rechtsextremisten sich auf ihn berufen werden. Das ist sein Problem, nicht meines. Mein Problem ist, daß sich nun Demokraten auf ihn berufen.  

Der Fall Walser markiert den eigentlichen Beginn der sogenannten Berliner Republik. Er ist – mehr noch als der Historikerstreit – ein Kulturkampf.  

Ja, eindeutig. Der Historikerstreit war etwas für Intellektuelle, für Akademiker. Das jetzt geht viel weiter in die Gesellschaft hinein, in viel breitere Schichten. Deshalb war mir diese Intervention so wichtig. Vielleicht kann man ja den einen oder anderen noch ein bißchen aufklärend beeinflussen.  

In der Paulskirche haben Sie nicht den Eindruck gemacht, als dächten Sie gerade über die möglichen Folgen eines Widerspruchs nach. Sie waren einfach nur erschlagen.  

Das ist klar. Ich habe eine kurze Zeit überlegt, ob ich aufstehen und rausgehen soll. Meine Frau hat mich angestoßen: Ob wir uns das anhören müssen? Aber ich wollte keinen Eklat.  

Das ist das Problem Ihres Lebens. Wenn Sie rausgehen, dann müssen Sie aufhören, Politik zu machen.  

So ist es. Ich habe ja auch eine Verantwortung in meiner Funktion.  

Die verlangt Ihnen viel ab. Vor drei Jahren lief eine Werbekampagne, die hieß »Wir für Deutschland«. Darin sind Sie aufgetreten mit dem Slogan: Die paar Nazis, die es hier gibt, sind das Haar in der Suppe, die Suppe selber, Deutschland, schmeckt mir gut. Würden Sie den Spot in diesen Wochen gern noch einmal sehen?  

Ich würde nicht viel daran verändern. Aber die Haare sind mehr geworden.  

Ein Schopf.  

Ich will noch nicht von Schopf reden, aber die Haare sind mehr geworden.  

Ich möchte nicht mit Ihnen darüber sprechen, ob Walser, Dohnanyi und Augstein Antisemiten sind. Ich streite nicht gern darüber, ob Wasser naß ist.  

Ob jemand antisemitisch, latent antisemitisch ist, das ist für den, der es ist, schwer zu beurteilen. Der latente Antisemit merkt ja nicht, daß er es ist. Wir sind da viel empfindlicher, manche sind auch überempfindlich, wie in dem Witz von dem Juden im Schlafwagen, der sich morgens frisch machen will und, weil er sein Waschzeug vergessen hat, seinen Nachbarn um Seife, Rasierseife, Rasierpinsel, Zahnpasta und am Ende um die Zahnbürste bittet. Er bekommt alles, nur bei der Zahnbürste sagt der Mitreisende, Zahnbürsten verborge ich nicht. Da sagt der Jude, ich habe mir gleich gedacht, daß Sie ein Antisemit sind. Zu dieser Sorte zähle ich wirklich nicht – aber ich habe schon Sensoren, die mich selten täuschen.  

Wenn also jemand schreibt, »dieses Schandmal«, gemeint ist das Mahnmal in Berlin, sei »gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet« und werde nur aus »Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand« errichtet – was sagen da Ihre Sensoren?  

Das ist ein Stück jener Verallgemeinerung, die die antisemitische Kultur ausmacht.  

Verfasser dieser Zeilen war der Herausgeber des »Spiegel«.  

Augsteins Kommentar war die schlimmste Reaktion auf Walsers Rede.  

Man erkennt einen Antisemiten an dem Satz: Ich habe nichts gegen Juden, einige meiner besten Freunde sind Juden, aber ...  

Eine Frau hat mir so geschrieben: Sie habe überhaupt nichts gegen Juden, und in ihrem Hause hätten immer Juden verkehrt, schon bei ihrem Großvater, obwohl der immer gesagt habe, die Juden sind dies und das. Ich bekomme sogar schon ein leichtes Schütteln, wenn jemand, der mir guten Tag sagt, mir gleich sagen muß: Die besten Freunde meiner Großeltern waren Juden. Ich frage dann zurück: Würden Sie einem Katholiken auch sofort erzählen müssen, daß die Freunde Ihrer Großeltern katholisch waren?  

Sie erleben das tagtäglich. Und doch machen Sie immer wieder Reklame für dieses Deutschland und schwächen damit das doch nur zu berechtigte und auch notwendige Mißtrauen der Nachbarn, die uns beobachten.  

Ich bin immer noch der Meinung, daß Deutschland eine Demokratie ist, wie sie in der deutschen Geschichte kaum jemals da war.  

Ein Lob, das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht besonders eindrucksvoll ist.  

Wenn man beobachtet, wie jetzt der Regierungswechsel vonstatten gegangen ist – das war ein Stück gelebte Demokratie. Was mir oder Ihnen vorschwebt, diese große, heile, schöne Welt, die gibt es nicht, die wird es nicht geben. Und deshalb muß man alles in der Relation sehen. Und da ist für mich in Deutschland die Demokratie um keinen Deut schlechter als in Frankreich oder Großbritannien oder den Vereinigten Staaten.  

Gestern hat der CDU-Vorsitzende Schäuble die Volksbefragung über das Staatsbürgerschaftsrecht vorgestellt.  

Sie werden vielleicht überrascht sein. Ich persönlich halte von einer doppelten Staatsbürgerschaft als Regel wenig. Ich bin allerdings nicht nur für eine erleichterte, sondern für eine leichte Einbürgerung. Wenn jemand fünf oder acht Jahre in einem Land lebt und will sich zu diesem Land bekennen, dann soll man ihm keine Hürden aufbauen. Und wenn sein Deutsch noch nicht so perfekt ist, dann soll man ihm die Chance geben. Man sollte jedem hier Geborenen, ganz egal, wer die Eltern sind, zunächst einmal die deutsche Staatsbürgerschaft geben. Aber ich erwarte auch irgendwann eine Entscheidung, bei Jugendlichen im 18. Lebensjahr. Eine Staatsbürgerschaft ist keine Vereinsmitgliedschaft.  

Warum eigentlich nicht? Aber um was es hier geht, ist gar nicht der Streit um die Einzelheiten eines Gesetzes, sondern um den Vorsatz, die ausländerfeindliche Stimmung in Deutschland zu schüren und im Machtkampf zu instrumentalisieren.  

Ich halte nichts von einer solcher Volksbefragung. Entweder haben wir eine repräsentative Demokratie, dann muß sie für alles gelten, oder wir haben eine »Basisdemokratie«, dann muß ich bei allem das Volk fragen. Aber zu sagen: Wir sind eine repräsentative Demokratie, aber für Dinge, die mir nicht schmecken, frage ich das Volk – das geht nicht. Ich bedaure, daß wir, die FDP, uns in der alten Koalition mit der Reform des Staatsbürgerrechts nicht durchgesetzt haben. Wir haben viele andere Dinge zur Koalitionsfrage gemacht, auf die man hätte verzichten können. Hier hätten wir die Koalitionsfrage stellen sollen.  

Sie haben sich lange Zeit als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezeichnet. Der »Süddeutschen Zeitung« haben Sie kürzlich gesagt: »Ich werde nicht so gesehen, und aufdrängen will ich mich nicht.« Und auf die Frage: »Wie wird Ignatz Bubis denn gesehen?« antworteten Sie: »Israeli, Fremder, Ausländer, Gast.«  

Ja, von der Mehrheit der Gesellschaft. Ich verstehe mich nach wie vor als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Aber bei der Mehrheit der Gesellschaft, ob es jetzt 51 Prozent oder 55 sind, werde ich eben als Israeli, als Ausländer, als Fremder, als Gast gesehen.  

Wie damals in Rostock, als der Stadtrat Sie nach Ihrer Heimat fragte und Israel meinte.  

Andererseits hat Walser mich gefragt: Was hatten Sie eigentlich in Rostock zu tun? Ich hätte ihm sagen sollen: Ich hätte es gerne gesehen, wenn Sie dort auch hingegangen wären.  

An einer anderen Stelle dieses Gesprächs hat Walser gesagt, er habe sich schon um das Thema Auschwitz gekümmert, als Sie sich noch um ganz andere Dinge gekümmert hätten.  

Ich hätte ihm sagen können, als ich dort war, haben Sie sich überhaupt nicht drum gekümmert.  

Als Ihre Familie im KZ saß, hat sich Walser durchaus um das Thema gekümmert, nämlich als Soldat der Wehrmacht, die dafür zu sorgen hatte, daß die alliierten Soldaten die Häftlinge der Konzentrationslager nicht so bald befreien konnten. Ausfälle wie der zitierte, zu denen Sie Walser im Gespräch bei der »FAZ« provoziert haben, haben schließlich doch einige Leute erkennen lassen, daß in Deutschland eine ganz neue Lage entstanden ist. Natürlich wußten auch vorher viele, daß der Antisemitismus der Deutschen auch bei ihren Intellektuellen stets virulent geblieben ist. Aber man glaubte, das leicht nehmen zu können, weil man ja wußte, daß Deutschland unter Kuratel stand und im Fall des Falles von den Siegermächten zur Räson gebracht würde. Seit 1989/90 aber ist Deutschland aus dieser Kontrolle entlassen.  

Aus der Kontrolle ja. Unter Beobachtung steht Deutschland immer noch.  

Vor vier Jahren haben Sie mir noch gesagt: »Es gibt für mich keinen Grund, kein Deutscher sein zu wollen. Ich habe ein neues Deutschland erlebt, ein demokratisches Deutschland. Wir sind die deutschen Patrioten, wir, das andere Deutschland, die Mehrheit.« Erinnern Sie sich?  

Ja. Ich halte die Mehrheit für demokratisch, nach wie vor. Besonders die zwei Generationen in der Demokratie Geborene, aber nicht nur diese. Ich habe auch keine Probleme mit Patriotismus, ich habe keine Probleme mit einem Nationalgefühl. Nur es darf nicht ins Völkische, ins Nationalistische übergehen.  

Es gibt kein deutsches Nationalgefühl ohne Antisemitismus und Rassismus.  

Ich weiß es nicht. Das gibt es ja auch in England, in Frankreich, ohne Rassismus. Warum soll es das in Deutschland nicht geben?  

Das beantwortet Augstein, der über das Mahnmal sagt: »Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Geschichte fremd.« Nämlich daß man die Hauptstadt verschandelt mit einem Mahnmal der eigenen Schande. Der deutsche Nationalist kommt gar nicht auf den Gedanken, warum die Franzosen und Engländer anders mit ihrer Geschichte umgehen können – weil sie eine andere Geschichte haben, eine ohne Auschwitz. Auschwitz markiert für den deutschen Nationalisten keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der deutschen Geschichte und der anderer Staaten – so wichtig war Auschwitz nicht. Deshalb ist die neue deutsche Rechte, von Schröder und Naumann bis Augstein und Walser, sich einig: Das »Schandmal« in Berlin soll nicht gebaut werden. Vor vier Jahren haben Sie gesagt, es würde leichter fallen, sich mit der Neuen Wache abzufinden, wenn es eine Gedenkstätte für das ermordete europäische Judentum gäbe. Aber Sie haben auch vorhergesagt, wenn das Mahnmal nicht komme, solange Helmut Kohl Kanzler ist, dann werde es nicht mehr gebaut.  

Es kommt nicht. Ich glaube nicht, daß es kommt. Es wird irgendein Ersatz kommen, ein Wischiwaschi.  

Dann hat man Sie mit der Neuen Wache reingelegt.  

Was heißt reingelegt? Die Neue Wache wäre auch gekommen, wenn ich nein gesagt hätte.  

Sie wäre gekommen, aber eben nicht beglaubigt vom Sprecher der ermordeten Juden.  

Ja, es hätte das TÜV-Siegel von mir nicht gegeben.  

Und darauf wird noch ein gewisser Wert gelegt.  

Damals zumindest wurde. Daß man heute noch solchen Wert darauf legt, glaube ich nicht. Und die neue Bundesregierung vielleicht noch weniger als die alte.  

Eine spannende Frage. In der alten Bundesrepublik sind wir davon ausgegangen, daß Politiker und Parteien, je weiter links sie standen, um so selbstverständlicher die Schuld und Verantwortung der Deutschen akzeptierten. Das galt auch für die SPD, als sie zum ersten Mal den Kanzler stellte.  

Da waren die Zeiten anders. Da gab es einen Willy Brandt mit seiner eigenen Geschichte. Er hat die SPD entsprechend beeinflußt, nicht andersrum.  

Die nationalistische Tradition, die die deutsche Linke auch hat – –  

die nationale natürlich, immer hatte – –  

bricht jetzt stark durch.  

Man hat von Schröder, seit er Bundeskanzler ist, nationale Töne gehört, wie sie von ihm früher nicht zu hören waren.  

Er sagt jetzt, es sei seine Pflicht, deutsche Unternehmen gegen die Forderungen ehemaliger Zwangsarbeiter zu schützen. Die Bundesrepublik, die jetzt jährlich 100 Milliarden als Transferleistung zum Aufmöbeln der neuen Bundesländer aufbringt, hat in fast 50 Jahren ihres Bestehens insgesamt 68 Milliarden sogenannter Wiedergutmachungsleistungen an jüdische Verfolgte erbracht, das heißt: pro Bürger nicht mal 1,50 Mark im Monat, und die meisten Unternehmen, die damals Zwangsarbeiter ausgebeutet haben, haben dafür noch keinen Pfennig bezahlt.  

Weitere 32 Milliarden wurden von der Bundesrepublik an nicht-jüdische Opfer der NS-Zeit bzw. an Staaten geleistet. Zugleich werden noch heute, wo die meisten schon gestorben sind, nach dem Kriegsopferversorgungsgesetz (NS-Opfer, jüdische wie nicht-jüdische, ausgenommen) an Renten, Witwenrenten bzw. Verwundete etwa 12 Milliarden jährlich ausgegeben, davon etwa 700 Millionen an verurteilte Kriegsverbrecher. Einer von ihnen, z. B. Hass, der zusammen mit dem SS-Hauptsturmführer Erich Priebke Kriegsverbrechen begangen hat, wurde von der Staatsanwaltschaft Dortmund seit etwa 25 Jahren gesucht und nie gefunden. Aber seine Rente, die hat er immer ins Haus geschickt bekommen, ganz egal, ob nach Südamerika oder Italien. Die zuständigen Rentenbehörden wußten immer, wo er war.  

Und in einer so beschriebenen Wirklichkeit sagt Klaus von Dohnanyi, Walsers Auftritt sei »die verständliche, ja notwendige Klage eines gewissenhaften, nicht-jüdischen Deutschen« gewesen. Soll man über sowas nicht verrückt werden?  

Das ist sicher ein Problem. Ich will nicht Einzeläußerungen verallgemeinern. Ich will nicht den gleichen Fehler machen, den ich anderen vorhalte. Dohnanyi hat versucht, Walser zu verteidigen. Er hat es schlecht angefangen, und je mehr er das verbessern wollte, um so schlimmer wurde es.  

Und nicht zufällig. Schon vor Jahren hat Dohnanyi gesagt: »Gegen den Wandel in Ostdeutschland war der Wiederaufbau im Westen nach dem Krieg ein Klacks. Im Westen waren 1945 zwar die Gebäude der Unternehmen zerstört, aber es gab Leute mit Managementerfahrung, Leute, die sich im Wettbewerb behauptet hatten.« Die Leute mit Managementerfahrung waren die NS-Wehrwirtschaftsführer.  

Hauptsächlich diese, aber zum Teil auch andere.  

Sie haben Dohnanyi latenten Antisemitismus unterstellt, das aber später zurückgenommen. In der »Woche« ist jetzt eine Umfrage des Forsa-Instituts erschienen, wonach zwanzig Prozent der Deutschen latente Antisemiten sind.  

Das ist eine verniedlichende Veröffentlichung. Ich will Ihnen auch sagen, warum. Nur wer mindestens sechs von den zwölf Fragen, in denen antisemitische Tendenzen angesprochen wurden, zustimmend beantwortet hat, wurde zu den latenten Antisemiten gezählt. Ich behaupte, daß schon positive Antworten auf drei dieser Fragen den latenten, den unterschwelligen Antisemitismus des Gefragten belegen. Andere Umfragen ergeben 15 Prozent manifeste und 15 Prozent latente Antisemiten. Die manifesten gibt es in der »Woche« überhaupt nicht.  

Wie würden Sie es nennen, wenn nicht irgendein Polier oder Sachbearbeiter, sondern die Redaktion einer Großstadtzeitung den Bericht über die fehlgeschlagenen Bemühungen des israelischen Ministerpräsidenten, eine neue Koalition zu bilden, unter den Titel stellt: »Vergeblich geschachert«?  

Das ist der klassische Antisemitismus: Wenn es ein Jude tut, hat er geschachert, wenn es Schröder und Trittin tun, haben sie hart verhandelt.  

Die Zeile stand auf Seite 2 des »Hamburger Abendblatts« aus dem Springer-Verlag. Und an der gleichen Stelle wurde am Tag darauf die Forsa-Untersuchung über den Antisemitismus kommentiert, mit der beruhigenden Tendenz, daß es sich um eine Minderheit handle.  

Ja, weil sie selbst sich nicht dazuzählen. Das tun auch die Redakteure von »Focus« nicht, wenn sie aufzählen, wieviele Juden in der Regierung der USA sitzen, und sich dabei an den »jüdischen« Namen orientieren. Bis dahin hat die Außenministerin Albright keine Ahnung gehabt, daß sie Jüdin ist. Auch die Vorfahren von Verteidigungsminister Cohen waren keine Juden. Der Name hat »Focus« genügt. Ein Jude ist ein Jude, wenn die Antisemiten und die Mehrheit der Gesellschaft ihn dafür halten. Sie bestimmen, wer Jude ist. Auf die eigene Definition des Betreffenden kommt es gar nicht an.  

Das ist so, und dem ist nicht zu entkommen.  

Nein, seit zweitausend Jahren nicht.  

Und in Deutschland schon gar nicht.  

Die Antisemiten gleichen sich weltweit. Ich bekomme Briefe, in denen es heißt: Fünfzig Jahre sind genug, wie lange soll man denn noch daran denken. Und vergessen Sie ja nicht, Sie waren es, die Jesus gekreuzigt haben. Diese zweitausend Jahre, die sind offenbar nicht genug.  

Angesichts von Hoyerswerda und Mölln hatte der Sprecher der Daimler-Benz AG gewarnt, daß der Autoexport Schaden nehmen könnte. Damals schien es so, als ob das materielle Interesse die ideellen Vorlieben verdrängt hätte. Eine vergleichbare Reaktion ist jetzt ausgeblieben.  

Schon damals gab es auch Reaktionen von Demokraten, die aus Überzeugung gegen Fremdenfeindlichkeit protestiert haben. Denken Sie nur an die Lichterketten. Richtig ist auch, daß manche an den Export gedacht haben. Daran hat sich bei einem Teil der Gesellschaft noch immer nichts geändert. Bei einem anderen Teil schon. Begonnen hat diese Veränderung aber bei den Intellektuellen. Es stört sie nicht mehr, was das Ausland sagt. Ihr Selbstbewußtsein erlaubt es ihnen, zu sein wie sie sind. Auch bei den nachkriegsgeborenen Sozialdemokraten beginnt diese Einstellung stärker um sich zu greifen: nach dem Motto, ich war schon immer Sozialist und bin es heute noch. Ich brauche auf das Ausland keine Rücksicht zu nehmen. Bei den Konservativen spielt die Rücksicht auf das Ausland immer noch die gleiche Rolle. Wir merken es auch bei der Mahnmaldebatte, wo die Konservativen sagen: Wir können uns gegenüber dem Ausland gar nicht erlauben, das Mahnmal nicht zu bauen, während ein Teil der sogenannten Linken damit keine Probleme hat.  

In einer Umfrage für die ARD haben 68 Prozent der Deutschen gesagt, Deutschland solle jetzt selbstbewußter auftreten. Haben Sie den Eindruck, daß die bisher bescheiden aufgetreten sind?  

Das ist es: Ein Teil der Gesellschaft hat immer das Gefühl, sie hätten sich geduckt, obwohl sie es schon lange nicht mehr tun, ja es nie getan haben. Auch Walser hat ja gesagt, Deutschland müsse endlich ein normales Land werden. Ich habe ihn gefragt: Was ist denn an Deutschland noch anormal? Das einzige Anormale ist doch, daß man dauernd von der gewünschten Normalität spricht.  

Herr Bubis, Sie haben als Vorsitzender des Zentralrats immer einmal wieder scharf protestiert und anschließend Ihren Protest ein wenig relativiert. Im Streit mit Walser sind Sie keinen Millimeter zurückgewichen – bis auf den Vorwurf, er sei ein »geistiger Brandstifter«. Hätten Sie den nicht auch noch stehenlassen können?  

Ich bin nicht zurückgewichen, ich habe nur gesagt: Nachdem Walser mir erklärt hat, wie er es gemeint habe, und ich ihm das Gegenteil nicht beweisen kann ...  

Aber die Meldung am nächsten Tag trug überall den Titel »Bubis nimmt Vorwurf zurück«.  

Den Ausdruck habe ich ja auch zurückgenommen. Ich hatte mir lange überlegt, ob ich das Wort geistige Brandstiftung benutzen soll. Aber mir war klar, wenn ich hier nicht den Hammer nehme, geht das unter und übrig bleibt die Standing ovation. Ich wollte manchen, die diese Standing ovation mitgemacht haben, zurufen: Denkt mal nach, was ihr da getan habt! Die Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und Walser sind ansonsten die gleichen geblieben.  

Und die Leute, die Walser und seine Jubler kritisiert haben ...  

Die hätten kaum reagiert, wenn ich nicht den Hammer genommen hätte.
 

Ignatz Bubis ist seit 1992 Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland

 

konkret 9/99

Hermann L. Gremliza, Ignatz Bubis  

Denn unser war er auch nicht  

Ignatz Bubis hat wohl geahnt, was die Partei- und Staatsführer dieses Landes ihm nachrufen würden. Er hat sie in einem Gespräch, das KONKRET Anfang 1994 mit ihm geführt hat, allesamt dementiert  

Ignatz Bubis ist tot. Deutschland atmet auf. Dieser Nörgler hatte gestört, er hatte nicht zu ihnen, den Optimisten ihrer Selbstbetrachtung, gepaßt. Um einer der Ihren zu werden, mußte er seinen Geist aufgeben. Jetzt ist er’s.
 

Jetzt ist er »ein großer Deutscher, vor dem wir uns verneigen«, einer vom Schlage jenes hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der, durch eine rassistische Kampagne ins Regierungsamt gelangt, sich die Ehre erweist, indem er Bubis zu seinesgleichen degradiert. Jetzt ist er ein »Mahner und Kämpfer für ein tolerantes Deutschland«, der immer nur gewollt hat wie die nachrufende Bundesregierung, daß die Toleranz gegenüber den Veteranen der Waffen-SS nicht durch unpünktliche Rentenzahlung leide. Jetzt verlieren Gerhard Schröder und sein »Deutschland mit Bubis eine große Persönlichkeit, die wie wenige andere dazu beigetragen hatte, daß für Juden eine Zukunft in Deutschland wieder vorstellbar geworden ist«, auch wenn dessen Kanzler des ermordeten Vaters von Ignatz Bubis am liebsten mit einem nationalen Ausflugslokal (»Hier können Familien Kaffee kochen«) gedacht hätte, und obwohl es der großen Persönlichkeit am Ende ihrer Mühen nicht vorstellbar war, in Schröders Deutschland begraben zu sein.  

Wie schwer ihnen der Verlust fiel, illustrierte der Zufall, daß sie an dem einen Tag im August zwei Abschiede feiern durften: den des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland vom Leben und den der »weltbesten Tennisspielerin der modernen Zeit« vom professionellen Spielbetrieb. Die größte Zeitung der Nation spendierte der einen die erste Seite mit der Schlagzeile »Danke, Steffi! Für all die vielen schönen Tennis-Jahre«, ein Foto in Riesenformat, einen Leitartikel auf Seite 2 und einen ganzseitigen Nachruf im Blattinnern: »So bleibst du in unseren Herzen.« Für Bubis hatte sie einen Zweispalter im unteren Teil der Seite 1 übrig, zwischen »Benzin immer teurer« und einer Zigarettenreklame, ein briefmarkengroßes Foto und 24 Zeilen Text. Nur wenig anders die seriöse Schwester aus demselben Verlagshaus, das »Hamburger Abendblatt«: Zwei Aufmacher: »Ignatz Bubis ist tot«, daneben »Nie wieder Steffi Graf«. Die beiden Fotos so, daß der Kopf von Bubis als Grübchen auf Steffis Kinn gepaßt hätte; ein Bubis-Porträt halbseitig auf Seite 2, ein ganzseitiges Porträt der großen Deutschen auf Seite 3. Wie gut die Deutschen ihre Steffi verstehen, erklärt ein Leitartikel, wie die Deutschen Bubis verstehen sollen, erläutert eine Notiz: »Eine Folge des Anstoßes, den er immer wieder erregte, waren antisemitische Schmäh- und Hetzbriefe. Manche sprachen ihm die Berechtigung ab, sich Deutscher zu nennen. Vermutlich resultierte seine Verbitterung aus diesen Erfahrungen.« Vermutlich wollen sie ihm das nachsehen.  

Ignatz Bubis hat, wenige Monate vor seinem Tod, die beiden Interviews, die ich (im ersten Fall begleitet von Boris Gröndahl) 1994 und 1999 mit ihm geführt habe, als die beiden besten bezeichnet, die er je gegeben habe. Im ungedruckten, undruckbaren Teil des ersten Interviews, hatte ich ihn gefragt, ob er denn nicht wisse, was hinter den Türen deutscher Regierungsämter, in denen man ihm gerade höchsten Respekt bekundet habe, gesprochen werde, wenn der penetrante Israelit endlich wieder draußen ist. Er hatte, traurig lächelnd, seine Hand auf meinen Arm gelegt und gesagt: »Ist der Mann böse.« (Ein Wort, das er an anderer Stelle wiederholte.) Wir hatten beide recht.  

Aber er war auch nicht unser. Nie konnte er, was jeder von uns, auch der radikalste Opponent, als Mitglied des Kollektivs der Täter genießt: ohne die Furcht, von völkischen Landsleuten als Opfer erkannt und danach behandelt, das heißt: angepöbelt, bespuckt, erschlagen zu werden, auf die Straße gehen. Bubis wußte, mit wem er sprach, wenn er mit Redakteuren von KONKRET sprach: mit Feinden dieses Volks, seiner Gesellschaft und seines Staats, und wir wußten, wer Bubis war: ein im Immobiliengeschäft tätiger Freidemokrat, Träger eines Bundesverdienstkreuzes. Beide respektierten auch diese Distanz, selbst wenn ihnen die Differenz zwischen einem Kapitalisten und einem Kommunisten, die einmal eine ums ganze war und wieder werden müßte, so die Menschheit noch eine Chance haben soll, im Deutschland dieser Jahre minder bedeutsam erschien als der gemeinsame Streit um die richtigen Antworten auf die Frage, wie antisemitisch und rassistisch seine Bewohner seien und warum und was da zu tun sei.  

Immer wieder hat Bubis Alarm geschlagen, immer wieder hat er, uns zur Enttäuschung und zum Ärger, eine halbe Entwarnung hinterhergeschickt und die Zahl der deutschen Antisemiten auf ein den Landsleuten, ihren Leitartiklern und ihren Politikern genehmeres Maß heruntergerechnet. Mit zehn oder zwanzig Prozent potentieller Mörder, das wußte er, können die gut leben. Die Meldung von Anfang August, wonach eine Umfrage der »Deutschen Forschungsgemeinschaft« ergeben hat, daß »mehr als die Hälfte der Deutschen ... nicht länger antisemitischen Aussagen widerspreche«, hat er nicht mehr relativieren müssen. Dies politische Geschäft hatte er, den Tod vor Augen, endlich aufgegeben: Nein, er habe in Begegnungen mit 600.000 Deutschen »nichts oder fast nichts bewirkt«, und er wolle, damit sein Grab nicht Wallfahrtsort schmierender Nazis werde wie das seines Vorgängers Heinz Galinski, nicht in Deutschland begraben sein.  

Bis zur Erklärung dieses letzten Willens hatte Ignatz Bubis immer den Verdacht geweckt, er wolle sich etwas vormachen, um weiter in Deutschland leben und Politik treiben zu können. Jetzt scheint es, als habe er in Wahrheit nur den Deutschen etwas vorgemacht, damit sie ihm nicht die Tür vor seiner jüdischen Nase zuschlugen. Was immer es war – jetzt wird es gegen ihn verwendet. Jeder zweite Nachruf ignorierte souverän die von Bubis vielfach (und ausführlich in KONKRET 2/99) abgegebene Erklärung, er habe seinen an den Schriftsteller Walser gerichteten Vorwurf der geistigen Brandstiftung nicht zurückgenommen: »Bubis nahm seinen Vorwurf zurück«, heißt es in Springers »Hamburger Abendblatt«, und irgendwie, auf eine Art, die ein an Mißverständnissen interessiertes Kollektiv zu seinen Gunsten mißverstehen kann, hat er es ja getan. In zwei, drei Jahren wird er sich bei Walser entschuldigt haben (…)

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